Computervermittelte Kommunikation im Kontext virtueller sozialer Netze

Theorien und empirische Befunde


Seminararbeit, 2007
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung
2.1. Virtuelle soziale Netzwerke
2.2. Computervermittelte Individualkommunikation (CVIK)
2.3. Medium
2.4. Gruppe
2.5. Virtuelle Gemeinschaft

3. Phänomene bei der CVIK

4. Theorien zur Medienwahl
4.1. Rationale Medienwahl
4.2. Normative Medienwahl
4.3. Interpersonale Medienwahl
4.4. Kritik

5. Theorien zu Medieneigenschaften und Kommunikationsverhalten
5.1. Kanalreduktion
5.2. Filtertheorien

6. Deindividuation

7. Anwendung auf virtuelle soziale Netzwerke

8. Zusammenfassung

9. Quellenverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Virtuelle soziale Netzwerke gewinnen seit einiger Zeit auch im deutschsprachigen Raum zunehmend an Bedeutung. Beispielsweise konnte studiVZ [SV07] nach eigenen Angaben innerhalb von nur einem Jahr ca. eine Million Nutzer anlocken. Aus den Interaktionen der Nutzer entstehende Phänomene können mit medien-, kommunikations-, und sozialpsychologischen Theorien erklärt werden. Die vorliegende Hausarbeit gibt einen Überblick über die wichtigsten wissenschaftlichen Theorien und führt entsprechende empirische Nachweise auf. Zuvor wird jedoch aufgeführt was virtuelle soziale Netze darstellen und der Autor unter den zentralen Begriffen versteht.

2. Begriffsbestimmung

2.1. Virtuelle soziale Netzwerke

Ein Virtuelles soziales Netzwerk ist ein Medium, welches computervermittelte Kommunikation (CVK) in der Regel textbasiert und asynchron ermöglicht. Es erweitert das klassische Forenmodell mit der Darstellung der Kontakte des Nutzers. Diese Verbindungen können beispielsweise zur Beurteilung der sozialen Kompetenz (z.B. Anzahl der Kontakte) und anderer Eigenschaften wie Oberflächlichkeit/Wahllosigkeit (erhöhte Anzahl von Kontakten) herangezogen werden oder zur Bewertung der Beiträge dienen. Beispielsweise kann ein Beitrag differenzierter beurteilt werden, wenn der Urheber Kontakte zu eigenen Kontaktpersonen unterhält. Ein weiterer Unterschied zum Forum ist, dass der Nutzer selbst Gruppen anlegen oder Gruppen beitreten kann. Dies ist z.B. bei XING [XI07] und StudiVZ [SV07] der Fall, wobei der Nutzer die Möglichkeit hat, innerhalb dieser Gruppen forum-ähnlich zu diskutieren. Dabei üben der Gruppengründer und ggf. von ihm willkürlich bestimmte Moderatoren, neben dem Netzbetreiber, die Kontrolle über die Beiträge aus.

Diese Web 2.0 Dienste (vgl. [Or05]) haben allerdings mit den gleichen Problemen wie klassische Foren, Usenet Gruppen und andere Kommunikationsformen zu kämpfen: Flaming[i], Spam[ii], Lurging[iii], Fakes[iv] und andere unerwünschte Verhaltensweisen (vgl. [Me07]). Hinzu kommen weitere Probleme, die sich aus der Verknüpfung der Profile ergeben.

2.2. Computervermittelte Individualkommunikation (CVIK)

Nach Köhler [Kö03] ist computervermittelte Kommunikation (CVK) jene Kommunikation, „[…] bei der mindestens zwei Individuen in einer nicht-face-to-face Situation durch die Anwendung eines oder mehrerer computerbasierter Hilfsmittel miteinander in Beziehung treten“ (ebd. S. 18 f.). Diese Definition scheint dem Autor jedoch unzureichend. Es ist zwar eine Abgrenzung zu face-to-face (ftf) Kommunikation sowie zu klassischen Medien wie analoges Telefon und TV gegeben, aber computergestützte Videobroadcast, Internet-Telefonie (VoIP), Internet-Radio und IPTV werden ebenfalls mit einbezogen. Berücksichtigt man den Umstand, dass Computertechnik seit Längerem ebenfalls bei den klassischen Massenmedien wie TV beim TV-Sender eingesetzt wird, ist auch die Abgrenzung diesbezüglich nicht mehr gegeben. Nach Höflich „zeichnet sich computervermittelte Kommunikation dadurch aus, dass sie nur zusammen mit anderen möglich ist und eine gegenseitige Bezugnahme der Kommunikationspartner (i.S. einer Gegenseitigkeit medialer Identitäten) voraussetzt“ ([Hö03] S. 69).

Um also die Abgrenzung zu gewährleisten wird von computervermittelter Individualkommunikation (CVIK) ausgegangen. Diese wird in Anlehnung an Köhler im Folgenden definiert.

Computervermittelte Individualkommunikation ist jene, bei der mindestens zwei Individuen, welche sich in gleicher Weise an der Kommunikation beteiligen können, in einer nicht-face-to-face Situation durch die beidseitige Anwendung computerbasierter Hilfsmittel miteinander in Beziehung treten.

Diese Definition entspricht auch dem, was in den letzten zwei Jahrzehnten, insbesondere in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, darunter verstanden wurde, weil weder Dienste noch die Computertechnik an sich für bspw. IPTV und Ähnliches vorhanden war. Aus dieser Zeit sind jedoch wichtige grundlegende Theorien und empirische Erkenntnisse hervorgegangen, weshalb eine Definitionskonformität wichtig ist.

2.3. Medium

Ein Medium wird, im Zusammenhang mit CVIK, nach Thiedeke als „[…] Strukturen technischer Instrumente, […] die der Mitteilung von Informationen über lokale, temporale und soziale Distanzen dienen“ verstanden (vgl. [Th97] S. 336). Diese Definition bezieht Computernetzwerke, Software und andere Kommunikationstechnologie mit ein und ist nach Meinung des Autors hinreichend präzise.

2.4. Gruppe

Der Begriff Gruppe ist vielfach mehr oder weniger eng von diversen Autoren definiert worden. Für die vorliegende Arbeit wurde die im Folgenden aufgeführte Definition von Olmsted ausgewählt:

„Eine Gruppe kann definiert werden als eine Mehrheit von Individuen, die in Kontakt miteinander stehen, aufeinander reagieren und in wesentlichen Punkten Gemeinsamkeiten erleben“ (vgl. [Ol59] S. 21).

Diese Definition lässt sich gut auf computervermittelte Kommunikation in Gruppen anwenden. Die Benutzer einer Kommunikationsplattform, wie bspw. eines Forums, stehen miteinander in Kontakt, reagieren auf die Äußerungen anderer Teilnehmer und erleben gemeinsame Kommunikation.

2.5. Virtuelle Gemeinschaft

So vielfach die Definitionen für den Begriff Gruppe in der wissenschaftlichen Literatur diskutiert wird, so selten sind Definitionen für den Begriff Gemeinschaft zu finden. Dies liegt vor Allem daran, dass Klein- und Kleinstgruppen als Forschungsgegenstand dominieren (vgl. [Dö03] S. 490). Folgt man weitgehend Dörings Definition[v] von Gemeinschaften (ebd. S. 493), lässt sich eine virtuelle Gemeinschaft folgendermaßen definieren:

Eine virtuelle Gemeinschaft besteht aus virtuellen sozialen Gruppen, die durch einen besonderen sozio-emotionalen Bezug der Mitglieder gekennzeichnet sind.

Werden empirische Befunde zu Emotionen bei der CVIK bzw. CVK berücksichtigt, kann eine niedrigere Schwelle zu einem besonderen, sozio-emotionalen Bezug angenommen werden, als dies bei einer ftf Kommunikation der Fall wäre. Dies bedeutet unter anderem, dass beispielsweise die verwendete Sprache emotional ärmer ist (vgl. [RiLo87]).

3. Phänomene bei der CVIK

In diesem Kapitel werden einige Phänomene, welche bei der CVIK auftreten, beschrieben sowie jeweils auf eine Theorie zur möglichen Erklärung dieser verwiesen. Dabei wird eine chronologische Reihenfolge eingehalten.

1. Reduktion räumlich-zeitlicher Begrenzungen

Die Beschränkungen, die durch physikalische Gegebenheiten entstehen, sind reduziert. Geographische Entfernungen und Zeitunterschiede zwischen den Kommunikationsteilnehmern nehmen eine untergeordnete Rolle ein und behindern die Kommunikation in geringerem Maße als dies bei ftf Kommunikation der Fall ist (vgl. [Va75], [Kö03] S. 21). Erklären lässt sich dies mit den Theorien zu Medieneigenschaften, wie der Kanalreduktionstheorie (vgl. Kap. 5.1).

2.Erhöhter Einfluss des sozialen Umfeldes auf die Medienakzeptanz

Ist ein Medium im sozialen Umfeld akzeptiert oder wird dessen Verwendung sogar befürwortet, wirkt sich dies positiv auf die individuelle Akzeptanz des Mediums aus. Wird dagegen ein Medium im sozialen Umfeld abgelehnt, wirkt sich das ebenfalls auf die individuelle Akzeptanz aus. In diesem Fall wird ein Medium eher abgelehnt (vgl. [Hi84] S. 56). Erklärt werden kann dies mit Theorien zur normativen und interpersonellen Medienwahl (vgl. Kap. 4).

3. Höherer Zeitaufwand für Problemlösungen

In einigen Fällen erhöht sich der Zeitaufwand für Problemlösung durch eine Gruppe (Team), wenn die Teilnehmer CVIK zur Kommunikation einsetzen (vgl. [SpKi91]). Dieser Befund demonstriert das Ergebnis falscher, bzw. unangemessener Medienwahl. Kontraproduktiv kann sich die Medienwahl insbesondere dann erweisen, wenn die Wahl vor Allem von normativen und interpersonellen, statt rationalen Aspekten beeinflusst wird (vgl. Kap. 4).

4. Geringer Einfluss sozialer Normen (Flaming)

Bei anonymer bzw. pseudonymer CVIK ist der Einfluss soziale Normen und Grundsätze vermindert. Es werden Hemmungen gemindert, was zu verstärkter Offenheit und Mitgefühl, aber auch zu verstärkter Feindseligkeit und antisozialem Verhalten, was als Flaming bekannt ist, führen kann (vgl. [Le92] S. 89 ff). Dieser Abbau von Hemmungen im positiven wie im negativen Sinne beruht auf den subjektiv nicht vorhandenen bzw. gravierenden gesellschaftlichen Konsequenzen. Erklärt können diese widersprüchlichen Verhaltensweisen mit der Social Identity Deindividuation Theorie, welche sich auf die Annahme bzw. Ablehnung der Gruppennormen stützt (vgl. Kap. 6).

4. Theorien zur Medienwahl

In diesem Kapitel wird auf die Medienwahl und die damit zusammenhängende Medienbewertung eingegangen. Besprochen werden hierfür Theorien über die Einflüsse, welche bei der Entscheidung auf das Individuum einwirken.

4.1. Rationale Medienwahl

Bei der rationalen Medienwahl wird unter objektiven Gesichtspunkten ein Medium für die jeweilige Kommunikationssituation ausgewählt. Dabei bilden im Wesentlichen die drei, mit Theorien hinterlegten Faktoren „soziale Präsenz“, „mediale Reichhaltigkeit“[vi] sowie „Backchannel-Feedback“ die Bewertungs- und Entscheidungsgrundlage (vgl. [Dö03] S. 132 f.).

[...]


[i] Unter Flaming werden ausfallende, beleidigende und ähnlich geartete verbal aggressive Beiträge verstanden (vgl. [Co92], [Le92] S. 89-112).

[ii] Spam bezeichnet unerwünschte Nachrichten, unverlangte Informationen und ähnliches.

[iii] Lurging bezeichnet das Lesen von Beiträgen anderer Nutzer ohne sich jedoch selbst zu beteiligen.

[iv][iv] Fake (dt. „die Fälschung“, „der Schwindel“) bezeichnet die bewusste Täuschung durch falsche Identitäten, Verzerrung des Kontextes, etc.

[v] Weiterführend als durch Döring wird die Definition von „Virtuelle Gemeinschaften“ durch Höflich diskutiert (vgl. [Hö03] S. 65 ff.). Dabei geht er sowohl auf eine gruppenunabhängige als auch gruppenabhängige Definition ein, stellt jedoch keine eigene Definition auf.

[vi] Engl. Media-Richness

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Computervermittelte Kommunikation im Kontext virtueller sozialer Netze
Untertitel
Theorien und empirische Befunde
Hochschule
Fachhochschule Brandenburg
Veranstaltung
Digitale Medien I+II
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
21
Katalognummer
V79307
ISBN (eBook)
9783638862578
ISBN (Buch)
9783638862721
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Computervermittelte, Kommunikation, Kontext, Netze, Digitale, Medien, I+II
Arbeit zitieren
Arthur Kaiser (Autor), 2007, Computervermittelte Kommunikation im Kontext virtueller sozialer Netze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79307

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