Der Untersuchung einiger beispielhafter aktueller französischer Gesetzes- und Regulierungstexte bezüglich Prostitution werden hier die theoretische Gedanken von Rose/Valverde zu Grunde liegen. Sie gehen mit Foucault und anderen davon aus, dass Gesetze nicht ihrer offensichtlichen Funktion entsprechen, aber eine andere Funktion erfüllen. Eine politische Theorie, die von einem Souverän und einer kausal-deterministischen Gesetzgebung ausgehe, verfehle die Realitäten der modernen Gesellschaft:
“Neither the head of state, the institutions of law, the parliament nor the executive in our modern, liberal democracies are sovereign in this earlier sense.“
Vielmehr handele es sich um einen legal complex , der gesetzgebende Institutionen, Behörden, Regulierungen, Normen etc. zusammenfasst. Dieser Komplex verdeutlicht besonders das Zusammenspiel von Normen und Gesetzen in der modernen Gesellschaft, so wie den Einfluss nicht-juristischer Akteure auf die Gesetzgebung und –ausübung. Foucault hebt hier vor allem die Bedeutung von ExpertInnen hervor. Dabei wird davon ausgegangen, dass Normen in der modernen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Normalität ist statistisch erfassbar und bildet für jedes Handeln einen Orientierungspunkt:
„The norm is ‚individualizing’ – it affirms the equality of individuales in relation to a common standard. But at the same time, that standard makes visible and practicable the differences, discrepancies and disparities amongst individuals.”
Haben sich in der modernen Gesellschaft die Funktionen von Gesetzgebung und der Herrschaftsapparat entsprechend geändert, muss die Regulierung von Problematisierungen nach Rose/Valverde auch anders untersucht werden. Die Frage „What does law govern?“ wird ersetzt durch die Sichtweise der Legislative: Wie kann ein (scheinbares) Problem gelöst werden? Neben der Analyse der Problematisierung lohnt auch die Untersuchung des legal complex an Hand von vier Kriterien: normalizations, authorizations, spatializations und subjectifications. Dies wird im Folgenden am Beispiel der Prostitution in Frankreich untersucht. Dabei geht es eben nicht um den Tatbestand der Prostitution und seine Ursachen, sondern um die Darstellung der Prostitution in Gesetzestexten und Regulierungen. Dies soll exemplarisch etwas über Herrschaftsausübung in Frankreich verraten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zur Normalisierung
1.2 Zur Autorisierung
1.3 Zur Verräumlichung
1.4 Zur Subjektifizierung
2 Schlussfolgerungen
3 Literaturnachweis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Darstellung von Prostitution in aktuellen französischen Gesetzestexten und Regulierungen vor dem Hintergrund theoretischer Ansätze von Rose/Valverde und Foucault. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie staatliche Gesetzgebung Prostitution als "anormal" markiert, bestimmte Akteure autorisiert und durch eine selektive Verräumlichung sowie Subjektifizierung Herrschaft in Frankreich ausübt.
- Analyse des französischen "Gesetzes zur inneren Sicherheit" von 2003
- Untersuchung lokaler Regulierungsmaßnahmen in französischen Städten
- Theoretische Einordnung mittels Konzepten wie Normalisierung und Verräumlichung
- Kritische Beleuchtung der Machtverschiebung zugunsten staatlicher Sicherheitsorgane
- Gegenüberstellung von gesetzgeberischen Paradoxien im Umgang mit Prostituierten und Freiern
Auszug aus dem Buch
1.1 Zur Normalisierung
Dort, wo Normen, die auf der gesellschaftlichen Feststellung des Normalen basieren, nicht greifen, setzen Regeln an, die im Gegensatz zu Normen extern bestimmt werden. Finden entsprechende Problematisierungen und gesellschaftliche Diskurse statt wie in diesem Fall der Präsidentschaftswahlkampf zur inneren Sicherheit, reagiert die Legislative mit der Aufstellung bestimmter Regeln, die Ausdruck von Verhaltensnormen sind. Die Gesetze definieren das „Anormale“ und damit indirekt auch das „Normale“. In Frankreich wurde Prostitution als Bedrohung der inneren Sicherheit hervorgehoben und der Beruf der SexarbeiterIn damit als „anormal“ marginalisiert. Dies wird wie folgt begründet:
„ … les nouvelles dispositions sont justifiées, d’une part, parce que le racolage public est susceptible d’entraîner des troubles pour l’ordre public, notamment pour la tranquillité, la salubrité et la sécurité publiques, et, d’autre part, parce que la répression de ces faits prive le proxénétisme de sa source de profit et fait ainsi échec au trafic des êtres humains. “
Deutlicher noch drückt sich die Regulierung aus Aix-en-Provence aus:
„Considérant que cette activité s’accompagne quotidiennement d’une pollution des abords par l’abandon d’objets divers, tel que mouchoirs en papier et préservatifs usagés, que cette situation présente des risques graves pour l’hygiène, la salubrité et la santé public […].“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die theoretische Basis der Untersuchung, die auf Rose/Valverde und Foucault aufbaut, um Gesetze als komplexes Machtinstrument in der modernen Gesellschaft zu verstehen.
1.1 Zur Normalisierung: Untersuchung, wie Gesetze das "Anormale" definieren, indem sie Prostitution als Bedrohung der öffentlichen Sicherheit markieren und so Verhalten normieren.
1.2 Zur Autorisierung: Analyse der Machtausweitung staatlicher Akteure, insbesondere der Polizei, durch neue gesetzliche Handlungsspielräume bei der Überwachung von SexarbeiterInnen.
1.3 Zur Verräumlichung: Diskussion über die Kontrolle des öffentlichen und privaten Raums durch Verbote und gezielte Maßnahmen gegen die Sichtbarkeit von Prostitution.
1.4 Zur Subjektifizierung: Erörterung der Identitätszuschreibung gegenüber marginalisierten Gruppen durch diskursive Praktiken und gesetzliche Ausschlüsse im Vergleich zur Situation in Deutschland.
2 Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Erkenntnis, dass die französische Sicherheitspolitik Prostituierte kriminalisiert und rechtlich schwächt, während sie Freier weitgehend schützt.
3 Literaturnachweis: Auflistung der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und rechtlichen Dokumente.
Schlüsselwörter
Prostitution, Frankreich, Gesetz zur inneren Sicherheit, Normalisierung, Autorisierung, Verräumlichung, Subjektifizierung, Kriminalisierung, SexarbeiterInnen, öffentliche Sicherheit, Herrschaftsausübung, Diskursanalyse, Polizei, MigrantInnen, Regulierungen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Hausarbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie aktuelle französische Gesetzestexte und lokale Regulierungen Prostitution thematisieren und welche Herrschaftsmechanismen dadurch gegenüber SexarbeiterInnen ausgeübt werden.
Welche thematischen Felder stehen im Fokus der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die rechtliche Behandlung von Prostitution im Kontext der inneren Sicherheit, die Rolle von Polizei und Behörden sowie die räumliche Ausgrenzung der Prostitution.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit zielt darauf ab, die "paradoxe" Gesetzgebung in Frankreich zu dekonstruieren, die Prostitution als solche zwar nicht verbietet, aber durch zahlreiche Sekundärregulierungen faktisch kriminalisiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine diskursanalytische Methode, basierend auf den theoretischen Kriterien von Rose/Valverde: Normalisierung, Autorisierung, Verräumlichung und Subjektifizierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Unterkapitel, die detailliert aufzeigen, wie die Gesetzgebung Normalität definiert, staatliche Exekutivgewalt autorisiert, Räume kontrolliert und Identitäten für Betroffene konstruiert.
Welche Keywords beschreiben diese Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Prostitution, Frankreich, Sicherheitspolitik, Normalisierung, Verräumlichung, Kriminalisierung und staatliche Herrschaftsausübung.
Welche Rolle spielt die Polizei laut Analyse in der neuen französischen Gesetzgebung?
Die Polizei fungiert laut der Autorin als Hauptautoritätsgewinnerin, da ihr das neue Gesetz erweiterte Handlungsspielräume und Auslegungsbefugnisse gegenüber Prostituierten in der Öffentlichkeit ermöglicht.
Warum wird im Dokument auf die Situation von MigrantInnen als SexarbeiterInnen eingegangen?
Es wird aufgezeigt, dass die Polizei gegenüber MigrantInnen zusätzliche Druckmittel wie den Entzug von Aufenthaltserlaubnissen besitzt, was sie zur besonderen Zielscheibe repressiver Maßnahmen macht.
Wie unterscheidet sich der Ansatz der Bundesrepublik Deutschland laut Text von dem in Frankreich?
Deutschland wird als Kontrastbeispiel angeführt, da hier eine "Normalisierung" durch rechtliche Anerkennung (Arbeitsverträge, Sozialversicherung) stattfindet, was den Betroffenen eine freiere Entscheidung als Beruf ermöglicht.
- Arbeit zitieren
- M.A. Mareike Bibow (Autor:in), 2005, Die Darstellung der Prostitution in französischen Gesetzen und Regulierungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78828