Singles und ihre sozialen Netzwerke


Referat (Ausarbeitung), 2006

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellungen von Singles in der Öffentlichkeit

3. Begriffsbestimmung

4. Häufigkeiten von Singles

5. Gesellschaftliche Bestimmungsgründe für den Anstieg der Single-Zahlen
5.1 Determinanten
5.2 Die Individualisierungstheorie

6. Netzwerke von Singles

7. Partnerlosigkeit als Stigma

8. Familienwünsche von Singles

9. Single-Identitäten

10. Ausblick: Unfreiwillige und einsame Singles

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um die schriftliche Ausarbeitung der am 08.12.2005 gehaltenen Seminargestaltung „Singles und ihre sozialen Netzwerke“, die im Rahmen des Hauptseminars „Soziale Netzwerke und soziale Beziehungen über den Lebenslauf“ stattfand.

Die steigenden Zahlen der Singles haben in den letzten Jahren eine intensive öffentliche Auseinandersetzung mit der Single-Thematik hervorgerufen. Die Presse hat sich ihrer so ausgiebig bedient, dass Singles zu einer öffentlichen Angelegenheit geraten sind. Wie sich die Gefahren einer vorurteilshaften Bewertung durch eine verzerrende öffentliche Darstellung von Singles vermehren können, soll daher zunächst im ersten inhaltlichen Abschnitt der Arbeit, den „Darstellungen von Singles in der Öffentlichkeit“ skizziert werden.

Ein großes Problem der Darstellungen von Singles resultiert dabei v.a. aus der problema-tischen Begriffsbestimmung von Singles. Im dritten Abschnitt, der „Begriffsbestimmung“, soll versucht werden, diese Problematik anhand verschiedener gängiger Definitionen zu erörtern, wobei einerseits geklärt werden soll, welche Defintionen sich als sinnvoll und welche sich als weniger sinnvoll erweisen. Andererseits werden die beiden für die folgenden Abschnitte der Arbeit relevanten Definitionen beschrieben.

Als wesentlicher Anlass für die Beschäftigung mit der Single-Problematik wird häufig der drastische Anstieg von Singles gesehen. Wie sich die zahlenmäßige Entwicklung der Single-Zahlen in den letzten Jahrzehnten tatsächlich gestaltet hat, wird im anschließenden Teil der Arbeit, „Häufigkeiten von Singles“, darzustellen versucht.

Die Begründung für den Anstieg der Häufigkeiten von Singles erfolgt im fünften Abschnitt durch „Gesellschaftliche Bestimmungsgründe für den Anstieg der Single-Zahlen“ sowohl anhand einer Skizzierung der wichtigsten Determinanten als auch durch eine Darstellung der theoriegebundenen Argumentation von Ulrich Beck (1986) und Elisabeth Beck-Gernsheim (1983,1986), die mit ihrem Ansatz den Diskurs um gesellschaftliche Individualisierungs-prozesse nachhaltig geprägt haben.

Die Beschaffenheit der sozialen Netzwerke von Single soll in den daran folgenden Abschnitten der Arbeit erörtert werden. Im einzelnen wird erst dargestellt, wie viele und welche Bezugspersonen die „Netzwerke von Singles“ aufweisen, bevor die „Partnerlosigkeit als Stigma“ im siebten Abschnitt zeigen soll, mit welchen Prozessen der Stereotypisierung sich Singles in ihrer sozialen Umwelt konfrontiert sehen.

Weil hinsichtlich des Aufbaus sozialer Netzwerke auch die Vorstellungen über familiäre Konstellationen einen wichtigen Bestandteil ausmachen, sollen im achten Abschnitt der Arbeit die „Familienwünsche von Singles“ untersucht werden.

Entlang der zuvor dargestellten Dimensionen sozialer Netzwerke von Singles lassen sich verschiedene Single-Typologien entwickeln, von denen zwei im vorletzten Abschnitt der Arbeit, „Single-Identitäten“, vorgestellt werden. Die erste Typologie beschäftigt sich dabei mit dem Selbstverständnis, dem emotionalen Erleben sowie der damit verbundenen Motivation von Singles, während das Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit Schwerpunkt der zweiten Typologie Bachmanns (1992) ist.

Im zehnten und letzten Teil der Arbeit sollen abschließend weit verbreitete Zuschreibungen gegenüber Singles diskutiert werden, um ein „tatsächliches“ Bild sozialer Phänomene von Singles schildern zu können: „Ausblick: Unfreiwillige und einsame Singles?“.

2. Darstellungen von Singles in der Öffentlichkeit

Seit Beginn 1990er Jahre wird im Zuge der Individualisierungsdebatte die Single-Thematik in der Öffentlichkeit ausgiebig diskutiert. Fast jede Zeitschrift, jede Tageszeitung und viele andere Medien widmen den Singles seitdem hohe Aufmerksamkeit. Viele Sach- und Lebenshilfebücher sind erschienen, in Internetforen finden regelrechte Schlagabtausche statt. Die meisten Darstellungen allerdings sind oftmals entweder einseitig, verzerrend oder sogar sachlich falsch (vgl. HRADIL 1995, S. 1).

Das Bild der Singles in der Öffentlichkeit stellt sich als höchst unpräzise und heterogen heraus, wenn die angesehene „Süddeutsche Zeitung“ am 05.10.1993 berichtet: „Jeder dritte Deutsche lebt im Single-Haushalt“ (zit. n. HRADIL 1995, S. 1). Auch wenn etwa ein Drittel aller Haushalte Einpersonenhaushalte sind, leben hierin nicht mehr als ein etwa 16% der Bevölkerung. Hier wurde nicht beachtet, dass die Mehrpersonenhaushalte logischerweise einen größeren Personenanteil umfassen, als ihr Haushaltsanteil ausmacht. So werden auch von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ all diejenigen als Singles bezeichnet, die in Deutschlands Einpersonenhaushalten leben, worunter Studenten und ältere Witwen, wie auch bspw. 35jährige Alleinlebende fallen. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ spricht am 06.12.1993 vom „Schicksal Single“ und der Einsamkeit als „Preis der Ich-Sucht“, der „Spiegel“ (22/1994) vom „Tanz ums goldene Selbst“ (zit. n. HRADIL 1995, S.1). Hier wird das Single-Sein assoziiert mit egozentrischer Teilnahmslosigkeit, Narzissmus und Einsamkeit.

Verschiedenste Personengruppen zusammenzufassen und sie mit Begriffen zu bezeichnen, die eine individualisierte, partnerlose, ungebundene, „swingende“ Lebensweise suggerieren (vgl. ebd.), kann nicht annähernd adäquat klären, wer die Singles überhaupt sind und wie ihre wirklichen Lebensformen und Lebensweisen aussehen.

Daher ist es umso wichtiger, einen klaren Single-Begriff auszuformulieren, damit überhaupt realistische, nicht vorurteilsbehaftete Aussagen über Singles gemacht werden können.

3. Begriffbestimmung

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts kam der Begriff Single aus den USA nach Europa und bezeichnete zunächst die Lebensform des Alleinlebens, aber auch eine bestimmte Lebensweise: Als Singles wurden diejenigen jüngeren Menschen bezeichnet, die bewusst und freiwillig alleine lebten, ohne eine feste Partnerschaft zu führen. Häufig ging mit dieser Bezeichnung die spezifische Lebensweise der sog. „Swinging Singles“ einher, deren Lebensstil im Wechsel bestand. Die „Swinging Singles“ vermieden es, sich auf Partner-schaften, Bekannte und Freunde festzulegen. Stattdessen folgten sie ihren augenblicklichen Wünschen, was ihnen durch eine gute materielle Voraussetzung erleichtert wurde. Seitdem wurde der Single-Begriff, auch in der wissenschaftlichen Literatur, immer wieder neu definiert und erfuhr einen inflationären Gebrauch. Fast jeder, der alleine lebt, wird heutzutage als Single bezeichnet, wobei individuelle Aspekte wie Alter, Familienstand, Grad der Freiwilligkeit, sexuelle Ausrichtung, Herkunftsmilieu, Bildungsweg oder Partnerver-hältnisse keine oder nur eine stark untergeordnete Rolle spielen (vgl. ebd., S. 6).

So sind die in der Literatur am häufigsten gebrauchten Umschreibungen – ähnlich wie die Darstellungen in der Öffentlichkeit - oftmals undifferenziert. Als Singles werden meist die Personen bezeichnet, die entweder alleine in einem Haushalt leben (Alleinlebende), keine Familienangehörigen besitzen, unverheiratet sind (Alleinstehende) oder keinen Partner haben (vgl. BENDER/BIEN 1995, S. 62).

Neben der Problematik, dass eine individuelle Lebenslagenanalyse statistisch schwer zu erfassen ist, trägt die Definition des Statistischen Bundesamtes - die wichtigste Informations-grundlage über die Struktur und Entwicklung von familialen Lebensformen in Deutschland - mit dazu bei, dass hinsichtlich ihrer auszuwertenden Daten vor allem zwei Unschärfen entstehen.

Zum einen besteht ein Kategorieproblem darin, dass der Begriff Single in der Statistik nicht direkt auftaucht. Wenn in den Medien über Singles gesprochen wird, erfolgt dies meist unter Bezugnahme der Haushaltskonzepts des Statistischen Bundesamtes. Der sog. Einpersonen-haushalt als Privathaushalt, der häufig mit Singles gleichgesetzt wird, meint dabei „Personen, die alleine in einem Haushalt wohnen und wirtschaften, gleichgültig welchen Familienstand sie haben (Einpersonenhaushalte) werden als alleinlebende Personen bezeichnet“ (zit. n. BACHMANN 1992, S. 244). Eine solchermaßen definierte Kategorie liefert keine genauen Informationen über Singles, sondern über Alleinlebende, und weist Singles damit nur in ihrer Addition als die Gesamtheit der Alleinlebenden aus. Soweit also eine Partnerschaft vorliegt, die nicht ehelich ist, fallen diese Personen schnell unter Singles (vgl. ebd., S. 53).

Zum anderen liegt in dieser Begrifflichkeit ein Überschätzungsproblem darin, dass im Rahmen der Datenerhebung des Statistischen Bundesamtes Probleme hinsichtlich der Erken-nung von Einpersonenhaushalten entstehen. Das Kriterium des Alleinwirtschaftens bietet einen zu großen Interpretationsspielraum, um Alleinlebende systematisch von anderen Lebensformen unterscheiden zu können. Wohnen z.B. vier erwachsene, nicht miteinander verwandte Personen, zusammen in einer Wohnung, von denen eine Person der Haupt-, die anderen die Untermieter sind, und geben sie an, getrennt zu wirtschaften, handelt es sich um vier Einpersonenhaushalte. Diese Zuordnung von Personen zu bestimmten Haushaltstypen führt in einer nicht zu erfassenden Anzahl von Fällen dazu, dass sie fälschlicherweise als Alleinlebende erhoben werden, mit der Folge, sie anschließend als Singles zu bezeichnen. Daher muss davon ausgegangen werden, dass die Zahl der Alleinlebenden (und damit implizit auch der Singles) eher überschätzt wird (vgl. ebd.).

Auch unverheiratet zusammenlebende Paare, die angeben, getrennt zu wirtschaften, bilden dann Einpersonenhaushalte. Es kann sogar sein, dass ein verheiratetes Paar als zwei Einpersonenhaushalte erfasst wird, wenn mindestens einer der Partner über einen zweiten Wohnsitz verfügt. Wenn also nicht die Lebens-, sondern die Wirtschaftsverhältnisse zentrales Kriterium des Bundesamtes für Statistik sind, können nur schwer Aussagen über die Zahl der Partnerlosen gemacht werden. Mit sozialwissenschaftlichen Schlussfolgerungen aufgrund der Daten des Mikrozensus ist daher nur mit äußerster Vorsicht umzugehen.

Die für die vorliegenden Darstellungen relevanten Definitionen lösen zwar nicht alle skizzierten Probleme, stellen sich insgesamt aber als differenzierte Definitionen heraus. Nach Ronald Bachmann können Singles „[…] ledige, geschiedene, verheiratet-getrennt-lebende oder verwitwete, aber keine verheiratet-zusammenlebenden Personen sein“ (BACH-MANN 1992, S. 34). Bachmann definiert den Single als „[…] eine allein haushaltende Per-son, welche auf eine von ihr als exklusiv und dauerhaft verstandene Partnerbeziehung verzichtet“ (ebd.). Hier sind also das Nicht-Verheiratetsein, Nicht-Zusammenleben, Allein-leben und der Verzicht auf Partnerschaft die zentralen Kriterien für Singles. Damit dürfte Bachmann in etwa die Definition anwenden, die die meisten Menschen von Singles haben, obwohl es vor allem hinsichtlich des Kriteriums der Freiwilligkeit zu Erfassungsschwierig-keiten kommen könnte.

Stefan Hradil, der den Begriff der „Single-Gesellschaft“ schuf und damit die öffentliche Debatte um eine Singularisierung der Gesellschaft stark erhitzte, unterscheidet in seinem gleichnamigen 1995 erschienenem Werk zwei Definitionen von Singles.

Im weiteren Sinne definiert er einen Single als diejenige Person, die sich im mittleren Erwachsenenalter zwischen 25 und 55 Jahren befindet, alleine lebt und haushaltet (vgl. HRADIL 1995, S. 7). Zwar sind individuelle Lebenslagenanalysen (Freiwilligkeit und Dauer des Alleinlebens, mögliche Partnerschaften etc.) dieser Personengruppen kaum möglich, doch können mit diesem leicht operationalisierbaren Verständnis mit großer Wahrschein-lichkeit valide Aussagen über Personengruppen gemacht werden, die zumindest die beiden unerlässlichen Single-Kriterien des Alleinlebens und -haushaltens erfüllen. Ein weiterer Vorteil dieses weiten Single-Begriffs liegt darin, dass die mittlere Altersgruppe die Menschen umfasst, die mit einiger Sicherheit über gesellschaftliche Alternativen zur Lebensform als Single verfügen (vgl. ebd.).

Für bestimmte Fragestellungen zeichnet sich der weite Single-Begriff aber als zu inhomogen aus, weshalb Hradil stellenweise auch einen engen Begriff auf seine Untersuchungsgruppen anwendet: im engeren Sinne gilt jeder als Single, „[…] der bzw. die alleine in einem Einpersonenhaushalt lebt, 25 bis unter 55 Jahre alt ist, und angibt, keinen festen Partner zu haben sowie aus eigenem Willen und für längere Zeit alleinleben zu wollen“ (ebd., S. 9). Dieser Begriff zielt nicht nur auf eine bestimmte äußere Lebensform, sondern schließt auch eine spezielle Lebensweise mit ein, also bestimmte innere Motive und ein bestimmtes Beziehungsverhalten. Die Kriterien der Partnerschaft, Freiwilligkeit und Dauer des Alleinlebens werden berücksichtigt, wenngleich es hierbei zu Erfassungsproblemen[1] kommen kann (vgl. ebd., S. 9f.).

4. Häufigkeiten von Singles

Zunächst reicht die Zahl der Einpersonenhaushalte, wie bereits zu Beginn geschildert, weit über die Gruppe der Singles hinaus. Da die Zahl der tatsächlich Alleinlebenden schwer zu beziffern ist, dienen die im Folgenden dargestellten Werte eher als Schätzungen denn als genaue Angaben. Trotzdem lassen sich mit einiger Wahrscheinlichkeit Rückschlüsse auf die Lebensweisen von Singles ziehen.

Die Zahl der Einpersonenhaushalte ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen (vgl. Abb. 1). Während des zweiten Weltkrieges bestand etwa jeder zehnte deutsche Haushalt aus nur einer Person, in den Jahren 1950 und 1960 war bereits jeder fünfte, 1970 jeder vierte Haushalt ein Einpersonenhaushalt. Seit Ende der 1980er Jahre sind mehr als ein Drittel aller Haushalte Einpersonenhaushalte (vgl. HRADIL 1995, S. 17ff.), d.h. von den rund 38 Millionen Haushalten leben etwa 13 Millionen Menschen in Einpersonenhaushalten – damit verfügt Deutschland im Jahre 2000 (35,2%) vor den Niederlanden (31,8%) und Frankreich (31,0%) über den größten Anteil von Einpersonenhaushalten an allen Haushaltsformen in der EU (vgl. BMFSFJ 2003, S. 61). Ihr Bevölkerungsanteil hingegen liegt bei ca. 17% - etwa jede sechste Person lebt also in Einpersonenhaushalten.

[...]


[1] Zu den empirischen Erfassungsproblemen der Kriterien der „Freiwilligkeit und Dauer des Alleinlebens“, des „formalrechtlichen Familienstandes“, der „wirtschaftlichen Eigenständigkeit“ sowie der „Partnerschaft“, „Kinderanzahl“ und „Alleinerziehenden“ siehe HRADIL 1995, S. 8f.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Singles und ihre sozialen Netzwerke
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Soziale Netzwerke und soziale Beziehungen über den Lebenslauf
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V79273
ISBN (eBook)
9783638850308
ISBN (Buch)
9783638849432
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Singles, Netzwerke, Soziale, Netzwerke, Beziehungen, Lebenslauf
Arbeit zitieren
Robert Lachner (Autor), 2006, Singles und ihre sozialen Netzwerke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79273

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