„Von den drei Verwandlungen“ des Zarathrustra und "Der kleine Herr Friedemann" - Thomas Manns Nietzsche-Rezeption in einem Experiment


Hausarbeit, 2007

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II) Die drei Verwandlungen

III) Das Kamel

IV) Der Löwe

V) Das Kind

VI) Fazit

Literaturverzeichnis

I) Einleitung

1883 erschien in Deutschland der erste von den vier Teilen des Buches „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche.1 Während und nach dem Erscheinen dieses Buches „Für Alle und Keinen“ begann in Deutschland und Europa ein Stil2, der ‚Fin de Siècle’ genannt wird.

In dieser Arbeit wird, als Experiment, der Versuch gemacht die Rede „Von den drei Verwandlungen“ aus dem ersten Teil des philosophischen Werkes „Also sprach Zarathustra - Ein Buch für Alle und Keinen“ von Friedrich Nietzsche in Thomas Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“3 wieder zu finden. Zum einen bietet der weiter unten beschriebene Hintergrund der beiden Autoren Anlass zu Verknüpfungen vieler Arten, aber vor allem findet sich in beiden Werken die Idee einer Prozesshaften Wandlung des Geistes, welche möglicherweise einheitliche Prinzipien verfolgt. Dabei soll zunächst als Basis die Rede des Zarathustra zu den „Drei Verwandlungen“ analysiert werden, um ihre Theorie und Wirkung zu erkennen. Daraufhin werden Anzeichen jeder einzelnen Verwandlung nacheinander im „kleinen Herr Friedemann“ gesucht und erläutert.

Hintergedanke, aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Arbeit steht, dass möglicherweise Nietzsches Werk ein Wegbereiter und Inspirationsquell für Autoren aus dem Bereich des ‚Fin de Siècle’ war oder zumindest diese stark beeinflusste. Da eine Beantwortung dieser grundlegenden Frage hier nicht geleistet werden kann, soll exemplarisch Thomas Manns Novelle vom „kleinen Herr Friedemann“ genügen um einen Eindruck davon zu bekommen, wie Friedrich Nietzsche auf die deutsche Literatur um 1900 gewirkt haben mochte, aber es muss noch einmal darauf hingewiesen werden, dass diese Arbeit nicht auf das Verhältnis4 zwischen Nietzsche und Mann eingeht im Sinne einer gemeinsamen Philosophie oder etwas Derartigem. Stattdessen beschäftigt sich diese Arbeit allein mit den Verwandlungen des Geistes, sowohl in ihrer Interpretation als Geisteszustände als auch in ihrer Entfaltung in Manns Novelle.

II) Die Drei Verwandlungen

In diesem Kapitel wird die Rede „Von den drei Verwandlungen“ aus dem Werk „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche analysiert. Hierbei werden die Grundmuster der Tiergleichnisse herausgestellt und zum späteren Gebrauch in der Arbeit vorbereitend erläutert.

Der erste Teil des Zarathustra beginnt, nach der Vorrede, mit den Reden des Zarathustra, von denen die erste ‚Von den drei Verwandlungen’ heißt. Da es sich nicht um eine einfache Erzählung handelt, sondern ein philosophisches bzw. psychologisches Konzept, das Zarathustra hier anschaulich vorstellt, muss der Leser selbst zunächst interpretieren, um den vollen Gehalt dessen zu erfassen, was dort geschildert wird.

Warum oder wodurch die Verwandlungen stattfinden wird nicht erklärt, sie werden lediglich genannt. Sie sind Verwandlungen des Geistes und stehen für Handlungscharakter, Motiv und Moral eines Menschen. Nietzsche bedient sich dreier Tiergleichnisse bzw. Metaphern, um die unterschiedlichen Verwandlungen, die wie nacheinander durchlaufende Stadien oder Seinszustände sind, voneinander zu unterscheiden. Diese sind in Reihenfolge: Das Kamel, der Löwe und das Kind. Dabei sind es tatsächlich drei Verwandlungen, denn es wird explizit gesagt „wie der Geist zum Kameele wird“ (Z. S.29), dann wie das Kamel zum Löwen und dann der Löwe zum Kind wird. Was der Geist zuvor ist wird nicht gesagt, da er aber keine Metapher zugewiesen bekommt soll er zunächst einfach als ‚indifferent’ für diese Arbeit gelten.

Das Kamel hat Glaube, denn es will „Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen“ (Z. S.29). Es ist demütig, denn es will „von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert“ (Z. S.29), anstatt sich am Sieg zu erfreuen und ihn zu genießen oder Ansehen zu ernten. „Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?“ (Z. S.29) Hier wird als andere Eigenschaft Schlichtheit deutlich, die wegen ihrer Ideale auf Annehmlichkeiten verzichtet. Schließlich findet sich noch Nächstenliebe in den Eigenschaften des Kamels: „Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?“ (Z. S.30)

Die Eigenschaften des Kamels sind also Glaube, Demut, Schlichtheit und Nächstenliebe. Das Kamel ist passiv, also ertragend, und seine Eigenschaften sind gleichzeitig auch seine Werte - es findet Erfüllung in ihrer Ausübung, der Selbstbeschränkung und Entsagung: „so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.“ (Z. S.29) .

Der Löwe kämpft um die Freiheit: „Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen Wüste.“ (Z. S.30). Er kämpft mit dem ‚großen Drachen’ der für Zwang steht und auch mit ‚Du-sollst’ bezeichnet wird.

Die Werte des Löwen sind also Freiheit und Selbstbestimmung. Der Löwe verweigert die Pflicht und ist in der Lage sich Freiraum für neue Werte zu schaffen:

Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Löwe noch nicht: aber Freiheit sich schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Löwen.

Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine Brüder, bedarf es des Löwen. (Z. S.30)

Er bricht aus den geltenden Konventionen aus und schafft, was das ehrfürchtige Kamel nicht kann:

Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen für einen tragsamen und ehrfürchtigen Geist. Wahrlich ein Rauben ist es ihm und eines raubenden Thieres Sache. (Z. S.30)

Das Kind ist letztlich dazu fähig, den gewonnenen Freiraum konstruktiv zu nutzen und das Neue zu erschaffen und das Alte zu vergessen. In der Metapher des Kindes ist nicht nur das Beginnen eines Seins symbolisch verankert, sondern auch die Unschuld, die nötig ist, um das Erschaffen eines guten Neuen gelingen zu lassen:

Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen. (Z. S.31)

Noch einmal zusammengefasst und vereinfacht ergibt sich also folgender Prozess: Erduldung - Ausbruch - Neuanfang.

Im Folgenden wird der Versuch gemacht Anzeichen der charakteristischen Wesenszüge und Werte der einzelnen drei Metaphern im kleinen Herrn Friedemann wieder zu finden. Im Einzelnen wird die Person des Johannes Friedemann untersucht, dessen Gefühlsleben durch den Erzähler geschildert wird. Anzeichen für charakteristische Merkmale des Kamels, Löwen und Kindes, im Sinne des Textes von Nietzsche, die sich in den Beschreibungen des Johannes Friedemann und seiner Situation finden, werden dabei herausgestellt und erläutert. Eine Aufgliederung in drei Arten von geistigen Zuständen wird in späteren Werken Manns immer deutlicher, wenn auch die Form immer leicht von denen Nietzsches variiert, wenn er zum Beispiel in der 1904 entstandenen Erzählung „Beim Propheten“ schreibt:

„Hier herrscht Trotz, die äußerste Konsequenz, das verzweifelt thronende Ich, die Freiheit der Wahnsinn und der Tod.“5

Dabei handelt es sich im Übrigen nicht um sechs, sondern eben drei verschiedene Zustände, wenn wir sie mit dem Kapitel über die drei Verwandlungen im Hinterkopf betrachten. Da ist der ‚Trotz’, das trotzend tragende Kamel, welches durch Unterwürfigkeit die ‚Freiheit’ erlangt, im Sinne der Definition der Freiheit als das Unterordnen unter das Gesetz. Das steht im Gegensatz zur Willkür, welche wie der ‚Wahnsinn’ (oder auch Raserei) am ehesten eine Eigenschaft des Löwen ist und mit der ‚äußersten Konsequenz’, dem Kampf, dem Scheitern einer andersartigen Vereinbarung einhergeht:

Als sein Heiligstes liebte er einst das „Du-sollst“: nun muss er Wahn und Willkühr auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner Liebe: des Löwen bedarf es zu diesem Raube. (Z. S.31)

Letztlich das von Mann hier negativ dargestellte „verzweifelt thronende Ich“ im Sinne des erschaffenden Kindes, welches einen Neubeginn verursachen will, doch in irgendeiner Art und Weise nicht dazu fähig ist. Diesem ‚unfähigen’ Kind bliebe als Ausweg also nur der ‚Tod’. Auf diese bis hierhin noch unverständliche und herangezogen wirkende Interpretation wird später am Ende eines jeweiligen Kapitels eingegangen um näher zu erläutern, warum dieses hier so gelesen werden kann. Dieses Vorgehen soll dazu dienen, ein Muster in der Figur des Johannes Friedemann zu entdecken um es in über diese Arbeit hinausgehenden Betrachtungen auf andere Figuren anwenden zu können.

III) Das Kamel

In diesem Kapitel werden alle Textstellen und Gesamteindrücke aus dem ‚Kleinen Herr Friedemann’, die eine Verknüpfung mit dem Kamelaspekt zulassen herausgestellt und erläutert. Dabei wird von der äußeren Gestalt ausgegangen, dann einzelne Handlungen und Textpassagen erläutert und letztlich von der anderen Seite, also der Rede des Zarathustra aus, Bezug auf Thomas Manns Novelle genommen.

Schon die äußere Gestalt Johannes Friedemanns lenkt Aufmerksamkeit auf sich:

Er war nicht schön, der kleine Johannes, und wie er so, mit seiner spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel zu langen, mageren Armen auf dem Schemel hockte und mit einem behänden Eifer seine Nüsse knackte, bot er einen höchst seltsamen Anblick. Seine Hände und Füße aber waren zartgeformt und schmal, du er hatte große, rehbraune Augen, einen weichgeschnittenen Mund und feines, lichtbraunes Haar. Obgleich sein Gesicht so jämmerlich zwischen den Schultern saß, war es doch beinahe schön zu nennen. (F. S.89)

Auf Seite 89, und im Folgenden immer wieder, wird er wird als ein kleiner Junge bzw. Mann beschrieben, der den Kopf tief zwischen den Schultern trägt, wodurch auf eine krumme Körperhaltung zu schließen ist. Gleichzeitig jedoch hat er ein beinahe hübsches Gesicht und lange, feine Gliedmaßen. Seine Haltung ist gebeugt, als würde er eine Last tragen, und bei einem Kamel, welches als Nutz- und Lasttier verwendet wird, ist der Kopf ebenfalls auf einer Höhe mit den Schultern. Es hat, wie er, eine bucklige Gestalt. Auch wenn man wohl kaum über ein Kamel sagen würde, es habe ein hübsches Gesicht, so verfügen Kamele doch über große Augen mit langen Wimpern, die vielleicht als hübsch empfunden werden können, so wie über Johannes Augen gesagt wird, sie seien groß und Rehbraun. Weiterhin hat das Kamel im Verhältnis zu seinem eher plumpen Körperbau lange dünne Beine, wie auch Johannes mit langen Gliedmaßen beschrieben wird. Letztlich haben Johannes und das Kamel einen großen Mund.

[...]


1 Im Folgenden bei Zitaten mit „Z.“ abgekürzt.

2 Auch als literarisches Phänomen bezeichnet in „Fin de siècle“ hrsg. von Roger Bauer u.a. - Frankfurt am Main: Klostermann, 1977.

3 Im Folgenden bei Zitaten mit „F.“ abgekürzt.

4 Aus der Arbeit „Krankheit und Genie“ von Thomas Rütten (erschienen in: Literatur und Krankheit im Fin-De-Siècle (1890 - 1914) - Thomas Mann im europäischen Kontext“ - Frankfurt am Main: Klostermann, 2002, S. 165) wird die umfassende Nietzsche-Rezeption Manns erahnbar, seine späteren Reden zu Nietzsche-Veranstaltungen bestätigen seine Rezeption deutlich.

5 Mann, Thomas: Beim Propheten in: Frühe Erzählungen 1893-1912 Terence J. Reed (Hrsg.), Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2004, S. 408.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
„Von den drei Verwandlungen“ des Zarathrustra und "Der kleine Herr Friedemann" - Thomas Manns Nietzsche-Rezeption in einem Experiment
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Fin de Siècle
Note
2
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V79612
ISBN (eBook)
9783638865456
ISBN (Buch)
9783638865562
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwandlungen“, Zarathrustra, Herr, Friedemann, Thomas, Manns, Nietzsche-Rezeption, Experiment, Siècle
Arbeit zitieren
Merten Hanisch (Autor), 2007, „Von den drei Verwandlungen“ des Zarathrustra und "Der kleine Herr Friedemann" - Thomas Manns Nietzsche-Rezeption in einem Experiment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79612

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