Das Frauenbild in der Romantik – Beginn einer Emanzipation
Die Gleichstellung von Frauen und Männern ist für uns heute selbstverständlich. Doch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten Frauen wenig Rechte und dadurch kaum Chancen, sich selbst zu verwirklichen. Mit der Romantik begann eine Emanzipationsbewegung der Frau. Vor dieser Zeit war diese „Objekt, Instrument und oft Opfer einer männlich geprägten Gesellschaft“ . In der Ehe war es die Aufgabe der Frau, für Nachkommen zu sorgen und die Hauswirtschaft zu führen. Damit waren ihre Tätigkeitsfelder und Lebensbereiche stark eingegrenzt, die ökonomische Sphäre blieb ihr zum größten Teil verwehrt.
In der Romantik beginnen die Männer, sich für die Frauen in ihrer geschlechtlichen Autonomie zu interessieren, was diesen die Chance gibt, sich zu emanzipieren. Die Ehe bekommt eine neue Bedeutung: „Wenn schließlich in der Romantik die Ehe primär und sogar ausschließlich in Liebe begründet und damit allein den einzelnen Mann und die einzelne Frau betreffend gedacht wird, lösen sich tendenziell Ehe und Familie als Institution auf.“ . Dieser neue Stellenwert der Liebe in der Ehe macht die Frau zum gleichberechtigten Partner.
Neben der neuen Zuwendung zu Märchen und Mythen, Natur und Seele, erwacht das Interesse an „weiblicher Symbolik“ : „Frauen schienen das gesuchte Ideal der Verbindung von Kunst und Leben zu verwirklichen; Frauen standen – nach der Auffassung der Romantiker – »der Natur«, »dem Leben« näher als die abstraktargumentierenden [sic] Männer".
Ludwig Tieck, ein Dichter beeinflusst von seiner Zeit und Romantiker in extenso, war von diesen Bewegungen nicht unbeeinflusst, zählten doch unter anderem die Gebrüder Schlegel zu seinen engen Freunden. (...)
In der vorliegenden Arbeit soll das Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ angesichts des neuen Stellenwertes der Frau in der Romantik und mit dem Hintergrundwissen von Tiecks persönlichen Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht interpretiert werden. Mit Hilfe einer hermeneutischen Interpretation und den Begriffen des „gender“- Diskurses soll das Frauenbild analysiert werden.
Das erkenntnisleitende Interesse gilt dem Frauenbild der Zeit und stützt die Arbeitshypothese, dass sich der romantische Diskurs über die Emanzipation des Weiblichen in den Frauengestalten von Tiecks „Der blonde Eckbert“ niederschlägt.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Frauenbild in der Romantik – Beginn einer Emanzipation
2. Bertha - Die Ökonomisierung der Frauenrolle
2.1. Bertha und Eckbert: Eine onomasiologische Beziehung
2.2. Die Ehe: Ausflucht Beziehung
2.3. Betitelungen Berthas: Abhängige Weiblichkeit
2.4. Bertha: Individueller Frauencharakter oder flache Märchenfigur?
3. Die Alte - Übermächtige Schicksalsfigur
3.1. Die Alte als Erzieherin und Mutter
3.2. Die Alte als Märchenfigur
3.3. Die Alte als personifizierte Schuld
3.4. Die Alte als Ersatz für Bertha?
4. Das Frauenkonzept im „Blonden Eckbert“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Frauenbild in Ludwig Tiecks Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ unter Berücksichtigung des zeitgenössischen romantischen Diskurses über die Emanzipation und mittels hermeneutischer sowie gender-theoretischer Analysen. Dabei wird die zentrale Forschungsfrage verfolgt, ob und wie sich dieser Diskurs in den weiblichen Figuren des Werkes niederschlägt und welche Konzepte von Weiblichkeit durch sie repräsentiert werden.
- Analyse des romantischen Frauenbildes und der Emanzipationsbestrebungen
- Untersuchung der ökonomischen Funktionalisierung der Frauenrolle am Beispiel der Figur Bertha
- Deutung der Figur der Alten als vielschichtige Schicksalsinstanz und Allegorie
- Dekonstruktion von Geschlechterrollen und deren Infragestellung im Märchenkontext
- Betrachtung von Doppelgängermotiven und Identitätsverschiebungen
Auszug aus dem Buch
2.1. Bertha und Eckbert: Eine onomasiologische Beziehung
Eckbert und Bertha sind die Protagonisten, deren jeweils einzelne (Lebens-)Geschichten zusammen die ganze Märchennovelle ausmachen. Beide Figuren werden bereits auf der ersten Seite indirekt charakterisiert. Eckbert beansprucht dabei „den meisten Raum, da der Erzähler eine geradezu realistische Beschreibung des Äußeren, des Charakters und der Lebensweise gibt. Von Bertha dagegen erfährt der Leser in einem Satz nur das, was auf eine Gleichartigkeit und Gleichgesinntheit mit Eckbert hindeutet.“ . Nicht nur im Hinblick auf ihre Verhaltensweisen gibt es auffällige Übereinstimmungen zwischen beiden, so auch eine weitere bezüglich ihrer Namen: ‚Bertha’ stammt von dem althochdeutschen Adjektiv ‚berath’ -„hell“, „strahlend“ oder „glänzend“ - ab, und bedeutet demnach so viel wie „die Glänzende“. Es stellt sich nun die Frage, inwiefern der Name zu der Figur passt: Hell, strahlend und glänzend erinnert an die Perlen und Edelsteine, die in den Eiern des Vogels in der Märchenwelt zu finden sind. Otto Liedke sieht in dem märchenhaften Vogel das „schöpferische Prinzip“, das wiederum auf das Ur-Weibliche verweist. Da Bertha den Vogel und ein paar Edelsteine absichtlich entwendet um diese zu versetzen, verkauft sie damit das schöpferische Prinzip ihrer Weiblichkeit und unterwirft sich der Ökonomie der realen Welt.
Im Namen ‚Eckbert’ findet sich mit ‚bert’ der gleiche Wortstamm wie auch bei ‚Bertha’. Ergänzt wird dieser durch die Silbe ‚Eck’, vom althochdeutschen starken Femininum ‚egga’ (‚ekka’) – „Schneide“, „Spitze“, „Ecke“ - abstammend. Eckbert ist also die ‚zugespitzte’ Form von Bertha, nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne: Beginnt Berthas Schuld mit dem Verlassen der Waldeinsamkeit und der Ermordung des Vogels, wird diese Schuld durch Eckbert mit dem Mord an Walther gesteigert und der Enthüllung seines begangenen Inzests noch pervertiert, gleichsam ‚auf die Spitze getrieben’.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Frauenbild in der Romantik – Beginn einer Emanzipation: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext ein und beleuchtet den Wandel des Frauenbildes in der Romantik hin zu einer potenziellen geschlechtlichen Autonomie.
2. Bertha - Die Ökonomisierung der Frauenrolle: Hier wird die Protagonistin Bertha als Figur analysiert, die ihre weibliche Identität und ihr schöpferisches Prinzip einer ökonomischen Verwertungslogik unterwirft.
3. Die Alte - Übermächtige Schicksalsfigur: Dieses Kapitel untersucht die komplexe Rolle der Alten, die als Erzieherin, Hexe, personifizierte Schuld und Schicksalsallegorie das Handeln der Protagonisten bestimmt.
4. Das Frauenkonzept im „Blonden Eckbert“: Das abschließende Kapitel fasst die Analyse zusammen und dekonstruiert das Bild des Weiblichen, indem es die Grenzfälle Bertha und die Alte gegenüberstellt.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert, Romantik, Frauenbild, Emanzipation, Gender Studies, Bertha, Die Alte, Ökonomisierung, Schicksalsfigur, Doppelgängermotiv, Identität, Inzest, Schuld, Weiblichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept der Weiblichkeit in Ludwig Tiecks bekanntem Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“ vor dem Hintergrund romantischer Diskurse.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Rollenbilder von Frauen, ihre ökonomische Funktionalisierung, die Dekonstruktion von Geschlecht sowie die Bedeutung von Schicksal und Schuld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, inwieweit sich der romantische Diskurs über die Emanzipation des Weiblichen in den Frauengestalten des Märchens widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische Interpretation unter Einbeziehung von Ansätzen aus dem sogenannten Gender-Diskurs.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Figur Bertha, ihrer Ehe und Ökonomisierung, sowie eine tiefgehende Untersuchung der Alten als vielschichtige Schicksalsinstanz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Tieck, Romantik, Frauenbild, Bertha, Die Alte, Geschlechterrollen und Identitätsdekonstruktion.
Wie wird die Figur der Bertha im Hinblick auf ihr soziales Geschlecht bewertet?
Die Autorin argumentiert, dass Bertha als komplexe Frauenfigur zu sehen ist, deren Handlungen zwar von ökonomischer Motivation geleitet sind, die aber dennoch psychologische Tiefenschichten aufweist und kein klischeehaftes Rollenbild verkörpert.
Welche Rolle nimmt die Alte ein, wenn man sie als Schicksalsallegorie betrachtet?
Die Alte wird nicht nur als Hexe, sondern als eine übermächtige, wandelbare Allegorie des Schicksals gedeutet, die sowohl Glück als auch Schuld und Verderben für die Protagonisten bereithält.
Wie wird das Inzestmotiv im Kontext der weiblichen Emanzipation interpretiert?
Der Inzest wird als Resultat von Berthas Scheitern an gesellschaftlichen Normen und als eine Art „Strafe“ für ihr Leben außerhalb dieser Ordnungen verstanden.
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- Kathrin Kiefer (Author), 2006, Hinter jedem Mann steht eine starke Frau? Konzepte der Weiblichkeit in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79482