Nachdem im Forschungsstand die einschlägigen Publikationen zum Thema der politischen Bildung in Italien vorgestellt werden, erfolgt im letzten Abschnitt der Einleitung eine Erläuterung der verwendeten grundlegenden Terminologie. Hierbei wird der zentrale Begriff der politischen Bildung und dessen italienische Entsprechung der educazione civica im Zusammenhang mit anderen Begriffen wie der politischen Erziehung und Sozialisation sowie dem zugrunde liegenden Politik-, Demokratie- und Bürgerverständnis vor allem im schulischen Kontext bestimmt.
Kapitel 1 beschäftigt sich mit den einzelnen historischen Entwicklungsphasen der politischen Bildung im italienischen Schulwesen. Vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der nationalen Einigung, des Faschismus, der Nachkriegszeit sowie der Ersten und Zweiten Republik sollen die Ziele und Inhalte der politischen Bildung exemplarisch anhand der jeweiligen theoretischen und didaktischen Positionen sowie der Lehrpläne und Lehrbücher beleuchtet werden.
Kapitel 2 geht auf die politische Bildungsarbeit an Italiens Schulen heute ein. Dazu werden zunächst wesentliche Aspekte des italienischen Bildungswesens behandelt, das sich nach den jüngsten Reformen nicht nur formal, sondern auch inhaltlich in mehrfacher Hinsicht verändert hat. Darüber hinaus wird die Aus- und Weiterbildung der Lehrer berücksichtigt, insofern diese den Grundstein für die Vermittlungskompetenz politischer Bildung legt.
Im Anschluss erfolgt eine Analyse der politischen Bildungsarbeit auf zwei Ebenen: zum einen auf der Ebene der educazione alla convivenza civile, die anhand ihrer Ziele und Inhalte erläutert werden soll. Methodisch kommt hierbei die Text- und Dokumentenanalyse zum Einsatz, die die Auswertung der neuen Lehrpläne, entsprechender Ministerialerlasse und Schulbücher umfasst. In die Betrachtung werden zudem die gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Bezugsfächer sowie das entwicklungs- und lernpsychologisch bedingte Politikverständnis der jeweiligen Altersgruppen einbezogen. Zum anderen wird auf die Ebene einer demokratischen Schul- und Lernkultur eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
0.1 Problemstellung
0.2 Untersuchungsgang
0.3 Forschungsstand
0.4 Politische Bildung als educazione civica – eine Begriffserklärung
1. GESCHICHTE DER POLITISCHEN BILDUNG IN ITALIEN
1.1 Politische Bildung im nationalen Einheitsstaat
1.1.1 Zeithistorischer Kontext
1.1.2 „Die Schule als Schmiede der Nation“
1.1.3 Politische Bildung als Erziehung zum Dienst am Vaterland
1.2 Politische Bildung nach dem Ersten Weltkrieg und im Faschismus
1.2.1 Zeithistorischer Kontext
1.2.2 Politische Bildung als Erziehung zum Kommunismus
1.2.3 Politische Bildung als Erziehung zur faschistischen Ideologie
1.3 Politische Bildung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Ersten Republik
1.3.1 Zeithistorischer Kontext
1.3.2 Politische Bildung als Demokratieerziehung
1.3.3 Theoretische und didaktische Konzeptionen der politischen Bildung in den 1960er und 1970er Jahren
1.4 Politische Bildung in der Zweiten Republik
1.4.1 Zeithistorischer Kontext
1.4.2 Politische Bildung als Institutionenkunde
2. POLITISCHE BILDUNG IM GEGENWÄRTIGEN ITALIENISCHEN SCHULSYSTEM
2.1 Das italienische Bildungssystem als Rahmenbedingung politischer Bildung
2.2 Politische Bildung als fächerübergreifende pädagogische Thematik
2.2.1 Politische Bildung in der Vor- und Grundschule
2.2.2 Politische Bildung in der unteren Sekundarschule
2.2.3 Politische Bildung in der oberen Sekundarschule
2.3 Politische Bildung als Schulprinzip: Demokratisches Lernen im Schulleben
2.4 Politische Bildung am Liceo Ginnasio Statale “G. e Q. Sella” Biella - eine Fallstudie
3. BILANZ UND PERSPEKTIVEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die politische Bildung von ihren historischen Anfängen bis zum aktuellen reformierten italienischen Schulwesen in Theorie und Praxis gestaltet, unter besonderer Berücksichtigung der Umsetzung bildungspolitischer Reformen.
- Historische Entwicklung der politischen Bildung in Italien
- Analyse der Bildungsreformen und ihrer Auswirkungen
- Vergleichende Untersuchung der didaktischen Konzeptionen
- Praktische Umsetzung in der schulischen Alltagskultur
- Herausforderungen der politischen Bildungsarbeit heute
Auszug aus dem Buch
1.2.3 Politische Bildung als Erziehung zur faschistischen Ideologie
Doch schon in den 1920er Jahren machte sich die zunehmende Totalisierung der Gesellschaft in den schulischen und didaktischen Konzeptionen bemerkbar. Benedetto Croce, der von 1920 bis 1921 als Unterrichtsminister amtierte und erst 1924 nach der Ermordung des sozialistischen Politikers Giacomo Matteotti mit Mussolinis Regime brach, tat sich als „Sprecher einer spezifischen nationalistischen politischen Pädagogik“ hervor. „Das Allgemeine (der Staat, das Vaterland, die Nation, die ‚gesellschaftliche Disziplin’, die ‚soziale Einigkeit’) [überlagere] den empirischen Menschen.“ In diesem Sinne vertrat Croce ein autoritäres Erziehungskonzept, das die individuelle Autonomie und das Persönlichkeitsrecht des Kindes vollkommen negierte. Er ging vom Schüler als Subjekt aus, „das keine Lebens-, Welt- und Realitätsanschauung habe“ und daher kritiklos die vom Lehrer übermittelten Werte, Normen und Haltungen annehmen müsse.
Nach der 1923 unter Unterrichtsminister Giovanni Gentile eingeführten Reform (Riforma Gentile) wurde die Schulpflicht bis zum vierzehnten Lebensjahr verlängert. Der staatlich organisierten und verwalteten Grundschule schlossen sich Mittelschulen und Oberschulen an, die jedoch nur der Ausbildung der zukünftigen Führungsklasse dienten. Hier offenbarte sich der elitäre und aristokratische Charakter der faschistischen Schulpolitik.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Darstellung der Problemlage in der italienischen politischen Bildung und Vorstellung des Untersuchungsziels sowie des methodischen Vorgehens.
1. GESCHICHTE DER POLITISCHEN BILDUNG IN ITALIEN: Historischer Rückblick auf die verschiedenen Phasen von der Einigung Italiens über den Faschismus bis hin zur Zweiten Republik.
2. POLITISCHE BILDUNG IM GEGENWÄRTIGEN ITALIENISCHEN SCHULSYSTEM: Detaillierte Analyse des aktuellen Schulsystems und der Implementierung politischer Bildungskonzepte sowie eine Fallstudie zu einer konkreten Schule.
3. BILANZ UND PERSPEKTIVEN: Fazit der Untersuchung mit einem Ausblick auf notwendige Weiterentwicklungen der politischen Bildungsarbeit in Italien.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Italien, educazione civica, Schulsystem, Demokratieerziehung, Faschismus, Verfassung, Moratti-Reform, Institutionenkunde, politische Partizipation, politische Sozialisation, Curriculum, Schulkultur, Lehrerbildung, politisches Lernen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung, den Zielen und der methodischen Gestaltung der politischen Bildung im italienischen Schulwesen im historischen und aktuellen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Einbettung der politischen Erziehung, der Einfluss politischer Ideologien, die Umsetzung von Bildungsreformen und die aktuelle Rolle der Schule als Ort demokratischen Lernens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, wie sich die politische Bildung aus ihrem historischen Entstehungskontext heraus im gegenwärtigen reformierten Schulwesen Italiens in Theorie und Praxis gestaltet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Verwendet werden Text- und Dokumentenanalysen von Lehrplänen und Ministerialerlassen sowie eine empirische Fallstudie mittels teilnehmender Beobachtung und qualitativer Interviews.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die historische Genese, das gegenwärtige Bildungssystem inklusive der Moratti-Reform sowie die praktische Umsetzung an einer konkreten Fallschule (Liceo Ginnasio Statale “G. e Q. Sella” in Biella) analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Politische Bildung, Italien, educazione civica, Demokratieerziehung, Schulsystem und politische Sozialisation charakterisiert.
Was macht die Fallstudie in Biella besonders?
Die Fallstudie am Liceo Ginnasio Statale “G. e Q. Sella” bietet einen praxisnahen Einblick in die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Reformvorgaben und verdeutlicht die Kluft zwischen curricularen Plänen und der tatsächlichen Unterrichtsrealität.
Wie unterscheidet sich die politische Bildung im Faschismus von der heutigen Situation?
Im Faschismus war die politische Bildung ein Instrument der Indoktrination und autoritären Disziplinierung, während sie heute primär auf das Erlernen demokratischer Werte, Mündigkeit und Partizipation im Rahmen des schulischen Alltags ausgerichtet ist.
Warum wird die politische Bildung heute oft kritisiert?
Kritisiert wird primär der hohe Anteil an theoretischer Institutionenkunde (polity), die fehlende explizite Zeitplanung, die Überforderung durch die Stofffülle und die oft formale, aber ineffektive Gestaltung der Mitbestimmungsgremien.
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- Sophia Gerber (Author), 2006, Erziehung zum Bürger - aber wie? Politische Bildung in Italien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79396