"Zuo schyff zuo schyff Bruoder" - Die literarische Tradition der Schiffsallegorese und ihre Abwandlung bei Sebastian Brant


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Titelblatt als Zugang zum Narrenschiff
2.1 Wirkungen auf den Betrachter

3. Das Narrenschiff im Spiegel der einzelnen Kapitel

3.1 Das „schluraffen schiff“ auf geistlicher Odyssee

3.2 „Vom endchrist“ – Narrenschiff versus Navicula Petri

4. Das Narrenschiff an der Schwelle zur Neuzeit – Eine Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

„Die Frage, wie der Narr aufs Schiff kommt, hat noch keiner explizit gestellt“, stellt Johannes Hartau gleich zu Anfang seines Aufsatzes zum Narrenschiff fest, „und doch steht sie hinter jeder Beschäftigung mit dem „Narrenschiff“.[1] Ohne Zweifel ist mit der in Brants Epoche machendem Werk zu allgemeiner Bekanntheit gelangte Kombination der Narrenfigur mit der Schiffsallegorese eine der literarisch beeindruckendsten Allegorien gelungen, die dieses Werk prägen und seinen phänomenalen Erfolg mitbegründeten. Sebastian Brant war freilich nicht der Erste, der das Schiffsmotiv zur Verdeutlichung seiner literarischen Botschaft wählte oder die Figur des Narren bemühte, um gesellschaftliche Missstände seiner Zeit offen zu legen und anzuprangern.

Ziel dieser Ausführungen soll es sein, einen Beitrag zur Klärung der Frage nach den Traditionslinien für Sebastian Brants Allegorie des Narrenschiffs zu liefern. Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der individuellen Ausarbeitung und Gestaltung der Schiffsallegorese im „Narrenschiff“. Inwiefern schreitet Sebastian Brant über die bloße Übernahme des schon Jahrhunderte bekannten Motivs der navigatio vitae hinaus und schafft eine gleichsam neue Allegorie, die sicherlich als einer der Erfolgsfaktoren zu nennen ist, die das Werk zu einer Ausnahmeerscheinung des damaligen Buchmarktes machen?

Bezüglich der Frage nach möglichen Inspirationsquellen müssen – so muss man einschränkend bemerken – Antworten, die nur indirekt an Text und Illustration belegbar sind, notwendig spekulativ bleiben. Ziel einer auf Text- und Bildinterpretation basierenden Herangehensweise kann in gewissen Teilen daher nur die Angabe von Wahrscheinlichkeiten sein. Jeder interpretatorische Zugang zum Werk, so deutet Hartau in der oben genannten Formulierung an, kommt an einer eingehenden Analyse des Narrenschiffphänomens nicht vorbei. Da bildliche und textliche Darstellungen im Bezug aufeinander oft stark differieren und den Holzschnitten in der Abhängigkeit vom Text trotz anzunehmender „eingehende[r] Mitarbeit Brants“[2] eine gewisse künstlerische Autonomie nicht abzusprechen ist,[3] die ihrerseits neue Deutungsaspekte der Narrenschiffallegorie hervorbringen, soll auch die Thematisierung des Verhältnisses von Bild und Text am Rande Eingang in die Diskussion finden.

2. Das Titelblatt als Zugang zum Narrenschiff

Beim ersten Blick auf das Buch, wie es von Sebastian Brant ursprünglich konzipiert wurde, fällt dem Leser ein Titelblatt ins Auge, das zunächst einmal zweigeteilt ist: Die obere Bildhälfte zeigt einen einspännigen Wagen, besetzt mit einer Gruppe von Narren, unschwer zu erkennen an den typischen Attributen Kappe und Schelle. Auch der Wagenführer auf dem Rücken des Pferdes, mit einer Peitsche ausgestattet, sowie der zu Fuß gehende Begleiter des ‚Narrenwagens’ sind als Narren zu erkennen. Hintergrund bildet eine angedeutete Landschaft mit Blick auf eine Festungsanlage in der Ferne.

Die untere Bildhälfte – eine von der oberen Bildhälfte unabhängige, in sich geschlossenen Darstellungen – gibt den Blick frei auf ein mit ebensolchen Narren voll besetztes Schiff. Ihm folgen in einiger Entfernung kleinere Schiffe nach, ebenfalls mit Narren besetzt. Der Ausruf „har noch“[4] scheint von dem winkenden Narren, sowie seinen Reisegenossen, die vom schon heran gefahrenen Nachen und dem großen Schiff zum noch weiter entfernten Boot herüberblicken, zu kommen. Auch die Angabe des Reiseziels „Ad Narragoniam“[5] kann man nicht nur als Überschrift, sondern gleichsam als Ausruf und Aufforderung verstehen, die Reise anzutreten. Ein Stück eines Liedes, am oberen, rechten Bildrand positioniert, verdeutlicht die aufgeräumte Stimmung, die an Bord zu herrschen scheint. Der unter der Notation verzeichnete Liedvers „Gaudeamus omnes“[6] lässt keinen Zweifel mehr an der freudigen Gestimmtheit der Passagiere des Narrenschiffes. Inmitten dieser euphorischen Aufbruchstimmung fällt eine mittschiffs positionierte Narrenfigur besonders auf: Ein durch den Schriftzug „doctor griff“[7] näher bezeichnete Person fungiert hier gleichsam als Bannerträger der auf dem Schiff versammelten Narrenzunft. Den Wimpel, der sich im Fahrtwind bewegt und von Dr. Griff geführt wird, trägt eines der Symbole der Narrenschaft: Die Schelle. Schließlich fällt der Blick noch auf eine Bildunterschrift, die nicht, wie die vorherigen schriftlichen Einfügungen, Teil des Bildes ist. Die aufmunternden Worte scheinen an den Leser gerichtet zu sein: „Alzů Schyff Zů Schyff Brůder: Eß gat/ eß gat.“[8] Zur Position des Lesers in Brants Werk werden im weiteren Verlauf noch einige Anmerkungen zu machen sein.

Wendet der Leser nun die erste Seite um, so sieht er, dass auf Titelblattrückseite das Motiv des Narrenschiffes erneut aufgenommen wird. Allerdings mit einigen Abwandlungen: Das große, auf der ersten Illustration im Vordergrund abgebildete Narrenschiff ist hier ohne die heranrudernden, kleineren Boote dargestellt. Es scheint sich noch mehr gefüllt zu haben. Die Narren stehen dicht gedrängt. Die Kennzeichnung der Narren ist um ein weiteres traditionelles Attribut erweitert worden: Der Kolben. Ein Narr an der Reling hantiert zudem mit etwas Flötenähnlichem – ob er lausbubenhaft mit einem Blasrohr schießt oder dies auch als Pfeife gedeutet werden kann, die Brant in verschiedenen Kapiteln ebenfalls als Narrenattribut herausstellt,[9] bleibt unklar. Das Banner der närrischen Reisegruppe hat sein Motiv gewechselt: Das Narrenschiff segelt nicht mehr unter der Schellenflagge, sondern hat das Bildnis des Dr. Griff zu seinem Kennzeichen gemacht. Auffallend ist, dass gerade ein Narr, der an der ehemaligen Position des Bannerträgers Dr. Griff steht, über die Reling gestoßen zu werden scheint. Rechts und links wird die Abbildung von einem Ornamentband eingefasst, das aus Rankpflanzen und daraus groteskenhaft hervorwachsenden Narrenfiguren gebildet wird. Zu der Bildüberschrift „Das Narren Schyff.“[10] tritt eine Bildunterschrift hinzu, die ich in der Übersetzung aus dem Lateinischen wiedergebe[11]:

Gen Narragonien.

Jene sind es, die mit Schiffen das Meer befuhren/ und Handel trieben auf den großen Wassern. Sie stiegen zum Himmel empor/ und fuhren in die tiefste Tiefe hinab: ihre Seele verzagte in der Not. Sie wankten und schwankten wie Trunkene, all ihre Weisheit war verloren. (Psalm 106)

2.1 Wirkungen auf den Betrachter

„Wenn man, von den Anstrengungen der Basler Fastnacht erholt, in der Fastenzeit des Jahres 1494 im Verlag Bergmanns von Olpe vorbeischaute, […] dürfte vor allem ein Buch ins Auge gefallen sein, wegen seines Titelblatts: Das Narrenschiff […].“[12]

Joachim Theisen eröffnet so seine Ausführungen zum Titelblatt des Narrenschiffs und hebt damit schon die außergewöhnliche Wirkung hervor, die schon allein das Äußere des Buches auf die Leser damaliger Zeit machen musste, und von der auch heute noch etwas zu spüren ist. In der Debatte um die Urheberschaft der Illustrationen zum Narrenschiff mag man angesichts dieses Umschlagbildes gern Albrecht Dürer als Reißer dieser Holzschnitte angeben, um eine Erklärung für die „ausgeprägte Fähigkeit der Charakteristik“,[13] das Fesselnde des Figürlichen[14] oder die Erfassung der Handlung in „einem dramatischen Kernpunkt“[15] zu geben. Wer letztendlich die Verantwortung für diese Darstellung trägt, ist für seine Wirkung unerheblich.[16] Die Qualitätsmerkmale, die Mähl als Kriterien der Meisterschaft Dürers herausstellt, sind allerdings nicht von der Hand zu weisen. Das Bildgeschehen ist lebendig und immer in Bewegung begriffen: Gestikulieren, Winken und Rudern der Narren lenken den Blick auf immer wieder andere Bildelemente. Der flatternde Wimpel, der rollende Wagen und die auf den Wellen schwankenden Schiffe vermeiden jeden Eindruck des Statischen.

Wendet man sich der Gestaltung der einzelnen Narrenfiguren näher zu, so beeindruckt die individuell ausgearbeitete Physiognomie: Kein Gesicht gleicht dem anderen, das Mienenspiel variiert von Nachdenklichkeit über aufmerksame Gespanntheit bis hin zu fröhlicher Gelöstheit. Das zweite Titelblatt wirkt allerdings in Bezug auf diesen Aspekt technisch etwas unvollendeter.

[...]


[1] Hartau, Johannes: „Narrenschiffe“ um 1500. Zu einer Allegorie des Müßiggangs. In: Sebastian Brant. Forschungsbeiträge zu seinem Leben, zum „Narrenschiff“ und zum übrigen Werk. Hg. v. Thomas Wilhelmi. Basel: Schwabe 2002. S. 125.

[2] Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Hg. v. Hans-Joachim Mähl. Stuttgart: Reclam 1964 (= RUB 899). S. 507.

[3] vgl. ebd. S. 503 – 505.

[4] Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Hg. v. Manfred Lemmer. Zweite, erweiterte Auflage. Tübingen: Niemeyer 1968 (= Neudrucke deutscher Literaturwerke. Neue Folge 5). S. 1. Alle Zitate des „Narrenschiffs“ beziehen sich im Folgenden auf diese Ausgabe.

[5] ebd. S. 1.

[6] ebd. S. 1.

[7] Lemmer 1968. S. 1.

[8] ebd. S. 1. Ich habe mit dem Zeichensatz versucht, mich der Brantschen Orthographie möglichst anzunähern. Umlaute mit hochgestellten Buchstaben gebe ich, wie folgt, an: ae, ue, oe. Virgeln im Text habe ich durch Kommata ersetzt, da sonst eine Verwechslung mit der Markierung des Versendes entsteht.

[9] So z. B. in Kap. 41, V. 14 – 16: „Der acht nit, was eyn yeder redt/ Sunder blyb uff sym fürnem stiff/ Ker sich nit an der narren pfiff“ oder Kap.54, V. 9- 10:“ Keyn gůt dem narren in der welt/ Baß dann syn kolb, und pfiff gefelt“.

[10] Lemmer 1968. S. 2.

[11] nach Theisen, Joachim: Sebastian Brant, Dr. Griff und Petrarca auf dem Mont Ventoux. Das Titelblatt als Verständnisvorgabe des Narrenschiffs. In: Euphorion 90 (1996). S. 67.

[12] Theisen 1996. S. 62.

[13] Mähl 1964. S. 509.

[14] vgl. ebd. S. 509.

[15] ebd. S. 510.

[16] vgl.Theisen 1996. S. 62. Der Autor weist in seiner ersten Anmerkung darauf hin, dass das zweite Titelblatt dem so genannten Haintz-Nar-Meister zuzuweisen ist, also nicht auf Dürer zurückgeht.

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Details

Titel
"Zuo schyff zuo schyff Bruoder" - Die literarische Tradition der Schiffsallegorese und ihre Abwandlung bei Sebastian Brant
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Narrenliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V79383
ISBN (eBook)
9783638860048
ISBN (Buch)
9783638860932
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bruoder, Tradition, Schiffsallegorese, Abwandlung, Sebastian, Brant, Hauptseminar, Narrenliteratur
Arbeit zitieren
Magister Artium Christoph Hartmann (Autor), 2004, "Zuo schyff zuo schyff Bruoder" - Die literarische Tradition der Schiffsallegorese und ihre Abwandlung bei Sebastian Brant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79383

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