In dieser Arbeit wird, als Experiment, der Versuch gemacht die Rede „Von den drei Verwandlungen“ aus dem ersten Teil des philosophischen Werkes „Also sprach Zarathustra – Ein Buch für Alle und Keinen“ von Friedrich Nietzsche in Thomas Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ wieder zu finden. Zum einen bietet der weiter unten beschriebene Hintergrund der beiden Autoren Anlass zu Verknüpfungen vieler Arten, aber vor allem findet sich in beiden Werken die Idee einer Prozesshaften Wandlung des Geistes, welche möglicherweise einheitliche Prinzipien verfolgt. Dabei soll zunächst als Basis die Rede des Zarathustra zu den „Drei Verwandlungen“ analysiert werden, um ihre Theorie und Wirkung zu erkennen. Daraufhin werden Anzeichen jeder einzelnen Verwandlung nacheinander im „kleinen Herr Friedemann“ gesucht und erläutert.
Hintergedanke, aber nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Arbeit steht, dass möglicherweise Nietzsches Werk ein Wegbereiter und Inspirationsquell für Autoren aus dem Bereich des ‚Fin de Siècle’ war oder zumindest diese stark beeinflusste. Da eine Beantwortung dieser grundlegenden Frage hier nicht geleistet werden kann, soll exemplarisch Thomas Manns Novelle vom „kleinen Herr Friedemann“ genügen um einen Eindruck davon zu bekommen, wie Friedrich Nietzsche auf die deutsche Literatur um 1900 gewirkt haben mochte.
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung
II) Die drei Verwandlungen
III) Das Kamel
IV) Der Löwe
V) Das Kind
VI) Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht experimentell, ob und in welcher Form sich Friedrich Nietzsches philosophisches Konzept der „drei Verwandlungen“ des Geistes (Kamel, Löwe, Kind) aus dem Werk „Also sprach Zarathustra“ in Thomas Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ wiederfinden lässt, um so einen Eindruck von Nietzsches literarischem Einfluss auf die Epoche des „Fin de Siècle“ zu gewinnen.
- Nietzsche-Rezeption im Werk Thomas Manns
- Analyse des Konzepts der „drei Verwandlungen“
- Übertragung der Tier-Metaphern auf die Romanfigur Johannes Friedemann
- Untersuchung geistiger Wandlungsprozesse bei Thomas Mann
- Kontextualisierung literarischer Strömungen um 1900
Auszug aus dem Buch
III) Das Kamel
In diesem Kapitel werden alle Textstellen und Gesamteindrücke aus dem ‚Kleinen Herr Friedemann’, die eine Verknüpfung mit dem Kamelaspekt zulassen herausgestellt und erläutert. Dabei wird von der äußeren Gestalt ausgegangen, dann einzelne Handlungen und Textpassagen erläutert und letztlich von der anderen Seite, also der Rede des Zarathustra aus, Bezug auf Thomas Manns Novelle genommen.
Schon die äußere Gestalt Johannes Friedemanns lenkt Aufmerksamkeit auf sich: Er war nicht schön, der kleine Johannes, und wie er so, mit seiner spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel zu langen, mageren Armen auf dem Schemel hockte und mit einem behänden Eifer seine Nüsse knackte, bot er einen höchst seltsamen Anblick. Seine Hände und Füße aber waren zartgeformt und schmal, du er hatte große, rehbraune Augen, einen weichgeschnittenen Mund und feines, lichtbraunes Haar. Obgleich sein Gesicht so jämmerlich zwischen den Schultern saß, war es doch beinahe schön zu nennen. (F. S.89)
Auf Seite 89, und im Folgenden immer wieder, wird er wird als ein kleiner Junge bzw. Mann beschrieben, der den Kopf tief zwischen den Schultern trägt, wodurch auf eine krumme Körperhaltung zu schließen ist. Gleichzeitig jedoch hat er ein beinahe hübsches Gesicht und lange, feine Gliedmaßen. Seine Haltung ist gebeugt, als würde er eine Last tragen, und bei einem Kamel, welches als Nutz und Lasttier verwendet wird, ist der Kopf ebenfalls auf einer Höhe mit den Schultern. Es hat, wie er, eine bucklige Gestalt. Auch wenn man wohl kaum über ein Kamel sagen würde, es habe ein hübsches Gesicht, so verfügen Kamele doch über große Augen mit langen Wimpern, die vielleicht als hübsch empfunden werden können, so wie über Johannes Augen gesagt wird, sie seien groß und Rehbraun.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Die Einleitung stellt das Ziel der Arbeit dar, Nietzsches Konzept der „drei Verwandlungen“ in Thomas Manns Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ zu untersuchen.
II) Die drei Verwandlungen: Dieses Kapitel analysiert das philosophische Konzept Nietzsches und erläutert die Grundmuster der Metaphern Kamel, Löwe und Kind.
III) Das Kamel: Hier werden Merkmale des Kamels, wie Demut und Entsagung, in der Figur des Johannes Friedemann gesucht und belegt.
IV) Der Löwe: Dieses Kapitel widmet sich dem Aspekt des Löwen, der für Freiheit und Kampf gegen Zwänge steht, und untersucht dessen Auftreten in Johannes Friedemanns Handlungen.
V) Das Kind: Der Fokus liegt hier auf dem Kind als Symbol für Neubeginn und Unschuld, wobei das Scheitern dieser dritten Verwandlung bei Johannes Friedemann analysiert wird.
VI) Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Vermutung der Nietzsche-Rezeption durch Thomas Mann, ohne eine absolute Kausalität zu beanspruchen.
Schlüsselwörter
Nietzsche, Thomas Mann, Der kleine Herr Friedemann, Fin de Siècle, drei Verwandlungen, Kamel, Löwe, Kind, Geisteszustand, Literaturanalyse, Rezeption, Zarathustra, Symbolik, Dekadenz, Verfall.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht eine mögliche Nietzsche-Rezeption bei Thomas Mann, indem sie das philosophische Modell der „drei Verwandlungen“ aus Nietzsches Zarathustra auf die Novelle „Der kleine Herr Friedemann“ anwendet.
Welche Themenfelder sind zentral?
Im Zentrum stehen die literaturwissenschaftliche Analyse von Figurenpsychologie, die philosophische Interpretation von Nietzsches Werk und die Einordnung in den historischen Kontext des Fin de Siècle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, nachzuweisen, ob die Entwicklung der Romanfigur Johannes Friedemann den von Nietzsche beschriebenen Stufen (Kamel, Löwe, Kind) folgt und ob dies als bewusste oder unbewusste Inspiration gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der die theoretischen Konzepte Nietzsches als Raster auf den Text der Novelle gelegt werden, um Anzeichen und Parallelen im Text herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Analysekapitel, die jeweils eines der drei Tier-Metaphern Nietzsches behandeln und durch Textstellen aus der Novelle belegen.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Typische Schlüsselbegriffe sind die drei Verwandlungen, der Geist, der Zwang (Drache), die Dekadenz und die spezifische psychologische Verfasstheit der Hauptfigur.
Warum wird Johannes Friedemann als Kamel interpretiert?
Er zeigt Merkmale wie Demut, Selbstbeschränkung und eine lebenslange Entsagung gegenüber eigenen Bedürfnissen, was Nietzsches Beschreibung des „tragsamen Geistes“ sehr nahekommt.
Wie endet der Versuch der dritten Verwandlung (das Kind) im Buch?
Das Kind-Stadium steht für einen Neubeginn; da Johannes Friedemann diesen nicht vollziehen kann, scheitert er an der Schwelle, was in der Novelle tragisch im Tod endet.
- Citation du texte
- Merten Hanisch (Auteur), 2007, „Von den drei Verwandlungen“ des Zarathrustra und "Der kleine Herr Friedemann" - Thomas Manns Nietzsche-Rezeption in einem Experiment, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79612