Selbstverletzendes Verhalten gehört wohl zu den erschreckendsten Verhaltensweisen, insbesondere dann, wenn dies bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Solch ein Verhalten löst in der Umwelt Befremden, Entsetzen, Unverständnis und Ohnmacht, aber gleichzeitig auch Mitgefühl, Erbarmen, Ablehnung sowie Verurteilung und Distanzierung aus (vgl. Klosinski 1999, S.10). In unserer Gesellschaft haben Aggressionen nur wenig Raum, sie müssen unterdrückt oder in anderen Handlungen sublimiert werden. Selbstverletzungen werden überwiegend heimlich, im "stillen Kämmerlein", vollzogen. Aufgrund dessen gibt es nur wenig gesicherte Daten über Auftretenshäufigkeit und die Verteilung. Jedoch wird in der Literatur immer wieder die signifikante Häufigkeit bei Mädchen bzw. Frauen erwähnt (vgl. Schmeißer 2000, S.7).
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit dem Thema "Selbstverletzendes Verhalten" beschäftigen. Dabei möchte ich Antworten auf folgende Fragen finden: Was versteht man unter selbstverletzendem Verhalten und welche Erscheinungsformen gibt es? Warum zeigen überwiegend weibliche Personen solch ein Verhalten? Welche Ursachen und Bedeutungen könnten Selbstverletzungen haben?
Zur Erarbeitung habe ich mich hauptsächlich auf das Buch von S. Schmeißer "Selbstverletzung, Symptome, Ursachen, Behandlung" gestützt. Zur Ergänzung meiner Aufzeichnungen verwendete ich Literatur von Teuber, Klosinski und anderen (siehe Literaturliste).
Zunächst werde ich versuchen selbstverletzendes Verhalten zu definieren, und die verschiedenen Formen von Selbstverletzung beschreiben. Im Weiteren werde ich auf die Auftretenshäufigkeit und auf die Verteilung selbstverletzenden Verhaltens zu sprechen kommen. Dann werde ich auf die Frage eingehen, welche Ursachen und Erfahrungshintergründe selbstverletzenden Verhaltens zu Grunde liegen könnten. Zum Schluss möchte ich noch kurz auf Funktion und Therapiemöglichkeiten eingehen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
3. Erscheinungsformen selbstverletzenden Verhaltens
3.1. Die offene Selbstverletzung
3.2. Die artifiziellen Erkrankungen
3.2.1. Die artifizielle Krankheit
3.2.2. Das Münchhausen-Syndrom oder die chronisch-artifizielle Erkrankung
3.2.3. Das erweiterte Münchhausen-Syndrom
4. Auftretenshäufigkeit und Verteilung selbstverletzenden Verhaltens
5. Erklärungsmodelle und Erfahrungshintergründe
5.1. Erklärungsmodelle
5.1.1. Biologischer Erklärungsansatz
5.1.2. Lerntheoretischer Erklärungsansatz
5.2. Störungen in der Kindheit
5.2.1. Deprivation
5.2.2. Körperliche Misshandlung
5.2.3. Sexueller Missbrauch
6. Funktionen selbstverletzenden Verhaltens
7. Therapie
7.1. Psychoanalytisch-orientierte Therapie
7.2. Begleittherapien
8. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen des selbstverletzenden Verhaltens (SVV), definiert dessen verschiedene Erscheinungsformen und analysiert psychologische sowie biographische Hintergründe, die zur Entstehung dieses Verhaltens beitragen können. Das primäre Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Funktionen und Ursachen von SVV zu entwickeln, um Pauschalisierungen entgegenzuwirken und pädagogische Ansätze zur Unterstützung Betroffener zu fundieren.
- Definition und Abgrenzung verschiedener Formen selbstverletzenden Verhaltens
- Analyse der Auftretenshäufigkeit und geschlechtsspezifischer Verteilung
- Biologische und lerntheoretische Erklärungsansätze
- Einfluss von traumatischen Kindheitserfahrungen wie Deprivation und Missbrauch
- Therapeutische Ansätze und Möglichkeiten der Begleittherapie
Auszug aus dem Buch
3.1.Die offene Selbstverletzung
„Für das Phänomen der offenen Selbstverletzung können folgende Begriffe synonym verwendet werden: Para-Artefakt, Selbstbeschädigung und bei schweren Fällen Selbstmutilation (Selbstverstümmelung)“ (Schmeißer 2000, S.20).
Bei einer offenen Selbstverletzung fügt sich der Betroffene Verletzungen am eigenen Körper zu. „Offen“ deshalb, weil die Handlung unter Zeugen oder im Verlauf einer Erst-versorgung vorgenommen wird. Bei dieser Art von selbstverletzendem Verhalten kommt es selten zu lebensbedrohlichen Handlungen, dies kann sich jedoch im Krankheitsverlauf ändern und einen suchtartigen oder zwanghaften Charakter annehmen. Kommt es doch zu einer tödlichen Verletzung, so geschieht dies meist ohne direkte Absicht (vgl. Schmeißer 2000, S.20).
Das Spektrum der Erscheinungsformen reicht von oberflächlichen Ritzen der Haut bis hin zu schwersten Verstümmelungen. Sehr häufige Formen der offenen Selbstverletzung sind Schnitte und Verbrennungen. Eher seltener findet man eigene Blutabnahmen und das Schlucken giftiger Substanzen. Das Ausreißen von Haaren, Hautabschürfungen, Sich-selbst-Beißen oder Quetschungen können ebenso auftreten. Als Instrumente für diese Selbstbeschädigungen dienen scharfe Gegenstände aller Art, wie z.B. Rasierklingen, Messer, Glasscherben oder Bleistift und Büroklammern. Aber auch Zähne, Hände sowie Fingernägel oder die Faust werden zur Selbstbeschädigung eingesetzt (vgl. Klosinski 1999, S.16).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des selbstverletzenden Verhaltens ein und skizziert die Fragestellung sowie den methodischen Aufbau der Arbeit.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Vielfalt und die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition des selbstverletzenden Verhaltens.
3. Erscheinungsformen selbstverletzenden Verhaltens: Hier werden die Hauptarten der Selbstverletzung, insbesondere die offene Selbstverletzung und artifizielle Erkrankungen, differenziert dargestellt.
4. Auftretenshäufigkeit und Verteilung selbstverletzenden Verhaltens: Dieses Kapitel beleuchtet statistische Daten zur Häufigkeit und diskutiert geschlechtsspezifische sowie entwicklungspsychologische Unterschiede.
5. Erklärungsmodelle und Erfahrungshintergründe: Es werden biologische und lerntheoretische Ansätze sowie die Rolle von traumatischen Kindheitserfahrungen als Ursachen für das Verhalten analysiert.
6. Funktionen selbstverletzenden Verhaltens: Die Funktionen des Verhaltens, wie etwa Spannungslinderung oder Selbstbestrafung, stehen in diesem Abschnitt im Mittelpunkt.
7. Therapie: Das Kapitel beschreibt psychoanalytische Ansätze sowie begleitende Therapieformen, die zur Behandlung des selbstverletzenden Verhaltens eingesetzt werden können.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse und reflektiert die Bedeutung pädagogischen Handelns im Umgang mit betroffenen Individuen.
Schlüsselwörter
Selbstverletzendes Verhalten, SVV, Autoaggression, Automutilation, Münchhausen-Syndrom, Kindheitstrauma, Deprivation, Psychotherapie, Psychoanalyse, Verhaltensstörung, Endorphine, Lerntheorie, Pubertät, Körpererleben, Missbrauch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse von selbstverletzendem Verhalten (SVV) bei Kindern und Jugendlichen, wobei Ursachen, Erscheinungsformen und therapeutische Möglichkeiten untersucht werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung verschiedener Formen von Selbstverletzung, die statistische Verteilung, die lerntheoretischen und biologischen Erklärungsansätze sowie der Einfluss frühkindlicher Missbrauchserfahrungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für die Beweggründe von Selbstverletzung zu schaffen, um Vorurteile abzubauen und professionelle pädagogische Interventionsmöglichkeiten besser begründen zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der aktuelle wissenschaftliche Fachliteratur, insbesondere von Autoren wie Schmeißer und Klosinski, zusammengeführt und kritisch diskutiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung verschiedener Erscheinungsformen, wie der offenen Selbstverletzung und artifizieller Erkrankungen, sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Entstehung und den Funktionen des Verhaltens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Autoaggression, Kindheitstrauma, Deprivation, Psychoanalyse sowie Verhaltensstörungen bei Jugendlichen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen offener Selbstverletzung und artifiziellen Erkrankungen so wichtig?
Die Unterscheidung ist für die Diagnose und Therapie essenziell, da die Beweggründe – beispielsweise der bewusste Wunsch nach einer Patientenrolle bei artifiziellen Erkrankungen versus die unmittelbare Affektregulierung bei der offenen Selbstverletzung – stark variieren.
Welche Rolle spielt die Pubertät in Bezug auf das selbstverletzende Verhalten?
Die Pubertät wird als kritische Phase identifiziert, in der die massive körperliche Veränderung und die Notwendigkeit der Identitätsfindung bei labilen Jugendlichen oft zu einem negativen Körpererleben führen, das SVV begünstigen kann.
- Quote paper
- Yvonne Schuhmnann (Author), 2002, Selbstverletzendes Verhalten (SVV), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7899