Le texte comme prétexte - Eine Analyse der französischen Presserezeption von Michel Houellebecqs Roman "Les Particules Élémentaires"


Diplomarbeit, 2006
155 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

I. EINLEITUNG

II. EINFÜHRENDE GRUNDLAGEN
1. Der französische Roman der 80er und 90er Jahre
2. Michel Houellebecq: Leben und Werk
2.1 Das literarische Konzept Michel Houellebecqs
3. Les Particules Élémentaires
3.1 Inhalt
3.2 Textanalyse
3.3 Biographische Parallelen

III. LES PARTICULES ÉLÉMENTAIRES IN DEN MEDIEN
1. „Le roman d’un roman“ - Les Particules Élémentaires als lanciertes Medienprojekt
2. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Espace du Possible
3. Michel Houellebecqs Ausschluß aus der Société Perpendiculaire
3.1 Die Gruppe
3.2 Das Gespräch zwischen Michel Houellebecq und der Société Perpendiculaire
3.3 Auseinandersetzung in der Presse
4. Der Wettlauf um den Prix Goncourt
5. Rezeptionsanalyse der großen Tageszeitungen und Literatur-/Kulturmagazine Frankreichs
5.1 Le Monde des Livres
5.2 Le Figaro
5.3 Le Figaro Magazine
5.4 Le Figaro littéraire
5.5 L’Express
5.6 Les Inrockuptibles
5.7 L’Événement du Jeudi
5.8 La Quinzaine littéraire
5.9 Libération
5.10 Le Nouvel Observateur
5.11 Vermischtes
5.12 Résumée
6. Einzelthesen und -vorwürfe
6.1 Individualismus und Liberalismus
6.2 Die sexuelle Befreiung
6.3 Die „Frauenfrage“
6.4 Rassismus
1. „Roman de droite ? Roman de gauche ?
2. Erklärungsversuche

V. ABSCHLIESSENDE ANALYSE

VI. ANHANG
1. Die Französische Literatur seit dem zweiten Weltkrieg
1.1 Der Nouveau Roman
1.2 Vom Strukturalismus zum Poststrukturalismus
1.3 Der Nouveau Nouveau Roman
1.4 Rückkehr zur „Normalität“
2. Die Besonderheiten des französischen Literaturmarkts
2.1 La Rentrée littéraire
2.2 Literaturpreise
3. La Nouvelle Tendance
4. L’Association les Amis de Michel Houellebecq

Übersetzungen

Bibliographie

Abstract

Michel Houellebecq is one of the most renowned writers of contemporary French literature. The publication of his second novel Atomised in 1998 caused great upheaval and discussion in the French press by criticising the effects of the so-called May 68 revolution. Describing the lives of two brothers in their forties, sons of a selfish hippie-mother who has been more concerned with her self-fulfilment than with bringing up her children, the author shows the severe consequences the liberalisation of society can entail. One of the two brothers is a successful scientist who is unable to experience any feeling of love, the other a wretched sex-maniac as incapable as his brother to build up a long-lasting relationship and lead a happy life. Their lots exemplify that in the course of personal individualisation and sexual liberation former traditional institutions like the family as well as personal values like love, caring and responsibility have vanished. This resulted in the development of unfulfilled personalities, caught up in a permanent quest for sex and admiration and focusing on superficial values such as outer appearance and financial status. At the end of his novel Michel Houellebecq does not offer a solution, but predicts the extinction of mankind and the emergence of a new, science-based race of immortal clones devoid of human shortcomings.

The publication of the novel was accompanied by three major events: Firstly by the complaint of the owner of a campground, who wanted the name of his establishment removed from the book. Secondly his former literary companions, the Société Perpendiculaire, publicly attacked Houellebecq. Thirdly the most prestigious French literary price, the prix Goncourt, was not awarded to him, which in certain circles was considered as a scandal. The literary reception of the novel divided the French public into two distinct camps. His opponents attacked Michel Houellebecq not only for criticising established values, considered as major achievements of modern society, but for allegedly doing so in a pornographic, fascist and misogynic way. His supporters welcome a writer who finally had the courage to show the reverse side of progress. In many of these commentaries the literary quality of the book is barely taken into account. But not only the lack of literary appraisal and the division into two parties are characteristic for the reception of this work, another peculiarity is the direct attribution of the convictions elaborated in the book to the author himself.

The purpose of this study is to give a structured overview of the reception of the novel, trying to explain its unusual success as well as highlighting the role of the author during the reception. It starts with an analysis of the background that enabled Michel Houellebecq’s success: the situation of French literature as well as the personal premises of the author. After a closer look at the novel itself the three above named events are thoroughly examined. Following that the major articles dealing with the novel are investigated, in the course of which the most severe reproaches the author is accused of become more obvious. Then an in-depth analysis of each of these reproaches is carried out, showing on which parts of the book they are based, presenting the specific argumentation of the press and finally relating the accusations to the public statements of the author in order to see to which extent they match his literary ones. After giving a description of a certain “left-reactionary” political current Michel Houellebecq often is assigned to, some explanations for his success, developed by renowned writers and literary critics, are depicted. In the final analysis reasons for the divided press reaction and the lack of real discussion about the topics of the book are given, as well as an explanation for the fact that Michel Houellebecq is held personally responsible for the theses expressed in his novel.

I. EINLEITUNG

Obwohl ich bereits Jahre zuvor den Roman Ausweitung der Kampfzone, damals noch auf deutsch, gelesen hatte, nahm der Schriftsteller Michel Houellebecq für mich erstmals „Gestalt“ an, als wenige Tage nach dem Beginn meines Praktikums im Verlagshaus Flammarion, im März des Jahres 2004, die Nachricht von dessen Wechsel zu Éditions Fayard bekannt wurde. In Anbetracht der bis dato äußerst erfolgreichen und lukrativen Zusammenarbeit mit diesem Autor kann man sich den Schock lebhaft vorstellen, den diese Mitteilung bei den Mitarbeitern Flammarions auslöste. Mir persönlich war bis zu diesem Zeitpunkt die herausragende Stellung Michel Houellebecqs im französischen Literaturbetrieb nicht bewußt gewesen. Nun derart auf ihn aufmerksam geworden, nahm ich seinen zweiten Roman Les Particules Élémentaires mit in mein „petit apart’“, um nach der Arbeit mein Französisch mit verlagsinterner Lektüre zu verbessern. Niemals hätte ich gedacht, mich durch einen französischen Roman in derart kurzer Zeit „hindurcharbeiten“ zu können. Mein Vokabular hatte sich mit dem Beenden der letzten Seite erheblich erweitert, vor allem um einen Wortschatz, der in der Schule nur selten vermittelt wird und bei dem nicht selten auch mein Wörterbuch keinerlei Hilfestellung leisten konnte...

Wie sich die scharf geführte, öffentliche Auseinandersetzung mit dem Roman im Detail gestaltet hatte und wie dieser Autor derartige Relevanz im französischen Literaturbetrieb erlangen konnte, interessierte mich seither. Zumal dieser unscheinbare Mann, dessen öffentliches Auftreten sich vor allem dadurch auszeichnet, seinen Gesprächspartnern lange Schweigeminuten abzuverlangen und deren Fragen nur stockend zu beantworten, keineswegs dem gängigen Bild eines „Medienstars“ entspricht.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten erhielt ich die Erlaubnis, mich einige Tage in den Katakomben des Flammarion’schen Pressearchivs einzuquartieren und alles zu kopieren, was den Anschein erweckte, für meine Unternehmung von Nutzen sein zu können. Nach der Überführung dieser nicht unbeträchtlichen Masse Papier nach Deutschland und einer weiteren Sondierung des Materials bilden den Grundstein vorliegender Arbeit eine Auswahl von 182 Zeitungsartikeln, 31 Interviews mit Michel Houellebecq, 21 in literaturwissenschaftlichen Publikationen erschienenen Artikeln und eine Anzahl von Sekundärwerken, die sich in der Mehrzahl ausschließlich mit dem Œ uvre dieses Schriftstellers auseinandersetzen. Es wurde sich ausschließlich auf französische Publikationen beschränkt. Da Michel Houellebecq Zeitungen und Zeitschriften aller Couleur Interviews gewährt und bei der Auswahl seiner Interviewpartner keine spezifischen Auswahlkriterien angelegt hat, wurden sowohl regionale als auch überregionale Tageszeitungen berücksichtigt und neben angesehenen Literaturzeitschriften auch solche Magazine, die sich an einem eher „populären“ Volksgeschmack orientieren. Hinzu kommt an den Verlag beziehungsweise Michel Houellebecq gerichtete Korrespondenz, die nicht veröffentlicht wurde und daher nur in Kopie vorliegt. Die verhältnismäßig geringe Anzahl „reiner“ Interviews mag in Anbetracht der Fülle persönlicher Äußerungen Michel Houellebecqs verwundern, erklärt sich jedoch aus dem Umstand, daß in die anderen Artikel oftmals Äußerungen des Autors integriert wurden.

Das Gros der untersuchten Artikel erschien im Zeitraum eines Jahres nach der Publikation des Romans, also von August 1998 bis September 1999, in Einzelfällen wurden jedoch auch aussagekräftige Beiträge aus den Vorjahren und einem späteren Zeitraum hinzugezogen. Den Grundstock bilden die Artikel des Pressearchivs, in dem ich neben den zu erwartenden, dem Autor wohlgesonnenen Beiträgen, in gleichem Maße solche vorfand, in denen sich äußerst kritisch mit diesem auseinandergesetzt wurde. Aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Material und den darin enthaltenen Verweisen auf andere Veröffentlichungen konnte ein vollständiges und kohärentes Bild zusammengefügt werden. Wurde in dem vorhandenen Material Bezug genommen auf Quellen, die nicht vorlagen, so wurden diese sämtlich in den Onlinearchiven der französischen Presse nachrecherchiert.

Nach einer erstmaligen Durchsicht des Materials zeigte sich schnell, daß Michel Houellebecq auf verschiedenen Gebieten als Stein des Anstoßes gewirkt hatte. Bei intensiverer Lektüre zeigte sich eine weitere Besonderheit: Es fiel zunehmend schwerer jenes Pressematerial, in dem sich mit dem Roman, von jenem, in dem sich mit dem Autor auseinandergesetzt wurde, zu trennen. Der Eindruck entstand, Autor und Werk würden in „Personalunion“ betrachtet, der texte comme prétexte verwendet.

Als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit dem Werk Michel Houellebecqs erfolgt in vorliegender Arbeit zunächst eine ausführliche literaturhistorische Einordnung, von welcher jedoch nur der die 80er und 90er Jahre betreffende Teil in den Haupttext übernommen wurde. Eine Übersicht über die Entwicklung der französischen Literaturgeschichte seit dem zweiten Weltkrieg ist bei Interesse im Anhang nachzulesen. Dort finden sich außerdem eine Einführung in die Besonderheiten des französischen Literaturbetriebs sowie die Wiedergabe der Diskussion um eine vermeintlich neue literarische Strömung, die Nouvelle Tendance, als dessen prominentester Vertreter Michel Houellebecq dargestellt wird.

Im weiteren erschien es essentiell, die Motivation und konzeptuelle Herangehensweise des Autors zu beleuchten und aufzuzeigen, daß dieser nicht einfach aufs Geratewohl stilistisch „platte“ Bücher schreibt, in denen er die Welt anklagt, das Ende der Menschheit heraufbeschwört und nach dem Motto sex sells verfährt. Zunächst wird daher über die Biographie Michel Houellebecqs informiert, ohne die die beständige „Vermischung“ zwischen homme und œ uvre nicht verständlich wäre. Anschließend folgt die Darlegung des von ihm verfolgten literarischen Konzepts. Nach einer ausführlichen Darstellung des Inhalts von Les Particules Élémentaires und einer kurzen Textanalyse sowie einer zusammenfassenden Wiedergabe der darin enthaltenen Thesen werden die Romanhandlung und das Leben des Autors zueinander in Bezug gesetzt.

Die Veröffentlichung von Les Particules Élémentaires wurde maßgeblich von drei Medienereignissen begleitet: der Anzeige des Besitzers eines Campingplatzes, der dessen Namen aus dem Buch gestrichen sehen wollte, dem Ausschluß Michel Houellebecqs aus seinem literarischen Zirkel, der Société Perpendiculaire, sowie der Vergabe des renommierten Prix Goncourt. Diese bescheren dem Autor und seinem Werk eine ungeheure Medienpräsenz. Sie stellen daher einen integralen Bestandteil der Rezeptionsgeschichte dar und werden im folgenden Abschnitt der Arbeit ausführlich geschildert.

Anschließend erfolgen Einzelanalysen der in den größten und einflußreichsten Zeitungen und Zeitschriften erschienenen Rezensionen, in denen sich am intensivsten mit dem Roman auseinandergesetzt wurde. Diese Einzelrezensionen vermitteln einen ersten Eindruck von der Vielfältigkeit der Reaktionen, die Les Particules Élémentaires in der Literaturkritik ausgelöst hat. Aus dieser Analyse kristallisieren sich schließlich auch die Hauptvorwürfe an Michel Houellebecq heraus und es zeigt sich der fließende Übergang in der Beschäftigung mit dem Roman und seinem Autor. Anhand der anschließenden, ausführlichen Einzelbetrachtungen der an ihn und seinen Roman gerichteten Vorwürfe soll jeweils untersucht werden, ob Michel Houellebecq tatsächlich mit den von ihm aufgestellten Thesen so weit konform geht, als daß eine derartige Übertragung wenn auch nicht gerechtfertigt, so doch zumindest nachvollziehbar erscheint.

Im Anschluß daran wird anhand einiger ausgewählter Artikel der Versuch unternommen, die in Anbetracht seiner Thesen merkwürdig anmutende positive Resonanz in linken Gesellschaftskreisen zu erklären und seine vermeintliche Vorreiterposition als „linker Reaktionär“ zu beleuchten. Dem folgen einige Erklärungsversuche für den einschlagenden Erfolg Michel Houellebecqs, die von namhaften Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern vorgenommen wurden. Von dessen Erfolg keineswegs überrascht zeigte sich ein treuer Kreis von Bewunderern des neuen Sterns am französischen Literaturhimmel, der in seiner Begeisterung so weit ging, eine Association zu gründen, die sich ausschließlich dem Leben und Wirken Michel Houellebecqs verschrieben hat. Dieser nicht unumstrittenen Organisation, der Association les Amis de Michel Houellebecq, wurde im Anhang ein weiteres Kapitel gewidmet.

Abschließend erfolgt eine umfassende Gesamtrekonstruktion der Hintergründe und Ursachen, auf denen der Erfolg Michel Houellebecqs aufbaut. Ebenso eine auf den Erkenntnissen dieser Arbeit basierende Erklärung für die gespaltene Reaktion der Literaturkritik, die mangelhafte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Roman sowie die Unmöglichkeit einer vom Autor losgelösten Rezeption des Werks.

Bei Bedarf können im Anhang Übersetzungen jener französischen Passagen, die sich nicht aus dem Zusammenhang erklären, nachgelesen werden.

Soweit zur Struktur dieser Arbeit, deren Erstellung für mich eine große Freude und Bereicherung dargestellt hat. Ermöglicht wurde diese jedoch nicht zuletzt durch die langjährige und geduldige Unterstützung meiner Familie, für die ich mich an dieser Stelle von Herzen bedanken möchte.

II. EINFÜHRENDE GRUNDLAGEN

1. Der französische Roman der 80er und 90er Jahre

Nachdem die französische Literatur der 60er Jahre vor allem durch Gruppierungen wie die Nouveaux Romanciers, die sich äußerst theoretisch mit der „Materie“ Roman auseinandergesetzt hatten, bestimmt wurde, gewinnt in den 70er Jahren eine mehr konventionelle Literatur erneuten Einfluß. Im Zuge dieser „Rückbesinnung auf Bedürfnisse des >normalen< Lesers [...] ergeben sich Veränderungen, die von Ratlosigkeit über vorsichtige Ansätze zu einer neuen Avantgarde bis zu inhaltlicher und struktureller Beliebigkeit reichen.“[1] Eine befriedigende Einordnung der französischen Literatur der 80er Jahre erscheint schwierig. Der Literaturkritiker Jean-Pierre Salgas führt dies auf das Nichtvorhandensein einer gemeinsamen Plattform zurück:

Die Surrealisten hatten die Chance, eine Gruppe zu bilden. Die Autoren des nouveau roman waren durch einen Verlag repräsentiert, der zwar klein war, aber über große symbolische Macht verfügte. Die Schriftsteller um Tel Quel hatten eine Zeitschrift als Sprachrohr. Die Autoren der achtziger Jahre jedoch verfügen über keine dieser materiellen Stützen der Selbstverständigung und Selbstreflexion.[2]

Marianne Alphant, ebenso Literaturkritikerin, postuliert hingegen in Bezug auf die französische Literatur der 80er Jahre das Entstehen eines Autre Roman. Die Autoren, die sie dazu zählt,[3] bilden jedoch keine neue Gruppierung. Alphant zufolge verbindet sie die Eigenschaft, „atypische und isolierte Schriftsteller [zu sein], denen jede Art von Manifest widerstrebt, was das Aufzeigen von Gemeinsamkeiten noch schwieriger macht“,[4] wie sie selbst einräumt. Dennoch gelingt es ihr, eine Anzahl von Gemeinsamkeiten aufzuzeigen: So werden diese Autoren alle von kleinen Verlagen publiziert und haben erst „spät“, also im Alter zwischen dreißig und vierzig zu schreiben begonnen. Sie sind daher „post-theoretisch oder meta-theoretisch oder a-theoretisch – bewußte Erben zweier Jahrzehnte, aber distanzierte Erben.“[5] Ihre Werke zeichnen sich aus durch ein „Spiel mit den Codes, den Formen, der Erzählung, den Orten, den Verknüpfungen; mit allem, was traditionellerweise Romanstoff ist und die Fiktion der Gattungen einteilt“. In ihren Texten gibt es zwar Handlung, doch bleibt diese „verschwommen, vergeblich oder rätselhaft.“ Bei jenen Schriftstellern, bei denen „Theorie vorhanden ist, dann wie eine Gattung unter anderen“.[6],[7]

Dieser Feststellung schließt Jean-Pierre Salgas sich an, indem er feststellt, daß es „kein Widerspruch mehr zu sein [scheint], eine Geschichte zu erzählen und[8] das Schreiben selbst zu reflektieren – was bis dahin undenkbar schien. Die französische Literatur der achtziger Jahre rechnet mit der Avantgarde nicht ab, sondern integriert sie“.[9]

Die Literaturwissenschaftlerin Gerda Zeltner-Neukomm, die Alphants Begriff vom „Anderen Roman“ übernimmt, bestätigt diesen Autoren eine „auffallende Scheu, von ihrer Arbeitsweise oder ihrem Credo überhaupt nur zu reden.“ Doch bescheinigt sie den von ihr näher betrachteten Schriftstellern „ernsthafte[n] Kunstverstand und ein hohes Bewußtsein am Werk“.[10] Die Beschreibungen der von ihr untersuchten Werke lassen allerdings darauf schließen, daß es sich hier kaum um „einfach“ strukturierte und flüssig lesbare Geschichten handelt. Da ist die Rede vom „Telegrammstil“, in der die Pariser Flußlandschaft bei Leslie Kaplan „fast nur in Stichworten evoziert“[11] wird und von einem „Grundmuster der Offenheit“,[12] welches in ihren Romanen vorherrscht. Zu Philippe Djians „infernalischen Erzählungen“[13] stellt sie fest, „daß es ihm auf Inhalte so gut wie nicht ankommt“[14] und bei François Bon findet sie „keine Hauptfigur und kein Hauptereignis“. Dessen ganz eigenes Idiom beschreibt sie als: „Sätze, oft in Bruchstücken, Sätze mit Löchern, und meistens solche, deren Syntax umgebogen und den geläufigen Regeln entwendet wurde.“[15],[16] Zusammenfassend gelangt sie zu der Feststellung, daß

das Erzählen meist auf einen relativ engen Welt- und Zeitraum [beschränkt ist]. Große epische Entwürfe, ein repräsentativ bedeutsames Geschehen sucht man in solchem Horizont vergeblich. Dafür findet sich, wohl erstmals seit dem Nouveau Roman, wieder durchgehend die Überzeugung und auch die Evidenz, daß ein Roman in erster Linie ein Kunstwerk zu sein hat.[17]

So stellt sich der Roman der 80er Jahre als äußerst schwer greifbar und beschreibbar dar und es lastet auf ihm das Erbe einer Vielzahl äußerst dezidierter literarischer und literaturtheoretischer Strömungen von internationalem Einfluß. Nicht zufällig lautet der Titel des bereits mehrfach zitierten Aufsatzes von Jean-Pierre Salgas: „Die Unsichtbarkeit der französischen Gegenwartsliteratur“. Diese hat keinen neuen, allgemeingültigen Theorieansatz entworfen, ist jedoch ebensowenig zum strikt realistischen Erzählen zurückgekehrt. Darin mag ein Grund für die um so brutalere Realitätsdarstellung in vielen Werken der 90er Jahre bestehen.

Die Darstellung der Situation des französischen Romans der 90er Jahre wird im folgenden vornehmlich anhand von Presseartikeln vorgenommen, die im Zuge der Rentrée littéraire 1998 veröffentlicht wurden, dem Erscheinungsjahr von Les Particules Élémentaires.

So führt L’Express pünktlich zum Beginn der Rentrée eine Enquête mit dem Titel „Le roman français, est-il nul ?“[18] durch, im Zuge derer eine Übersicht über die Entwicklung der letzten Jahre gegeben und wichtige Verlegerpersönlichkeiten zur Lage der französischen Literatur befragt werden. Während die Qualität der Literatur der 70er und 80er Jahre hier eher verhalten eingeschätzt wird – „Il est vrai que le bilan des années 70-80 est pour le moins mitigé“[19] –, so wird kennzeichnend für die Literatur der 90er Jahre ein endgültiger Befreiungsschlag aus den Theoriezwängen der 50er und 60er Jahre festgestellt: „Bref, le paysage littéraire français sort enfin de cette espèce de torpeur qui avait succédé à la déflagration du nouveau roman“.[20] Dies sei vor allem den jungen[21] und „neuen“ Autoren zu verdanken, die seit einigen Jahren die französische Literatur in Aufruhr versetzen: „[O]n ne peut que constater que, depuis un certain temps, surgissent d’étranges phénomènes dans l’édition français.“[22] So sorgte 1994 Michel Houellebecq mit seinem Roman Extension du domaine de la lutte, in dem er als erster derart schonungslos den tristen Lebens- und Arbeitsalltag eines finanziell gut situierten, jedoch äußerst durchschnittlichen Informatikers schildert, für einen Überraschungserfolg. Im selben Jahr schockierte Virginie Despentes die Öffentlichkeit mit ihrem Roman Baise-Moi, in dem zwei junge Frauen raubend und mordend eine Spur der Gewalt nach sich ziehen. 1996 machte Marie Darrieussecq mit ihrem Roman Truismes Furore, in welchem sich eine junge Frau langsam in ein Schwein verwandelt und Christine Angot erregte die Gemüter, indem sie in ihren Texten jährlich aufs neue die inzestuöse Beziehung zu ihrem Vater thematisierte (Les Autres, 1997; Sujet Angot, 1998; L’Inceste, 1999).[23] Folgerichtig stellt Olivier Rubinstein, Verleger von Éditions Denoël, einen Generationenwechsel fest – „Nous vivons un passage de génération“[24] – und äußert sich Bernard Fixot, seinerzeit Verleger des Hauses Julliard, erfreut darüber, daß die französischen Autoren sich nunmehr endlich wieder dem Leben zuwenden können: „Enfin nos auteurs vont pouvoir recommencer à s’ouvrir à la vie, redevenir libres à raconter des histoires !“[25]

Ebensowenig wie in den 80er Jahren sind diese Autoren durch eine Schule oder Institution miteinander verbunden, sondern gehen jeder seinen eigenen Weg: „[C]hacun dans son genre taille, en solitaire mais surtout en dehors des vieux courants, sa propre route, élargissant ainsi le champ romanesque français et interrogeant le réel avec un talent intégral.“[26]

In dem in der Tageszeitung La Marseillaise erschienenen Artikel „Les jeunes écrivains confirment“ wird jedoch auf eine wichtige Gemeinsamkeit der Geschichten dieser Autorengeneration hingewiesen: „De jeunes auteurs confirment avec des livres écléctiques, au langage cru, au ton désenchanté, sans autre point commun que celui de mordre dans le réel.“[27], a Und diese Darstellung der Realität zeichnet sich in vielen Fällen durch eine Betonung von Körperlichkeit, Sexualität und Gewalt aus, die L’Express folgendermaßen auf den Punkt bringt:

Sexe et violence démesurée chez Virginie Despentes, fort goût pour l’étrange et le physique chez Marie Darieussecq, [...] décorticage de l’ère tertiaire, sexe et physique quantique chez Michel Houellebecq, exploration de la réalité psychologique et sociale chez Martin Winckler, nombrilisme exacerbé chez Angot, fantasme et réalisme mêlés chez Vincent Ravalec…[28]

Unter der Überschrift „La « glauque génération »“ identifiziert Aujourd’hui le Parisien die neuen Autoren als eine Spezies, die noch vor wenigen Jahren von den großen Verlagshäusern als kuriose Erscheinung betrachtet wurden und heute deren einträglichste Verdienstquelle darstellen – „Des auteurs qui, il y a deux ou trois ans encore, étaient regardés comme des bêtes curieuses par les grandes maisons d’édition, sont aujourd’hui leurs nouvelles valeurs sûres.“[29] –, und auch hier wird der Versuch gemacht, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen: „Leur point commun ? Un certain ton, qui procède aussi bien de la provocation, de la désinvolture que de la dérision, pour mettre en scène, et en boîte, un réel qui déchante.“[30], b

Doch gibt es auch kritische Stimmen. So beanstandet Olivier Rubinstein, daß diese Entwicklung auf Kosten der erzählerischen Qualität gehen könnte – „Peut-être leur manque-t-il la conscience du romanesque“[31] – und merkt Jean d’Ormesson[32] an, daß das Beschreiten neuer Wege doch auch mit einem Ziel vor Augen geschehen müsse: „Ouvrir des voix nouvelles, c’est bien, encore faut-il qu’elles débouchent sur quelque chose“.[33]

Insgesamt weniger aufgeregt betrachtet Dominique Guiou in Le Figaro littéraire das Aufkommen jener neuen Schriftstellergeneration. Lakonisch reiht er die von ihm als „déprimisme“ bezeichnete Strömung literaturhistorisch ein: „Après le romantisme, le naturalisme, l’existentialisme, voici venu le temps du « déprimisme »“, spricht ihr jedoch gleichzeitig etwaige Originalität gänzlich ab: „Le phénomène n’est pas nouveau ; chaque génération d’écrivains a connu ses chantres du mal-être et de la misère.“[34]

Eine eingehendere Beschreibung der déprimistes gibt der Schriftsteller Jean-Marie Rouart[35] in derselben Rubrik unter der Überschrift „Désenchantés“: „Cette génération du déprimisme se caractérise par une baisse d’énergie vitale, la raréfaction des rêves, un désespoir qui annihile en elle tout désir de changement.“ Außerdem sei die Generation dieser Autoren „coupée de son passé, de la culture. [...] On ne veut plus se rattacher aux maîtres et aux grands œuvres du passé.“ Was bei diesen Autoren jedoch besonders überraschend ist, „c’est la disparition du thème qui a été à l’origine même du roman : l’amour, le rêve, l’amour comme rêve, comme aventure.“[36],[37], c

Frédéric Badré, der mit zwei Freunden die Literaturzeitschrift Ligne de Risque publiziert, nimmt den Erfolg Michel Houellebecqs zum Anlaß, eine „nouvelle tendance en littérature“[38] heraufzubeschwören, an welcher sich die zeitgenössische Literatur künftig orientieren werde. Badrés am 03. Oktober 1998 in Le Monde veröffentlichter Artikel findet allerdings kaum Zustimmung und bereits eine Woche später erfolgt auf den Seiten derselben Zeitung die Publikation mehrerer Artikel anerkannter Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, welche sich ganz entschieden gegen die von Badré genannten Kriterien dieser neuen Bewegung sowie die von ihm aufgestellten Zukunftsprognosen aussprechen.[39]

Aus der Gruppe jener neuen Autoren, die den französischen Literaturbetrieb in den 90er Jahren derart in Bewegung versetzen, sticht Michel Houellebecq mit großem Abstand heraus. Von den im Laufe der Rentrée littéraire 1998 veröffentlichten 295 französischen und 153 übersetzten Romanen wurde kein Werk derart aufgeregt und kontrovers diskutiert wie Les Particules Élémentaires, und bis zum heutigen Tage hat kein anderer Autor für entsprechend erhitzte Diskussionen gesorgt und die Feuilletons landesweit in dieser Form in Aufruhr versetzt. Rückblickend formuliert Valeurs Actuels zu Beginn der Rentrée 1999 die Bedeutung Houellebecqs für die Rentrée des Vorjahres wie folgt: „La rentrée de l’an dernier restera dans les annales comme particulièrement faste : ah, quelle divine surprise que ces Particules élémentaires réveillant le vieil instinct national de guerre civile, quel magnifique Houellebecq“.[40], d

Eine eingehende Betrachtung des „Phänomens Houellebecq“ soll im folgenden begonnen werden mit einer detaillierten Einführung über sein Leben und seine literarischen Laufbahn.

2. Michel Houellebecq: Leben und Werk

Michel Houellebecq wird am 26. Februar des Jahres 1958[41] in La Réunion geboren, sein Geburtsname lautet Michel Thomas.[42] Bereits kurz nach der Geburt übergeben die Eltern – Mutter Janine Ceccaldi ist eine politisch aktive, vielbeschäftigte Ärztin, Vater René Thomas arbeitet als Bergführer – ihren Sohn in die Obhut der in Algier ansässigen Großeltern mütterlicherseits, bei welchen er die ersten Jahre seines Lebens verbringt. Die Ehe der Eltern scheitert nach nur wenigen Jahren. Als Janine ein Kind von einem anderen Mann erwartet,[43] erfolgt im Jahre 1960 die Scheidung, der Vater bekommt das Sorgerecht für den Sohn zugesprochen. Daraufhin wird Michel in Dicy (Département Yonne) und später in Crécy-la-Chapelle (Département Seine-et-Marne) bei der Mutter des Vaters untergebracht, Henriette Houellebecq, zu der er eine besonders innige Bindung aufbaut und deren Familiennamen er später als Pseudonym verwenden wird. Darauf besteht er seinem Freund und Mentor Michel Bulteau gegenüber: „Avant de prendre congé, il insiste pour que, au cas où ses textes seraient publiés, ce soit sous le nom de Michel Houellebecq, « le nom de ma grand-mère, la seule personne qui soit un peu digne dans ma famille ».“[44]

Zu seinen Eltern entwickelt er kein Verhältnis, in einem Interview beschreibt er die familiäre Situation wie folgt:

En un sens, c’était des précurseurs du vaste mouvement de dissolution familiale qui allait suivre. J’ai grandi avec la nette conscience qu’une grave injustice avait été commise à mon égard. Ce que j’éprouvais pour eux était plutôt de la crainte en ce qui concerne mon père, et un net dégoût vis-à-vis ma mère. Curieux qu’elle ne se soit jamais rendu compte que je la haïssais.[45], e

Während seiner Schulzeit verbringt er sieben Jahre im Internat des Gymnasiums von Meaux. Im Internat sind Quälereien und sexuelle Übergriffe zwischen den Schülern an der Tagesordnung und, wenngleich auch nicht selbst betroffen,[46] so verlebt er dort eine von ständiger Angst und Bedrohung geprägte Zeit.

Nachdem der hochbegabte Schüler 1973 sein Abitur bestanden hat, besucht er in Paris zwei Jahre die Vorbereitungskurse für die Grandes Écoles und absolviert anschließend ein Studium der Agronomie, welches er 1978 abschließt. Im selben Jahr stirbt seine Großmutter. Es folgt eine weitere Ausbildung an der Filmhochschule École nationale supérieure Louis-Lumière, im Verlaufe derer er mehrere Kurzfilme dreht und die er im Jahre 1981 abschließt.

Doch weder im Bereich Agronomie noch beim Film kann der mittlerweile verheiratete Vater eines Sohnes Fuß fassen. Phasen von Arbeitslosigkeit wechseln sich mit Anstellungen im Bereich Informatik ab, er leidet unter Depressionen: „J’ai commencé à faire une serie des dépressions… Enfin, si on peut appeler ça comme ça. J’étais systématiquement diagnostiqué comme dépressif“.[47] In dieser Zeit, in der auch seine Ehe scheitert, wendet er sich verstärkt der Literatur zu und bemüht sich um eine Veröffentlichung seiner Gedichte. Diese wird ihm ermöglicht durch Michel Bulteau, dessen Bekanntschaft er 1985 macht. 1988 werden in der von Bulteau geleiteten Nouvelle Revue de Paris fünf Gedichte aus seiner Feder veröffentlicht. Auch der erste Prosa-Text erscheint 1991 unter der Regie Bulteaus, in der von ihm geleiteten Reihe Les Infréquentables (Éditions du Rocher), einer „collection réservée à des écrivains atypiques.“[48] Es handelt sich hierbei um einen Essay über den von Houellebecq seit seinem 16. Lebensjahr verehrten Schriftsteller H. P. Lovecraft mit dem Titel H. P. Lovecraft. Contre le monde, contre la vie,[49] der jedoch von der Presse unbeachtet bleibt.

Im selben Jahr folgen weitere Publikationen: Neben dem Lovecraft erscheinen im Verlag La Différence sein Text Rester Vivant, méthode,[50] sowie sein erster Gedichtband La Poursuite du bonheur. Letzterer verkauft sich nicht nur so gut, daß eine zweite Auflage in Druck geht, sondern wird gar mit dem Prix Tristan Tzara ausgezeichnet. Da Houellebecq von diesen Veröffentlichungen jedoch bei weitem nicht leben kann, bewirbt er sich zur Bestreitung seines Lebensunterhalts um einen Posten beim Assemblée Nationale, wo er während der kommenden fünf Jahre im Bereich Informatik tätig sein wird. Parallel zu dieser Tätigkeit stellt er seinen ersten Roman fertig: Extension du domaine de la lutte.[51] Dessen Veröffentlichung ist jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, denn keines der von ihm kontaktierten Verlagshäuser zeigt Interesse. Den energischen Überredungskünsten von Houellebecqs Lebensgefährtin und späterer Ehefrau Marie-Pierre ist es zu verdanken, daß der Roman schließlich von Maurice Nadeau, einer archetypischen Figur des Pariser Literaturbetriebs, verlegt wird. Wenngleich erneut von der Presse negiert, so übertreffen die durch Mund-zu-Mund-Propaganda erreichten Verkaufszahlen sehr bald die Erwartungen von Autor und Verleger. Nun erkennt auch Raphaël Sorin, Cheflektor des Verlagshauses Flammarion, der die Extension seinerzeit abgelehnt hatte, den Wert Houellebecqs. Er vereinbart mit ihm die Veröffentlichung eines weiteren Gedichtbands sowie des folgenden Romans. 1996 erscheint der Gedichtband Le Sens du Combat, der mit dem Prix de Flore ausgezeichnet wird. Im selben Jahr beantragt Houellebecq beim Assemblée Nationale eine Freistellung mit Option auf Rückkehr, um sich vollständig auf seinen nächsten Roman konzentrieren zu können.

Noch vor der Veröffentlichung dieses Romans wird ihm der Grand Prix national des Lettres Jeunes Talents für sein Gesamtwerk verliehen, welcher ihm am 4. Juni 1998 von der Kultusministerin Catherine Trautmann übergeben wird. Doch erst das Erscheinen von Les Particules Élémentaires wenige Monate später (zeitgleich erscheint außerdem eine Essay-Sammlung mit dem Titel Interventions[52] ) stellt den Pariser Literaturbetrieb auf den Kopf. Jahre zuvor wurde keinem Roman ein derartiges Presseecho zuteil, schnell bilden sich zwei Lager, die sich in den Feuilletons landesweit mit dem „Phänomen Houellebecq“ auseinandersetzen und sowohl gegen ihn als auch gegeneinander hetzen. Houellebecq genießt seine neue Rolle als Medienstar, schlägt keine Interviewanfrage aus und bestimmt über Monate hinweg nahezu omnipräsent die Diskussionen über den „Zustand“ der zeitgenössischen französischen Literatur und nicht zuletzt auch über den der französischen Gesellschaft. Ende des Jahres 1998 allerdings verläßt er Frankreich und läßt sich in Irland nieder, vermutlich um sich einerseits dem Rummel um seine Person zu entziehen, andererseits, so wird gemutmaßt, aus steuerlichen Gründen.

Erneuten Zündstoff liefert Houellebecq nach einem weiteren Gedichtband (Renaissance, 1999) und einem kurzen Roman (Lanzarote, 2000) mit seinem nächsten großen Roman Plateforme, der am 24. August 2001 erscheint und in welchem er den Sextourismus propagiert und den Islam scharf angreift. Als er sich diese Kritik kurz nach der Veröffentlichung in einem Interview mit der Zeitschrift LIRE auch persönlich zu eigen macht und den Islam als die „idiotischste Religion“ bezeichnet („Et la religion la plus con, c’est quand même l’islam. Quand on lit le Coran, on est effondré…effondré !“[53] ), kumuliert dies gar in einem Gerichtsprozeß wegen Anstiftung zum Rassen- und Religionshaß, in welchem er jedoch freigesprochen wird. Da dieser Roman mit einem Attentat islamischer Terroristen endet, stilisieren ihn einige seine Befürworter nach den Ereignissen des 11. Septembers 2001 und dem Attentat in Bali am 12. Oktober 2002 zu einem Schriftsteller mit seherischen Qualitäten.

Den aktuellen Anlaß für die Debatten um seine Person und sein Werk bildet sein letzter, 2005 von Éditions Fayard veröffentlichter Roman La possibilité d’une Île. Bereits 2004 hatte Houellebecq seinen Wechsel zu Fayard angekündigt, wo mittlerweile auch sein Lektor Raphaël Sorin tätig ist. Auch das Engagement Frédéric Beigbeders, eines glühenden Bewunderers und Freundes Houellebecqs, als neuer Lektor bei Flammarion konnte diese Entwicklung nicht abwenden. Nicht nur bot Fayard dem Autor einen exorbitanten Vorschuß in Millionenhöhe, es wurde ihm außerdem zugesagt, seinen Roman in Eigenregie verfilmen zu können. Bereits der Verlagswechsel hatte die Presse in Aufruhr versetzt. Um so mehr das Erscheinen seines nach eigenem Verlautbaren bislang besten Buchs,[54] dessen Druckfahnen wie ein Staatsgeheimnis gehütet und erst kurz vor dem Erscheinen einer kleinen Anzahl ausgewählter Journalisten zugänglich gemacht wurden. Es wurde somit in der Presse zunächst über ein Buch debattiert, daß bis dato kaum jemand gelesen hatte – ein bis dahin ungekanntes und scharf kritisiertes Vorgehen. In seinem neuesten Werk ist das bereits in den Particules angekündigte Ende der Menschheit schließlich zur Tatsache geworden, es wird das Leben des Protagonisten Daniel und das seiner Klone Nummer 24 und 25 beschrieben. Wie schon Les Particules Élémentaires ist auch dieser Roman für den Prix Goncourt im Gespräch, kann sich jedoch wie sein Vorgänger letztlich nicht durchsetzen.

Neben seinen literarischen Produktionen widmet sich Houellebecq außerdem dem Film und der Musik. Gemeinsam mit Philip Harel adaptiert er Extension du domaine de la lutte für das Kino, 1999 kommt die äußerst gelungene Verfilmung in die Kinos. In Zusammenarbeit mit Bertrand Burgalat vertont er eine Anzahl seiner Gedichte. Die CD Présence Humaine, auf der er selbst zur Musik Burgalats seine Texte vorträgt, erscheint im Jahr 2000. Im selben Jahr dreht er in der von Canal Plus initiierten Reihe „L’érotisme vu par...“[55] einen erotischen Kurzfilm mit dem Titel La Rivière, in dem seine Frau Marie-Pierre die Hauptrolle spielt.

Michel Houellebecq ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil der französischen Medienwelt geworden, schon kurz nach dem Erscheinen der Particules spricht man vom phénomène, vom cas Houellebecq. Kein anderer zeitgenössischer Autor ruft entsprechende öffentliche Auseinandersetzungen hervor und spaltet derart die Geister der Intelligenzia. Kaum jemand scheint in der Lage, dieses Phänomen zu begreifen oder befriedigend erklären zu können. Seine Gegner werfen ihm vor, ein frauenverachtender, rassistischer Reaktionär und überdies ein literarischer Stümper zu sein, seine Befürworter halten diesen Vorwürfen seine Frauenfreundlichkeit, Progressivität und den ihm ganz eigenen literarischen Stil entgegen. Im folgenden soll zunächst damit begonnen werden, anhand seiner eigenen Publikationen aufzuzeigen, welches literarische Konzept den Schöpfungen Michel Houellebcqs zugrunde liegt.

2.1 Das literarische Konzept Michel Houellebecqs

Michel Houellebecqs dezidierte Ansichten über die formale und inhaltliche Konzeption von Literatur und Poesie sowie deren Ziele und Möglichkeiten lassen sich bereits in seinen ersten Texten erkennen und finden ihre weitere Ausprägung in allen folgenden Werken. Es sei zunächst darauf hingewiesen, daß es sich bei Houellebecq um einen der seltenen Autoren handelt, die abwechselnd Gedichte und Prosa veröffentlichen.[56] Während der Roman Houellebecq zufolge im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen eine merkliche Wandlung erfahren hat, ist die Poesie von diesen Veränderungen verschont geblieben. In einem Interview faßt Houellebecq diese Entwicklung wie folgt zusammen:

Nous vivons toujours des moments étranges, d’une très grande densité, pour lesquels la poésie est un moyen de traduction naturel et immédiat. Ce qui est typiquement moderne, c’est que ces moments ont beaucoup de mal à s’insérer dans une continuité sensée. Voilà une chose que beaucoup de gens ressentent : par brefs instants, ils vivent ; pourtant, leur vie prise dans son ensemble n’a ni direction ni sens. C’est pour cela qu’il est devenu difficile d’écrire un roman honnête, dénué de clichés, dans lequel, pourtant, il puisse y avoir une progression romanesque.[57], f

Die Poesie ist und bleibt für ihn das Medium, dem einzelnen Moment, der Emotion Ausdruck zu verleihen: „La poésie est l’autre versant de la connaissance, elle procède directement de l’émotion, elle est la seule capable de faire percevoir les choses en soi.“[58] Das heutige, vom Wettbewerb gezeichnete Leben, mit seinem Mangel an Kontinuität und seinen oberflächlichen Beziehungen eigne sich nur noch bedingt als Vorlage für „traditionelle“ Prosa. Außerdem bedauert Michel Houellebecq den Umstand, daß der Roman als Konsequenz der heutigen Wissenschaftsgläubigkeit nicht mehr wie früher der passende Ort für philosophische Debatten darstellt, sondern der interessierte Leser sich auf der Suche nach Erkenntnis eher den Werken Stephen Hawkings oder Jean-Didier Vincents zuwendet.[59]

Diese Situation, so Houellebecq, hat in der Literatur dazu geführt, daß man die inhaltlichen Fragen vernachlässigt und sich in der jüngeren Vergangenheit nahezu zwanghaft mit der Écriture, der Schreibweise, beschäftigt hat:

Dans ces conditions, le roman, prisonnier d’un comportement étouffant, finit par se tourner vers sa seule, son ultime planche de salut : l’ « écriture » […]. Le contenu de ces textes ? Il n’est pas sain, il n’est pas licite, il est même imprudent d’en parler.[60]

Er selbst kann dieser Entwicklung nichts abgewinnen, betrachtet sie gar mit einer gewissen Beklemmung und hält sich an eine Feststellung Schopenhauers, um seinen Durchhaltewillen zu bestärken:

Le spectacle a son côté triste. Je n’ai jamais pu pour ma part assister sans un serrement de cœur à la débauche de techniques mise en œuvre par tel ou tel « formaliste-Minuit » pour un résultat final aussi mince. Pour tenir le coup, je me suis souvent répété cette phrase de Schopenhauer : « La premier – et pratiquement la seule – condition d’un bon style, c’est d’avoir quelque chose à dire ».[61],[62], g

Houellebecq räumt also der Poesie, wenngleich er auch sie aufgrund der Terreur théorique als gefährdet betrachtet,[63] ein wesentlich größeres Maß an Authentizität und an Vermögen, Emotion zu transportieren, ein. Welchen Stellenwert sie tatsächlich für ihn einnimmt, erkennt man nicht nur an der regelmäßigen Veröffentlichung von Gedichtbänden, sondern auch daran, daß er mit Rester vivant, méthode eine Art „Lebensanweisung“ für Poeten verfaßt hat. Da sich sein gesamtes Werk auf diesen „Verhaltenskodex“ zurückführen läßt, sollen im folgenden die bezeichnendsten Ratschläge kurz aufgeführt werden:

So legt er hier zunächst dar, daß die Existenz des Poeten auf dem Leiden basiere: „La première démarche poétique consiste à remonter à l’origine. À savoir : à la souffrance.“ (RV, S. 11) Dies begründet er damit, daß die ganze Welt nur aus Leid bestehe: „Si le monde est composé de souffrance c’est parce qu’il est, essentiellement, libre. La souffrance est la conséquence nécessaire du libre jeu des parties du système.“ (RV,
S. 13) Den Haß gegen sich selbst und die anderen solle der Poet kultivieren, das Leid in allen Poren spüren können.[64] Erst dann, wenn er bei seiner Umgebung eine Mischung aus Mitleid und Verachtung hervorrufe, sei er auf dem richtigen Weg, könne nun mit dem Schreiben beginnen: „Lorsque vous susciterez chez les autres un mélange de pitié effrayé et de mépris, vous saurez que vous êtes sur la bonne voie. Vous pourrez commencer à écrire.“ (RV, S. 15) Doch einmal damit begonnen solle er sich nicht bemühen, eine neue Form zu erfinden, denn die Erfindung einer neuen Form ist ein Jahrhundertereignis und nicht notwendigerweise das Merkmal eines großen Poeten: „Ne vous sentez pas obligé d’inventer une forme neuve. Les formes neuves sont rares. Une par siècle, c’est déjà bien. Et ce ne sont pas forcément les plus grands poètes qui en sont à l’origine.“ (RV, S. 19)

Auch was die Persönlichkeit des Dichters betrifft, so muß diese nicht notwendigerweise in sich stimmig erscheinen. Eine Persönlichkeit habe er sowieso, ob er dies nun wolle oder nicht.[65] Sich nichts vorzumachen gelte es jedoch das Glück betreffend, dessen Existenz er leugnet: „N’ayez pas peur du bonheur ; il n’existe pas.“ (RV, S. 28) Dennoch stellt Selbstmord in den Augen Houellebecqs keine Lösung dar, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: „Un poète mort n’écrit plus. D’où l’importance de rester vivant.“ (RV, S. 25) Auch das Kämpfen lohne sich nicht, sei nur etwas für Boxer. Um jedoch zumindest mit der Hoffnung sterben zu können, gegebenenfalls eine posthume Ehrung zu erfahren, müsse es dem Poeten allerdings zu Lebzeiten gelungen sein, immerhin „ein bißchen“ publiziert zu haben.[66]

Die Gesellschaft kennt im Hinblick auf den Poeten ein vornehmliches Ziel: seine Zerstörung. Ihre zu diesem Zwecke eingesetzte Waffe besteht in der Gleichgültigkeit.[67] Die Formulierung des Rezepts gegen diese Gleichgültigkeit hat für das Werk Houellebecqs nahezu prophetischen Charakter:

Toute société a ses points de moindre résistance, ses plaies. Mettez le doigt sur la plaie, et appuyez bien fort. Creusez les sujets dont personne ne veut entendre parler. L’envers du décor. Insistez sur la maladie, l’agonie, la laideur. Parlez de la mort, et de l’oubli. De la jalousie, de l’indifférence, de la frustration, de l’absence de l’amour. Soyez abjects, vous serez vrais. […] Vous ne vous épargnez pas ; épargnez personne. […] Vous devez haïr la liberté de toutes vos forces. (RV, S. 33f) h

Doch in allem Unglück, Leid und Haß bietet Houellebecq einen kleinen Ausweg, dessen Chancen er zwar für gering erachtet, der jedoch einen wichtigen und oft vernachlässigten Aspekt seines Werks darstellt: „En définitive, l’amour résout tous les problèmes.“ (RV, S. 32). Und wenngleich in der modernen Gesellschaft kaum noch Platz für die Liebe besteht, so ist das Verlangen nach ihr weiterhin unverändert: „Compte tenu des caractéristiques de l’époque moderne, l’amour ne peut plus guère se manifester ; mais l’idéal de l’amour n’a pas diminué.“ (RV, 13)

Trotz dieser vermeintlichen Absage an den zeitgenössischen Roman erzielt Houellebecq gerade in dieser Gattung seine größten Erfolge, trifft hier zweifellos den Zeitgeist. Welches Konzept liegt seinem literarischen Schaffen in diesem Bereich zugrunde? Formal ist Houellebecq, großer Verehrer Novalis’, ein Anhänger der romantischen Vorstellung, daß ein Roman „alles“ beinhalten können muß:

Il faudrait conquérir une certaine liberté lyrique ; un roman idéal devrait comporter des passages versifiés, ou chantés. […] Il faudrait pouvoir tout mettre. Novalis, les romantiques allemands en général entendaient parvenir à une connaissance totale. C’était une erreur que de renoncer à cette ambition. (Int. S. 40)

Diese Begeisterung für die Vorgehensweise, im Roman sowohl lyrische Passagen als auch wissenschaftliche Abhandlungen gleichwertig neben den Prosatext zu stellen, verleiht er bereits Ausdruck in seinem Essay über Lovecraft, der diese Technik selbst anwandte:

[L]’utilisation du vocabulaire scientifique peut constituer un extraordinaire stimulant pour l’imagination poétique. Le contenu à la fois précis, fouillé dans les détails et riche en arrière-plans théoriques qui est celui des encyclopédies peut produire un effet délirant et extatique. (Lov.,
S. 83) i

Besonders beeindruckt scheint ihn zu haben, daß Lovecraft in seinen phantastischen Texten auch auf die Naturwissenschaften zurückgriff: „Mais, ce qui est plus étonnant, il ne se contentera pas des sciences humaines ; il s’attaquera également aux sciences « dures » ; les plus théoriques, les plus éloignés à priori de l’univers littéraire.“ (Lov.,
S. 85)j Lovecraft nutze in seinen Werken „[les] travaux de Gödel sur la non-complétude des systèmes logiques formels“, „les équations de la mécanique quantique“, sowie „les particularités algébraiques déroutantes des espaces préhilbertiens“. (Lov., S. 86f) Die Parallelen mit den wissenschaftlichen Passagen der Particules Élémentaires liegen hier auf der Hand.

Und auch was die inhaltliche Konzeption betrifft, so läßt sich Houellebecqs späteres Vorgehen bereits anhand seiner Kommentare zu Lovecrafts Texten voraussagen. Er stellt fest, daß die Mission des Romanciers darin bestehe, „d’apporter un nouvel « éclairage » ; mais sur les faits en eux-mêmes il n’a pas absolument le choix. Sexe, argent, religion, technologie, idéologie, répartition des richesses… un bon romancier ne doit rien ignorer.“ (Lov., S. 61)k

Auch wenn es um die Zeichnung seiner Charaktere geht, läßt er sich von dem von ihm verehrten Autor des Phantastischen inspirieren:

Ce n’est que progressivement qu’il en vient à reconnaître l’inutilité de toute psychologie différenciée. Ses personnages n’en ont guère besoin ; un équipement sensoriel en bon état de marche peut leur suffire. […] On peut même dire que la platitude voulue des personnages de Lovecraft contribue à renforcer le pouvoir de conviction de son univers.“ (Lov., S. 75f)l

Houellebecq selbst zeigt sich folglich überrascht, wenn man ihm attestiert, er habe seinen Figuren psychologische Tiefe verliehen, da er an der Vorstellung von Individualität grundsätzlich seine Zweifel hat: „Je suis quand même un peu surpris quand on me dit que j’effectue des portraits psychologiques réussis d’individus, de personnages : c’est peut-être vrai, mais d’un côté j’ai souvent l’impression que les individus sont à peu près identiques“. (Int., S. 45)

Doch auch wenn Houellebecq in seinen Romanen in den Prosatext sowohl Gedichte als auch wissenschaftliche Abhandlungen integriert und den Wunsch äußert, ein Roman solle auf dieselbe Art lesbar sein wie ein Gedichtband und vice versa,[68] so nähert er sich den beiden Genres doch auf unterschiedliche Weise:

[J]e ressens vivement la nécessité de deux approches complémentaires : le pathétique et le clinique. D’un côté la dissection, l’analyse à froid, l’humour ; de l’autre la participation émotive et lyrique, d’un lyrisme immédiat. (Int., S. 45)m

Diese beiden Ansätze haben zur Folge, daß es bei Houellebecq weder Prosa noch Lyrik in „Reinform“ gibt[69] und sich die „beiden Houellebecqs“ keineswegs widersprechen, sondern sich vielmehr ergänzen: „Le Houellebecq-poète ne contredit pas le Houellebecq-romancier. Il le complète.“[70]

Was die Zielsetzung seines literarischen Schaffens betrifft, so scheint es auch hier eine Abstufung von der Lyrik zur Prosa zu geben. Den hohen Anspruch an seine poetische Arbeit beschreibt er mit folgenden Worten:

Au fond, si j’écris des poèmes, c’est peut-être avant tout pour mettre l’accent sur un manque monstrueux et global (qu’on peut voir comme affectif, social, religieux, métaphysique ; et chacune de ces approches sera également vraie.) C’est peut-être aussi que la poésie est la seule manière d’exprimer ce manque à l’état pur, à l’état natif ; d’exprimer chacun de ses aspects complémentaires. (Int., S. 56)n

Und wenngleich Houllebecq in seinen Romanen die „Mängel“ unserer Zeit verarbeitet und anprangert, so formuliert er in einem Interview seine Motivation doch als weniger anklagend und weitaus persönlicher: „Vous savez, quelqu’un qui écrit des romans, psychologiquement, ne souhaite pas vraiment apporter un message, mais plutôt porter l’attention du public sur des questions qui lui-même le perturbent.“[71]

Der Roman, in welchem er seinen literarischen Überlegungen am eindrucksvollsten Ausdruck gegeben hat, ist ohne Zweifel Les Particules Élémentaires, dessen Beschreibung im folgenden Kapitel stattfinden soll.

3. Les Particules Élémentaires

3.1 Inhalt

In seinem 1998 erschienen Roman Les Particules Élémentaires[72] erzählt Michel Houellebecq die Geschichte der beiden Halbbrüder Bruno Clément und Michel Djerzinski,[73] geboren 1956 und 1958. Eingebettet in eine Rahmengeschichte, bestehend aus Pro- und Epilog, in der einleitend von einer „dritten metaphysischen Wandlung“ die Rede ist, breitet der auktoriale Erzähler, ausgehend vom Jahr 1998, mit vielfachen Rückblenden das Leben der beiden Protagonisten vor dem Leser aus.

Deren gemeinsame Mutter Janine Ceccaldi lernt 1952 während ihres Medizinstudiums in Paris zunächst den ambitionierten Chirurgen Serge Clément kennen. Die beiden heiraten und mehr aus Versehen wird Janine schwanger. Um der Erfahrung der Mutterschaft willen beschließt sie jedoch, das Kind zu behalten.[74] Die mit der Kindererziehung einhergehenden Verpflichtungen schränken das Paar allerdings schon bald zu sehr in ihren persönlichen Freiheiten ein[75] und so wird der Sohn Bruno zwei Jahre nach der Geburt den Großeltern in Algerien überantwortet. Daraufhin beginnt Janine ein Verhältnis mit dem Dokumentarfilmer Marc Djerzinski und schenkt noch im selben Jahr einem zweiten Sohn, Michel, das Leben. Die Beziehung zu dessen Vater hat jedoch ebenso wenig Bestand wie ihre Ehe und Janine beginnt auch ihn bald zu betrügen. Mehr und mehr entwickelt sich ihr Haus zu einer Anlaufstätte für gestrandete Hippies und als Marc 1960 von einer Reise zurückkehrt, findet er seinen Sohn in einem Zustand der Verängstigung und Verwahrlosung vor,[76] woraufhin er ihn bei seiner Mutter im Département Yonne unterbringt.

Während Michel dort ein behütetes Leben führt, ergeht es seinem Halbbruder in der Zwischenzeit weitaus schlechter. Nachdem 1961 sein Großvater verstirbt, übersiedelt er mit seiner verwirrten Großmutter von Algier nach Marseille. In einer ärmlichen Wohnung lebend, drückt die Großmutter ihre Liebe zu ihrem Enkel vornehmlich darin aus, ihn mit opulenten Mahlzeiten zu mästen. Als sie wenige Jahre später stirbt, beschließen seine Eltern, ihren Sohn im Internat von Meaux unterzubringen, in dem sein Leben bestimmt wird durch die Angst vor den Quälereien älterer Schüler, die an Grausamkeit kaum zu überbieten sind.[77]

Mit dem Beginn der Pubertät tritt bei den beiden Brüdern der hervorstechendste Charakterunterschied zutage: Während Bruno beginnt, sich nahezu zwanghaft für Sexualität zu interessieren, läßt dieses Thema den hochintelligenten Michel auf beinahe unheimliche Weise kalt. Obwohl er mit Annabelle, dem schönsten Mädchen der Schule, befreundet ist, ist es ihm unmöglich, seinerseits Liebe für sie zu empfinden oder sich ihr körperlich zärtlich zu nähern.[78] Bruno hingegen, der hin und wieder die Ferien im kommunenhaften Haushalt seiner Mutter verbringt, wird sich schmerzlich der Tatsache bewußt, aufgrund seines Aussehens zu den ihn umgebenden Sexualorganen keinen Zugang zu haben und ihn wohl auch nie in gewünschter Form bekommen zu können.[79]

Zu dieser Zeit stellt sich zufällig heraus, daß Bruno und Michel, die sich bislang noch nie wissentlich begegnet sind, dieselbe Schule besuchen. Auf Initiative von Brunos Vater werden wöchentliche Besuche Brunos im Hause von Michels Großmutter organisiert und seit dieser Zeit stehen die beiden Brüder in regelmäßigem, wenngleich nicht unbedingt als innig zu bezeichnendem Kontakt.

Nach dem Abitur beschließt Bruno, sich aufgrund der dort vorherrschenden überdurchschnittlichen Frauenquote an der philosophischen Fakultät einzuschreiben und erlebt erneut eine qualvolle Zeit. Trotz der vielen Frauen kann er keine sexuellen Erfolge verzeichnen, tröstet sich mit Freßattacken und Besuchen in Peepshows. Ein wenig Linderung verschafft ihm das Wiedersehen mit Annick, einer Urlaubsbekanntschaft. Ihr Verhältnis endet jedoch, als sich Annick aus dem Fenster in den Tod stürzt.

Michel entscheidet sich für ein naturwissenschaftliches Studium. Er und Annabelle hatten sich zuletzt bei einem gemeinsamen Ferienaufenthalt in der Kommune Francesco di Meolas, des ehemaligen Geliebten Janines, gesehen. Hier wird ihm klar, daß er niemals dieselben leidenschaftlichen Gefühle wie seine Mitmenschen empfinden können wird.[80] Als er eines Abends deutlicher als je zuvor mit Annabelles Begehren konfrontiert wird, packt er heimlich seine Sachen und reist ab. Bevor die beiden sich wiedersehen, werden 25 Jahre vergehen.

In der Zwischenzeit entwickelt sich Michel zu einem der renommiertesten Molekularbiologen Europas, ist im Alter von 40 Jahren bereits Direktor eines Forschungsinstituts. Und doch entschließt er sich im Jahr 1998 ein Urlaubsjahr zu nehmen – er will „nachdenken“. (PE, S. 25) Und darauf wird sich sein Lebensinhalt in den nächsten Monaten auch beschränken, denn bald wird ihm, dessen Leben in den letzten Jahren lediglich durch „certaines cérémonies commerciales“ (PE, S. 152) geregelt wurde, schon der Gang zum Supermarkt zur Qual.[81] Sein einziger Wunsch besteht darin zu lieben,[82] doch dieses Gefühl bleibt ihm verwehrt. In dieser Situation verwundert es kaum, daß er sich nach einer gewissen Zeit die Frage stellt, ob er nicht vielleicht depressiv sei.[83]

Bruno befindet sich zu jener Zeit in einer ausgewachsenen Midlife-Crisis.[84] Nach seinem Studium hatte er geheiratet und war mit seiner Frau nach Dijon gezogen, wo er als Lehrer arbeitet und Vater eines Sohnes wird. Unglücklich, alle anderen Frauen außer die eigene begehrend[85] und mit dem Gefühl, seines Lebens beraubt worden zu sein,[86] verpraßt er das meiste Geld mit käuflichem Sex. Sein Ausgleich besteht in schriftstellerischer Tätigkeit und sogar Philippe Sollers, auch in der Realität Herausgeber der Reihe L’Infini bei Gallimard, begeistert sich für seine Texte. Mehr und mehr jedoch steigert er sich in seinen sexuellen Minderwertigkeitskomplex hinein und entwickelt zudem rassistische Überzeugungen. Diese Entwicklung kumuliert in der sexuellen Belästigung einer Schülerin[87] mit anschließender Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Das Mädchen wahrt Stillschweigen über den Vorfall und nach seiner Entlassung zieht er nach Paris, bekommt einen Posten in der Lehrplankommission und läßt sich scheiden. Das Verhältnis zu seinem Sohn wird sukzessive schlechter und bald beginnt Bruno in seinem Kind einen Rivalen im sexuellen Konkurrenzkampf zu sehen.[88]

1998 verbringt er in der Hoffnung auf ein sexuelles Abenteuer seinen Sommerurlaub auf einem „alternativ“ organisierten Campingplatz, dem Espace du Possible. Dort lernt er Christiane kennen und nach einigen gemeinsam verbrachten Tagen und Nächten regt sich in Bruno die Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft: „Peut-être même est-ce qu’ils allaient se revoir, vieillir ensemble.“ (PE, S. 181) Tatsächlich entwickelt sich zwischen den beiden ein Liebesverhältnis. Christiane, die in einem heruntergekommenen Viertel in Noyon wohnt, verbringt von nun an die Wochenenden bei Bruno und gemeinsam besuchen sie regelmäßig Swingerclubs. Durch Christiane bekommt Bruno Zugang zu einem Milieu, von dem er schon immer geträumt hat. Doch auch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer: Aufgrund einer Nekrose im Rücken bricht Christiane während einer Orgie zusammen, eine irreversible Querschnittslähmung ist die Folge. Das lange geplante Projekt des Zusammenlebens wäre jetzt, da Christiane nicht mehr arbeitsfähig ist, realisierbar. Doch Bruno zögert zu lange damit, sie zu sich zu holen. Sie stürzt sich von der Treppe und bricht sich dabei das Genick. Nach dem Begräbnis läßt sich Bruno erneut in die psychiatrische Anstalt einweisen, diesmal vermutlich für immer.

Zwischenzeitlich kehrt Michel für die Grabumlegung seiner Großmutter, die bereits in den ersten Jahren seines Studiums verstorben war, an den Ort seiner Jugend zurück, wo sich seine Wege erneut mit denen Annabelles kreuzen. Diese ist unglücklich, da ihr Leben nicht so verlaufen ist, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hat vielen Männern als schöne Trophäe gedient,[89] aber keine wahre Liebe gefunden. Die beiden sehen sich fortan häufig und verbringen schöne und intensive Momente miteinander, wenngleich ihre Gefühle eher auf Respekt und Mitleid denn auf Liebe basieren: „Ils éprouvaient l’un pour l’autre un grand respect et une immense pitié.“ (PE, S. 297)

In diese verhältnismäßig glückliche Zeit fällt auch das letzte Zusammentreffen der beiden Brüder. Ihre Mutter hatte sich für ihren Lebensabend nach Saorge zurückgezogen und liegt im Sterben. Sie vegetiert im Kreise ihrer Hippie-Mitbewohner vor sich hin und kann nicht mehr auf die Beschimpfungen, die Bruno ihr entgegenschleudert, reagieren. Überhaupt macht Bruno einen äußerst desolaten Eindruck. Wenn er nicht gerade seine Mutter attackiert,[90] beschimpft er deren Mitbewohner oder spielt auf seinem Gameboy. Es ist schließlich der apathisch wirkende Michel, der sich um die notwendigen Formalitäten kümmert. Nach der Beerdigung trennen sich die Wege der beiden Brüder für immer.

Nachdem Michel wieder nach Paris zurückgekehrt ist beschließt er, seine Studien in einem Institut in Irland fortzusetzen. Als jedoch bei Annabelle Gebärmutterkrebs festgestellt wird, verschiebt er seine Abreise, um ihr nach der notwendigen Operation beizustehen. Und obwohl Michel auch weiterhin sexuell nichts für Annabelle empfindet – „Elle était belle, désirable et aimante ; pourquoi ne ressentit-il rien ? C’était inexplicable.“ (PE, S. 341) –, bleibt er doch von ihrem Leid nicht unberührt: „À un moment donné, elle passa la main sur son visage, elle s’aperçut qu’il était mouillé de larmes.“ (PE, S. 347f) Doch auch seine Zuneigung kann sie nicht zum Weiterleben animieren, denn sie will niemandem zur Last fallen. Noch in derselben Nacht nimmt sie eine Überdosis Tabletten und verstirbt einige Tage später.

Michel reist daraufhin nach Irland und widmet sich während der folgenden Jahre ausschließlich seinen Forschungen, die er am 27. März 2009 abschließt. Er selbst verschwindet noch am selben Tag und es wird angenommen, daß er an jenem Tag in Irland „ins Meer gegangen ist.“ (PE, S. 378) Wessen Annahme dies ist und wer die eigentlichen Erzähler der Geschichte sind, erschließt sich im Epilog. Denn tatsächlich befinden wir uns mittlerweile im Jahr 2079, die Erde wird vornehmlich von gleichgeschlechtlichen und unsterblichen Klonen bewohnt. Die Menschheit hat sich zu großen Teilen selbst abgeschafft, und dies aufbauend auf den Forschungsergebnissen Michels, welche die bereits genannte dritte metaphysische Wandlung einläuten. Der vorliegende Text, erzählt von eben jener neuen Erdbevölkerung, soll als eine Huldigung des Menschen verstanden werden – jenes Wesens, daß mit „douceur, [...] résignation, et peut-être [...] secret soulagement“ (PE, S. 393) seinem eigenen Verschwinden zugestimmt hat.

3.2 Textanalyse

Les Particules Élémentaires ist eine getreue Umsetzung jener literarischen Postulate Michel Houellebecqs, die im vorhergehenden Kapitel aufgeführt wurden. Formal finden sich im Text, integriert in den Prosatext, sowohl Gedichte als auch lange naturwissenschaftliche Passagen, die für den Laien nicht selten unverständlich bleiben. Thematisch hält Houellebecq sich an jene in seinem Lovecraft getroffene Feststellung, daß ein guter Romancier „nichts übersehen“ dürfe und behandelt in seinem Roman eine unglaubliche Vielzahl von Themen, seien sie gesellschaftspolitischer, wissenschaftlicher, philosophischer oder soziologischer Art.

Zum Stil sei hier nur soviel gesagt, als daß Houellebecqs Eingeständnis, sich mehr für den Inhalt als die stilistische Ausarbeitung zu interessieren, in den Particules zumindest scheinbar seine Bestätigung findet. In sachlicher, „planer“ Sprache schildert der Autor das Leben seiner Figuren, kultiviert den Gebrauch von Genital- und Fäkalsprache, scheut niemals vor der exakten Schilderung der vielen Sexualakte zurück und konfrontiert den Leser mit der oftmals desillusionierten und unappetitlichen Gedankenwelt seiner Figuren. Daneben gelingt es Houellebecq, mittels dieser nüchternen Darstellung Momente unnachahmlicher Komik zu erzeugen, indem er den Leser mit bestimmten Situationen kommentarlos und „trocken“ konfrontiert. Durch die Verwendung von Markennamen und Wendungen des täglichen Sprachgebrauchs erzeugt er ein besonderes Maß an Authentizität und zeichnet ein vermeintlich authentisches Bild des „heutigen“ Frankreichs. Und auch wenn er selbst darauf besteht, auf stilistische Ausarbeitung keinen Wert zu legen, so kennzeichnet sein Werk durchaus ein ganz eigener Stil, der vielleicht am besten dadurch beschrieben werden kann, den Anschein zu erwecken, „kein Stil“ zu sein.[91] Doch wenngleich ihm trotz oder gerade wegen seiner darstellenden, beschreibenden Sprache überaus eindringliche Momente gelingen, so läßt sich kaum von einer komplexen psychologischen Zeichnung seiner Charaktere zu sprechen. Wahrlich individuelle Charakterzüge lassen sich an ihnen nicht wirklich entdecken. Vielmehr kann man sie wohl als Stereotypen bezeichnen, die für einige symptomatische Auswüchse unserer Gesellschaft stehen. Und genau darum geht es Houellebecq: Dem momentanen gesellschaftlichen Chaos Ausdruck zu verleihen.[92] Nicht selten wird sein Roman daher als Thesenroman bezeichnet, in dem die Figuren lediglich dazu dienen, die vom Autor aufgestellten Thesen zu illustrieren. Zusammenfassend lassen sich diese folgendermaßen formulieren:[93]

Im Zuge der Entwicklungen der 60er und 70er Jahre, in deren Mittelpunkt die Vergrößerung der sexuellen Freiheit steht, setzt ein Individualisierungsprozeß in der Gesellschaft ein, der zur Folge hat, daß bald auch die kleinste und letzte noch funktionierende Einheit dieser Gesellschaft, die Familie, zerstört wird. Hinzu kommt, daß die sexuelle Befreiung nicht wie erwartet eine ausgewogene Verteilung sexueller Aktivität zur Folge hat, sondern sich die sexuelle Attraktivität im Gegenteil neben ökonomischen Faktoren zu einem zweiten gesellschaftlichen Differenzierungsmittel entwickelt. In dieser Gesellschaft, in der mittlerweile weder der Fötus noch der Greis mehr ein Recht auf menschliche Würde besitzen und in der auch religiöse Werte als Folge zunehmender Wissenschaftsgläubigkeit keinen Halt mehr bieten, verlieren die Menschen jegliche Orientierung: „Une chose était certaine : plus personne ne savait comment vivre.“ (PE, S. 149) Altruistisches Verhalten gibt es kaum noch, und wenn, dann sind zu diesem nur Frauen fähig, die Houellebecqs Ansicht nach sowieso die besseren Menschen sind. Sie allein sind noch zu lieben in der Lage, der Mann hat die Fähigkeit zur Liebe verloren. Im äußersten Fall mündet diese Entwicklung in Gewaltszenarien, denn Houellebecq zufolge sind die Serienkiller der 90er Jahre eine logische Konsequenz der Hippie-Bewegung: „En ce sens, les serial killers des années 90 étaient les enfants naturels des hippies des années 60“. (PE, S. 261) In Les Particules Élémentaires ist die Lösung all dieser Probleme wissenschaftlicher Natur. Durch die Erschaffung geklonter, genetisch identischer und unsterblicher Wesen erübrigen sich das Streben nach Individualität, der sexuelle Wettbewerb sowie die Suche nach spiritueller Sicherheit.

Man kann die Particules als eine Sittengeschichte, eine Abrechnung mit den Entwicklungen der letzten 30 Jahre verstehen – „Une sorte de commémoration cruelle de Mai 68.“[94] Es scheint, als habe sich Houellebecq seinen Ratschlag, den Finger auf die Wunde zu legen und schön fest zuzudrücken, für diesen Roman ganz besonders zu Herzen genommen.

3.3 Biographische Parallelen

Da in der Debatte um Les Particules Élémentaires vielfach der Autor mit seinen Charakteren gleichgesetzt wird und ihm die im Text formulierten Haltungen persönlich zum Vorwurf gemacht werden, sollen an dieser Stelle die augenscheinlichsten biographischen Übereinstimmungen zusammengefaßt werden. Die wohl auffälligste Parallele zwischen Leben und Werk besteht neben der Namensgebung des Protagonisten Michel in der Wahl des Namens der Mutter der beiden Halbbrüder: Michel Houellebecq nennt sie buchstabengetreu wie seine eigene Mutter Janine Ceccaldi und läßt sie ebenso in Algerien zur Welt kommen. Beide Janine Ceccaldis studieren Medizin und werden Mütter zweier Kinder. Die beiden Söhne der literarischen Janine kommen in den Jahren 1946 und 1948 zur Welt, ersteres dem vermeintlich wahren Geburtsjahr Houellebecqs entsprechend, zweiteres jenes Datum, das er der Öffentlichkeit offenbar als solches vortäuscht. Wie seine eigene Mutter ist auch die Janine in Les Particules Élémentaires schwanger, als der endgültige Bruch mit dem Ehemann stattfindet, ebensowenig kümmert sie sich um ihre beiden Kinder.

Wie Bruno wächst Michel Houellebecq während seiner ersten Lebensjahre bei seinen Großeltern in Algier auf, bis ihn sein Vater dort abholt und wiederum seiner eigenen Mutter übergibt. Diese wohnt, wie im Falle der Großmutter des literarischen Michel, zunächst im Département Yonne, bis sie später, ebenso, ins Département Seine-et-Marne umzieht. Houellebecq besucht dort, wie Bruno, das Internat in Meaux und auch er berichtet von gewalttätigen Übergriffen durch die älteren Mitschüler. Ebenso geht Michel Houellebecq nach dem Abitur nach Paris, absolviert dort aber ein naturwissenschaftliches Studium, was eher an den literarischen Michel erinnert. Wie Bruno wiederum heiratet er nach dem Studium und setzt einen Sohn in die Welt. In beiden Fällen werden die Ehen geschieden. Eine weitere Verbindung zu Bruno ist dessen Leidenschaft für die Literatur, wenngleich diese bei Houellebecq im späteren Verlauf von größerem Erfolg gekrönt sein wird. Des weiteren leiden sowohl Bruno als auch Michel Houellebecq an depressiven Verstimmungen, sind beide über längere Zeiträume in ärztlicher Behandlung. Auch in der Wahl ihrer Urlaubsorte zeigen sie denselben Geschmack, bevorzugen freizügige Umgebungen und besuchen den Espace du Possible oder das Nudistencamp Cap d’Agde. Wie im Fall des literarischen Michels zeichnet sich auch das Verhältnis Michel Houellebecqs zu seiner Großmutter durch besondere Innigkeit aus und als beide in etwa demselben Alter mit deren Tod konfrontiert werden, stellt dies für sie jeweils ein traumatisches Ereignis dar.

Michel Houellebecq räumt selbst ein, sich abwechselnd in den Figuren Michels und Brunos verkörpert zu sehen[95] und bestätigt: „La première partie des Particules Élémentaires est assez autobiographique.“[96] Es mag sein, daß vor allem diese autobiographischen Bezüge dem Roman seine Authentizität verleihen. Doch beruht die Erfolgsgeschichte dieses Werks nicht nur auf seiner inhaltlichen Überzeugungskraft und dem vermeintlichen Maß an Identifikationsspielraum, sondern basiert zu einem nicht unerheblichen Teil auf geschickt gesteuerten publizistischen Schachzügen, welche im folgenden Kapitel dargelegt werden sollen.

III. LES PARTICULES ÉLÉMENTAIRES IN DEN MEDIEN

1. „Le roman d’un roman[97] - Les Particules Élémentaires als lanciertes

Medienprojekt

Zwei Jahre nach der Vertragsunterzeichnung überreicht Michel Houellebecq seinem Lektor Raphaël Sorin im April 1998 das Manuskript seines lange erwarteten Romans. Einige Auszüge daraus waren im Vorfeld bereits in zwei literarischen Magazinen erschienen, in der von Philippe Sollers geleiteten Reihe L’Infini[98] sowie in der Revue Perpendiculaire.[99]

Einen Monat später wird die „Lancierung“ des Romans gestartet: Sorin versendet die Fahnen des Buchs an Journalisten, Les Particules Élémentaires wird von Flammarion als „l’événement de la rentrée littéraire“[100] angekündigt. Schon bald kann man sich im Verlag zweier großer Verbündeter sicher sein: Die eher moderne und „hippe“ Zeitschrift Les Inrockuptibles sowie das eher ein „klassisch“ orientiertes Publikum ansprechende Journal LIRE beschließen noch vor dem Erscheinungstermin des Buchs, dem Autor ihre Titelgeschichte zu widmen. Das in LIRE erscheinende Interview findet medienwirksam in dem Nudistencamp Cap d’Agde statt,[101] in dem auch in Les Particules Élémentaires die literarischen Figuren Bruno und Christiane zwei Urlaubswochen verbringen. In Les Inrockuptibles wird neben einem Interview eine ausführliche Besprechung des Romans unternommen. Obwohl Marc Weitzmann, der Autor dieses Beitrags, vielen der im Roman aufgestellten Thesen kritisch gegenüber steht, so erhält Houellebecq doch am Ende des Artikels das Prädikat, einer der wichtigsten Autoren des heutigen Frankreichs zu sein.

Nach diesem äußerst eindrucksvollen Auftakt in den Printmedien läßt auch das Interesse des Fernsehens nicht lange auf sich warten. Guillaume Durand bittet den Autor zum Gespräch in seine Sendung Nulle part ailleurs, und obwohl sich hier ein wenig telegener und sich nur stockend artikulierender Houellebecq präsentiert, verfehlt der Auftritt nicht seine Wirkung: Die Verkaufszahlen steigen in niemals erträumte Höhen und obwohl der offizielle Verkauf erst am 24. August 1998 beginnt, befinden sich am Monatsende bereits 25.000 Exemplare von Les Particules Élémentaires im Umlauf.

Neben den zahlreichen Interviews, die Houellebecq im Laufe der nächsten Monate nahezu allen Zeitungen und Zeitschriften gewährt, verstärken vor allem das gerichtliche Vorgehen des Campingplatzes Espace du Possible und die Auseinandersetzung mit der Société Perpendiculaire das mediale Interesse an der Person Houellebecq und seinem Roman. Ende September wird die weder vom Autor noch vom Verlag jemals erwartete Verkaufszahl von 100.000 Exemplaren erreicht. Und noch ist kein Ende der Erfolgsgeschichte in Sicht. Marie Boué, Michel Houellebecqs Pressesprecherin bei Flammarion, die zugibt, den „Mediencoup Houellebecq“ von Beginn an wie einen Raketenstart durchgeplant zu haben – „J’avais défini les stades, comme pour le lancement d’une fusée Ariane.“[102] –, bereitet bereits den nächsten Schritt vor: eine Einladung in die Sendung Bouillon de Culture, moderiert vom französischen „Literaturpapst“ Bernard Pivot . Auf diesem Weg soll das Buch einem breiteren Publikum, genauer gesagt den in der Provinz ansässigen und äußerst kaufkräftigen Leserinnen mittleren Alters, zugänglich gemacht werden. Hatte Pivot es aufgrund von dessen kürzlichem Auftritt bei Nulle part ailleurs zunächst noch abgelehnt, Houellebecq in seiner Sendung zu empfangen, so kann er den Autor jenes Buchs bald nicht mehr ignorieren, das sich mittlerweile ungezweifelt zu dem Ereignis dieser Rentrée littéraire entwickelt und (mit Ausnahme von Pierre Bourdieus La Domination masculine) alle anderen 295 gleichzeitig erschienenen französischen Titel auf die hinteren Ränge verwiesen hat. Die Ausstrahlung findet am 9. Oktober 1998 statt, angekündigt durch eine am selben Tag von Flammarion in Le Monde platzierte Anzeige. Im Anschluß an die Sendung, in welcher ihn der ebenfalls anwesende, in den Particules scharf karikiert dargestellte Philippe Sollers unerwartet mit Lob überhäuft, gehen bis zum Monatsende weitere 40.000 Exemplare über den Ladentisch. Houellebecq ist bei nahezu allen Abendgesellschaften das Thema Nummer Eins: „[I]l était difficile de participer à un dîner sans que son nom vienne sur le tapis (avant ou après le nom de Bourdieu).“[103]

Und was wäre der französische Buchherbst schließlich ohne die Vielzahl seiner literarischen Preise und die damit einhergehende Berichterstattung? Les Particules Élémentaires befindet sich sowohl beim Prix Médicis, dem Prix Goncourt als auch dem Prix Goncourt des Lycéens in der Vorauswahl, einer von der Schulbehörde ausgesprochenen Warnung gegen das Buch zum Trotz.[104] Keiner der genannten Preise wird ihm verliehen werden und vor allem die Vergabe des Goncourt an Paule Constant ruft Empörung hervor. Nichtsdestotrotz profitiert diese weitaus weniger vom Erhalt des Preises als Houellebecq von der die Preisvergabe begleitenden Polemik: Die Verkaufszahlen der Particules übersteigen jene der Preisträgerin bald um das doppelte und überschreiten am Ende des Jahres die 200.000-Marke. Dazu mag außerdem der Erhalt des Prix Novembre sein Scherflein beigetragen haben, dessen Verleihung in der Presse allgemein als Wiedergutmachung für das von Houellebecq erlittene „Unrecht“ bei der Vergabe des Goncourt dargestellt wird.

[...]


[1] Jürgen Grimm (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte, S. 375, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar, 1999

[2] Jean-Pierre Salgas: Die Unsichtbarkeit der französischen Gegenwartsliteratur, in: Christiane Baumann, Gisela Lerch (Hrsg.): Extreme Gegenwart. Französische Literatur der 80er Jahre, S. 55, Manholt Verlag, Bremen, 1989

[3] Neben anderen nennt sie im Zuge ihrer Beschreibung Jérôme Lindon, Jean Echenoz, François Bon, Denis Roche, Jean-Luc Benoziglio, Bernhard Barrault, Philippe Djian, Paul Otchakovsky, Leslie Kaplan, Valère Novarina, Renaud Camus.

[4] Marianne Alphant: L’autre roman – Der andere Roman?, in: Christiane Baumann, Gisela Lerch (Hrsg.): Extreme Gegenwart. Französische Literatur der 80er Jahre, S. 41

[5] ebd., S. 43

[6] ebd., S. 44f

[7] Um die Menge der Fußnoten in überschaubaren Grenzen zu halten, wird, insofern mehrfach in Folge aus derselben Quelle zitiert wird, diese lediglich einmalig am Ende des letzten Zitats angegeben. Bei der späteren Analyse der Zeitungsartikel hingegen wird die Quelle des entsprechenden Artikels in der Regel einmalig zu Beginn genannt.

[8] Kursivierungen in Zitaten wurden sämtlich den Originaltexten entnommen.

[9] Jean-Pierre Salgas: Die Unsichtbarkeit der französischen Gegenwartsliteratur, in: Christiane Baumann, Gisela Lerch (Hrsg.): Extreme Gegenwart. Französische Literatur der 80er Jahre, S. 56

[10] Gerda Zeltner-Neukomm: Der Roman in den Seitenstraßen. Neue Strukturen in der französischen Epik, S. 5, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, 1991

[11] ebd., S. 9

[12] ebd., S. 11

[13] ebd., S. 17

[14] ebd., S. 12

[15] ebd., S. 20

[16] Wolfgang Asholt bestätigt die zum Teil ähnlichen Positionen der die Terreur théorique ausübenden Schriftsteller der 60er und 70er Jahre und der neuen Generation der 80er Jahre: „Wenn auch nicht mit der vergleichbaren dogmatischen Hartnäckigkeit, so vertreten nicht wenige Autoren der achtziger Jahre wo nicht theoretisch, so doch praktisch ähnliche Positionen: Die «Histoire», zumindest eine bestimmte Form des „Geschichte“-Erzählens bleibt für diese Schriftsteller obsolet.“

(Wolfgang Asholt: Der französische Roman der achtziger Jahre, S. 10, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1994)

[17] Gerda Zeltner-Neukomm: Der Roman in den Seitenstraßen. Neue Strukturen in der französischen Epik, S. 34

[18] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[19] ebd.

[20] ebd.

[21] „Comme si tous les éditeurs s’étaient donnés le mot : en septembre, on n’a pratiquement vu que des romans écrits par des moins de 40 ans.“ (Houellebecqorama, in: Technikart, Dezember 1998)

[22] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[23] Als weitere wichtige Autoren der 90er Jahre sind u.a. zu nennen: Marie Desplechin, Eric Holder, Jean-Claude Izzo, Agnès Desarthe, Stéphane Zagdanski, Lorette Nobécourt und Yann Moix.

[24] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[25] ebd.

[26] ebd.

[27] Les jeunes écrivains confirment, in: La Marseillaise, 25.08.1998

[28] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[29] La « glauque génération », in: Aujourd’hui le Parisien, 29.08.1998

[30] ebd.

[31] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[32] Schriftsteller und seit 1973 Mitglied der Académie française.

[33] Enquête. Le roman français, est-il nul ?, in: L’Express, 20.08.1998

[34] Le déprimisme, une nouvelle génération littéraire, in: Le Figaro littéraire, 15.10.1998

[35] Mitglied der Académie Française seit 1997.

[36] Désenchantés, in: Le Figaro littéraire, 15.10.1998

[37] Während Jean-Marie Rouart und Dominique Guiou diese neue „Bewegung“ als eine vorübergehende Phase betrachten, ist François Nourissier, Präsident der Académie Goncourt, von dieser Einschätzung nicht völlig überzeugt. In einem an Rouart gerichteten, in Le Figaro veröffentlichten Brief, stellt er diesem daher die Frage: „Ne pensez-vous pas qu’il s’agit d’un phénomène plus vaste ?“ und merkt an, daß sich hinter einer Veränderung, die sich der älteren Generation als Krise darstellt, vielleicht doch ein ernsthafter Wandel verbergen könnte: „Là où les gens de ma génération ont tendance de voir une « crise », est peut-être en train de se dessiner un changement plus radical ?“ (Libres propos de… François Nourissier. La nouvelle colère d’une génération, in: Le Figaro, 22.10.1998)

Für eine vollkommen unsinnige und jeder Grundlage entbehrende Gleichmacherei hingegen hält Pierre Assouline, Chefredakteur der Zeitschrift LIRE, die Proklamation dieser angeblich neuen Strömung: „Un amalgame aussi absurde ne résiste pas à l’examen. En fait, ces romans n’ont qu’un point commun : ils seraient refusés chez Harlequin. Et l’on n’imagine pas qu’aucun de ces auteurs finisse jamais ses jours à l’Académie française. Pour le reste…“ (Pour commencer, in: LIRE, Dezember 1998 / Januar 1999)

[38] Une nouvelle tendance en littérature, in: Le Monde, 03.10.1998

[39] Eine ausführliche Darstellung der von Badré proklamierten Nouvelle Tendance sowie der Reaktionen seiner Opponenten wurde im Anhang dieser Arbeit vorgenommen.

[40] Rentrée littéraire. Le romanesque en quête d’auteurs, in: Valeurs Actuels, 28.08.1999

[41] In seiner 2005 erschienen Biographie Houellebecq non autorisé. Enquête sur un phénomène weißt Denis Demonpion darauf hin, daß dieses allgemeinhin angegebene Datum offenbar nicht den Tatsachen entspricht und Michel Thomas bereits am 26. Februar des Jahres 1956 zur Welt kam. (Demonpion, Denis: Houellebecq non autorisé. Enquête sur un phénomène, S. 27ff, Maren Sell Éditeurs, Paris, 2005).

Houellebecq selbst äußert sich zu diesem Umstand dahingehend, nicht mehr zu wissen, wann genau er geboren wurde: „Je suis né en 1956 ou en 1958, je ne sais pas. Plus probablement en 1958.“ (http://homepage.mac.com./michelhouellebecq/Ecrits/mourir.html)

[42] Der Einfachheit halber wird im folgenden ausschließlich der Name Michel Houellebecq verwendet.

[43] Auch dieses Kind, ein Mädchen, wird von der Mutter in die Obhut einer Pflegefamilie gegeben, die es später adoptiert. Michel Houellebecq und seine Schwester sind sich nur wenige Male begegnet.

[44] Demonpion, Denis: Houellebecq non autorisé. Enquête sur un phénomène, S. 122

[45] Michel Houellebecq in: Le technicien de surface, in: Les Inrockuptibles, April 1996

[46] „Pas moi, précise-t-il, mais j’ai eu peur tout le temps.“ (Michel Houellebecq in: Demonpion, Denis: Houellebecq non autorisé. Enquête sur un phénomène, S. 53)

[47] Michel Houellebecq in: Le technicien de surface, in: Les Inrockuptibles, April 1996

[48] Demonpion, Denis: Houellebecq non autorisé. Enquête sur un phénomène, S. 121

[49] Michel Houellebecq: H.P. Lovecraft. Contre le monde, contre la vie, Éditions J’ai Lu, Paris, 1999. Dieser Titel wird im folgenden mit Lov. abgekürzt.

[50] Michel Houellebecq: Rester Vivant suivi de La Poursuite Du Bonheur , Flammarion, Paris, 1997. Dieser Titel wird im folgenden mit RV abgekürzt.

[51] Michel Houellebecq: Extension du domaine de la lutte , Reclam, Stuttgart, 2002

[52] Michel Houellebecq: Interventions , Flammarion, Paris, 1998. Dieser Titel wird im folgenden mit Int. abgekürzt.

[53] Michel Houellebecq in: Michel Houellebecq, in: LIRE, September 2001

[54] „Je crois que c’est mon meilleur livre.“

(Michel Houellebecq in: http://passouline.blog.lemonde.fr/livres/2005/07/extension_du_do.html)

[55] An diesem Projekt haben neben Michel Houellebecq außerdem Alina Reyes, Christine Angot, Zoé Valdés, Virginie Despentes, Vincent Ravalec und Jean Van Hamme teilgenommen.

[56] Mit diesem Umstand beschäftigt sich Lakis Proguidis in seinem Aufsatz Michel Houellebecq, de la poésie au roman et vice versa: „Pourtant, Houellebecq, en publiant en alternance roman et poèmes, est un cas particulier. [...] C’est un choix délibéré, bien programmé et calculé.“ (Lakis Proguidis: Michel Houellebecq, de la poésie au roman et vice versa, in: Atelier du Roman, Nr. 9, S. 180, Les Belles Lettres, Paris, Winter 1996)

[57] Michel Houellebecq in: L’écrivain Michel Houellebecq est à la recherche d’une nouvelle ontologie, in: L’Humanité , 05.07.1996

[58] Michel Houellebecq in: Michel Houellebecq, in: LIRE, September, 1998

[59] „[C]omme le montrent éloquemment les exemples de Dostoïevski ou de Thomas Mann, le roman est un lieu naturel pour l’expression de débats ou de déchirements philosophiques. C’est un euphémisme de dire que le triomphe du scientisme restreint dangereusement l’espace de ces débats […]. Lorsqu’ils souhaitent un éclaircissement sur la nature du monde, nos contemporains ne se tournent plus vers les philosophes ou les penseurs issus des « sciences humaines » […] ; ils se plongent dans Stephen Hawking, dans Jean-Didier Vincent ou dans Trinh Xuan Thuan.“ (Michel Houellebecq: Lettre à Lakis Proguidis, in: Atelier du Roman, Nr. 10, S. 177, Les Belles Lettres, Paris, Frühling 1997. Mit diesem Brief antwortet er auf den oben genannten Aufsatz Proguidis’.)

[60] ebd., S. 177f

[61] ebd., S. 178

[62] In einem Interview in La Nouvelle Revue Française wird er diesbezüglich noch deutlicher: „J’essaie de ne pas avoir de style ; idéalement, l’écriture devrait pouvoir suivre l’auteur de ses états mentaux, sans se cristalliser dans des figures ou des tics.“ (Michel Houellebecq in: C’est ainsi que je fabrique mes livres. Un entretien avec Fréderic Martel, in: La Nouvelle Revue Française, Nr. 548, S. 199, Januar 1999)

[63] „[L]a poésie paraît encore plus gravement contaminée par cette stupide idée que la littérature est un travail sur la langue ayant pour objet de produire une écriture. Circonstance aggravante, elle est spécialement sensible aux conditions formelles de son exercice […] Il faut cependant noter […] que le débat philosophique n’a jamais été son lieu naturel – pas plus qu’aucun débat, d’ailleurs. Elle conserve donc intacts une grande partie de ses pouvoirs – à condition, bien entendu, qu’elle accepte de s’en servir.“ (Michel Houellebecq: Lettre à Lakis Proguidis, in: Atelier du Roman, Nr. 10, S. 178)

[64] „Cultiver la haine de soi. Haine de soi, mépris des autres. […] Vous devez apprendre à ressentir la douleur par tous vos pores.“ (RV, S. 14)

[65] „Ne vous efforcez pas trop d’avoir une personnalité cohérente ; cette personnalité existe, que vous le vouliez ou non.“ (RV, S. 20)

[66] „Vous n’avez pas à vous battre. Les boxeurs se battent ; pas les poètes. Mais, quand même, il faut publier un petit peu ; c’est la condition nécessaire pour que la reconnaissance posthume puisse avoir lieu.“ (RV, S. 27)

[67] „La société où vous vivez a pour but de vous détruire. […] L’arme qu’elle emploiera est l’indifférence. […] Passez à l’attaque !“ (RV, S. 33)

[68] „J’aimerais qu’il n’y ait aucune différence. Un recueil de poèmes devrait pouvoir être lu d’une traite, du début à la fin. De même, un roman devrait pouvoir s’ouvrir à n’importe quel page, et être lu indépendamment du contexte.“ (Int., S. 40)

[69] „Évidement, et d’une manière générale, aucun des deux univers houellebecqiens n’existe à l’état pur : il y a des nids de lyrisme dans son roman et des blocs prosaïques dans sa poésie.“ (Lakis Proguidis: Michel Houellebecq, de la poésie au roman et vice versa, in: Atelier du Roman, Nr. 9, S. 182)

[70] ebd., S. 184

[71] Michel Houellebecq in: Où est le vrai visage de Michel Houellebecq ?, in: Nouvelles Clés, März 1999

[72] Michel Houellebecq: Les Particules Élémentaires, Flammarion, Paris, 1998. Dieser Titel wird im folgenden mit PE abgekürzt.

[73] Der Ursprung dieses Namens ist folgender: „Dserschinskij, Feliks Edmundowitsch (1877-1926), sowjetischer Geheimdienstchef polnischer Herkunft. […] Lenin beauftragte ihn während der Oktoberrevolution 1917 mit dem Aufbau der Geheimpolizei Tscheka […]. Im russischen Bürgerkrieg entwickelte Dserschinskij die Tscheka zum entscheidenden Instrument des „Roten Terrors” gegen die „weißen” Feinde der Bolschewiki.“ (Microsoft Encarta 2001: Dserschinskij, Feliks Edmundowitsch)

Houellebecq antwortet auf die Frage, ob es sich bei dieser Namensgebung um Provokation gehandelt habe: „Non. Au départ, je voulais un nom polonais. […] On me l’a signalée cette référence stalinienne. Et je dois dire que j’ai trouvé ça plutôt bien : c’est un personnage assez sympathique ; rajouter une petite couche stalinienne, ça peut lui donner une aura positive...“ (Michel Houellebecq in: Les Inrockuptibles, 19.08.1998)

[74] „Elle décida cependant de garder l’enfant ; la maternité, pensait-elle, était une de ces expériences qu’une femme doit vivre“. (PE, S. 36)

[75] „Les soins fastidieux que réclame l’élevage d’un enfant jeune parurent vite au couple peu compatibles avec leur idéal de liberté personnelle“. (PE, S. 36f)

[76] „Son fils rampait maladroitement sur le dallage, glissant de temps en temps dans une flaque d’urine ou d’excréments.“ (PE, S. 40)

[77] „Brasseur rejoint les autres ; il a quatorze ans, c’est le plus âgé des sixièmes. Il sort sa bite, qui paraît à Bruno épaisse, énorme. Il se place à la verticale et lui pisse sur le visage. La veille il a forcé Bruno à le sucer, puis à lui lécher le cul ; […]. Sur un signe, les autres passent de la mousse à raser sur son sexe. Brasseur déplie un rasoir, approche la lame. Bruno chie de peur.“ (PE, S. 57)

[78] „Sa vie en aurait-elle dépendu (et, dans une large mesure, elle en dépendait effectivement) que Michel aurait été incapable d’embrasser Annabelle.“ (PE, S. 76)

[79] „Les vulves des jeunes femmes étaient accessibles, elles se trouvaient parfois à moins d’un mètre ; mais Bruno comprenait parfaitement qu’elles lui restent fermées : les autres garçons étaient plus grands, plus bronzés, plus forts. “ (PE, S. 77)

[80] „[D]’autres connaîtraient le bonheur, ou le désespoir ; rien de tout cela ne pourrait jamais exactement le concerner ni l’atteindre.“ (PE, S. 109)

[81] „Aujourd’hui, chaque déplacement au supermarché était pour lui un calvaire.“ (PE, S. 202)

[82] „Lui-même ne demandait qu’à aimer, du moins il ne demandait rien.“ (PE, S. 149)

[83] „Était-il dépressif, et la question avait-elle un sens ?“ (PE, S. 281)

[84] „Il portait des imperméables en cuir, se laissait pousser la barbe. Afin de montrer qu’il connaissait la vie, il s’exprimait comme un personnage de série policière de seconde zone ; il fumait des cigarillos, développait ses pectoraux.“ (PE, S. 30)

[85] „Simplement j’avais envie de toutes les femmes, sauf de la mienne.“ (PE, S. 217)

[86] „J’aurais dû être heureux ; je n’avais que vingt-huit ans et je me sentais déjà mort.“ (PE, S. 217)

[87] „Ma main droite s’est déplacée vers la sienne, mais je n’ai pas eu la force d’aller jusqu’au bout : dans un geste implorant, j’ai attrapé mon sexe pour lui tendre.“ (PE, S. 145)

[88] „Dans deux ans tout au plus, son fils essaierait de sortir avec des filles de son age ; ces filles de quinze ans, Bruno les désirerait aussi.“ (PE, S. 208)

[89] „C’est pénible, à la fin, d’être considéré comme du bétail interchangeable – même si je passais pour une belle pièce“. (PE, S. 290)

[90] „Je mettrai tout ce qui restera de toi dans un pot, et tous les matins, au réveil, je pisserai sur tes cendres. “ (PE, S. 319)

[91] Bei Interesse an einer eingehenden Stilanalyse von Les Particules Élémentaires sei verwiesen auf: Dominique Noguez: Le style de Michel Houellebecq, in: Atelier du Roman, Nr. 18, S. 17-22, La Table Ronde, Paris, Juni 1999. Dieser insgesamt dreiteilige Aufsatz wird fortgesetzt in den Ausgaben 19 und 20.

[92] „Si l’art parvenait à donner une image à peu près honnête du chaos actuel, je crois que se serait déjà énorme“. (Michel Houellebecq in: L’écrivain Michel Houellebecq est à la recherche d’une nouvelle ontologie, in: L’Humanité, 05.07.1996)

[93] Da in den folgenden Kapiteln diese Thesen noch im einzelnen zur Sprache kommen, wird in diesem Abschnitt auf eine ausführliche Veranschaulichung mit Textzitaten verzichtet.

[94] Le suicide occidental, in: Le Point, 28.08.1998

[95] „J’ai l’impression d’être les deux alternativement, ça dépend des jours ou des saisons, je ne sais pas très bien.“ (Michel Houellebecq in: 10 Questions à Michel Houellebecq, in: Rock and Folk, Oktober 1998)

[96] Michel Houellebecq in: Où est le vrai visage de Michel Houellebecq ?, in: Nouvelles Clés, März 1999

[97] Titel eines Artikels in: Challenges, März 1999

[98] Der in der 52. Ausgabe von L’Infini (Winter 1995) erschienene Ausschnitt trägt den Titel „Propos dans un camping mystique“.

[99] Im September 1996 erschien hier in der Ausgabe Nr. 4 ein Ausschnitt des Romans, ebenso getitelt: „Propos dans un camping mystique (suite)“. Weitere Ausschnitte folgten in der Ausgabe Nr. 10 im Mai 1998, kurz vor der Publikation des Romans.

[100] vgl. Werbeanzeige Flammarions auf der Titelseite von Le Monde, 02.09.1998

[101] Michel Houellebecq, in: LIRE, September 1998

[102] Marie Boué in: Le roman d’un roman, in: Challenges, März 1999

[103] Particules Élémentaires. Accélérateur de polémiques, in: Libération, 21.12.1998

[104] „Une circulaire du syndicat des chefs d’établissements scolaires adressée en septembre aux secrétaires académiques appelait ainsi à la vigilance : le roman de Houellebecq, encore sélectionné pour le Goncourt des lycéens, « peut choquer les jeunes lecteurs et leurs familles. D’autre part, la personnalité de l’auteur et les thèses qu’il défend nous paraissent de nature à vous inciter à prendre quelques précautions. »“ (Le procès Houellebecq, in: Le Monde, 09.11.1998)o

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Le texte comme prétexte - Eine Analyse der französischen Presserezeption von Michel Houellebecqs Roman "Les Particules Élémentaires"
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)  (Fakultät der Kulturwissenschaften)
Note
1,1
Autor
Jahr
2006
Seiten
155
Katalognummer
V79109
ISBN (eBook)
9783638821735
ISBN (Buch)
9783638891363
Dateigröße
1320 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Analyse, Presserezeption, Michel, Houellebecqs, Roman, Particules
Arbeit zitieren
Angela Schaaf (Autor), 2006, Le texte comme prétexte - Eine Analyse der französischen Presserezeption von Michel Houellebecqs Roman "Les Particules Élémentaires", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79109

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