Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe beinhaltet neben der Liebesgeschichte zweier Kinder, dessen Familien im bösen Streit liegen, eine Problematik in Bezug auf den Begriff der Ehre.
Durch die Auffassung dieses Codex wird der Verlauf der Handlung und Geschehnisse innerhalb der Novelle oftmals beeinflußt und gelenkt sowie die fatalen Auswirkungen der damaligen Ehrauffassung deutlich gemacht, ohne dabei einer jeglichen Wertung des Realisten Kellers zu unterliegen.
In der folgenden Arbeit soll zunächst der Begriff der Ehre näher analysiert werden, da sich hinter der Vokabel verschiedene epochiale Auffassungen und Definitionen verstecken.
Weiterhin soll der Begriff auf Inhalte wie Werte, Normen, Gewissen und Tradition untersucht werden, die das damalige Zusammenleben in der Gesellschaft bestimmt haben. Besonders in den Kapiteln unter 2.1 werden die unterschiedlichen Inhalte des Begriffs im Kontext der Zeit näher beleuchtet, um eine Annäherung an den weiten und undurchsichtigen Ehrbegriff möglich und verständlich zu machen.
Das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch auf die Figuren der Geschichte, insbesondere Sali und Vrenchen, die innerhalb der Erzählung an das Regelwerk der Gesellschaft anscheinend unausweichlich gebunden sind und anhand deren Verhaltensmuster die Doppeldeutigkeit zwischen äußerer und innerer Ehre spezifiziert wird.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Auffassung der Ehre im Kontext der Zeit
2.1 Der Ehrbegriff
2.1.1 Der Ehrbegriff zu Zeiten der Veröffentlichung
2.1.2 Der Ehrbegriff in der Moderne
2.2 Die Ehrvorstellung von Manz und Marti
2.3 Der Geiger als Signifikant
2.4 Sali und Vrenchen's Identifikation mit der Ehre
2.4.1 Äußere Ehre
2.4.2 Innere Ehre
2.4.3 Symbolik
2.4.4 Auswirkungen auf Liebe und Leben
2.5 Intention Kellers
3 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Ehrbegriffs in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und analysiert, wie gesellschaftliche Normen und Standesvorstellungen den Untergang der Protagonisten Sali und Vrenchen maßgeblich beeinflussen.
- Analyse des historischen und modernen Ehrbegriffs im literarischen Kontext
- Untersuchung der Ehrvorstellungen der Väterfiguren Manz und Marti
- Der schwarze Geiger als Symbol für gesellschaftliche Ausgrenzung
- Identifikation der Protagonisten mit innerer und äußerer Ehre
- Symbolik (Lebkuchenhaus, Ringe) als Ausdruck von Lebensentwürfen
- Reflexion über Gottfried Kellers Intention und die gesellschaftliche Kritik
Auszug aus dem Buch
2.3 Der Geiger als Signifikant
Diese Figur in Kellers Novelle ist ein Stereotyp für Ausgeschlossene. In ihm bündeln sich die Traditionen und Auffassungen des bürgerlichen Standes in Seldwyla, in dem sie ihm das Heimatrecht aberkennen und er somit ausgestoßen ist. Er streift als Vagabund in der Welt umher und lebt vom Musizieren. Dennoch wird er als „schwarz“ dargestellt, seine Gestalt ist dunkel, und sein Gesicht ziert eine „ schreckbare Nase, welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren Gesicht ragte“ (S.37). Er ist der rechtmäßige Eigentümer des Ackers, an dem die Bauern Manz und Marti zugrunde gehen, und auch hier spiegelt sich das Gesellschaftsbild und die Ehre in den Köpfen der Seldwyler wider: „ [...] ich habe mich zwanzig mal gemeldet, aber ich habe keinen Taufschein und keinen Heimatschein, und meine Freunde, die Heimatlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugnis, und so ist die Frist längst verlaufen“ (S. 38). Der Geiger lebt aufgrund fehlender Zeugnisse, welche von den Seldwylern anerkannt werden müssen, in der Armut und als Randgestalt, der zu den Vagabunden und Ausgestoßenen zählt. Der Geiger kennt seine eigene Position in der Gesellschaft genau, und bietet diese Stellung auch Sali und Vrenchen an: „Ich rate euch, nehmt euch wie ihr seid, und säumet nicht“ (S.73).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Ehrbegriffs bei Gottfried Keller ein und erläutert das Ziel der Arbeit, die gesellschaftlichen Konsequenzen für die Protagonisten zu untersuchen.
2 Auffassung der Ehre im Kontext der Zeit: Dieses Hauptkapitel beleuchtet den vielschichtigen Ehrbegriff, seine historische Wandlung und die spezifische Bedeutung von sozialem Status und Standeszugehörigkeit im 19. Jahrhundert.
2.1 Der Ehrbegriff: Hier werden theoretische Grundlagen zur Definition von Ehre dargelegt, wobei zwischen sozialen und sittlichen Komponenten unterschieden wird.
2.2 Die Ehrvorstellung von Manz und Marti: Dieses Kapitel analysiert das Verhalten der Bauern, die ihre moralischen Bedenken zugunsten von materiellem Gewinn und gesellschaftlichem Ansehen aufgeben.
2.3 Der Geiger als Signifikant: Der Geiger wird als Gegenpol zur bürgerlichen Gesellschaft und als Identifikationsfigur für Ausgestoßene vorgestellt.
2.4 Sali und Vrenchen's Identifikation mit der Ehre: Dieses Kapitel untersucht die Zerrissenheit der Liebenden zwischen dem Wunsch nach bürgerlicher Anerkennung und ihrer persönlichen, inneren Ehre.
2.5 Intention Kellers: Es wird die Frage erörtert, inwiefern Keller eine wertfreie Erzählperspektive einnimmt oder die gesellschaftlichen Zustände implizit kritisiert.
3 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie der gesellschaftliche Druck und der starre Ehrbegriff das tragische Schicksal der Liebenden unvermeidbar machen.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Ehre, Ehrbegriff, Seldwyla, Gesellschaftskritik, Moral, Standesgesellschaft, Freitod, Sali und Vrenchen, schwarzer Geiger, Identität, Sozialgeschichte, Literaturwissenschaft, symbolische Ordnung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung und den Wandel des Ehrbegriffs in Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und dessen verheerende Auswirkungen auf die Hauptfiguren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Auffassung von Ehre, der gesellschaftlichen Stellung der Protagonisten, der Rolle von Außenseiterfiguren sowie der Symbolik als Mittel der Charakterisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das starre Regelwerk der bürgerlichen Ehre im Seldwyla des 19. Jahrhunderts die Liebenden Sali und Vrenchen in eine ausweglose Situation treibt, die schließlich in den Freitod mündet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Novellentextes unter Einbeziehung soziologischer und kulturhistorischer Ansätze zum Begriff der Ehre.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung des Ehrbegriffs, die Analyse der Vätergeneration, die Rolle der Symbolik sowie die kritische Auseinandersetzung mit Gottfried Kellers Intention.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Ehre, Gesellschaftskritik, Moral, Standesgesellschaft, Symbolik sowie die Protagonisten Sali und Vrenchen.
Wie unterscheidet sich die Rolle des schwarzen Geigers von der der Bauern?
Während Manz und Marti trotz ihres Falls krampfhaft an bürgerlichen Konventionen und Besitzansprüchen festhalten, akzeptiert der Geiger seine Rolle als gesellschaftlicher Außenseiter und bietet den Kindern einen Weg außerhalb der bürgerlichen Ethik an.
Warum entscheiden sich Sali und Vrenchen letztlich für den Freitod?
Aufgrund der Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Basis und des gesellschaftlichen Ausschlusses sehen die Liebenden keine Möglichkeit mehr, als ehrbares Paar in ihrer Heimat zu existieren; der Freitod wird als einziger Ausweg aus ihrer persönlichen und gesellschaftlichen Not empfunden.
- Quote paper
- Stefanie Udema (Author), 2003, Die Bedeutung der "Ehre" in Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79443