Das logotherapeutische Konzept Viktor Emil Frankls in seiner Bedeutung für die Heilpädagogik

Zur Möglichkeit einer sinnorientierten Erziehung am Beispiel des Jugendalters


Diplomarbeit, 2007

79 Seiten, Note: Sehr Gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Logotherapie und Existenzanalyse nach V.E. Frankl- Begriffsbestimmung
2.1 Viktor Emil Frankl- Begründer der Logotherapie
2.2 Weiterentwicklung der Psychoanalyse und Individualpsychologie
2.3 Der anthropologisch- philosophische Hintergrund der Logotherapie
2.4 Die allgemeinen Ziele und Aufgaben der Logotherapie
2.5 Drei Grundpfeiler der Logotherapie
2.5.1 Die anthropologische Grundsäule- die Freiheit des Willens
2.5.1.1 Die Freiheit des Willens
2.5.1.2 Die Trotzmacht des Geistes
2.5.1.3 Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung
2.5.2 Die psychotherapeutische Grundsäule- der Wille zum Sinn
2.5.2.1 Der Wille zum Sinn
2.5.2.2 Die Wertkategorien als Wege zum Sinn
2.5.3 Die philosophische Grundsäule- der Sinn des Lebens
2.6 Methodisches Repertoire der Logotherapie
2.6.1 Methode der paradoxen Intention
2.6.2 Die Methode der Dereflexion
2.6.3 Die Einstellungsmodulation
2.7 Die Logotherapie und ihre Weiterentwicklung in der Gegenwart
2.8 Die Logotherapie in ihrer Bedeutung für mich- als sich ständig weiterentwickelnde
Heilpädagogin

3 Auf der Suche nach Sinn- Entwicklung Jugendlicher zwischen Risiko und Resilienz
3.1 Zum Sinnbegriff
3.2 Begriffsbestimmung Jugend
3.3 Veränderungen auf bio- psycho- sozialer Ebene
3.4 Entwicklungsaufgaben des Jugendalters
3.4.1 Identität als übergeordnete Entwicklungsaufgabe
3.4.2 Zur Identitätsentwicklung Jugendlicher mit Lebenserschwernis
3.4.3 Risikoverhalten als Entwicklungsaufgabe
3.5 Ausweichendes Verhalten als Flucht vor den Anforderungen des Lebens- die
logotherapeutische Sichtweise
3.5.1 Sucht
3.5.2 Angst
3.5.3 Depression (noogen)
3.5.4 Aggression
3.5.5 Ideologien
3.5.6 Lebenseinstellungen durch die „kollektive Neurose“
3.6 Resilienzforschung- Ressourcen in der Entwicklung Jugendlicher
3.7 Bildung als Chance für resiliente Jugendliche
3.8 Das Salutogenese- Konzept nach Antonovsky

4 Das Menschenbild in der Heilpädagogik unter Reflexion
logotherapeutischer Grundannahmen
4.1 Die Freiheit des Willens und heilpädagogische Schlussfolgerungen
4.1.1 Die Trotzmacht des Geistes und seine Konsequenz für die Heilpädagogik
4.1.2 Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung in ihrer heilpädagogischen
Bewertung
4.1.3 Die Rolle der Moralerziehung
4.2 Der Wille zum Sinn aus heilpädagogischer Sicht
4.3 Der Sinn des Lebens aus heilpädagogischer Sicht
4.4 Mein heilpädagogisches Selbstverständnis in Auseinandersetzung mit der Logotherapie
4.5 Grundzüge einer sinnorientierten Heilpädagogik

5 Wie erzieht man sinnorientiert? Praktische Schlussfolgerungen
5.1 Die Methode der „Persönlichen Zukunftsplanung“ als Weg zuSinnfindung
5.2 Meine Erfahrungen mit der Methode der Zukunftsplanung
5.3 „Erfahrungsschule des sozialen Lebens“ - der Erdkinderplan von Maria Montessori
5.4 Der Erdkinderplan in seiner praktischen Umsetzung

6 Schlusswort

7 Literaturverzeichnis

„Die Hoffnung richtet sich also auf eine neue Qualität des Menschlichen, auf die Erschließung eines bisher ungenutzten Potentials im Menschen“ (Speck 1991, S. 223).

1 Einleitung

Logotherapie bewegt sich, vereinfacht ausgedrückt, in einem Grenzgebiet zwischen Psychologie, Medizin und Philosophie– manche Autoren fügen hier auch die Religion hinzu. Viktor Emil Frankl, Begründer der Logotherapie, geht von einem unbedingten Willen zum Sinn im Menschen aus. Dieser Wille sei die Grundmotivation des Lebens überhaupt. Den Menschen, denen dieser Wille zeitweilig fehlt, kann die Logotherapie helfen, den Sinn des Lebens (neu) aufzuspüren.

Warum nun wende ich mich in meiner Diplom- Arbeit, als einem letzten wesentlichen Abschnitt meines Studiums, der Logotherapie zu? Warum erscheint mir für meine zukünftige Arbeit als Diplom- Heilpädagogin die Frage nach dem Sinn des Lebens wichtig?

Ich glaube, jeder Mensch fragt sich innerhalb des Lebens, ob sein Leben, sein Tun oder sein Handeln sinnvoll ist. Solche Fragen gehören wohl zu den existenziellen, die den Menschen immer wieder dazu zwingen, sein Leben zu überdenken. Mein Interesse an der Frage nach dem Sinn des Lebens hängt zu einem Großteil mit meiner Entwicklung und meinen Lebenserfahrungen zusammen. Bevor ich mich mit 34 Jahren für ein Studium entschied, war ich Ehefrau, Mutter, Berufstätige, Arbeitslose, Teilnehmende an Weiterbildungen und schließlich Studierende der Heilpädagogik. Dieser Lebensweg ist unweigerlich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbunden. Ich habe innerhalb der vier Studienjahre viele Einstellungen und Haltungen, die ich bis dahin unreflektiert übernommen hatte, neu in Frage gestellt. Nicht immer waren meine „neuen“ Erkenntnisse ohne Konflikte in mein bisheriges Leben zu integrieren. Durch die Praxisphasen und durch eine mit dem Studium gewachsene Offenheit gegenüber individuell verschiedenen Lebenswegen habe ich viele Menschen kennen gelernt, die meine Weiterentwicklung geprägt und damit auf den Sinn meines Lebens Einfluss genommen haben. Somit spiegelt die vorliegende Arbeit auch ein Stück meines Weges auf dem Weg zur Diplom- Heilpädagogin wieder.

Ich stellte mir gerade in den studienintegrierten Praktika immer wieder die Frage, wie ich anderen Menschen helfen kann, (wieder) mehr Sinn in ihrem Leben zu finden; wie ich sie unterstützen kann, mehr Eigenaktivität zu entwickeln, damit sie ihr Leben als sinnvoll empfinden.

Vor allem in der Begegnung mit jungen Menschen wurde mir deutlich, wie schwierig gerade die Zeit der Adoleszenz ist, auf die Frage nach dem Sinn des Lebens Antworten zu finden. Gerade in dieser Phase ihres Lebens sind die Jugendlichen hochsensibilisiert für alle moralischen und wertgeleiteten Fragen, die ihnen das Leben stellt. Sie suchen Orientierung, die ihnen diese Gesellschaft mit all ihrer konsumorientierten Maßlosigkeit auf der einen und der sozialen Härte auf der anderen Seite nicht immer geben kann. Nicht jede Familie bietet den jungen Menschen die nötige Wertevermittlung und damit auch Halt und Orientierung. Fast scheint es so, als sei die Vermittlung von Werten vielen Familien nicht mehr wichtig. Auch der Schule als Institution fällt es schwer, den Problemen Jugendlicher in schwierigen Lebenslagen gerecht zu werden und sich ihnen als vertrauensvoller Lern- und Lebensort zu öffnen. Immer mehr Jugendliche entscheiden sich an Stelle eines aktiv gestalteten „sinnvollen“ Lebens für einen (Flucht) Weg in Alkohol, Drogen, Schulverweigerung, Gewalt, Fremdenhass bis hin zu Depressionen oder Suizid.

Aufzuzeigen, warum gerade junge Menschen den Sinn ihres Lebens manchmal aus den Augen verlieren und ebenso Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man eine sinnorientierte (heil) pädagogische Begleitung[1] gestalten kann, soll Gegenstand dieser Arbeit sein.

Sie gliedert sich in vier wesentliche Teile: im ersten Teil soll die Logotherapie Frankls in ihren Grundgedanken vorgestellt werden. Im zweiten Teil möchte ich den Bezug zum Jugendalter als dem Lebensabschnitt herstellen, in welchem der persönlichen Sinnsuche eine besondere Bedeutung zukommt. Speziell werde ich dabei auf die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters und auf damit verbundenes Risikoverhalten eingehen. Ebenso soll geprüft werden, ob es Schutzfaktoren gibt, die für den Entwicklungsverlauf Heranwachsender bedeutsam sind. Im dritten Teil möchte ich die Relevanz der bisherigen Erkenntnisse für die Heilpädagogik und für mein heilpädagogisches Selbstverständnis formulieren. Eigene Reflexionen aus meinem Praktikum an einer Förderschule für Kinder und Jugendliche mit sogenannter geistiger Behinderung[2] sollen dazu dienen, Frankls Theorie zu prüfen. In Auseinandersetzung mit vorhandenen Konzepten soll eine ganzheitlich sinnorientierte Heilpädagogik konstruiert werden. Im vierten und letzten Teil werde ich konzeptionelle und methodische Möglichkeiten aufzeigen, die ermöglichen sollen, Jugendliche auf ihrem Weg zur Sinnfindung (heil)pädagogisch zu begleiten.

2 Die Logotherapie und Existenzanalyse nach V.E. Frankl- Begriffsbestimmung

Logotherapie leitet sich vom griechischen Wort „logos“ ab, was zum einen Geist und darüber hinaus auch Sinn bedeutet. Logotherapie kann also als „sinnorientierte Psychotherapie“ bezeichnet werden.

Den Begriff der Logotherapie führte Frankl 1926 ein, ab 1933 verwendete er auch den Begriff der Existenzanalyse (vgl. Budnik 2001, S. 93). Die Existenzanalyse verstand Frankl dabei als Spezifikation der Logotherapie (vgl. Frankl 2005, S. 66).

Beide Bezeichnungen werden von ihm synonym benutzt. Frankl sieht den Unterschied darin, dass die Logotherapie als psychotherapeutische Behandlungsmethode gilt, während die Existenzanalyse eine anthropologische Forschungsrichtung ist (vgl. Riemeyer 2002, S. 71). Die Existenzanalyse richtet den Blick auf den ganzheitlichen Menschen hinsichtlich seiner Existenz, während die Logotherapie die individuelle klinisch- therapeutische Intervention ist (vgl. Riemeyer 2002, S. 71). Mein Blick richtet sich im Sinne der Existenzanalyse auf einen Prozess der Entwicklung. Da aber Frankl die Begriffe synonym verwendet, werde auch ich beide nicht voneinander abgrenzen. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass meine Bearbeitung der Thematik nicht vom therapeutischen, sondern vom ganzheitlichen Standpunkt menschlicher Entwicklung geleitet ist.

Die Logotherapie betrachtet den Menschen als ein grundsätzlich sinnorientiertes Wesen. Diese Sinnorientierung ist Grundmotivation seines Lebens: „Die Frage nach dem Sinn des Lebens (...) ist als eine eigentlich menschliche Frage zu bezeichnen (Frankl 2005, S. 66).

Im folgenden ersten Teil meiner Arbeit möchte ich das Konzept der Logotherapie vorstellen, was es meines Erachtens zunächst erforderlich macht, kurz auf die Biographie Frankls einzugehen. Sie gilt als authentischer Beweis seiner Theorie, als „Einheit von Gedachtem und Gelebtem“ (Längle 1985, zitiert nach Riemeyer 2002, S. 29).

2.1 Viktor Emil Frankl- Begründer der Logotherapie

Viktor Emil Frankl wurde am 26.März 1905 in Wien geboren. Frankls Familie war dem jüdischen Glauben verbunden. Bereits im Alter von 15 Jahren interessierte sich Frankl für die Frage nach dem Sinn des Lebens, schrieb Gedichte und begann einen Briefwechsel mit Siegmund Freud. Mit 16 Jahren hielt Frankl seinen ersten Vortrag über den Sinn des Lebens und entwickelte bereits erste Grundgedanken seiner späteren Logotherapie. Zwanzigjährig publizierte er für Alfred Adlers Fachzeitschrift und begann schließlich 1926 ein Medizinstudium. Beeinflusst wurde sein Denken zunächst von Freuds Psychoanalyse und Adlers Individualpsychologie. Er setzte sich mit beiden Richtungen kritisch auseinander. Adler schloss ihn später aus der Gesellschaft für Individualpsychologie aus, weil Frankl sich in einer Diskussion über die Ursache von Neurosen nicht nur auf Adlers Sichtweise einließ, sondern sich auch der psychosomatischen Medizin zuwandte.

Praktische Erfahrungen sammelte Frankl unter anderem durch die Gründung eines Zentrums für Kinder- und Jugendfürsorge, das er ab 1928 leitete (vgl. Riemeyer 2002, S. 16-33).

1930 schloss Frankl sein Medizinstudium mit der Promotion ab und leitete danach innerhalb der größten psychiatrischen Klinik Österreichs „Steinhof“ den sogenannten „Selbstmörderinnenpavillon“. Zum Gegenstand seiner Forschung wurden hier die Ursachen des Selbstmordes und diese bestätigten letztlich sein Konzept der Logotherapie. 1937 eröffnete Frankl eine eigene Praxis für Psychiatrie und Neurologie, die er jedoch 1938 bedingt durch die Machtübernahme Hitlers schließen musste. Er übernahm die Leitung einer neurologischen Station in einem jüdischen Spital, in dem er auch seine Frau kennen lernte. Frankl wartete auf ein Einreisevisum in die USA, welches er kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges auch erhielt. Er entschied sich jedoch, bei seinen kranken Eltern zu bleiben. 1942 wurde die Familie Frankl nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Frankls Schwester gelang die Flucht nach Australien, sein Vater starb in Theresienstadt, seine Mutter, seine Frau und sein Bruder überlebten Auschwitz nicht. Frankl, der diese beiden Lager überlebte, wurde 1944 nach Dachau und danach nach Türkheim verlegt. Von Krankheit, Hunger und Zwangsarbeit gezeichnet, gelang es ihm, bis zur Befreiung durch die Amerikaner durchzuhalten. Er kehrte nach Wien zurück und verarbeitete seine Erlebnisse in dem Buch

„... trotzdem Ja zum Leben sagen“. Es folgte sein Buch „Ärztliche Seelsorge“, das er kurz vor seiner Deportation begonnen hatte zu schreiben (vgl. Riemeyer 2002, S. 16-33).

Frankl heiratete 1947 zum zweiten Mal, dieser Ehe entstammt eine Tochter.

Die Logotherapie wurde vor allem in den USA bekannt. 1970 übernahm Frankl die erste Professur für Logotherapie an der United States International University in den USA. Zahlreiche Institute für Logotherapie folgten. Seine Bücher, er veröffentlichte 28, wurden in zwanzig Sprachen übersetzt. Frankl starb 1997 in Wien. Er blieb bis zuletzt ein optimistischer lebensbejahender Mensch, überwand noch im Alter seine Höhenangst, war bis zum 80.Lebensjahr begeisterter Bergsteiger und erwarb 65- jährig seine Fluglizenz (vgl. Blum- Bertau, 2003, S.4-9).

Sein Leben selbst lieferte einen beeindruckenden Beweis seines therapeutischen Konzeptes:

„Ich bin nicht nur Facharzt für zwei Fächer, Neurologie und Psychiatrie, sondern auch Überlebender von vier Lagern, Konzentrationslagern, und so weiß ich denn auch um die Freiheit des Menschen, sich über all seine Bedingtheit hinauszuschwingen und selbst den ärgsten und härtesten Bedingungen und Umständen entgegenzutreten, sich entgegenzustemmen, kraft dessen, was ich die Trotzmacht des Geistes zu nennen pflege“ (Frankl 2005, S.51).

In den folgenden Kapiteln möchte ich nun, beginnend bei den Wurzeln der Logotherapie, deren weitere Spezifik herausarbeiten.

2.2 Weiterentwicklung der Psychoanalyse und Individualpsychologie

Die Logotherapie kann allgemein als Weiterentwicklung der Psychoanalyse (Freud) und der Individualpsychologie (Adler) angesehen werden. Frankls Ziel war es, den Psychologismus der bisherigen Psychotherapie zu überwinden und so strebte er deren Humanisierung an. Nach Frankl ist der Mensch heutzutage „nicht mehr sexuell, sondern existentiell frustriert. Heute leidet er weniger an einem Minderwertigkeitsgefühl, als vielmehr an einem Sinnlosigkeitsgefühl“ (Frankl 1993, S. 10).

Während die Psychoanalyse im Menschen den „Willen zur Lust“ als Mittel der Triebbefriedigung anerkennt, kritisiert Frankl vor allem, dass der geistigen Wirklichkeit des Patienten im Allgemeinen zu wenig Raum gegeben wird (vgl. Frankl 2005, S. 32). Das Individuum mit seiner Triebhaftigkeit solle hier vielmehr an die Außenwelt angepasst werden und sich mit der Realität versöhnen, der geistigen Auseinandersetzung mit dem Patienten dagegen wird keine Beachtung geschenkt.

Die Individualpsychologie sieht im Menschen den „Willen zur Macht“, der aus seinem Geltungsstreben resultiert. Selbstverwirklichung als „mutige Gestaltung der Wirklichkeit“ (Frankl 2005, S. 33) wird als Endziel des Lebens betrachtet. Deshalb wirft Frankl die Frage auf, ob nicht neben Anpassung (Psychoanalyse) und Gestaltung (Individualpsychologie) ein drittes Ziel fehle- das der inneren Erfüllung, von Frankl als Wille zum Sinn bezeichnet (vgl. Frankl 2005, S.34).

Frankl sieht im Willen zum Sinn eine notwendige Ergänzung, um dem Reduktionismus bisheriger Psychotherapie zu begegnen, die seines Erachtens nicht zum Kern der Probleme eines Patienten vordringen kann. Deshalb erscheint es ihm wichtig, dass der Arzt oder Therapeut erlernt, sich auf eine Diskussion mit dem Patienten einzulassen, ihm damit auf geistiger Ebene, dem Logos, zu begegnen und das Problem auf dieser Ebene lösen zu können (vgl. Frankl 2005, S. 40). Trotzdem weist Frankl explizit darauf hin, dass er seine Logotherapie als Ergänzung der Psychotherapie Freuds und Adlers sieht, keinesfalls als deren Ersatz. Eine Logotherapie sei auch nicht in allen Fällen angezeigt (vgl. Frankl 2005, S. 45).

Anzumerken ist, dass man in der deutschsprachigen Literatur oft auf die Logotherapie als „dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ verweist. Nach Bertau- Blum wird die Logotherapie im angloamerikanischen Raum in einem anderen Sinne als dritte Richtung eingeordnet. Hier zählt die Logotherapie zur Humanistischen Psychologie, die an dritter Stelle hinter Psychoanalyse und Verhaltenstherapie eingeordnet wird (vgl. Bertau- Blum 2003, S. 9).

2.3 Der anthropologisch- philosophische Hintergrund der Logotherapie

Neben der Psychoanalyse und der Individualpsychologie orientierte sich Frankl an der Philosophie und Anthropologie, hier vor allem an den Erkenntnissen des Philosophen Max Scheler, dessen Wertlehre als eine Grundlage für die Logotherapie angesehen werden kann. Genannt werden weiterhin E. Husserl als Begründer der Phänomenologie, N. Hartmann, der die Ontologie vertrat, sowie M. Heidegger und K. Jaspers (vgl. Budnik 2001, S. 110). Hinsichtlich des dialogischen Prinzips orientierte er sich auch an M. Buber (vgl. Riemeyer 2002, S. 37).

Generell sind es jedoch die Existenzphilosophen, hier vor allem die deutschen Vertreter Max Scheler und Karl Jaspers, in deren Lehre Frankl wesentliche Ausgangspunkte für seine Logotherapie fand. Viele seiner Begrifflichkeiten hat Frankl aus der Philosophie, vor allem der Existenzphilosophie entnommen- allen voran den Begriff der Existenz. Darunter wird in der Existenzphilosophie die Besonderheit des Menschen vor allem anderen Seienden verstanden. „Existieren heißt, aus sich selbst heraus- und sich selbst gegenübertreten, wobei der Mensch aus der Ebene des Leiblich-Seelischen heraustritt und durch den Raum des Geistigen hindurch zu sich selbst kommt. Existenz geschieht im Geist“ (Frankl, 1959, zitiert nach Riemeyer 2002, S. 73).

Nach Riemeyer sind es drei wesentliche Leistungen, an denen deutlich wird, dass Frankl zwar Schelers Gedanken als Grundlage heranzog, diese aber für das Konzept der Logotherapie veränderte und weiterentwickelte. So ist es erstens als Frankls Verdienst anzusehen, den Psychologismus überwunden und den Menschen als Ganzheit dargestellt zu haben. Die zweite Leistung besteht darin, dass Frankl die sehr abstrakt formulierte Theorie Schelers zum einen für die Psychotherapie und zum anderen auch für Laien zugänglich und verständlich machte. Drittens haben Frankls Lebenserfahrungen, allen voran seine Erlebnisse während der Deportation in vier verschiedene Konzentrationslager, dazu beigetragen, dass er seine Logotherapie selbst durchlebt und ihr dadurch eine seltene Authentizität verliehen hat (vgl. Riemeyer 2002, S. 55-56).

2.4 Die allgemeinen Ziele und Aufgaben der Logotherapie

Ziel der Logotherapie ist, dem Menschen dabei behilflich zu sein, seine Lebensaufgabe zu finden. Frankl zitiert hier Nietzsche mit den Worten: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“ (Frankl 2005, S. 101). Aufgabe des Therapeuten wäre es demnach, dem Patienten zu zeigen, „wie das Leben jedes Menschen ein einzigartiges Ziel hat, zu dem ein einmaliger Weg führt“ (Frankl 2005, S. 102).

Als Mittel, diese Aufgabe als Therapeut erfüllen zu können, dient die Existenzanalyse, die ich als spezifische Methode neben der paradoxen Intervention und der Dereflexion betrachte. Mit Hilfe der konkreten Analyse des Lebens eines Menschen wird der Blick von der Vergangenheit über die Gegenwart bis hin in die Zukunft analysiert. Hier ergeben sich aus meiner Sicht methodische Anknüpfungspunkte für die Heilpädagogik, wie z.B. die rehistorisierende Diagnostik (Jantzen), die Biografiearbeit oder die persönliche Zukunftsplanung.

Die Logotherapie ist vom Neurologen und Psychiater Viktor E. Frankl einerseits für Menschen mit Neurosen und Psychosen entwickelt worden. Darüber hinaus ist sie für alle Personen geeignet, die sich in einer schwierigen Lebenslage befinden. Das können Menschen mit Suchtproblemen, Depressionen, unheilbaren Krankheiten aber auch Arbeitslose sein oder Menschen, die durch Tod oder Unfall Angehörige verloren haben. Ebenso kann Logotherapie dem vorübergehend orientierungslosen Menschen dazu verhelfen, wieder einen Sinn im Leben zu finden. Deshalb besitzt sie meines Erachtens auch einen präventiven Ansatz, denn sie sucht nach der Möglichkeit, trotz aller Probleme eine lebensbejahende und positive Lebensauffassung entwickeln zu können (vgl. Frankl 2005, S. 71) und versucht so, Depression, Angst, Sucht, Suizid oder Ideologien vorzubeugen. Wichtigstes Vermittlungsmedium zwischen Therapeuten und Patienten ist die Sprache, Logotherapie kann also als Gesprächstherapie verstanden werden. Während Frankl der Psychotherapie vorwirft, den Menschen manipulieren und an die Wirklichkeit anpassen zu wollen, geht es der Logotherapie darum, sich mit der Weltanschauung und den Argumenten des Klienten auseinander zu setzen- auf geistiger Ebene von Mensch zu Mensch. „Wir müssen gegenüber seinen Argumenten den ehrlichen Kampf mit Gegenargumenten wagen“ (Frankl 2005, S. 40).

2.5 Drei Grundpfeiler der Logotherapie

Als Grundpfeiler oder Säulen der Logotherapie können folgende drei Teildisziplinen benannt werden:

- die Anthropologie und daraus abgeleitet das Menschenbild, welches in seiner Grundannahme von der Freiheit des Willens ausgeht.
- die Psychotherapie, die in ihrem Kern eine Motivationstheorie und Heilkunde darstellt und den Willen zum Sinn als Gegenstand betrachtet.
- die Philosophie, auf der die Logotherapie ihr Weltbild begründet und davon ausgehend den Sinn des Lebens in den Mittelpunkt rückt (vgl. Riemeyer 2002, S. 80)

Diese drei Grundsäulen charakterisieren die existenzielle Dynamik menschlichen Lebens. Während die geisteswissenschaftlichen Grundsäulen von Anthropologie und Philosophie empirisch nicht zu belegen sind, gibt es für den psychotherapeutischen Bereich durchaus wissenschaftliche Belege. E. Lukas entwickelte z.B. den Logotest, mit dem sie den „Willen zum Sinn" empirisch nachweisen kann.

2.5.1 Die anthropologische Grundsäule- die Freiheit des Willens

Frankls Menschenbild entstand aus der Auseinandersetzung mit der dimensionalontologischen Betrachtung des Menschen. Vordenker dieser Theorie waren Nicolai Hartmann und Max Scheler. Ausgehend vom philosophischen Begriff der Ontologie[3] weitete Frankl die Ansätze eines Schichtenmodells von Hartmann und Scheler zur Theorie der Dimensionalontologie aus (vgl. Budnik 2001, S. 110). Nach der Dimensionalontologie ist der Mensch sowohl Einheit als auch Ganzheit dreier „Seinsschichten“, der leiblichen, seelischen und geistigen. Der Mensch gestaltet diese Einheit und Ganzheit durch seine geistigen Fähigkeiten (vgl. Frankl 2005, S. 337). Frankl geht zwar einerseits von der leiblich- seelisch- geistigen Einheit aus, hebt aber andererseits die geistige Ebene als die das Menschsein Prägende hervor. Hierin zeigt sich letztlich die Spezifik der Logotherapie, denn erst durch die geistige Dimension, von Frankl auch Noëtisches genannt, ist es dem Menschen möglich, sich zu entwickeln und sein Leben zu gestalten.

Von meinem heilpädagogischen Verständnis ausgehend ist der Mensch bei Frankl vor allem Akteur seiner eigenen Entwicklung. Diese Aussage wird auch in der von Frankl hervorgehobenen Freiheit des Willens deutlich.

2.5.1.1 Die Freiheit des Willens

Frankl geht von einer unbedingten Willensfreiheit aus, das heißt der Mensch ist immer frei, sich in einer Situation zu entscheiden. In dieser Freiheit ist er jedoch zugleich von seinem Schicksal abhängig. Für Frankl heißt das auch, die Vergangenheit anzunehmen und hinter sich zu lassen, um die Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Fehler der Vergangenheit sind „fruchtbares Material“ für die Gestaltung der Zukunft (vgl. Frankl 2005, S. 133).

Der Mensch kann sich über Lebensbedingungen hinwegsetzen. Er kann sein Leben frei gestalten- auch in der Abhängigkeit bestimmter Bindungen. In diesen Bindungen sieht Frankl zwar Angriffspunkte für die Freiheit des Willens, aber beide, sowohl Freiheit als auch Bindungen, bedingen einander. Aus dieser Wechselseitigkeit erwächst der „Zwang zur Wahl unter den Möglichkeiten“ (Frankl 2005, S. 131). Es gibt im Leben eine Vielfalt von Möglichkeiten und der Mensch tut oft nur so, als ob er keine Wahl hätte- Frankl nennt dies die „Tragikomik des Menschen“ (Frankl 2005, S. 131).

2.5.1.2 Die Trotzmacht des Geistes

Die Freiheit des Willens beruht auf der menschlichen Kompetenz der Trotzmacht des Geistes. Sie bildet zusammen mit den menschlichen Fähigkeiten der Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung die existenziellen Kompetenzen des Menschen. Die Trotzmacht des Geistes vollzieht sich auf drei Schicksalsebenen:

1. als biologisches Schicksal (Anlage)
2. als soziologisches Schicksal (äußere Situation, Lage)
3. als psychologisches Schicksal (Verhalten)

Damit werden aus heutiger Sicht alle miteinander vernetzten Bedingungen der bio- psycho- sozialen Ganzheit des Menschen charakterisiert.

Die Trotzmacht des Geistes als im Menschen angelegter Widerstands- bzw. Schutzfaktor ist auch Gegenstand der Resilienzforschung sowie des Konzeptes der Salutogenese nach Antonovsky. Auf beide Konzepte werde ich ab Gliederungspunkt 3.6 der Diplomarbeit näher eingehen.

2.5.1.3 Selbsttranszendenz und Selbstdistanzierung

Unter Selbsttranszendenz versteht Frankl eine typisch menschliche Fähigkeit in Form der Intentionalität auf etwas oder jemanden. „Wirklich Mensch wird der Mensch also erst dann und ganz er selbst ist er nur dort, wo er in der Hingabe an eine Aufgabe aufgeht, im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer anderen Person sich selbst übersieht und vergisst“ (Frankl 1993, S. 10).

Riemeyer vergleicht die Selbsttranszendenz mit dem „Flow[4] - Erlebnis“ (vgl. Riemeyer 2002, S. 123) Ich sehe hier auch eine Parallele zur Beobachtung des Phänomens der Polarisation der Aufmerksamkeit durch die Pädagogin Maria Montessori. Auch hier ist das Kind so in seiner Tätigkeit versunken, dass es sich selbst vergisst und schließlich, nachdem es seine Aufgabe gelöst hat, ein Gefühl tiefer innerer Erfüllung und Zufriedenheit erfährt.

Als Gegenstück zur Selbsttranszendenz betrachtet Frankl die Fähigkeit des Menschen zur Selbstdistanzierung. Sie ermöglicht ihm, von sich selbst abzurücken und sich von seinem Verhalten zu distanzieren, zu einer Tat, Handlung oder Verhaltensäußerung Stellung zu beziehen. Von sich selbst abzurücken, gelingt dem Menschen vor allem durch den Einsatz von Humor, den Frankl unter anderem in seiner Therapie der Neurosen anwendet (vgl Frankl 2005, S. 243).

2.5.2 Die psychotherapeutische Grundsäule- der Wille zum Sinn

Nach Frankl kann die Logotherapie in drei Formen angewandt werden (vgl. Riemeyer 2002, S. 83- 86):

- als spezifische Therapie bei noogenen Neurosen
- als unspezifische Therapie
- als Form der ärztlichen Seelsorge

Frankl unterscheidet noogene Neurosen von den psychogenen. Die noogenen Neurosen beruhen auf Konflikten oder Krisen, die sich auf geistig- existenzieller Ebene ereignen. Sie äußern sich bei Betroffenen in einem Leere- und Sinnlosigkeitsgefühl, dem "existenziellen Vakuum". Apathie, Langeweile, Interessenlosigkeit, Müdigkeit bis hin zu Depressionen sind Merkmale dieses Leeregefühls. Die Symptome ähneln oftmals denen der psychogenen Neurosen. Die Logotherapie soll in diesem Fall den Blick des Klienten für die Wertevielfalt des Lebens öffnen, der Klient soll sich zur Welt neu in Beziehung setzen.

Als unspezifische Therapie findet die Logotherapie Anwendung bei psychogenen Neurosen, wie z.B. Angst- Zwangs- oder Sexualneurosen. Hier dient sie vor allem als Ergänzung weiterer psychotherapeutischer Anwendungen. Dies geschieht durch zwei von Frankl entwickelte Techniken, die "paradoxe Intention" und die "Dereflexion".

Als "Ärztliche Seelsorge" betrachtet Frankl eine Grundhaltung des Arztes. Hier geht es darum, dem Patienten auf geistiger Ebene, das heißt von Mensch zu Mensch zu begegnen. Ärztliche Seelsorge dient auch all den Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen trauern und leiden. Ziel ist, die Einstellung des Menschen zu seinem "Leiden" zu relativieren und zu verändern.

Frankl, der den Begriff der "Seelsorge" gebraucht, möchte hier keinen Glauben vermitteln. Die Logotherapie ist offen für alle Menschen und setzt auch beim Arzt oder Therapeuten keine Religion voraus, wohl aber ein entsprechendes Welt- und Menschenbild.

Vor allem Frankls Menschenbild ist für mich als zukünftige Heilpädagogin von Bedeutung. Für ihn ist es selbstverständlich, dass jedes Leben seinen Wert hat (vgl. Frankl 2005, S. 95). Kein Arzt, so Frankl, darf je über Wert oder Unwert eines Menschenlebens richten. Er habe zunächst den gesellschaftlichen Auftrag zu helfen, zu heilen oder Schmerzen zu lindern und dies unabhängig davon zu tun, ob der Patient nun unheilbar körperlich oder geistig krank sei: „Denn wer wollte prophezeien, wie lange eine als unheilbar geltende Psychose überhaupt noch als unheilbar wird angesehen werden müssen“ (Frankl 2005, S. 96).

Auch das Bild vom „kranken“ Menschen ist bei Frankl im Sinne der Heilpädagogik auf dessen Kompetenzen ausgerichtet. Für Frankl ist die „geistige“ Krankheit nicht in erster Linie Symptom, sondern eine Leistung, die der Kranke entweder bereits vollbracht hat oder die er mit Unterstützung eines Therapeuten noch vollziehen kann.

Für Frankl ist jede Person „geistig“ und deshalb gibt es auch keine Krankheiten des Geistes- denn der „Geist (einer Person) kann überhaupt nicht krank werden, und auch noch hinter der Psychose ist sie da, wenn auch selbst dem Blick des Psychiaters kaum sichtbar“ (Frankl 2005, S. 332).

2.5.2.1 Der Wille zum Sinn

Grundannahme der Logotherapie als Psychotherapie ist der im Menschen innewohnende „Wille zum Sinn“ als primäre Motivationskraft. Dieser Wille zum Sinn bildet die einzige der drei Säulen in der Logotherapie, die experimentell bewiesen wurde (vgl. Frankl 1996, S. 10).

Gesellschaftliche Bedingungen wie wir sie heute allgemein vorfinden, können diesen Willen immer wieder frustrieren. Folge dessen ist ein allgemeines Sinnlosigkeitsgefühl, eine Sinnleere, die Frankl als „existenzielles Vakuum“ bezeichnet. Frankl führt dies hauptsächlich auf die fehlenden Traditionen und Instinkte zurück, die Menschen heute, im Gegensatz zu früher, zu einer allgemeinen Orientierungslosigkeit und damit auch Wertblindheit führen.

Eine vorübergehende Leere ist dabei nach Frankl noch kein Anzeichen von Krankheit. Es macht vielmehr das Menschsein aus, sich immer von Neuem mit seinem Leben auseinander zu setzen, sein Tun immer wieder in Frage zu stellen. Bleibt das Sinnlosigkeitsgefühl jedoch bestehen, so können sich Depressionen, aggressives Verhalten, Sucht oder Suizidgedanken verfestigen.

Sinn muss vom jeweiligen Menschen auch immer selbst gefunden werden, kein Arzt oder Therapeut kann ihn verordnen- er kann lediglich beim Aufzeigen von Sinnperspektiven helfen.

Nach Frankl ist der Sinnglaube stets im Menschen vorhanden- er ist bewusst oder unbewusst allgegenwärtig. Damit ist dieser Sinnglaube transzendent, d. h. jenseits des menschlichen Bewusstseins. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens kann es keine verbindliche Antwort geben, niemand kann den Sinn seines Lebens planen, erzwingen oder vorhersehen. Den Endzweck seines Lebens kann der Mensch nicht erfassen, aber er kann in jeder Situation des Lebens Entscheidungen treffen und damit sein Leben beeinflussen.

Damit einher geht auch die Frage nach der persönlichen Verantwortung. Der Mensch hat Verantwortung gegenüber einem Sinn- er hat sein Leben zu verantworten. Dieses Verantwortlichsein sieht Frankl als „Wesensgrund der menschlichen Existenz“ (Frankl 2005, S. 66). Verantwortliche Entscheidungen trifft der Mensch dabei durch die Instanz des Gewissens. Frankl nennt das Gewissen deshalb auch das „Sinn- Organ“. Das Gewissen ist ein „spezifisch menschliches Phänomen“ und ließe sich definieren als „intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren“ (Frankl 2005, S. 87). Zurecht weist Frankl auf die Schwierigkeit des Menschen hin, sich auf sein Gewissen verlassen zu können. Der Mensch kann eine „falsche“ Entscheidung treffen und sich irren. Mit diesem Risiko muss er leben lernen, um sich auch seiner Endlichkeit bewusst werden zu können (vgl. Frankl 2005, S. 89).

Frankl formuliert drei Wertkategorien zur persönlichen Sinnfindung innerhalb der logotherapeutischen Behandlung.

2.5.2.2 Die Wertkategorien als Wege zum Sinn

Frankl nennt drei Wertkategorien, die zur Sinnfindung verhelfen:

die schöpferischen Werte, die durch das Schaffen eines Menschen gekennzeichnet sind. Hierzu zählen z.B. handwerkliches und künstlerisches Schaffen, jegliche geistige Arbeit, Beziehungsarbeit, Konfliktbewältigung, Krisenintervention, Persönlichkeitsbildung etc.(vgl. Wagerer 2001, S.4).

Unter der zweiten Kategorie, den Erlebniswerten, sind sinnfüllende Inhalte aus Kunst, Natur, Kultur, Sport, Spiel etc. zu verstehen, die dem Menschen Genuss und Freude verschaffen, sei es auch nur für einen Augenblick, und ihm damit zu einer Sinnfülle verhelfen. Hierunter zählen auch Erlebnisse wie Freundschaften und alle Arten zwischenmenschlicher Beziehungen (vgl. Frankl 2005, S. 92). Eine besondere Rolle innerhalb der Erlebniswerte nimmt die Liebe ein, als Form der Begegnung, in der ein einzigartiges Wesen als „Du erfasst und als solches in ein Ich aufgenommen wird“ (Frankl 2005, S. 179).

Aber auch, wenn einem Menschen schöpferische Werte und Erlebniswerte versagt bleiben, so könne nach Frankl, das Leben noch sinnvoll sein- mit Hilfe der dritten und höchsten Wertkategorie- den Einstellungswerten. Sie kennzeichnen die Fähigkeit des Menschen, sich zu den Einschränkungen seines Lebens einzustellen. Hierunter zählen also alle geistigen Auseinandersetzungen und Stellungnahmen im Hinblick auf Trauer, Verlust, Trennung, Krankheit, Tod, Glaubensfragen, Liebe, Ehe, Partnerschaft, Politik, Ideologien (vgl. Wagerer 2001, S.4). Sie verkörpern also alles das, was das Leben in der Gesellschaft und in der Welt an Fragen aufwirft, denen man sich persönlich stellt bzw. stellen muss.

Die drei Wertkategorien wechseln dabei im Laufe des Lebens immer wieder einander ab, der Mensch muss also auch in der Lage sein, von einer in die andere Wertegruppe zu wechseln. Er benötigt „eine elastische Anpassung an die Chancen, die das Leben ihm gibt“ (Frankl 2005, S. 91). Die jeweiligen Werte dieser Wertkategorien bezeichnet Frankl auch als „Sinn- Universalien“. Diese werden mitbestimmt durch die jeweils geltenden gesellschaftlichen Regeln sowie die moralischen und ethischen Prinzipien, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändern. Der Mensch gerät durch seine eigenen Wertvorstellungen in Wertekonflikte mit den gesellschaftlich formulierten Werten. Frankl nennt dies die „Wahl zwischen einander widersprechenden Prinzipien“ (Frankl 2005, S. 90). Übergeordnete Instanz dieses Konfliktes bildet das Gewissen, das dafür verantwortlich ist, dass der Mensch „frei, aber nicht willkürlich, sondern verantwortlich eine Entscheidung trifft (Frankl, 2005, S. 90).

Generell spricht Frankl sich gegen das psychoanalytische Homöostase- Prinzip aus. Dieses geht davon aus, dass sich im Menschen stets ein Gleichgewicht bilden muss. Frankl dagegen geht von der gesunden existenziellen Dynamik, der „Spannung zwischen Sein und Sollen“ als Antrieb menschlicher Entwicklung aus. Diese Spannung findet zwischen Realität (Sein) und Ideal (Sinn) des Menschen statt. Frankl nennt diese Spannung auch „Noodynamik“ (Frankl 2005, S. 109). Diese Spannung ist nach logotherapeutischer Auffassung im Wesen des Menschen verankert. Dabei muss der Sinn dem Sein voraus sein, das heißt der Sinn wird zum Schrittmacher des Seins (vgl. Frankl 2005, S. 114).

2.5.3 Die philosophische Grundsäule- der Sinn des Lebens

In der Philosophie ist der Ausdruck vom „Sinn des Lebens“ etwa seit dem 19. Jahrhundert geläufig, wogegen die Sinnsuche so alt sein dürfte wie die Philosophie selbst. Philosophie ist als Frage nach dem Sein unweigerlich mit der Frage nach dem Sinn des Seins verbunden. Frankl hat sich mit vielen philosophischen Auffassungen auseinandergesetzt und wie schon beschrieben, vor allem an Max Scheler orientiert.

Frankl geht davon aus, dass das Leben unter allen Umständen Sinn hat und dass der Mensch- so widrig seine Lebensumstände auch sein mögen, diesen Sinn sucht und auch finden kann. Auch Leid und Tod verstehen sich demnach als Teil des Lebens. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist etwas typisch Menschliches. Sie unterscheidet den Menschen vom Tier.

Die philosophische Grundsäule schließt das Menschenbild Frankls ein, auf das ich bereits im Konzept der Ärztlichen Seelsorge kurz eingegangen bin.

Der Sinn des Lebens ist geprägt durch dessen „Aufgabencharakter“ (Frankl 2005, S. 101), wobei jedem Menschen in seiner Einzigartigkeit eine jeweils einmalige und einzigartige Aufgabe gestellt ist, deren Erfüllung ein ebenso einzigartiger Weg ist. Das Leben selbst stellt dabei die Fragen, der Mensch hat diese Fragen durch sein Handeln, durch seine Existenz zu beantworten. Dabei ist die Länge des Menschenlebens nicht gleichbedeutend mit der Sinnfülle zu sehen. Leiden ist für Frankl gleichsam seelische Lebendigkeit. Leiden heißt reifen und wachsen- die Erfahrung des Leidens macht den Menschen reicher und mächtiger (vgl. Frankl 2005, S. 160). Frankls Leidensbegriff geht von einer Triade aus, auch „Tragische Trias“ genannt. Diese umfasst menschliche Erfahrungen wie Leid, Schuld und Tod.

2.6 Methodisches Repertoire der Logotherapie

Frankl selbst betont, dass Technik und Methodik nicht überschätzt werden dürfen. Der Mensch ist in erster Linie Person, nicht Mechanismus und dies erfordere vor allem die Emotionalität in der therapeutischen Begegnung. Therapeut und Klient nutzen vorhandene Kompetenzen und suchen nach Aufgaben, die sich genau durch diese Fähigkeiten bewerkstelligen lassen. Auch die Befähigung zur Entscheidung kann dabei Ziel sein (vgl. Riemeyer 2002, S. 89). Vermittlungsmedium ist die Sprache, die über den Dialog gestaltet wird. Dieser Dialog muss jedoch den Logos (Geist, Sinn) zum Gegenstand haben. Sonst kann sich die Logotherapie aller anderen therapeutischen Methoden bedienen, wie etwa der klientenzentrierten Gesprächstherapie, Gestalttherapie etc.. Als Vorbild des Gesprächs dienen das „dialogische Prinzip“ nach Buber, sowie der „sokratische Dialog“ (vgl. Riemeyer 2002, S. 90- 91).

Im Unterschied zu anderen Gesprächstherapien ist die Logotherapie nicht wertneutral und die Annahme der Person bedeutet nicht die Annahme dessen, was die Person sagt. Es geht hier eher um die Auseinandersetzung auf geistiger Ebene, der Logotherapeut prüft Gesagtes hinsichtlich der Werthaftigkeit, Wirklichkeitsnähe und Verantwortbarkeit. Dies soll aber nicht in Form der moralisierenden Belehrung, sondern über den Dialog erfolgen.

Für Frankl galt auch das Buch als therapeutisches Mittel (vgl. Riemeyer 2002, S. 93- 94). Er lieh seinen Patienten Bücher aus, die ihnen als Hilfe zur Selbsthilfe dienen sollten. In den USA wurde daraus die Bibliotherapie, die Therapie durch Einbeziehung von Büchern, entwickelt.

Während Frankl die Logotherapie als Einzeltherapie verstanden wissen wollte, wurde in der Weiterentwicklung durch Elisabeth Lukas ebenso die Gruppentherapie als mögliche Intervention etabliert.

Frankl entwickelte zwei wesentliche Methoden für die Behandlung noogener Neurosen: die paradoxe Intention und die Dereflexion. Elisabeth Lukas, Schülerin von Frankl, entwickelte später noch die Einstellungsmodulation. Ansonsten gibt es kein spezifisches methodisches Repertoire. Nach Frankl muss der Therapeut vor allem die Bereitschaft zur Improvisation beherrschen (vgl. Frankl 1993, S. 33).

2.6.1 Methode der paradoxen Intention

Als spezielle logotherapeutische Technik entwickelte Frankl für die unspezifische Therapie die Methode der „paradoxen Intention“, die laut Frankl erfolgreich bei phobischen Zuständen, Erwartungsangst und sexuellem Versagen angewandt wurde. Sie fordert den Patienten auf, sich genau das zu wünschen, wovor er sich fürchtet. Der Patient soll befähigt werden, „seiner Angst ins Gesicht zu lachen und sich dadurch von ihr zu distanzieren“ (Frankl 2005, S.245). Die paradoxe Intention baut auf die Fähigkeit zur Selbstdistanz und bedient sich dabei durchaus auch der Ironie.

Frankl hatte seine Bücher überwiegend für Laien geschrieben. So konnte gerade die Methode der paradoxen Intention auch als Hilfe zur Selbsthilfe angewandt werden und viele Menschen taten dies auch mit Erfolg, wie zahlreiche Briefe an Viktor E. Frankl bewiesen haben.

Die paradoxe Intention wird immer nur kurzzeitig angewandt, in dem Moment, wenn beim Klienten Angst oder Zwang entstehen.

2.6.2 Die Methode der Dereflexion

Die paradoxe Intention wirkt aufgrund der Erwartungsangst des Patienten. Frankl diagnostizierte neben der Erwartungsangst beim Angstneurotiker auch einen Beobachtungszwang. Zur ängstlichen Erwartung gesellt sich ein Zwang zum Beobachten, ob das Erwartete sich ereignet. So entsteht ein Teufelskreis.

Der Zwangsneurotiker hat im Gegensatz zum Angstneurotiker ein überausgeprägtes Gewissen, was zu diesem Beobachtungszwang führt. Er will alles hundertprozentig richtig tun und scheitert daran (Frankl 1993, S. 170). Die Dereflexion leitet nun den Patienten an, die Symptome seiner Neurose zu ignorieren, der Patient soll sich letztlich selbst ignorieren. Das geht nach Frankl nur, wenn die Person an ihrem Symptom vorbei agiert und auf etwas anderes hin existiert (vgl. Frankl 1993, S. 171). In der Psychotherapie werden mit dem Patienten konkrete Sinnmöglichkeiten analysiert und erarbeitet. Die Dereflexion baut dabei auf die menschliche Fähigkeit der Selbsttranszendenz und kann im Gegensatz zur paradoxen Intention über einen längeren Zeitraum angewandt werden.

2.6.3 Die Einstellungsmodulation

Diese Technik wurde von Frankls Schülerin Elisabeth Lukas in die Logotherapie übernommen. Hierbei geht es um die Einstellung des Menschen zu positiven oder negativen Sachverhalten seines Lebens. Er kann sie als unveränderbar akzeptieren oder er kann sie durch seine Einstellung verändern, es soll also eine Wende von einer negativen zu einer positiven Einstellung herbeigeführt werden. Möglich wird dies in der Praxis durch das Erarbeiten von Problemlösungsstrategien, Konfliktlösungsstrategien, imaginären Zeitreisen usw.. Hier ist letztlich wieder die Kreativität des Therapeuten gefragt (vgl. Riemeyer 2002, S. 104).

Abschließend sei erwähnt, dass interdisziplinäres Arbeiten für Frankl sehr wichtig war. Im Zentrum jeglichen therapeutischen Intervenierens hat seiner Meinung nach immer der Mensch mit seinem Problem zu stehen. Technik und Methode sind dabei nur Möglichkeiten und wo ein Vertrauensverhältnis fehlt, werden diese nicht zum Erfolg führen können.

2.7 Die Logotherapie und ihre Weiterentwicklung in der Gegenwart

Die Schülerin und Mitarbeiterin von Viktor E. Frankl, Elisabeth Lukas, entwickelte die Logotherapie in Österreich weiter und machte sie auch in Deutschland bekannt.

Daneben haben sich Fachleute verschiedener Berufsgruppen, darunter auch Pädagogen, in der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (DGLE) vereint. Nach Riemeyer verbreitet die DGLE überwiegend die klassische Logotherapie, während der Wiener Logotherapeut, Arzt und Psychologe Alfried Längle, der auch Vorsitzender der Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) mit Sitz in Wien ist, eher neue Wege ging. Er entwickelte die sogenannte „personale Existenzanalyse“ mit einer Reihe von Methoden und Techniken und gab innerhalb seiner Weiterentwicklung den Emotionen und Affekten des Menschen mehr Raum als die klassische Logotherapie (vgl. Riemeyer 2002, S. 233). Längle gelang es aus meiner Sicht, das teilweise sehr appelative und auf das Geistige im Menschen bezogene Konzept Frankls mit größerer Realitätsnähe und Interdisziplinarität umzusetzen.

Vielleicht ist es auch grundsätzlich erst möglich, die Logotherapie aus der Erfahrung eigenen Leids zu verstehen. Einige Autoren verweisen darauf, aus eigener Leid- Erfahrung und aufgrund persönlicher Krisen die Hinwendung zur Logotherapie gesucht zu haben. „Trotzdem ja zum Leben sagen“ erweist sich fast als logotherapeutischer Leitspruch für Menschen, die aus eigener Kraft oder mit therapeutischer Hilfe Lebenskrisen bewältigt haben.

2.8 Die Logotherapie in ihrer Bedeutung für mich- als sich ständig weiterentwickelnde Heilpädagogin

Die Logotherapie ist nicht erst durch die Diplomarbeit zu einem für mich interessanten Ansatzpunkt heilpädagogischen Handelns geworden. Während des Studiums kam ich oft an persönliche Grenzen innerhalb meines beruflichen Selbstverständnisses, die teilweise auf Praktikumserfahrungen beruhten und die mich schnell auf den Boden der Realität zurückholten. So absolvierte ich mein erstes Praktikum in einem Wohnheim für ältere Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung. Deren Alltag war geprägt von Langeweile, von aufgezwungener Initiativlosigkeit, die oftmals Auslöser für weitere psychische Auffälligkeiten wurde. Dies wurde jedoch vom Personal konsequent ignoriert und zum ersten Mal stand ich vor der existenziellen Frage meines heilpädagogischen Selbstverständnisses. Ich hatte die Wahl, mich entweder dem „Trott“ des Pflegens und Aufbewahrens anzuschließen oder eigenaktiv mein Verständnis von Heilpädagogik sechs Monate lang umzusetzen. Ich entschied mich für letzteres und kämpfte gegen Ignoranz und Arroganz der Betreuer an. Ich hatte nur wenige Verbündete aber dankbare Heimbewohner und allein dies bestärkte mich dabei, der Ignoranz des Personals zu trotzen.

Ich verließ mich auf meinen Verstand und mein Gewissen sowie auf mein Menschenbild, das ich mir nach den ersten Studiensemestern erarbeitet hatte und lebte dies konsequent im Heimalltag- soweit mir dies als Praktikantin möglich war. Neben meiner heilpädagogischen Begleitung innerhalb der Wohngruppe konnte ich immerhin auch den Mitarbeitern Denkanstöße und Anregungen geben, über deren eigenes berufliches Selbstverständnis nachzudenken. Den Appell Frankls hinsichtlich der Verantwortung für andere, hinsichtlich des Reflektierens des eigenen Handelns, des Befragens des Gewissens, die Pflicht, sich zu positionieren, zu etwas Stellung zu nehmen, sein Tun zu verantworten... all dies waren Erfahrungen, die ich in diesem ersten Praxissemester sammelte und die mich in meinem Denken bestärkten. Ich konnte viele Bewohner zu einer sinnorientierten Freizeitgestaltung anleiten. Sechs Monate hatte ich Zeit, den Alltag gemeinsam mit ihnen zu bewältigen. Dieses gemeinsame Tun, vor allem auf der Ebene der von Frankl beschriebenen schöpferischen Werte und Erlebniswerte, brachte sowohl den Bewohnern als auch mir neue Einsichten und Erkenntnisse.

In meinem zweiten Praktikum in der „Förderschule für geistig Behinderte“ konnte ich weitere Erfahrungen sammeln. Durch gemeinsame Aktivitäten wurden auf der Ebene der Einstellungs-, Erlebnis- und schöpferischen Werte auch Möglichkeiten einer Sinnfindung für einzelne Schüler sichtbar. Dabei war jedoch immer erkennbar, dass jeder für sich selbst eine Perspektive entwickeln muss und dass es hier Aufgabe des (heil)pädagogisch Tätigen ist, diese Entwicklung zu begleiten, Impulse zu geben und verschiedene Sinn- Angebote aufzuzeigen. Je vertrauensvoller die Beziehung zwischen Begleiter und zu Begleitendem ist, desto vielfältiger sind auch die gefundenen Sinn- Möglichkeiten.

Ich sehe die Theorie der Logotherapie als Ergänzung und Bereicherung meines (heil) pädagogischen Handelns. Ich bin wie Frankl überzeugt, dass jeder Mensch zunächst sein Leben gestalten will, also nach Sinnhaftigkeit strebt. Je sozial integrierter ein Mensch in eine Gemeinschaft ist, desto besser wird ihm dies auch gelingen können. In Anlehnung an die Ausführungen von Jantzen hinsichtlich der Grundbestandteile eines therapeutischen Prozesses sehe ich den Ansatzpunkt für logotherapeutisch orientiertes (heil) pädagogisches Handeln in der „Unterstützung bei der Rückgewinnung einer eigenen Lebensperspektive“ (Jantzen 1990 b, S. 325). Damit gibt mir die Logotherapie Impulse zum handlungsorientierten heilpädagogischen Begleiten, etwa durch das Auffinden konkreter Sinn- Möglichkeiten auf Basis der von Frankl definierten drei Wertstraßen. Logotherapie ermuntert zu (heil)pädagogischer Kreativität und zum Mut zur Improvisation. Basis dafür bildet ein wertschätzendes Menschenbild und der Optimismus, dass sich trotz ungünstiger Bedingungen vieles zum Besseren wenden kann. Grundlage für Veränderungen bilden dabei immer die Begegnung und Beziehung. Gerade im Umgang mit Jugendlichen stellt die Beziehungsgestaltung eine besondere Herausforderung dar. Junge Menschen suchen einerseits nach Sinnmöglichkeiten und entfernen sich in diesem Prozess andererseits zunehmend von den erwachsenen Bezugspersonen. Die „zweite Geburt der Persönlichkeit“ (Leontjew) birgt deshalb besondere Entwicklungsrisiken, auf die ich im folgenden Abschnitt eingehen möchte.

3 Auf der Suche nach Sinn- Entwicklung Jugendlicher zwischen Risiko und Resilienz

„Die Sinnfrage in ihrer ganzen Radikalität kann einen Menschen geradezu überwältigen. Dies ist zumal in der Pubertät häufig der Fall, zur Zeit also, wo die wesenhafte Problematik des menschlichen Daseins dem geistig reifenden und geistig ringenden jungen Menschen sich auftut“ (Frankl 2005, S. 67).

Bevor ich auf die Problematik des Jugendalters und auf die Bedeutung der Resilienzforschung eingehen werde, möchte ich den Begriff „Sinn“ näher untersuchen, da er als zentraler Terminus der Logotherapie auch Bestandteil einer sinnorientierten (Heil) Pädagogik ist.

[...]


[1] Mein Verständnis von Heilpädagogik orientiert sich an Paul Moor, für den Heilpädagogik zunächst einmal Pädagogik ist. Im Zentrum steht also der konkrete Mensch, nicht die Behinderung. Erziehung verstehe ich als einen Prozess der Begleitung, ich verwende die Begriffe Erziehung und Begleitung synonym.

[2] Für mich ist Behinderung ein Problem auf gesellschaftlicher Ebene, nicht auf individueller. Ich kann dennoch auf den Begriff nicht verzichten, versuche jedoch ihn durch den Begriff der Lebenserschwernis oder Lernschwierigkeit zu ersetzen.

Da Förderschulen noch den Begriff der „geistigen Behinderung“ verwenden, werde ich ihn vor allem dann benutzen, wenn es sich um Beispiele aus meinem Praktikum handelt.

[3] Der Begriff entstammt dem Griechischen und bedeutet „Seinslehre“. Sie ist eine philosophische Lehre vom Sein, sie untersucht die Möglichkeiten und Bedingungen alles Seienden (vgl. Jugendlexikon Philosophie 1986, S. 140).

[4] Mit Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) wird das lustbetonte Gefühl des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit bezeichnet.

„Flow kann als Zustand beschrieben werden, in dem Aufmerksamkeit, Motivation und die Umgebung in einer Art produktiven Harmonie zusammentreffen“ (Wikipedia).

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Das logotherapeutische Konzept Viktor Emil Frankls in seiner Bedeutung für die Heilpädagogik
Untertitel
Zur Möglichkeit einer sinnorientierten Erziehung am Beispiel des Jugendalters
Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Zittau
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
79
Katalognummer
V79143
ISBN (eBook)
9783638804523
ISBN (Buch)
9783638820585
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzept, Viktor, Emil, Frankls, Bedeutung, Heilpädagogik
Arbeit zitieren
Claudia Pöpping (Autor), 2007, Das logotherapeutische Konzept Viktor Emil Frankls in seiner Bedeutung für die Heilpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79143

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