Camp und Kitsch - Neue Konzepte der internationalen Aesthetik in der Literaturwissenschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 1991

8 Seiten


Leseprobe

‚Camp’ und ‚Kitsch’

Neue Konzepte der Internationalen Ästhetik

in der Literaturwissenschaft[i]

WOLFGANG RUTTKOWSKI

Unsere literaturwissenschaftliche Terminologie wird noch immer ständig durch neue Begriffe bereichert, die neue Erlebnis- und Ausdrucksweisen sprachlich zu fixieren suchen. Häufig werden solche Begriffe von einer Sprache in andere übernommen, wenn sie “internationale" Phänomene zu erfassen suchen, die auch in anderen Literaturen eine Rolle spielen. So ist es unserem deutschen Begriff ”Kitsch“ ergangen. Er ist inzwischen international bekannt und wird besonders in der englischen und amerikanischen Kritik gern verwendet. So ergeht es momentan umgekehrt dem ursprünglich englischen Begriff „Camp“[ii]. Beide wurden hauptsächlich auf die sogen. ,,bildenden und darstellenden Künste" angewendet, inzwischen aber auch auf Literatur. Da aber über das Phänomen des Kitsches inzwischen eine ziemlich umfangreiche Literatur[iii] vorliegt, gehen wir hier hauptsächlich auf den noch weniger bekannten Begriff „Camp“ ein. Dieser muss allerdings von verwandten Begriffen wie „Kitsch“ und “Sentimentalität“ abgegrenzt werden. Denn nur wenn er etwas benennt, was die anderen nicht erfassen, ist er notwendig. Zugleich macht eine solche Abgrenzung aber deutlich, dass an den Definitionen von Christopher Isherwood[iv] und Susan Sontag[v] einige Korrekturen vorgenommen werden müssen.

Genau genommen gibt es seit Isherwoods Beschreibung von 1954 nicht nur einen Camp-Begriff, sondern zwei: „ Low Camp“ und „ High Camp“[vi]. Den ersteren illustriert er mit einem Damenimitator, der in einem schäbigen Nachtclub Marlene (Dietrich) imitiert.[vii] Andererseits sagt er: “High Camp is the whole emotional basis of the Ballet.”[viii] Wir sind im klassischen Ballett an die großen Gebärden, an die Grandezza der Prinzen so gewöhnt, dass uns das “Übertriebene" daran kaum mehr bewusst wird. Wer sich im normalen Leben so bewegte, würde für wahnsinnig gehalten. Und gerade dieses (unserem Lebensstil) Ungemäße, welches als solches ausgespielt und genossen wird, macht den Charakter des „Camp“ aus. - Wir müssen aber auch sofort an das (Männer-)Ballet „Trocadero de Monte Carlo“ denken, welches doch die Quintessenz des Camp darzustellen scheint. Dieses verstärkt die Wirkung des Ungemäßen noch, indem es die Frauenrollen von Männern tanzen lässt, ähnlich wie im japanischen Kabuki die Frauenrollen von Männern dargestellt werden. Auch hinsichtlich der Oper spricht Susan Sontag von den “melodramatischen Absurditäten der meisten Opernhandlungen“.[ix] - Wer die Oper als „Camp“ erlebt, erwartet Realismus weder in der Handlungsgestaltung noch in der Darstellungsweise. - Sollen wir jedoch jeweils von 'High' oder 'Low Camp' sprechen? Meist sind die Grenzen schwer zu ziehen. Ein Damenimitator im Nachtclub kann geistreicher sein als eine “Onnagata" (männl. Frauendarsteller) des Kabuki oder eine ,,Hosenrolle" der Oper.

Sollen wir das „literarische Chanson"[x] zum ‚H igh ' oder ‚ Low Camp' rechnen? 1901 trug in Wolzogens Berliner Cabaret "Überbrettl" eine Chansonette ein pompöses Kokottenlied vor. Sie begann, eingedenk französischer Vorbilder, auf Französisch:

Je suis Adele, la reine blonde -

On me connait, messieurs, parbleu!

Le suis la reine, la reine, la reine du Demimonde.

Adele est la - Faites votre jeu!

und unterbrach sich in ordinärstem Bairisch:

Oje, Oji, hab nur ka Angst

Ich sing auch Deutsch, wenn d'es verlangst,

Denn mein Französch' g'langt nur - oje!

Zum Hausgebrauch fürs Variete' . . .

Sie selbst zerbrach mit diesen Worten die Illusion ihrer glamourösen Damenhaftigkeit. Zwar genoss sie ihren “großen Auftritt", spielte ihn in alle Nuancen aus, nahm ihn (und damit sich selbst) jedoch nicht ernst.[xi]

, Camp' lässt sich jedoch nicht nur in “publikumsbezogener Literatur"[xii] finden, wie dem Chanson, sondern bei genauerem Hinsehen auch in sogen. “reiner". Man betrachte jene berühmte Prosapassage, in der 1912 beschrieben wird, wie ein alternder Mann auf das unerwartete Lächeln eines schönen Knaben reagiert:

Der, welcher das Lächeln empfangen, enteilte damit wie mit einem verhängnisvollen Geschenk. Und zurückgelehnt, mit hängenden Armen, überwältigt und mehrfach von Schauern überlaufen, flüsterte er die stehende Formel der Sehnsucht, - unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch, ehrwürdig auch hier noch: ,,Ich liebe dich!"

Dieses Beispiel scheint auf den ersten Blick mit den vorigen nichts gemein zu haben. Und doch wird auch hier eine an sich “unmögliche" Situation mit Genuss beschrieben, wobei der Autor sich jedoch der “Gewagtheit" seines Tuns voll bewusst ist. Besonders in der abschließenden Akkumulation von Charakterisierungen der Liebesformel, die sprachlich selbst eine große Gebärde darstellt, wird die Grundstimmung der ganzen Erzählung (”Tod in Venedig") deutlich: „Absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch" können Gefühle sein. Der Autor, Thomas Mann, wusste genau, dass man zu seiner Zeit so eigentlich nicht mehr schreiben durfte. Später hat er sich häufig über die Aufgebrauchtheit der überlieferten Kunstmittel, besonders der Form des Romans, geäußert. Er schrieb dennoch, mit immer weiter ausholender Gebärde. Dabei blieb er immer der intellektuelle Erzähler, der sich der Problematik des Erzählens in unserer Zeit des fragmentierten Zuhörens bewusst war. Und diese Bewusstheit die ihn nicht vom Produzieren abhält, verbindet ihn mit den ,,entertainers" des High und Low Camp. Obwohl ihm das “Anrüchige" (wie er selbst sagen würde) seiner Spätlingsproduktion durchaus bewusst ist, genießt er doch die Pose des allwissenden Garnspinners. Und wenn er sich aus seinen Selbstzweifeln immer wieder durch Heiterkeit und Humor rettet, so ist auch dies der Haltung des Camp zumindest ähnlich.

[...]


[i] Die vorliegende Arbeit wurde am 19. 5. 1990 auf der Tagung der japanischen Gesellschaft für Germanistik in Tokyo vorgetragen und veröffentlicht in: Doitsu Bungaku 86 (Tokyo, Frühling 1991) 148-156.

[ii] In den wichtigsten deutschen Lexika findet man bisher entweder gar keine Erklärungen des Begriffs oder teilweise falsche und missverständliche, wie im Ergänzungsband der Brockhaus Enzyklopädie (Wiesbaden, 1981, 141). Man wendet sich am besten gleich an englische Nachschlagewerke, wie das Random House Dictionary (1987, 301), das Oxford English DictionaryII (1989, 810f.) und Barnharts Dictionary of New English (1973, 206, 266). Aber auch die dortigen Definitionen sind unbefriedigend, worauf hier nicht eingegangen werden kann.

[iii] Vergl. die Arbeiten von E. Ackerknecht (1950), K. Baumann (1964), U. Beer (2.A. 1965), H. Broch (1955), P. Demetz (1970), K. Deschner (1957), G. Dorfles (1969), R. Egenter (1963), E.-O. Erhard (1974), L. Giesz (1960), W. Killy (7.A. 1973), A. Moles (1972), G. Ueding (1973) und H. L. Zankl (1966).

[iv] In: The World in the Evening. (New York: Random House, 1954) Sn. 109-11. Seine bekannte, wenn auch m.E. nicht ganz treffende, Definition von Camp' lautet: “ . . . expressing what's basically serious to you in terms of fun and artifice and elegance." (Was Dir im Grunde ernst ist, auf amüsant-elegante Weise ausdrücken. Meine Übers.)

[v] “Notes on Camp'."Partisan Review XXXI (Fall 1964) 515ff.; auch in S. S. Against Interpretation and Other Essays (New York, 1964) 275-202; dt. Obers. von Mark W. Rien: „Anmerkungen zu Camp" in S. S. Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen. (Rowohlt, 1968) 269-284; anschließend nur mit Jahreszahl zitiert.

Sontag bemerkt in der Einleitung zu ihren “Anmerkungen" (1968, 270): “Es wäre peinlich, sich feierlich und in der Form der wissenschaftlichen Abhandlung über Camp zu äußern." Isherwoods Äußerungen stehen als Gespräche in einem Roman.

[vi] Vergl.George Melly in: Revolt into Style. London 1970, 161.

[vii] Siehe Anm. 3. Melly (S. 161) fährt fort: ,,...aber durch die Erfindung des Begriffs High Camp befreite er das Wort von seinen rein homosexuellen Beziehungen. (meine Übers.)

[viii] 1954, 125.

[ix] 1968, 275.

[x] Vergl. mein Buch Das literarische Chanson in Deutschland. Bern-München: Francke 1966.

[xi] Vergl. meine eingehende Interpretation dieses Chansons im oben genannten Buch (Anm. 9), Sn. 72-76.

[xii] Vergl. mein Buch Die literarischen Gattungen. Bern-München: Francke 1968 .

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Details

Titel
Camp und Kitsch - Neue Konzepte der internationalen Aesthetik in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Kyoto Sangyo University  (German Department)
Autor
Jahr
1991
Seiten
8
Katalognummer
V7922
ISBN (eBook)
9783638150217
ISBN (Buch)
9783638839044
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vortrag (dt.) bei der Nihon-Dokubun-Gakkai am 19.5.1990 in Tokyo / wiss. Aufsatz , publiziert in Doitsu Bungaku. Die Deutsche Literatur 86 (Tokyo, Frühling 1991) 148-156.
Schlagworte
Poetik, Aesthetik, Kitsch, Camp, Susan Sontag, Christopher Isherwood
Arbeit zitieren
Dr. Wolfgang Ruttkowski (Autor), 1991, Camp und Kitsch - Neue Konzepte der internationalen Aesthetik in der Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7922

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