Das Jahr 1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Motivation der Arbeit

1. Die Forschungslage zu 1848/49 im Überblick

2. 1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur
2.1. Herkunft der Jubiläumskultur
2.2. Die Jubiläen zu 1848
2.3. Die Jubiläumsausstellung von 1998 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und die Siegerarbeiten des Wettbewerbes

3. Schlussbetrachtung

Verwendete Literatur

Hyperlinks

Motivation der Arbeit

Die vorliegende Arbeit entstand als Seminararbeit zum Hauptseminar: „Die Geschichte des 19. Jahrhunderts im Geschichtsunterricht“ von Prof. Dr. Hans-Michael Körner im Sommersemester 2006 an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Fachbereich Didaktik der Geschichte.

Das, durch den Dozenten vorgegebene, Thema der Arbeit entspricht dem, des vom Verfasser vorgetragenen, Referats mit dem Titel: „1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur.“. Mit dem Dozenten wurde als Schwerpunkt der Arbeit das Jubiläum von 1998 zu diesem Themenkomplex vereinbart.

Die Arbeit soll keine Darstellung der Ablaufgeschichte der Ereignisse von 1848/49 leisten, sondern will versuchen, aufzuzeigen, wie exemplarische Aspekte der Geschehnisse dieser Zeit durch die Jubiläumskultur als Vermittlungsinstanz von Geschichte vermittelt werden. Als solche möchte der Verfasser untersuchen, wie die beiden Aspekte der Erinnerung an das Paulskirchenparlament und an die Märzgefallenen im Laufe der Zeit mit den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen korrespondieren, sich verändern und inwieweit sich diesbezügliche ´Erinnerungsreste` dann in den Siegerarbeiten des großen Schülerwettbewerbes anlässlich des Jubiläums von 1998 darstellen. Es soll die Frage erhellt werden, warum sich zu unterschiedlichen Zeiten so stark differierende Einstellungen zur Revolution von 1848/49 einstellen konnten.

Als erstes möchte der Verfasser einen knappen Überblick über die Forschungslage zu 1848/49 geben. Um zwei verschiedene Perspektiven dabei einzubeziehen, möchte er hier im Wesentlichen Aussagen von Wolfram Siemann und Rüdiger Hachtmann gegenüberstellen.

1. Die Forschungslage zu 1848/49 im Überblick

Die Geschichte der deutschen Revolution von 1848/49 wird von Wolfram Siemann als Geschichte ihrer „Verdrängung und Bewältigung“[1] bezeichnet, die bereits während der Revolution einsetzte. „Vor allem drei gesellschaftliche Gruppen nahmen sich dieser Arbeit an: die Beteiligten und Augenzeugen zur Zeit der Revolution, die regierenden Eliten nach der Revolution und die professionellen Sachverwalter der Vergangenheit, die Historiker.“[2].

Die regierenden Eliten der nachrevolutionären Regierungen distanzierten sich in der Folge vom „ `tollen Jahr´ “[3], und betrachteten die Ereignisse, unter dem Einfluss der nunmehr einsetzenden Reaktionszeit als Entgleisung und Unfall, dessen Folgen rasch wieder rückgängig gemacht werden sollten[4].

Die Beteiligten und Augenzeugen der Revolution gerieten zwischen zwei Fronten. Einerseits waren sie potentielle Opfer der Reaktionspolitik, „[…] andererseits mussten sie sich dem Vorwurf des Scheiterns, des Verrats oder der politischen Träumerei stellen.“[5] Es begannen sich Schuldzuweisungen, Abrechnungen und Legendenbildungen für das Scheitern der Revolution zu entwickeln, welche das Bild von der Spaltung des Bürgertums beförderten. So wurden den parlamentarisch-liberalen und demokratischen Minderheitsfraktionen in der Frankfurter Nationalversammlung zum Beispiel vom konstitutionellen Abgeordneten Rudolf Haym die Verantwortung für das Scheitern am Verfassungswerk zugesprochen, während die Gegenseite Unentschlossenheit und Skrupelhaftigkeit als Hindernis sah, um die bereits erreichten Ergebnisse zu bewahren.[6] Im weiteren Verlauf der Reaktionszeit und nach der vollzogenen Reichseinigung im Jahr 1871 wurde es zunehmend nicht mehr opportun, sich als „`Achtundvierziger´“[7] zu bekennen.

Durch die enge Verflechtung von staatlichem Amt als Universitätsprofessor und wissenschaftlicher Lehre war nur wenig Spielraum für die Erforschung der Revolution geboten, wodurch sich die Historiker mit Deutungen zurückhielten. Die durch die Politik gesetzten Grenzen zeigt der Hochverratsprozess gegen den liberalen Heidelberger Historiker Georg Gottfried Grevinus, der auch ehemaliger Paulskirchenabgeordneter war und den Trend der neuzeitlichen Geschichte in einer Bedeutungszunahme der Massen und ihrer Emanzipationsbestrebungen sah[8]. Das Urteil in erster Instanz war Festungshaft, welches, in zweiter Instanz, aus formalen Gründen, dann wieder aufgehoben wurde. Ein Freispruch blieb jedoch aus und die Lehrbefugnis wurde ihm entzogen.[9]

Mit der Spaltung der politischen Bewegungen 1848 ging eine Spaltung der historischen Revolutionsbewältigung einher. Während bei den Feiern zum fünfzigjährigen Jubiläum im Jahre 1898 in der Reichstagsdebatte vom 18. März die Barrikadenkämpfer von sozialdemokratischer Seite und den Reihen der süddeutschen Volkspartei verteidigt wurden, betrachtete der Fraktionsvorsitzende der Nationalliberalen den 18. März nur als eine peinliche Episode in der nationalen Bewegung dieses Jahres und hätte lieber an die Frankfurter Nationalversammlung erinnern wollen, dann endete er mit einer Dankesadresse an Bismarck[10].

Die akademische Auseinandersetzung mit der Revolutionsthematik änderte sich nur langsam. Zuerst wurde Friedrich Wilhelm IV. und seine Ablehnung der Kaiserkrone das zentrale Thema der Betrachtungen. Im weiteren Verlauf wurde durch die Anregungen jüngerer Historiker eine neue Bewertung und Erschließung des Revolutionsgeschehens angeregt, was in zahlreichen Untersuchungen zur Personen- Lokal-, Territorial- und Kulturgeschichte müdete[11].

Diese Betrachtungsweisen der Revolutionsgeschehnisse ähneln dem von Rüdiger Hachtmann konstatierten Trend einer enormen Zunahme der Regionalforschung zur Revolution in den letzten Jahrzehnten[12] und ist Beispielhaft für die Aufspaltung der Betrachtungsweise des Zeitabschnittes 1848/49 in verschiedene Blickwinkel. Während Siemann in seinen Ausführungen die Ursachen für den Ausbruch der revolutionären Ereignisse innerhalb des Deutschen Bundes und seiner gesellschaftlichen Trägerschichten unter einem eher sozio-ökonomischen Schwerpunkt betrachtet, untersucht Hachtmann die Revolution u.a. mittels einer Einteilung der Betrachtung in verschiedene „Bühnen und Akteure“ unter stärkerem Blick auf die europäische Dimension.

Laut Hachtmann war kein Ereignis mehr umstritten, als die Revolution von 1848. „Der Perspektivenwechsel war hier in den letzten 150 Jahren, je nach den Gegenwartsbezügen und politischen Opportunitäten, besonders radikal.“[13]. Dies sei ein Verweis auf „[…] die Vielschichtigkeit, die zahllosen Bühnen und Akteure der Revolution, die verschiedene Schwerpunktsetzungen und stark differierende Interpretationen zuließen.“[14].

Die verschiedenen Interpretationen der revolutionären Ereignisse lassen sich gut an den Positionen erkennen, die zu den verschiedenen Jubiläumsfeierlichkeiten zu 1848 eingenommen wurden.

Der Verfasser möchte nun im Folgenden die Herkunft des Jubiläums an sich und die Feierlichkeiten zu 1848 auf die oben genannten Gegenwartsbezüge hin, mit Blick auf die beiden Sachverhalte Märzgefallene und Paulskirchenparlament untersuchen, um dann das Jubiläum von 1998 einer genaueren Betrachtung zu unterziehen.

2. 1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur

In den Jubiläumsveranstaltungen zu 1848 werden die stark unterschiedlichen Positionen klar, welche die Zeitgenossen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu den Revolutionsgeschehnissen einnahmen. Daher sollen im Folgenden die Jubiläumskultur an sich und dann diese Ansichten anhand der Jubiläumsfeierlichkeiten untersucht werden.

2.1. Herkunft der Jubiläumskultur

Da diese Arbeit die Untersuchung des Jubiläums als Vermittlungsinstanz von Geschichte in besonderem Hinblick auf das hundertfünfzigjährige Jubiläum von 1848 im Jahr 1998 als Thema hat, möchte sich der Verfasser zuerst ein Bild davon machen, worum es sich beim Jubiläum handelt und dann, wie die Traditionsbildung unter den Gesichtspunkten Märzgefallene und Paulskirchenparlament zu 1848 im Laufe der Jubiläen bis zu 1998 stattfand.

Ausgangspunkt der Jubiläumskultur war ein, auf das Alte Testament zurückgehender jüdischer Brauch: „Auf sieben Zyklen des Sabbatjahres, also nach dem 49. Jahr, folgte das 50., das Jubeljahr; die Bezeichnung leitete sich vermutlich von der Art der Ankündigung ab: Allerorten wurde auf dem Jobel, dem Widderhorn, geblasen, und auf dieses akustische Signal rekurrierend, übersetzte Luther das Jubeljahr deshalb auch mit Halljahr. In diesem Jubeljahr sollte weder gesät noch geerntet werden, veräußerter Grundbesitz sollte an seine alten Eigner zurückfallen, und wer sich als Knecht veräußert hatte, durfte frei zu den Seinen zurückkehren“.[15]

Im Mittelalter wurden Jubiläen nur in der Ausnahme, etwa bei Heiligsprechungen- und verehrungen, zyklisch inszeniert. Die Koordinierung von Jubiläum und 50. Jahr war keineswegs die Regel, sondern „das Jubiläum [wurde] aus chronologischen Zusammenhängen herausgelöst und die alttestamentliche Erlasspraxis zugleich in eine Zeit des Nachlasses, des Ablasses von Sündenstrafen, umgedeutet.“[16].

„ `Jubiläum´ war immer dann, wenn dem Gläubigen zu einer spontan festgelegten Zeit die Vergebung seiner Sünden zuteil wurde.“[17]

Die Einführung des Heiligen Jahres, in welchem durch eine Pilgerreise nach Rom ein großer Sündenablass erreicht werden konnte, durch Papst Bonifaz VII. im Jahr 1300 hatte für den Jubiläumszyklus ausschlaggebende Bedeutung. Zuerst hatte das Heilige Jahr, das die Pilgerströme nach Rom leitete, alle 100 Jahre stattfinden sollen – eine Verdoppelung des alttestamentlichen Zyklus, welche nach zeitgenössischer Interpretation die über das herkömmliche Maß hinausgehende spirituelle Reichweite des Jubelablasses sowie den Rang des Pilgerzentrums Rom widerspiegelte –, dann wurde der Zyklus auf Grund der großen Nachfrage der Gläubigen 1475 nach einer Phase des Experimentierens auf 25 Jahre gesetzt, wodurch eine generelle Maßeinheit für Jubiläen vorgeprägt wurde, nach welcher Jubiläumszahlen üblicher Weise durch die Zahl 25 teilbar sind. Der Zehnerschritt bei Jubiläen wurde erst im 19. Jahrhundert eingeführt.[18]

[...]


[1] Siemann, Wolfram: Die deutsche Revolution von 1848/49., 1985, S. 7.

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] vgl. ebd.

[5] ebd, S.7-8.

[6] vgl. ebd, S. 8.

[7] ebd., S. 8

[8] vgl. ebd., S.9.

[9] vgl. ebd.

[10] vgl.ebd., S.10.

[11] Vgl. ebd.., S.11.

[12] Hachtmann, Rüdiger: Epochenschwelle zur Moderne., 2002, S. 11.

[13] ebd., S. 9.

[14] ebd.

[15] Müller, Winfried: Vom »papistischen Jubeljahr« zum historischen Jubiläum., 2005, S. 31.

[16] ebd., S. 31-32.

[17] ebd., S. 32.

[18] vgl. ebd., S. 32.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Jahr 1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Abteilung Didaktik der Geschichte)
Veranstaltung
Die Geschichte des 19. Jahrhunderts im Geschichtsunterricht.
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V78940
ISBN (eBook)
9783638897754
ISBN (Buch)
9783638903998
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde mit "sehr gut" benotet. Allerdings mit dem Hinweis, das der Titel etwas 'aufgedunsen' sei.
Schlagworte
Jahr, Aspekt, Jubiläumskultur, Geschichte, Jahrhunderts, Geschichtsunterricht
Arbeit zitieren
Brian Burger (Autor), 2007, Das Jahr 1848 unter dem Aspekt der Jubiläumskultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78940

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