Das französische Kolonialreich in der Zwischenkriegszeit

Selbstverständnis vs. Wirklichkeit


Essay, 2007

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Motivationen des französischen Kolonialismus

3. Das Selbstverständnis Frankreichs als Kolonialmacht und die Wirklichkeit

4. Gründe für die Krise des Empires
4.1. Der Erste Weltkrieg und die daraus folgenden Entwicklungen
4.2. Diskriminierung der neuen Elite und ausbleibende Reformen
4.3. Die kommunistische Bedrohung

5. Fazit

6. Literatur

1. Vorbemerkung

Der Aufbau des ersten französischen Kolonialreichs stand im Zeichen des sich entwickelnden Absolutismus. Franz I. zeigte sich im ausgehenden 16. Jahrhundert nicht bereit, die päpstlich verordnete Hegemonie der spanischen und portugiesischen Krone auf dem neuentdeckten amerikanischen Kontinent zu akzeptieren. Entdeckungsfahrten und Besetzungen nordamerikanischer Gebiete fanden vor allem unter Ludwig XIV. ihren Höhepunkt, wo sie dem merkantilen und territorialen Anspruch der französischen Krone dienen sollten. Doch wie das absolutistische Herrschaftssystem, so zerfiel auch das erste französische Kolonialreich in den Wirrungen des ausgehenden 18. Jahrhundert innerhalb kürzester Zeit.

Die koloniale Ausbreitung des 19. Jahrhunderts, die mit der Eroberung Algeriens 1830 begann und schließlich in den 1880er und 90er Jahren ihre Hochphase hatte, folgte anderen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Motiven. Geographisch vollzog sich die Expansion vor allem in Afrika und Indochina. Der imperiale Wettlauf um Rohstoffe, strategische Positionen, Reputation im Sinne einer Grande Nation aber auch kulturmissionarische Aspekte bestimmten hierbei die französische Kolonialpolitik. Mit den von Deutschland übernommenen Kolonien befand sich das Empire in der Zwischenkriegszeit auf seinem Zenit und erreichte seine größte geographische Ausdehnung. Doch die Tatsache, dass das französische Kolonialreich in den 1950er Jahren fast vollständig zerfiel, und dass Frankreich bereits 1962 mit Algerien eine der letzten Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen musste, zeigt, dass der Boden für die kolonialen Befreiungsbewegungen schon in der Zwischenkriegszeit bereitet gewesen sein muss. In der folgenden Arbeit soll daher die These vertreten werden, dass das französische Kolonialreich schon vor dem Zweiten Weltkrieg instabil war, und eher als Krisenherd zu sehen ist, denn als Ausdruck, des in weiten Teilen der Bevölkerung vertretenen Anspruchs des „genie coloniale“[1] Frankreichs.

2. Motivationen des französischen Kolonialismus

In einer Rede von 1885, auf die in der Forschung häufig Bezug genommen wird, zählte Jules Ferry, Theoretiker und Praktiker des republikanischen Kolonialismus, die politischen Beweggründe einer französischen Expansion im kolonialen Bereich auf. Im wesentlichen verfolgte die französische Kolonialpolitik danach drei Zielsetzungen: Zum ersten sollte ein großes Kolonialreich die Größe und Stärke der französischen Nation in Konkurrenz zu den anderen Großmächten repräsentieren. Dies ist auch im Zusammenhang mit dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg zu sehen. Als zweite Motivation nannte Ferry den kulturmissionarischen Anspruch der Republik: Den zivilisierten Völkern käme die Aufgabe zu, die weniger zivilisierten zu erziehen und die republikanischen Ideale zu verbreiten. Drittens machte Ferry auf die sich bietenden Absatzmärkte für französische Industrieprodukte aufmerksam, die mit einem großen Kolonialreich einhergingen und so die französische Wirtschaft vor europäischen und nordamerikanischen Waren schützten.[2]

3. Das Selbstverständnis Frankreichs als Kolonialmacht und die Wirklichkeit

Mit den „acquisitions deguisées“[3] der deutschen Kolonien in Togo und Kamerun, sowie Syrien, vormals Teil des zerfallenen Osmanischen Reiches, die als sogenannte Mandate des Völkerbundes nun auch faktisch ins französische Kolonialreich eingegliedert wurden, erreichte dieses seine größte geographische Ausdehnung. Der Anspruch als Grande Nation im Konzert der großen Mächte mitzuspielen, schien durch Kolonien und gewonnenem Ersten Weltkrieg gesichert.

„Unsere Eingeborenenpolitik, das ist die Deklaration der Menschenrechte [...] von Frankreich empfängt dieses Land die Wohltaten einer Zivilisation, die es umgestaltet und ohne die es ein sklavisches Schicksal erduldet hätte. Dafür aber bietet es sich als Ausstrahlungspunkt des Lichtes an, das Frankreich in diesen Teil der Erde trägt!“[4]

Diese Aussage von Albert Sarraut, dem wohl wichtigsten französischen Kolonialpolitiker der Zwischenkriegszeit und zu jener Zeit Generalgouverneur von Indochina, zeigt das Selbstverständnis Frankreichs als Grande Nation und kulturelle Deutungsmacht, die sich die Mission civilicatrice zur Aufgabe gesetzt hatte. Im gleichen Zusammenhang sind die Weltausstellungen von 1922 und vor allem von 1931, sowie die Feiern zum 100-jährigen Bestehen des französischen Algeriens zu sehen: Auf der gut besuchten Ausstellung von 1931 (7 Millionen Franzosen und 1 Million Ausländer), die einen Einblick in das alltägliche Leben in den Kolonien geben sollte und deren Höhepunkte ein Aquarium, ein drei Hektar großer Zoo sowie die Nachbildungen eines Teils des Tempels von Agkor Wat in Kambodscha und der Djenné- Moschee im Sudan darstellten, zeigte man den Glanz des Kolonialreiches und präsentierte sich als große kulturbringende Nation. Für große Teile der französischen Bevölkerung wurde dies als willkommene Kompensation zum außenpolitischen und wirtschaftlichem Gewichtsverlust Frankreichs zu Beginn der Dreißiger Jahre angenommen, ohne dass die Mehrheit der Franzosen wirklich ernsthaftes Interesse an – oder große Kenntnis über ihre Kolonien gehabt hätten. Über die Darstellung von Klischees und Postkartenidylle gingen die Ausstellungen nicht hinaus. Nur wenige Zeitgenossen reisten in die Kolonien. So „ergaben“ Meinungsumfragen „zwar hohe Zustimmungsquoten zu einem Frankreich als Kolonialmacht, aber die Kenntnisse über die Kolonien waren ungenau und gering“[5]. Das Kolonialreich blieb ein „lieu d’imaginaire“[6], in dem die negativen Folgen der kolonialen Herrschaft und die zahlreichen Aufstände in den Kolonien keinen Platz fanden.

[...]


[1] Zitiert nach: FUCHS, Günther/ HENSEKE, Hans: Das französische Kolonialreich, Berlin 1987, S. 122.

[2] Vgl. : ENGELS, Jens-Ivo: Kleine Geschichte der Dritten Französischen Republik (1870-1940), Köln 2007.

[3] MOLLIER, Jean-Yves/GEORGE, Jocelyne: La plus longue des Républiques. 1870-1940, Paris 1994, S. 577.

[4] zitiert nach: SCHOLZE, Udo/ZIMMERMANN, Detlev/FUCHS, Günther: Unter Lilienbanner und Trikolore. Zur Geschichte des französischen Kolonialreiches. Darstellung und Dokumente, Leipzig 2001, S. 154.

[5] SCHMALE, Wolfgang: Geschichte Frankreichs, Stuttgart 2000, S. 308.

[6] MOLLIER: Républiques, S. 577.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Das französische Kolonialreich in der Zwischenkriegszeit
Untertitel
Selbstverständnis vs. Wirklichkeit
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Frankreich in der Zwischenkriegszeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V78980
ISBN (eBook)
9783638835299
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolonialreich, Zwischenkriegszeit, Frankreich, Zwischenkriegszeit
Arbeit zitieren
Jochen Brandt (Autor:in), 2007, Das französische Kolonialreich in der Zwischenkriegszeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/78980

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