Seit Beginn der 1980er Jahre lässt sich sowohl in den USA als auch in der Bundesrepublik Deutschland eine zunehmende Präsenz von Diskursen beobachten, die Erscheinungsformen städtischer Armut, wie bspw. Bettler und Obdachlose und ihre Anwesenheit in Teilen des urbanen Raums als eine Bedrohung definieren und zu beseitigen bzw. unterbinden suchen. Die Begründung exkludierender Interventionen im urbanen Raum rekurriert dabei auf Begriffe wie Wohlfühlambiente und (Un-)Sicherheitsempfinden. Es ist die Gewähr- leistung optimaler Reproduktionsbedingungen im Kontext der Aufwertung der Standortqualitäten der Stadt im interkommunalen Wettbewerb, die Schaffung von Konkurenzfähigkeit öffentlicher Einkaufsstraßen gegen- über privaten Urban Entertainment Centers, die Kreation einer angenehmen Konsumatmosphäre, die (Wieder-)Herstellung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und die Rücksichtnahme auf die Sorgen und Ängste der Bevölkerung mit der kommunale Politik und Wirtschaft die räumliche Ausschließung der Außen- seiter legitimieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Komponenten des den Armen zugeschriebenen Bedrohungspotentials und ihre Hintergründe
2.1 Das unbekannte Andere: Die Fremdheit der Armen
2.2 Das Stigma der kriminellen Armen
2.3 Die Gefahr der Armen für den mehrheitsgesellschaftlichen Werte- und Normenmainstream: Culture of Poverty
2.4 Die Armen als Ursache von Kriminalität: Hintergründe und Folgerungen der Broken Windows Theorie
2.5 Fear of falling: Die Armen als Mahnmal der Möglichkeit des eigenen sozialen Abstiegs
2.6 Die Armen als Störpotential für das positive Reproduktions- und Konsumklima
3. Ursachen der zunehmenden Hypersensibilität gegenüber physischer (Un-)Sicherheit
3.1 Die Verschiebung von sozialer zu physischer Sicherheit auf individueller und politischer Ebene
3.2 Die mediale (Re-)Produktion von Ängsten vor Gewalt und Kriminalität
3.3 Kommerzialisierung von (Un-)Sicherheit
3.4 Erhöhte Vulnerabilität aufgrund demographischer Entwicklungen
3.5 Die Armen als Bezugspunkt wachsender Hypersensibilität gegenüber physischer (Un-)Sicherheit
4. Maßnahmen der räumlichen Exklusion und Separation
4.1 Die „soziale Säuberung“ des öffentlichen Raums: Mit Zero Tolerance und Community Policing gegen die Unwirtlichkeit der Stadt
4.2 Das Prinzip Shopping Mall: Positives Konsumklima durch Aussperrung der Armen
4.3 Sicherheit durch schwarze Sheriffs
4.4 Gated Communities: Wohnen hinter Zäunen
4.5 Elektronische Überwachung und Kontrolle des Raums
4.6 Materielle und symbolische Gestaltung des Raums
4.7 Ausschluss durch Einschluss: Gefängnis und containment
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die zunehmende Exklusion armer Bevölkerungsgruppen aus städtischen Räumen. Dabei wird analysiert, wie diese Menschen als Bedrohung für das Sicherheitsgefühl und das Konsumklima konstruiert werden und welche Mechanismen der räumlichen Segregation und Kontrolle daraufhin durch Politik und Wirtschaft legitimiert und umgesetzt werden.
- Soziale Stigmatisierung und Konstruktion von Bedrohungspotentialen
- Die Rolle der „Broken Windows“-Theorie in der Sicherheitspolitik
- Kommerzialisierung von Sicherheit und ihre Auswirkungen auf den öffentlichen Raum
- Strategien räumlicher Exklusion (Gated Communities, Shopping Malls, Überwachung)
- Die Zukunft urbaner Räume im Zeichen sozialer Homogenisierung
Auszug aus dem Buch
2.1 Das unbekannte Andere: Die Fremdheit der Armen
Die basalste Bedrohung durch die Armen geht von ihrer Fremdheit bzw. der Fremdheit ihres Auftretens und ihrer Verhaltensweisen aus. Eine Person, deren Armut sich den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft bspw. durch schmutzige und kaputte Kleidung, dem Suchen nach Nahrung in Abfallbehältern, dem Bitten um Almosen, dem Drogenkonsum auf offener Straße und dem Schlafen auf Parkbänken oder dem Bürgersteig offenbart, stellt für die Integrierten eine Form extremer sozialer und kultureller Fremdheit dar, die von ihnen als ein zweifacher Kontrollverlust erlebt werden kann.
Zum Einen sind die Armen, ihr Aufreten und ihr Verhalten den Integrierten fremd im Sinne von unbekannt. Diese Unbekanntheit bedeutet ein Informationsdefizit, das Fehlen von Informationen, die nötig wären, um eine Situation des Kontakts mit den unbekannten Armen bzw. deren Verlauf und Resultat aus der Perspektive der Integrierten absehbar, kalkulierbar und damit kontrollierbar erscheinen zu lassen. Die Erwartungsunsicherheit bzgl. Verlauf und Resultat des Zusammentreffens mit den Armen reduziert die Möglichkeiten der Integrierten die Kontaktsituation aktiv zu beeinflußen bzw. zu steuern.
Zum Anderen unterscheiden sich das Auftreten und Verhalten der Armen stark von dem der Integrierten, es ist den Integrierten fremd im Sinne von andersartig. Diese Differenz, das Abweichen der Armen von dem seitens der Mehrheitsgesellschaft als normal definierten Auftreten und Verhalten kann von den Integrierten als ein Verlust ihrer Definitionsmacht wahrgenommen werden. Ihre Normen bzw. deren Wertigkeit und Gültigkeit erscheinen durch die Devianz der Armen bzw. ihres Auftretens und Verhaltens in Frage gestellt bzw. unterminiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der räumlichen Exklusion armer Menschen ein und formuliert drei zentrale Fragestellungen zu Bedrohungswahrnehmung, Ursachen der Angst und konkreten Ausschlussmaßnahmen.
2. Komponenten des den Armen zugeschriebenen Bedrohungspotentials und ihre Hintergründe: Dieses Kapitel identifiziert verschiedene Stigmatisierungsformen der Armen, darunter die Wahrnehmung als fremdes Anderes, als kriminell und als Gegenpol zu bürgerlichen Normen durch die „Culture of Poverty“ und die „Broken Windows“-Theorie.
3. Ursachen der zunehmenden Hypersensibilität gegenüber physischer (Un-)Sicherheit: Hier wird untersucht, wie eine Verschiebung von sozialer zu physischer Sicherheit, mediale Angsterzeugung und demographischer Wandel das subjektive Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung steigern.
4. Maßnahmen der räumlichen Exklusion und Separation: Der Hauptteil analysiert konkrete Praktiken der Verdrängung, wie „Zero Tolerance“, den Einsatz privater Sicherheitsdienste („schwarze Sheriffs“), Überwachungstechnologien und eine „verhärtete“ Gestaltung des urbanen Raums.
5. Ausblick: Das Fazit entwirft ein Szenario zunehmender Privatisierung und sozialer Sterilität städtischer Räume und plädiert für eine Aufklärung über die Mechanismen der Angsterzeugung als Gegenstrategie.
Schlüsselwörter
Soziale Exklusion, räumliche Segregation, Armut, Broken Windows Theorie, innere Sicherheit, Wohlfühlambiente, Überwachung, Gated Communities, Stigmatisierung, Stadtsoziologie, Kriminalpolitik, öffentlicher Raum, soziale Randgruppen, Angst vor dem sozialen Abstieg, Gentrifizierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der wachsenden Ausgrenzung von armen Bevölkerungsgruppen aus städtischen Räumen in den USA und Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Konstruktion von Armut als Bedrohung, der Verschiebung von sozialer Sicherheit hin zur physischen Kontrolle sowie den konkreten Maßnahmen der räumlichen Trennung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Hintergründe der zunehmenden Exklusion der Armen zu identifizieren, die Mechanismen der Angsterzeugung zu durchleuchten und die räumlichen Folgen dieser Entwicklung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer soziologischen Diskursanalyse und Literaturrecherche, um theoretische Konzepte wie den Underclassansatz mit aktuellen stadtpolitischen Entwicklungen zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Analyse von Sicherheit als Politikinstrument, der Rolle privater Sicherheitsdienste, der Überwachungstechnik und der baulichen Gestaltung („prickly spaces“), die das Verweilen von Armen unmöglich machen sollen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem soziale Exklusion, Broken Windows Theorie, räumliche Segregation und das Bedürfnis nach einem „Wohlfühlambiente“ in der Stadt.
Wie unterscheidet sich die Situation in den USA von der in Deutschland?
Während in den USA bereits Masseneinsperrung und extremere Formen von Containment existieren, ist die Entwicklung in Deutschland derzeit stärker durch ordnungspolizeiliche Platzverweise und private Hausordnungen geprägt.
Was ist laut Autor das Problem an „Sicherheit suggerierenden Maßnahmen“?
Der Autor argumentiert, dass Mauern, Kameras und Sicherheitsdienste Sicherheit nicht wirklich erhöhen, sondern als „Circulus vitiosus“ Ängste tagtäglich reproduzieren.
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- Christian Maskos (Author), 2007, Vertreibung und Abschottung im Zeichen von (Un-)Sicherheitsempfinden und Wohlfühlambiente - Zur Exklusion der Armen aus Teilen des urbanen Raums, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79412