Leonardo Da Vinci - Eine psychoanalytische Betrachtung des Künstlers


Hausarbeit, 2004

17 Seiten


Leseprobe

Leonardo Da Vinci - Eine psychoanalytische Betrachtung des Künstlers

von Marco Kaiser

Mayer Schapiro

Aus Leonardos Notizbuch über einen Traum beginnt die Psychoanalyse und ist Teil von nur wenigen Daten, die über die Kindheit von Leonardo da Vinci bekannt sind.

Die erste und einzige Erinnerung, die Leonardo von seiner Kindheit hat, bezieht sich auf einen Traum, den er in seiner Krippe liegend hatte. Ein Vogel kam und öffnete seinen Mund mit seinem Schwanz und streicht mit ihm mehrmals an den Innenseiten der Lippe. Freud deutete aufgrund seiner Erfahrungen, dass eine solche Kindheitserinnerung eines Erwachsenen auf passive homosexuelle Nei­gungen zurückzuführen ist. Das Kind hätte anstatt des Vogelschwanzes lieber die Brust der Mutter im Mund gehabt.

Die Hinführung zu diesen Aussagen lag bei Freud darin begründet, dass in ägyptischen Schriftzeichen der Vogel für Mutter dargestellt wird und die Vogelköpfige Göttin Mut manchmal mit einem Phallus dargestellt ist. Dieses Wissen war für Italiener durch den hellenistischen Autor Horapollo bekannt und mit dem Glauben daran verbunden, dass dieser Vogel nur im weiblichen existiert.

Fälschlicher Weise hatte es sich bei Freud um einen Aasgeier gehalten, der Vogel von dem Leonardo geträumt hatte, war jedoch ein Milan italienisch „nibbio“. Daraus ergibt sich auch der falsche Bezug zur ägyptischen Mythologie der Göttin Mut. Dennoch kann Bezug auf den Vogel genommen werden, denn Leonardo hatte an vielen Stellen, z.B. bei seinen Vogelstudien, den Milan erwähnt.

Leonardo kannte außerdem historische Geschichten über Vögel die sich in irgendeiner Weise im Mundbereich des Kindes aufhielten, z.B. um die Lippen mit Honig zu beträufeln. Diese Geschichten waren Zukunftserscheinungen, die für die Größe und Genialität der jeweils genannten Personen standen. Leonardo sah den Milan als einen Vogel der sich nicht sehr um seine Kleinen kümmerte, sondern sie auch stellenweise ohne Nahrung lies. Der Aasgeier hingegen behält seine Jungen 3 Monate bei sich und kümmert sich um sie. Psychoanalytiker erklären dies mit der Abhängigkeit von Kreativität im Bezug auf Sexualität. S.154 oben

Auch in der Bibel wird oft Bezug auf den Vogel genommen, oft auch auf die Taube, die mit Gott dargestellt ist.

Ein weiterer Grund für die Assoziation von Mutter und Vogel könnte bei Leonardo sein, dass durch sein Wissen ohne Vater aufgewachsen zu sein, seine Mutter für ihn das jungfräuliche Elternteil darstellte. Freud dachte, dass durch diese einseitige Liebe von der Mutter bei Leonardo eine Abversie entstanden ist, die seine Zuneigung zu Jungen hervorbrachte.

Sein Leben ohne elterliche Regeln ließ es jedoch zu das Leonardos Instinkt sich frei entwickeln konnte ohne auf die zeitgenössischen Regeln Rücksicht zu nehmen.

Als Leonardo jünger als 5 Jahre alt war, kam er in den Genuss von zwei Müttern. Sein Vater, der kurz nach Leonardos Geburt eine andere Frau geheiratet hatte nahm Leonardo bei sich auf und wurde von nun an von Caterina, seiner leiblichen Mutter und seiner Stiefmutter Albiera, der ersten Frau von Piero da Vinci umsorgt. Dieses Familienbild wurde von Leonardo später in einem Gemälde festgehalten. Die Heilige Anna Selbdritt (1508-10), die mit ihrer Tochter Maria und dem kleinen Christus dargestellt wird. Dies konnte nach Freud nur aufgrund solcher kindlichen Erfahrungen gemalt werden. Merkmal dieses Gemäldes ist der unwesentliche Altersunterschied der beiden Frauen und das Lachen, welches in einem späteren Gemälde bei Mona Lisa wieder zu finden ist und Leonardo an die liebevolle Mutter erinnert.

Oskar Pfister entdeckt auf dem Anna Selbdritt Gemälde einen Vogel, der wenn man das Bild im Uhrzeigersinn dreht zu erkennen ist und der den Schwanz in den Mund von Christus steckt. Diese Beobachtung wird von Freud als weiteres Indiz seiner Theorie gedeutet.

Familiäre Zusammenhänge

Freud konnte annehmen, dass Caterina von ihrer Familie nicht ausgeschlossen wurde und Leonardo ihren Vater und ihre Brüder als seinen Vater ansahen. Falls aber Caterina verheiratet war als Leonardos biologischer Vater ihn zu sich aufnahm, könnte angenommen werden das die Geburt Leonardos Halbbruder den Wechsel des Haushaltes attraktiv machte, was jedoch nur fälschlicherweise von Freud angenommen wurde, wie wir später noch sehen werden.

Ein kürzlich aufgetauchtes Dokument vom Großvater väterlicherseits zeigt, dass diese Aufzeichnungen über die Geburt und die Taufe Leonardos 10 Pateneltern, meistens Nachbarn beinhalten, dies lässt die Annahme zu, dass Leonardo im väterlichen Haus zur Welt gekommen ist und auch dort akzeptiert wurde. Diese Dokumente widersprechen demnach der freudschen Annahme, der sich voll und ganz an seiner Aasgeiertheorie festhielt.

Es gibt 3 Prozessabläufe die erkennen lassen wie Leonardo nach Freud sich zum Künstler entwickelte. Erstens: Caterina, die Leonardo dazu brachte ihren Körper zu betrachten. Zweitens: die dadurch entstehende Begeisterung zu schauen. Drittens: die Schärfung des Blicks und somit die Fähigkeit die visuelle Kunst auszuüben.

Freud zeichnet hieraus ein pathetisches Bild über die ersten Lebensjahre Leonardos. Er muss ohne männlichen Erwachsenen aufwachsen und lebt bei seiner Mutter die von ihrem Kindsvater verlassen wurde.

Anna Selbdritt

Das Hinzunehmen von Gemälden des Künstlers um Einblick in seine Psyche zu erhalten benötigt die Hilfe von Kunsthistorikern und in gewisser Weise auch von angrenzenden Gebieten wie Religionsgeschichte und Sozialgeschichte.

Freud ignorierte diese Wissensbereiche in hohem Maße. In den Bereichen wo er sie jedoch zur Hilfe nahm treten sie sehr „verwaschen“ auf. Er stellt z.B. die Männer der Renaissance als aggressive Menschen dar und Leonardos Friedlichkeit als eine herausragende Ausnahmeerscheinung. Außerdem werden Künstler als Maler der Erotik dargestellt, die bei Leonardo auch nicht zu finden ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Leonardo Da Vinci - Eine psychoanalytische Betrachtung des Künstlers
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V78901
ISBN (eBook)
9783638852654
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde für die schriftliche Magisterprüfung im Fach Kunstwissenschaften erstellt.
Schlagworte
Leonardo, Vinci, Eine, Betrachtung, Künstlers
Arbeit zitieren
Marco Kaiser (Autor), 2004, Leonardo Da Vinci - Eine psychoanalytische Betrachtung des Künstlers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78901

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