Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich Kleist sind unbestreitbar zwei der bedeutendsten Autoren der deutschen Literaturgeschichte.
So gilt Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten als erste neuere Novellendichtung, während das Bettelweib „mehr als jede andere deutsche Gespenstergeschichte die spätere Entwicklung der Gattung beeinflusst hat“.
Jedoch wird von Literaturwissenschaftlern Goethes Sängerin Antonelli, die eine Erzählung der Unterhaltungen ist, verurteilt als „geringfügige Erzählung, die wir gern unter seinen Werken gemisst hätten“ und das Bettelweib bekommt die vernichtende Kritik, die Novelle sei „weiter nichts ist als eine Schauermär“. Man kann nicht bestreiten, dass die Erzählhandlungen eher von banaler Natur sind; die Frage ist, was die beiden Literaten an dem Stoff interessierten.
Warum verfassen beide, entgegen ihres sonstigen Erzählwerkes, Gespenstergeschichten, die eigentlich der Trivialliteratur zugeschrieben sind? Was fasziniert die Autoren an dem Spuk und welche Funktionen hat er inne – kurzum: Warum spukt es in den beiden Werken?
Inhaltsverzeichnis
1. Warum spukt es?
2. Der Spuk als unerhörte Begebenheit
2.1 Die Erzählstruktur im „Bettelweib von Locarno“
2.2 Die Kommunikation zwischen Rahmen- und Binnenhandlung in „Die Sängerin Antonelli“
3. Der Spuk in den Werken
3.1 Die Gespenster- und Schauermär
3.2 „Das Bettelweib von Locarno“
3.2.1 Ironische Metaphysik im kritischen Geisterdiskurs
3.2.2 (Un)erhört – die Welt des Klangs
3.3 „Die Sängerin Antonelli“
3.3.1 Der Spuk - das fantastische Phänomen
3.3.2 Eros und Schauer
4. Der Spuk – Ausdruck der politischen Meinung der beiden Autoren
4.1 Kleists Kritik an der Ständegesellschaft
4.2 Versteckte Kritik an der Französischen Revolution in Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“
5. Die Funktion des Spuks – Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die erzählerischen und inhaltlichen Funktionen des Spukmotivs in Johann Wolfgang von Goethes Erzählung „Die Sängerin Antonelli“ sowie Heinrich von Kleists Novelle „Das Bettelweib von Locarno“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das vordergründig triviale Element des Gespenstischen von den Autoren genutzt wird, um tiefgreifende gesellschaftspolitische Kritik und existenzielle Fragen zu artikulieren.
- Analyse der narrativen Strukturen und des „unerhörten“ Ereignisses als Gattungsmerkmal.
- Untersuchung der akustischen Natur des Spuks als Ausdruck des Irrationalen.
- Dekonstruktion des Schuld-und-Sühne-Schemas in der Interpretation von Spukphänomenen.
- Herausarbeitung der politischen Dimensionen und zeitgeschichtlichen Anspielungen (z.B. Französische Revolution).
- Vergleich der unterschiedlichen Funktionen des Übernatürlichen als „Maske“ für gesellschaftliche Konflikte.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Ironische Metaphysik im kritischen Geisterdiskurs
Auf kurze Weise zusammengefasst, handelt es sich in der Novelle um einen Marchese, der, nachdem er ein krankes Bettelweib in seinem Schloss in ein anderes Zimmereck verbannte, worauf das Weib stürzte und starb, nach mehrmaliger Belästigung durch einen akustischen Spuk sein Schloss samt sich selbst anzündet. Durch den Tod und die Verweigerung eines christlichen Begräbnisses des Marcheses, verbunden mit der als ewiges Mahnmal fungierenden Bestattung am einstigen „Tatort“ entsteht der Eindruck, der Spuk ließe sich durch die Schuld-und-Strafe – Kausalität interpretieren. Jedoch spielt Kleist hier nur mit den Erwartungen seiner Leser, um die vorgestellten Interpretationsrichtungen wieder abzuerkennen.
Der naive Gespenster- bzw. Gerechtigkeitsdiskurs, der sich der Schuld-und-Strafe - Moralvorstellung widmet, wird von Kleist zum Anschein der Erfüllung der Rezeptionserwartung aufrechterhalten. Fischer erkennt in ihr eine ironische Parodie jener erwarteten Deutung. So bilde „Kleist die Struktur des zeitgeschichtlichen Wunderglaubens in der Überfüllung seiner Grammatik ab und verfasst somit ein auf die Spitze des Möglichen getriebenes Exempel einer romantischen Spukgeschichte“.
Denn eine derartig schlimme Strafe – „er war auf die elendiglichste Weise umgekommen“ - steht mit der Schuld des Marcheses in keinerlei Beziehung, zumal davon ausgegangen werden muss, dass der Marchese weder den Spuk (“Der Marchese erschrocken, er wusste selbst nicht recht warum“) und schon gar nicht seinen Freitod mit dem Vorfall in Verbindung bringt, noch sich des Todes des Bettelweibes überhaupt verantworten muss. Somit wird bereits die Konvention der Schuld des Spukopfers von Kleist gebrochen und auch im weiteren Verlauf der Erzählung führen nicht Schuld und Gewissen zum schrecklichen Ende, sondern das Nicht-Begreifen-Können und die heroische Struktur der Ständegesellschaft. Der Spuk bewirkt den Freitod, der von dem Marchese dem Sich-Geschlagen-Geben der nicht zu bekämpfenden Instanz des Bürgertums vorgezogen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Warum spukt es?: Einleitung in die Thematik der trivialen Literatur und die Fragestellung nach der Funktion des Spuks bei Goethe und Kleist.
2. Der Spuk als unerhörte Begebenheit: Definition des Novellenbegriffs nach Goethe und Analyse der Erzählstrukturen in beiden Werken.
3. Der Spuk in den Werken: Detaillierte Untersuchung des Spukphänomens unter Berücksichtigung von Klangwelt, Metaphysik und erotischen Leitmotiven.
4. Der Spuk – Ausdruck der politischen Meinung der beiden Autoren: Analyse der gesellschaftskritischen Aspekte sowie der versteckten politischen Stellungnahmen zur Ständegesellschaft und Französischen Revolution.
5. Die Funktion des Spuks – Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Synthese der Ergebnisse, die den Spuk als Mittel zur Ironisierung und zur Verschleierung politischer Kernbotschaften entlarvt.
Schlüsselwörter
Goethe, Kleist, Gespenstergeschichte, Novelle, Spuk, akustischer Spuk, Ständegesellschaft, Französische Revolution, Ironische Metaphysik, Schauermär, Erzählstruktur, Literaturwissenschaft, Geisterdiskurs, Trivialliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die literarische Funktion von Spukphänomenen in Goethes „Die Sängerin Antonelli“ und Kleists „Das Bettelweib von Locarno“ und wie diese zur Vermittlung politischer Kritik dienen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Gattung der Gespenstergeschichte, die soziologische Struktur der Ständegesellschaft sowie die Verarbeitung politischer Zeitereignisse in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Gespenstergeschichten der beiden Autoren weit mehr sind als triviale Unterhaltung, sondern komplexe Mittel zur gesellschaftlichen Reflexion.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine strukturelle und formale Textanalyse in Verbindung mit literaturwissenschaftlichen Interpretationen, um die zugrunde liegende politische und metaphysische Ebene freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählstrukturen, die Untersuchung der akustischen Natur des Spuks, die erotische Thematik sowie die explizite politische Kontextualisierung der Texte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Spuk, Gespenstergeschichte, Ständegesellschaft, Französische Revolution, Ironische Metaphysik und Erzählstruktur.
Wie unterscheidet sich Kleists Spukverständnis von Goethes?
Kleist nutzt den akustischen Spuk primär als revolutionäres Instrument, das den Untergang des Adels besiegelt, während Goethe den Spuk stärker als Maske für zeitgeschichtliche politische Umwälzungen verwendet.
Warum spielt die Welt des Klangs in Kleists Werk eine so zentrale Rolle?
Da der Spuk bei Kleist rein akustisch ist, entzieht er sich der rationalen Bekämpfung durch physische Machtmittel, was den Marchese letztlich in den Wahnsinn treibt.
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- Nina Schleifer (Author), 2006, Warum spukt es? Die Funktionen des Spuks in Goethes "Die Sängerin Antonelli" und in Kleists "Das Bettelweib von Locarno", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79566