Nicht zuletzt durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft und der Kapitalmärkte wurde der Ruf nach einer internationalen und damit vergleichbareren Rechnungslegung immer lauter. Doch die aktuell bestehenden Regelungen der internationalen Rechnungslegung rufen eine große Protestwelle hervor, die nicht nur in den Fachzeitschriften, sondern zeitweise auch in der Tagespresse zu lesen ist. Diese Regelungen werden teilweise sogar als „diskriminierend“ und „nicht rechtsformneutral“ verschrien.
SCHILDBACH zitiert den Vorstandsprecher des angesehenen IDW, der vorhersagt, dass es in spätestens zehn Jahren keine Rechnungslegung nach dem HGB mehr geben wird. Dadurch würde auf diejenigen, die sich bisher noch nicht mit diesem Thema befasst haben, etliche Neuerungen zukommen.
Was würde das allerdings bedeuten? Die Beantwortung dieser Frage wird einen nicht unerheblichen Teil dieser Arbeit einnehmen.
Ein wesentlicher Aspekt einer Rechnungslegung ist Vorgabe für die Darstellung der Höhe des Eigen- und Fremdkapitals und die sich daraus ergebende Relation zueinander. Aus einigen Artikeln im Schrifttum kann die Befürchtung der Autoren erkannt werden, dass bei der aktuellen internationalen Rechnungslegung bei einigen Gesellschaftsformen, speziell die Personenhandelsgesellschaften und die Genossenschaften betreffend, das gesamte Eigenkapital u.U. nicht mehr ausweisbar wäre, sondern dieses als Fremdkapital deklariert werden müsse. Sogar die Verpflichtung wäre möglich, noch Beträge darüber hinaus als Fremdkapital darstellen zu müssen, so dass ein Bild der Überschuldung im Bilanzausweis entstehen würde. Das hätte allerdings gravierende Auswirkungen.
Auf die einzelnen Auswirkungen, die von der Kapitalbeschaffung, über die Ausschüttung bis hin zur Anrechnung in der Gewinn- und Verlustrechnung und damit als Grundlage der Besteuerung dienen, wird in dieser Arbeit jedoch nicht umfassend eingegangen. Vielmehr soll, nicht nur, um die vorgebrachte Kritik überhaupt zu verstehen, sondern um sich auch des Problems bewusst zu werden und um einige im Schrifttum aufgezeigte Lösungswege beurteilen und weiterentwickeln zu können, eine umfassende Analyse des Problems betrieben werden.
Dies ist das Ziel dieser Arbeit. Der Leser soll einen umfassenden Eindruck bekommen, welche Möglichkeiten einer Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital im Schrifttum bereits erarbeitet wurden und wo bei diesen Ansätzen Vor- und Nachteile liegen. Es werden auch einige Anregungen zur Problemlösung gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Themenstellung und Ziele der Arbeit
1.2. Verlauf der Arbeit
2. Funktionen des Jahresabschlusses
2.1. Begriffsbestimmungen und Überblick
2.2. Adressatenkreise und deren Hauptaugenmerk beim Jahresabschluss als Informationsquelle
3. Festlegung von Bewertungskriterien zur Abgrenzung sowie Eingrenzung der weiteren Betrachtung der Arbeit
4. Abgrenzung des Eigenkapitals vom Fremdkapital in der ökonomischen Theorie
4.1. Überblick zur Vorgehensweise
4.2. Eigenkapital als Residualgröße von Aktiva und Schulden
4.3. Abgrenzung durch Merkmale der Rechtsposition
4.3.1. Übersicht der Finanzierungsarten
4.3.2. Abgrenzung zwischen Eigen- und Fremdfinanzierung
4.3.2.1. Auswahl der Abgrenzungskriterien und deren Erklärung
4.3.2.2. Umgang mit den Merkmalen
4.4. Abgrenzung durch Risikoübernahme
4.4.1. Darstellung und Bewertung der Abgrenzung nach SWOBODA
4.4.2. Darstellung und Bewertung der Abgrenzung nach KNABE/WALTHER
4.5. Funktionale Abgrenzung des Kapitals
4.5.1. Vorbemerkung
4.5.2. Errichtungsfunktion
4.5.3. Finanzierungsfunktion
4.5.4. Arbeitsfunktion
4.5.5. Kontinuitätsfunktion
4.5.6. Gewinnverteilungsfunktion
4.5.7. Reputationsfunktion
4.5.8. Haftungsfunktion
4.6. Fazit der Abgrenzungsmethoden in der ökonomischen Theorie
5. Vergleich zwischen Eigenkapital und Fremdkapital in Rechnungslegungsnormen
5.1. Vorbemerkung
5.2. Abgrenzung des Eigen- und Fremdkapitals nach deutscher Rechnungslegung
5.2.1. Darstellung der Rechnungslegung
5.2.2. Bewertung der Kriterien und Vergleich mit der ökonomischen Theorie
5.3. Abgrenzung des Eigen- und Fremdkapitals nach internationaler Rechnungslegung
5.3.1. Darstellung der Rechnungslegung
5.3.2. Bewertung der Kriterien und Vergleich mit der ökonomischen Theorie
5.3.3. Ausblick bezüglich der IFRS/IAS 32
5.4. Vergleich zwischen der deutschen und der internationalen Rechnungslegung
6. Zusammenfassende Würdigung
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist die Durchführung einer fundierten Analyse der Möglichkeiten zur Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital, um die Problematik hinter den aktuellen internationalen Rechnungslegungsregeln zu verstehen und verschiedene Lösungsansätze kritisch zu würdigen.
- Grundlagen der Funktionen und Adressaten des Jahresabschlusses.
- Kritische Diskussion ökonomischer Abgrenzungsmethoden (Residualgröße, Rechtsposition, Risiko, Funktionen).
- Vergleichende Analyse der Abgrenzung nach deutschem HGB und internationalen Rechnungslegungsstandards (IFRS/IAS).
- Beurteilung der Manipulierbarkeit und Informativität verschiedener Abgrenzungskriterien.
Auszug aus dem Buch
4.2. Eigenkapital als Residualgröße von Aktiva und Schulden
Die in der Literatur sicherlich am weitesten verbreitete Definition von Eigenkapital ist, dass sich das Eigenkapital als Differenz (Residualgröße) aller Vermögensgegenstände des Unternehmens, welche auf der Aktivseite der Bilanz ausgewiesen werden (Aktiva), und allen Schulden, die auf der Passivseite der Bilanz niedergeschrieben werden, ergibt. Dabei sollen die Aktiva alle Vermögensgegenstände und vermögensähnlichen Positionen enthalten und die Schulden als Ausdruck zukünftiger Zahlungs- und Leistungsverpflichtungen sowie bestimmter weiterer zukünftig erwarteter Belastungen verstanden werden.
Diese Definition des Eigenkapitals ist naheliegend und nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das deutsche Gesetz bzw. deren Auslegung dies auch in ähnlicher Weise handhabt. Zur detaillierten Darstellung einzelner Vorschriften und Vorgehensweisen wird deshalb auf das Kapitel 5.2 (Abgrenzung des Eigen- und Fremdkapitals nach deutscher Rechnungslegung) verwiesen.
An dieser Stelle sollen aber auf die grundsätzlich aus einer Residualgröße entstehenden Probleme eingegangen werden:
Fraglich ist nämlich,
(1) welche Vermögens- und Schuldpositionen überhaupt aufzuführen sind
und wenn die Position aufgeführt werden soll,
(2) mit welchem Wert sie auszuweisen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Themenstellung, der Zielsetzung der Arbeit sowie des Aufbaus und Verlaufs der Untersuchung.
2. Funktionen des Jahresabschlusses: Definition des Jahresabschlusses und Analyse der Adressatenkreise sowie deren Informationsbedürfnisse.
3. Festlegung von Bewertungskriterien zur Abgrenzung sowie Eingrenzung der weiteren Betrachtung der Arbeit: Erarbeitung von Kriterien wie Trennschärfe, Informativität und Manipulierbarkeit zur Bewertung der Abgrenzungsmethoden.
4. Abgrenzung des Eigenkapitals vom Fremdkapital in der ökonomischen Theorie: Detaillierte Diskussion und kritische Würdigung von vier theoretischen Abgrenzungsmethoden.
5. Vergleich zwischen Eigenkapital und Fremdkapital in Rechnungslegungsnormen: Analyse und Vergleich der Abgrenzung nach HGB und internationalen Standards sowie Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.
6. Zusammenfassende Würdigung: Synthese der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsschwerpunkte zur Abgrenzungsproblematik.
Schlüsselwörter
Eigenkapital, Fremdkapital, Jahresabschluss, Bilanzierung, HGB, IFRS, IAS 32, Rechtsposition, Risiko, Haftung, Residualgröße, Finanzierung, Rechnungslegung, Kapitalabgrenzung, Unternehmensfinanzierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und praktischen Herausforderungen bei der Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital im handelsrechtlichen Jahresabschluss.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der Kapitalabgrenzung, die Analyse der Interessen von Adressaten des Jahresabschlusses sowie der Vergleich zwischen nationalen und internationalen Rechnungslegungsvorschriften.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist eine umfassende Analyse der Abgrenzungsmöglichkeiten, um die Kritik an aktuellen internationalen Standards besser zu verstehen und Lösungswege zu beurteilen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive und vergleichende Vorgehensweise, indem sie theoretische Konzepte (z.B. Risikoübernahme, Rechtsposition) auf praktische Rechnungslegungsnormen anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine ökonomische Theorieanalyse verschiedener Abgrenzungsmethoden sowie eine Untersuchung der konkreten Umsetzung dieser Methoden in der deutschen und internationalen Rechnungslegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Eigenkapital, Fremdkapital, Residualgröße, IAS 32, Haftungspotenzial und Rechnungslegungsnormen.
Wie bewertet der Autor die Abgrenzung als Residualgröße?
Der Autor kritisiert diese Methode, da sie zirkulär ist, Bewertungsprobleme aufweist und das Ergebnis durch bilanzpolitische Spielräume manipulierbar macht.
Welchen Stellenwert räumt der Autor der "Rechtsposition" als Kriterium ein?
Der Autor erachtet die Abgrenzung nach Merkmalen der Rechtsposition als grundsätzlich sinnvoll, fordert jedoch eine intensivere Diskussion über ein allgemein anerkanntes Gewichtungsschema.
- Quote paper
- Dipl.-Kaufmann/Dipl.-Volkswirt Jens Becker (Author), 2007, Die Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital im handelsrechtlichen Jahresabschluss, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79197