Die Frage nach dem Glück, eine uralte Menschheitsfrage, wird heute mit außerordentlicher Dringlichkeit gestellt. Dies spiegelt sich nicht nur in der zunehmenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik, sondern auch in der inflationären Bedeutung, die das Thema in unserer Alltagswelt - man denke nur an die Werbung - erfahren hat. Um hier Echtes von Scharlatanerie zu unterscheiden, ist es sinnvoll, mit Schülern den vielfältigen Bedeutungsnuancen des Glücksbegriffs nachzuspüren. Blickt man auf das Märchen "Hans im Glück", zeigt sich das Glück als äußerer Zufall, als die Summe der einem Menschen zukommenden Glücksgüter oder auch als seelische Binnenbefindlichkeit; in der griechisch-römischen Philosophie stehen so unterschiedliche Konzepte wie die völlige Bedürfnislosigkeit eines Diogenes, die stoische Gelassenheit gegenüber allen Wechselfällen des Lebens, die epikureische Suche nach innerer Zufriedenheit sowie eine vernünftig gestaltete Lebenspraxis im Sinne des Aristoteles nebeneinander. In der christlichen Lehre kommt, in jeweils unterschiedlicher Ausprägung, die Bezogenheit auf Gott hinzu. Der Mensch der Gegenwart hingegen empfindet Glück als etwas ganz Individuelles, das unzählige persönliche Varianten beinhalten kann.
Die Möglichkeiten, die sich für den Unterricht bieten, sind ebenso bunt und vielfältig wie das Glück selbst. Unerlässlich scheint es mir wegen der Allgegenwärtigkeit der Thematik in unserer Kultur, persönliche Erfahrungen der SchülerInnen zum Ausgangspunkt des Unterrichts zu machen; in einem zweiten Schritt wird dem glücklichen, erfüllten Augenblick nachgespürt; Überlegungen dazu, was ein erfülltes Leben ausmacht, schließen sich unter Einbeziehung philosophischer Texte an und abschließend soll mit dem Filmhelden Forrest Gump ein moderner Hans im Glück vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden. So soll ein kleiner Beitrag zu dem geleistet werden, was letztlich jeder nur für sich selbst erreichen kann: das zu finden, was für ihn Glück bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
1. Was ist Glück? - Ansätze zu einer Bestandsaufnahme
2. Bedingungsanalyse
2.1 Organisatorische Rahmenbedingungen für die Unterrichtsreihe
2.2 Anmerkungen zur Schülergruppe
3. Entwurf der Unterrichtseinheit
3.1 Begründung der Themenauswahl und didaktische Strukturierung
3.2 Grobgliederung und Groblernzielformulierung
3.3 Verlauf der Unterrichtsreihe
3.3.1 Be happy, don't worry -Das Phänomen Glück in unserem Alltag
3.3.2 Verweile doch, du bist so schön – Der glückliche Augenblick
3.3.3 Gestaltete Mitte – das glückliche Leben
3.3.4 Forrest Gump – ein moderner Hans im Glück
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit entwirft eine Unterrichtseinheit für einen fiktiven Kurs in einer Waldorfschule, die das vielschichtige Phänomen „Glück“ aus philosophischer, psychologischer und lebensweltlicher Perspektive beleuchtet. Ziel ist es, bei den Schülerinnen und Schülern ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen oberflächlichem „Glück-Haben“ und tiefergehendem „Glücklich-Sein“ zu schaffen und sie zur Reflexion über ihre eigene Lebensführung anzuregen.
- Analyse und kritische Hinterfragung gängiger Glücksklischees in der heutigen Konsumgesellschaft.
- Erfahrung des „glücklichen Augenblicks“ als bewusste Lebenskunst.
- Auseinandersetzung mit verschiedenen antiken Glückskonzepten (Demokrit, Epikur, Stoa).
- Filmanalyse von „Forrest Gump“ als moderne Interpretation einer „Hans im Glück“-Figur.
Auszug aus dem Buch
1. Was ist Glück? - Ansätze zu einer Bestandsaufnahme
„Die Frage nach dem Glück, eine uralte Menschheitsfrage, wird heute mit neuer Dringlichkeit gestellt.“ Dies spiegelt sich nicht nur darin, dass sich nicht nur die wissenschaftliche, d.h. sowohl die philosophische, soziologische, psychologische als auch die theologische, Diskussion dem Phänomen Glück zugewendet hat, sondern dass der Begriff auch in unserer Alltagswelt eine ungeheure Ausweitung erfahren hat. So gibt es eine ganze Fülle von Literatur unterschiedlichster Couleur, die sich des Themas angenommen hat: Im Internet werden unter dem Motto „Glück ist kein Zufall“ Wege zum Glück aufgezeigt, ein Glücksarchiv beinhaltet angeblich „Alles zum Thema ,Glück‘“, in München hat sich ein „Institut für Glücksforschung und Glückswissenschaft“ gegründet, das mit einer 2005 erschienenen TIME-Seite mit dem Titel „Die Glückswissenschaft boomt“ auf sich aufmerksam macht – um nur einige Beispiele zu nennen; und die Werbung schließlich nutzt die menschliche Sehnsucht nach einem glücklichen Leben für alle Arten von Produkten schamlos aus.
Angesichts dieses inflationären Umgangs mit dem Thema, der es zunächst auch außerordentlich schwierig macht, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden, soll als erstes versucht werden, zum Kern des Begriffs Glück vorzudringen. Schaut man in ein etymologisches Wörterbuch, so stößt man auf die Auskunft, dass der Begriff in der deutschen Sprache seit dem 12. Jh. bezeugt und seine Herkunft dunkel sei. Zu dieser Zeit sei er neben das ältere Wort heil getreten, das unter dem Einfluss des Christentums auch eine christlich-religiöse Konnotation gewonnen habe. Der Begriff Glück hingegen, abgeleitet aus mhd. g(e)lücke bzw. mnd. (ge)lucke, erscheint eher in einer heidnisch-profaneren Bedeutung von Geschick, Zufall, Schicksal, günstiger Ausgang, Festsetzung, Bestimmung, Beschluss. Als verbindendes Element beider könnte man zunächst herausstellen, dass sie den Charakter des Nicht-selbst-Bewirkten, Unverdienten, der Zufälligkeit des Ereignisses oder Zustandes tragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Was ist Glück? - Ansätze zu einer Bestandsaufnahme: Das Kapitel untersucht die etymologische und philosophische Vieldeutigkeit des Glücksbegriffs und grenzt „Glück-Haben“ von „Glücklich-Sein“ ab.
2. Bedingungsanalyse: Hier werden der organisatorische Rahmen und die Zielgruppe des fiktiven Kurses beschrieben, wobei die Freiheit von schulischen Vorgaben betont wird.
3. Entwurf der Unterrichtseinheit: Dieses Kapitel liefert das didaktische Konzept, unterteilt in die vier Themenblöcke Alltag, Augenblick, Lebenshaltung und Filmanalyse.
Schlüsselwörter
Glück, Glücksverständnis, Aristoteles, Epikur, Stoa, Unterrichtsentwurf, Lebenskunst, Glück-Haben, Glücklich-Sein, Ethikunterricht, Didaktik, Forrest Gump, Anthropologie, Philosophiegeschichte, Projektwoche
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit stellt einen Entwurf für eine Unterrichtseinheit zum Thema „Glück“ dar, die für eine Projektwoche an einer Waldorfschule konzipiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Analyse moderner Glücksversprechen, die Bedeutung von Glücksmomenten, die philosophischen Glückskonzepte der Antike sowie deren Anwendung auf moderne Lebensentwürfe.
Was ist das primäre Ziel der Unterrichtseinheit?
Das Ziel ist die Entwicklung eines multiperspektivischen Glücksbegriffs bei den Schülern, der das reflektierte Verständnis für ein gelingendes Leben fördert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein interpretativer und didaktischer Ansatz verfolgt, der Textarbeit, Phantasiereisen, Gruppenarbeiten und Filmanalyse kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Phasen: Alltagserfahrungen, die Wahrnehmung des Augenblicks, antike philosophische Konzepte und die kritische Analyse des Films „Forrest Gump“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Glück, Lebenskunst, Philosophiegeschichte, Didaktik und die Unterscheidung zwischen „Glück-Haben“ und „Glücklich-Sein“.
Wie werden die antiken Philosophen in den Unterricht eingebunden?
Die Schüler erarbeiten in arbeitsteiligen Gruppen Aussagen von fünf Philosophen (u.a. Demokrit, Epikur, Seneca), um ein breites Spektrum unterschiedlicher Perspektiven auf das glückliche Leben zu erhalten.
Warum wird gerade der Film „Forrest Gump“ thematisiert?
Der Film wird genutzt, um eine moderne, märchenhafte Figur zu analysieren, die sowohl durch „Glück-Haben“ als auch durch eine spezifische Lebenshaltung („Glücklich-Sein“) charakterisiert ist.
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- Hildegard Herzmann (Author), 2007, Leben als Suche nach dem Glück (Entwurf einer Unterrichtseinheit für die Klassen 9 - 12), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79623