Stresemann führte als Kanzler die Weimarer Republik in den Monaten ihrer schwersten Bedrohung. Die Entscheidungen in diesen drei Monaten, von August bis September 1923, bestimmten weitgehend den Gang der deutschen Außen- und Innenpolitik für die nächsten sechs Jahre bis zu seinem Tode 1929. Es war die Epoche, in der sich außenpolitisch, innen-politisch und wirtschaftlich der neue Staat zu konsolidieren schien. In diesen Jahren vermochte er der Politik, vor allem der Außenpolitik – welche Thema dieser Arbeit ist, so sehr den Stempel seiner Persönlichkeit aufzuprägen, dass man mit Recht von einer Ära Stresemann sprechen darf.
Persönlichkeit und Politik Gustav Stresemanns bilden einen bevorzugten Schwerpunkt der Weimar-Forschung. Zunächst beherrschten Publikationen das Feld, die überwiegend aus der Feder von Anhängern und Verehrern Stresemanns stammten. Die 1953 erfolgte Freigabe des Stresemann-Nachlasses leitete die erste Phase der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Stresemanns Außenpolitik ein, wobei sich die Quellengrundlage im Laufe der 50er Jahre dadurch erweiterte, als die Aktenbestände des Auswärtigen Amtes der Forschung zugänglich wurden. Eine zweite Phase begann um 1970. Von verschiedenen Ansatzpunkten aus und auf unterschiedliche Aspekte konzentriert ist das ganze Problemfeld ausgeleuchtet worden. Angesichts einer lange Zeit höchst kontroversen Beurteilung Stresemanns und seiner Politik wird man es erstaunlich nennen dürfen, das sich als Summe der Ergebnisse der neueren Arbeiten ein recht weitgehender Konsens insbesondere bei zwei früher heftig umstrittenen Fragen feststellen lässt. Zum Einen hinsichtlich zur Wandlung Stresemanns vom Nationalisten zum Europäer sowie bezüglich des außenpolitischen Handelns Stresemanns.
Inhaltsverzeichnis
1 Stresemanns Anfänge
1.1 Die Ära Stresemann
1.2 Stresemann und der Versailler Vertrag
1.3 Die Außenpolitische Konzeption
2 Die Außenpolitik Stresemanns
2.1 Die Auswirkungen der Ruhrkrise auf Stresemann
2.2 Der Dawes-Plan
2.3 Stresemanns Annäherung an den Völkerbund
2.4 Der Weg nach Locarno
2.5 Neue Aussichten durch Locarno
2.5.1 Die Situation im Westen
2.5.2 Die Stellung der Sowjetunion
2.5.3 Die Auswirkungen auf die Ostgrenzen
2.6 Der Völkerbundeintritt und Thoiry
2.7 Stagnation der Revisionsforderungen
2.8 Über den Briand-Kellogg Pakt zum Young-Plan
3 Die Leistungen Stresemanns
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die außenpolitische Konzeption von Gustav Stresemann während der Weimarer Republik und analysiert deren praktische Umsetzung zur Wiedererlangung der deutschen Großmachtrolle. Dabei wird besonders der Übergang von der konfrontativen Politik hin zur Verständigung und diplomatischen Verhandlung beleuchtet.
- Stresemanns außenpolitische Strategie und Konzeption
- Die Auswirkungen der Ruhrkrise und des Dawes-Plans
- Die Bedeutung der Verträge von Locarno für die West- und Ostpolitik
- Das Verhältnis zu den Westmächten und den USA
- Die Rolle der Minderheitenpolitik als diplomatisches Instrument
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Auswirkungen der Ruhrkrise auf Stresemann
Stresemann hat als Reichskanzler die Geschicke des Reichs vom 13. August bis zum 23. November 1923 gelenkt. In diesem geringen Zeitraum hat Stresemann mit drei verschiedenen Kabinetten gearbeitet. Sein Regierungsantritt fiel mit der Bildung einer großen Koalition zusammen. Die erste und zugleich vordringlichste Aufgabe, um derentwillen sich eben diese große Koalition zusammengefunden hatte, war die Beendigung der Ruhrkrise. Stresemanns Vorhaben, Deutschland zur Großmachtsstellung durch seine Wirtschaftskraft zurückzuführen, war durch die Ruhrkrise ins Wanken gekommen. Man hatte Deutschland bereits die Kontrolle über die oberschlesischen Kohlegruben entrissen und nun sollte auch die Kontrolle über das letzte Gebiet einsetzen, das noch eine Kraftquelle Deutschlands war. So sah Stresemann die deutsche Lage.
Zunächst ging es Stresemann darum, die Existenz der nationalen Volkswirtschaft zu retten. Er dachte, dass es die Möglichkeit gäbe, aus einer Kluft zwischen den Angelsachsen und den Franzosen einen Manövrierraum zu gewinnen. Das erwies sich allerdings als Fehleinschätzung. Die Möglichkeit, dass das deutsche Reich eine gegen Frankreich gerichtete Außenpolitik führen könnte, musste verworfen werden. Die Realität zeigte, dass die einzigste Lösung in einem Arrangement mit den Franzosen gefunden werden musste.
Auf diesen gewichtigen Punkt wies Stresemann bereits vor seiner Kanzlerschaft die Regierung Cunos hin. Er betonte die Dringlichkeit einer deutsch-französischen Verständigung als Abwehrmaßnahme gegen eine französische Politik hinsichtlich Ruhrgebiet und Rheinland.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Stresemanns Anfänge: Das Kapitel beleuchtet den politischen Aufstieg Stresemanns und seine erste Phase als Reichskanzler in der kritischen Zeit von 1923.
2 Die Außenpolitik Stresemanns: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die außenpolitischen Herausforderungen, von der Ruhrkrise über den Dawes-Plan und Locarno bis hin zum Young-Plan.
3 Die Leistungen Stresemanns: Das Fazit fasst die außenpolitischen Erfolge sowie den realpolitischen Wandel Stresemanns vom Nationalisten zum pragmatischen Europäer zusammen.
Schlüsselwörter
Gustav Stresemann, Weimarer Republik, Außenpolitik, Versailler Vertrag, Ruhrkrise, Dawes-Plan, Völkerbund, Locarno-Verträge, Minderheitenpolitik, Großmachtrolle, Diplomatie, Reparationen, Rheinlandräumung, Briand-Kellogg Pakt, Young-Plan
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die außenpolitische Strategie von Gustav Stresemann in der Weimarer Republik und deren praktische Umsetzung zur Stabilisierung und Stärkung Deutschlands.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den internationalen Verträgen, der Revision des Versailler Vertrags und dem Streben nach einer außenpolitischen Normalisierung durch wirtschaftliche und diplomatische Kooperation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Stresemann durch realpolitische Konzepte versuchte, Deutschlands internationale Position trotz der Belastungen durch den Ersten Weltkrieg wieder zu festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Arbeit, die auf einer fundierten Auswertung von zeitgenössischen Quellen, Nachlässen und wissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den Anfängen der Ära Stresemann bis hin zu den späten Erfolgen wie der Rheinlandräumung und dem Young-Plan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Stresemann, Außenpolitik, Weimarer Republik, Locarno, Völkerbund und Revisionismus.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Völkerbundes für Stresemanns Strategie?
Der Völkerbund wird als notwendiges Instrument der Westdiplomatie betrachtet, um den außenpolitischen Handlungsspielraum Deutschlands zu erweitern und die Minderheitenfrage auf internationaler Ebene zu thematisieren.
Warum scheiterte das Treffen in Thoiry?
Das Treffen scheiterte maßgeblich an den wirtschaftlichen und politischen Interessen der USA, die eine zu enge deutsch-französische wirtschaftliche Kooperation verhindern wollten.
- Quote paper
- Carolin Frischholz (Author), 2005, Die außenpolitische Konzeption Gustav Stresemanns und deren Realisierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79543