Um vom ersten Schuljahr an erfolgreich in der Schule mitarbeiten zu können, sind gute Sprach- und Sprechfertigkeiten in Deutsch eine der wichtigsten Voraussetzungen. Sie können entscheidend für die weitere Schullaufbahn und den sich anschließenden beruflichen Weg eines Kindes sein. Mögliche Defizite in der Sprachentwicklung sollten daher bereits vor Schuleintritt, am sinnvollsten schon in den Kindergärten und Kindertagesstätten, erkannt und durch Fördermaßnahmen verringert werden. Dies gilt für Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist, aber vor allem für Kinder aus Familien mit nichtdeutscher Muttersprache. Besonders Kinder von Migranten werden überproportional zu den sprachlichen „Problemfällen“ gezählt und im Vergleich zu deutschen Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen häufiger an Sonder- bzw. Förderschulen verwiesen. ( Vgl. Ehlich, 2005, S.28) Gerade für diese Kinder ist daher eine individuelle und qualifizierte Vorschulförderung nötig. Voraussetzung ist eine möglichst genaue Sprachstanddiagnose. Mit Hilfe von objektivierten Test- und Überprüfungsverfahren sollten u.a. die Aussprache, der altersgemäße Wortschatz, das Sprachverständnis und Sprachstrukturen nach einheitlichen Kriterien überprüft werden. Aus diesem Grund werden in einigen Bundesländern bereits vor der Einschulung Sprachstandüberprüfungen bei künftigen Schulanfängern vorgenommen, um herauszufinden, welche von ihnen an einer Förderung teilnehmen sollen.
In dieser Arbeit werde ich zunächst die Entwicklung von Sprachstanderhebungsverfahren in Deutschland aufzeigen und die besondere Problematik einzelner Verfahren darstellen. Im Anschluss daran geht es um Testgütekriterien für Sprachstanddiagnoseverfahren, die verschiedene Sprachwissenschaftler empfehlen und die im Hauptseminar Sprachförderung bei Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache bei Prof. Dr. Petra Schulz im Wintersemester 2006/07 von den Teilnehmern bearbeitet wurden. Am Beispiel des Verfahrens „Fit in Deutsch“, das im Bundesland Niedersachsen seit einigen Jahren vor der Einschulung verbindlich mit jedem Kind durchgeführt wird, werde ich danach mit Hilfe dieser Kriterien eine Bewertung vornehmen. Das Fazit am Schluss der Arbeit enthält zusammenfassende Bemerkungen zum Thema.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entwicklung von Sprachstanderhebungsverfahren für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache
3. Testgütekriterien für Sprachstanderhebungsverfahren für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache
3.1. Problematik der Maßstäbe
3.2. Anforderungen an Sprachstanderhebungsverfahren
3.3. Kriterien für die Entwicklung von Tests zur Sprachstanddiagnose
3.3.1. Aussagekraft
3.3.2. Ziel
3.3.3. Zweck
3.3.4. Zielgruppe
3.3.5. Berücksichtigung der Sprachbiografie
3.3.6. Einsatzmöglichkeit
3.3.7. Durchführung
3.3.8. Erhebungsmethode
3.3.9. Sprachtheoretische Basis
3.3.10. Design
3.3.11. Unterscheidung sprachliches und nichtsprachliches Wissen
3.3.12. Auswertung
3.3.13. Testtheoretische Güte
3.3.14. Ökonomie
4. Beurteilung des Sprachstanderhebungsverfahrens Fit in Deutsch anhand der Evaluationskriterien
4.1. Allgemeines zum Sprachstanderhebungsverfahren „Fit in Deutsch“
4.2. Untersuchung des Verfahrens Fit in Deutsch anhand der Gütekriterien für Sprachstanderhebungsverfahren
4.3. Auswertung der Untersuchung: Ist Fit in Deutsch ein geeignetes Sprachstanderhebungsverfahren?
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und methodischen Bewertung von Sprachstanderhebungsverfahren bei Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache. Das zentrale Ziel ist es, das in Niedersachsen angewandte Verfahren „Fit in Deutsch“ auf Basis wissenschaftlicher Testgütekriterien kritisch zu analysieren, um dessen Eignung als Instrument für die frühzeitige Identifikation von Sprachförderbedarf zu ermitteln.
- Historische Entwicklung von Sprachstandsmessungen in Deutschland
- Wissenschaftliche Testgütekriterien (u.a. Validität, Reliabilität, Objektivität)
- Detaillierte Analyse des Verfahrens „Fit in Deutsch“
- Kritische Reflexion über die Anforderungen an eine differenzierte Sprachstanddiagnose
Auszug aus dem Buch
3.1. Problematik der Maßstäbe
Für Reich (2003) stellen sich hinsichtlich der Problematik der Maßstäbe die Fragen, wie ein objektives Überprüfen von Deutschkenntnissen möglich ist, und ob Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer „Sprachfähigkeit im Deutschen“ zur gleichen Bevölkerungsgruppe gezählt werden können wie gleichaltrige Muttersprachler oder zu welcher Population man sie sonst zählen soll bzw., ob sie nur eine Anhäufung heterogener Einzelfälle sind. Nimmt man an, dass das sprachliche Können von Muttersprachlern die „natürliche“ Messlatte einer Sprachbeherrschung ist, dann sind die Normalverteilungen dieser Befähigungen adäquate Ausgangspunkte für Angaben über Schüler, die die deutsche Sprache noch erlernen müssen.
Dabei wird kritisiert, dass ein Zweisprachiger als ein doppelt bruchstückhafter Einsprachiger gesehen werden kann. Ein weiteres Problem ist die Gewährleistung einer ausreichenden Differenzierung im unteren Leistungsbereich. Andererseits führt die Einteilung Zweisprachiger in eine sich selbst bildende Klasse der sprachlichen Identität zu einer dauerhaften Sonderbehandlung, womit gegen das Ziel der Integration gearbeitet wird. (Vgl. Reich, S. 915 f.)
Als mögliche Gegenmodelle zu einer normbezogenen Überprüfungsmethode können Prozesse genannt werden, die bestimmte Kennzeichen erfüllen müssen und nicht auf eine homogene Gruppe angewiesen sind. Da das mögliche Fundament hierfür, ein Lehrplan für Deutsch als Zweitsprache, in seinem Entwicklungsverlauf noch nicht weit fortgeschritten ist, muss man auf die bewährten Stufenmodelle zurückgreifen, die vom Europarat für das Fremdsprachenlernen in „idealtypischer und sprachübergreifender Form“ für Erwachsene konzipiert worden sind. Für den Gebrauch solcher Modelle bei Kindern und Jugendlichen müssen jedoch noch die Probleme der Eignung für entsprechende Altersgruppen und der Variation einzelner Sprachen gelöst werden. (Vgl. ebd.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit von Sprachfördermaßnahmen vor Schuleintritt und definiert den Fokus der Arbeit auf das Verfahren „Fit in Deutsch“.
2. Die Entwicklung von Sprachstanderhebungsverfahren für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung von Diagnoseinstrumenten seit den 1970er Jahren und die daraus resultierenden Herausforderungen nach.
3. Testgütekriterien für Sprachstanderhebungsverfahren für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache: Hier werden theoretische Grundlagen und spezifische Evaluationskriterien für eine fundierte Sprachstanddiagnose erarbeitet.
4. Beurteilung des Sprachstanderhebungsverfahrens Fit in Deutsch anhand der Evaluationskriterien: Dieses Kapitel wendet die zuvor definierten Kriterien konkret auf das niedersächsische Verfahren „Fit in Deutsch“ an.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet den Nutzen sowie das Verbesserungspotenzial des untersuchten Verfahrens.
6. Literaturverzeichnis: Ein Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Dokumente.
Schlüsselwörter
Sprachstandserhebung, Sprachförderung, Deutsch als Zweitsprache, Migrationshintergrund, Testgütekriterien, Screening, Diagnostik, Sprachbiografie, Fit in Deutsch, Sprachstanddiagnose, Förderschwerpunkt, Zweisprachigkeit, Schulvorbereitung, Sprachkompetenz, Evaluation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Eignung des Sprachstanderhebungsverfahrens „Fit in Deutsch“ für Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache vor deren Einschulung.
Welche zentralen Themenbereiche werden abgedeckt?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung von Sprachdiagnostik, die Definition wissenschaftlicher Testgütekriterien und die praktische Evaluierung eines konkreten niedersächsischen Testverfahrens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu bewerten, ob „Fit in Deutsch“ ein adäquates Instrument zur frühzeitigen Feststellung von individuellem Sprachförderbedarf darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch geleitete Evaluationsmethode, bei der das untersuchte Verfahren anhand von Kriterien wie Reliabilität, Validität und Objektivität geprüft wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung der Testgütekriterien und deren systematische Anwendung auf das fünfstufige Testdesign von „Fit in Deutsch“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachförderung, Migrationshintergrund, Testgütekriterien, Screening und Sprachstanddiagnose.
Wie unterscheidet sich die Diagnose von einem Screening bei „Fit in Deutsch“?
„Fit in Deutsch“ fungiert primär als Screening-Verfahren zur groben Vorauswahl, während eine tiefergehende klinische Diagnose individueller Sprachstörungen dem Verfahren explizit vorbehalten bleibt.
Warum wird die Berücksichtigung der Sprachbiografie im Verfahren kritisiert?
Die Kritik basiert darauf, dass zwar Informationen zur Sprachbiografie erhoben werden, diese jedoch bei der tatsächlichen Entscheidungsfindung und Förderplanung nur unzureichend berücksichtigt werden.
Ist „Fit in Deutsch“ für die Messung von Zweitspracherwerb bei Migrantenkindern ausreichend?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Verfahren zwar einen hilfreichen Grundstein für eine allgemeine Einschulungsvorbereitung legt, aber aufgrund mangelnder Differenzierung zwischen Erst- und Zweitsprache einer tieferen Ergänzung bedarf.
- Arbeit zitieren
- Anne Posselt (Autor:in), 2007, Sprachstanderhebungsverfahren bei Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79042