Die soziale Konstruiertheit von Geschlecht und deren Auswirkungen auf die Psychologie


Seminararbeit, 2002

17 Seiten, Note: A


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Verwendete Begriffe und Konstrukte

2. Hauptteil
2.1 Die individuelle und interaktionale Geschlechtskonstruktion
2.1.1 Die selbsterfüllende Prophezeiung- Definition
2.1.2 Überzeugungen über „das Wesen der Geschlechter: Die Prophezeiung
2.1.3 Kognitive Konsistenzfehler: Die vermittelnde Komponente zwischen Überzeugungen und Verhalten
2.1.4 Verhalten als Bestätigung
2.1.5 Andere kognitive Schwächen
2.2 Die soziokulturelle Geschlechtskonstruktion
2.2.1 Geschlechtskonstruktion im Kulturvergleich
2.2.2 Historische Perspektive
2.2.3 Entstehung von Geschlechtsstereotypen
2.3 Auswirkungen auf die Psychologie
2.3.1 Historische Betrachtungen
2.3.2 Methodologische und methodische Probleme
2.3.3 Konzeptuelle Probleme

3. Zusammenfassung und Diskussion

Literatur

Einleitung

Bücher über angebliche fundamentale Geschlechtsunterschiede in den verschiedensten Bereichen des täglichen Lebens, wie Raumwahrnehmung, Emotionalität, die Fähigkeit zuzuhören etc. sind regelmäßige Anwärter auf die Top-10 der verschiedenen Sachbuch-Bestsellerlisten. Geschlecht und vor allem die Untersuchung von Geschlechtsunterschieden ist ein in der Psychologie –der wissenschaftlichen wie in der Alltagspsychologie –sehr häufig untersuchter und diskutierter Gegenstand. Geschlecht wurde und wird dabei oftmals als eine biologisch determinierte Kategorie aufgefasst, die einen bedeutenden Einfluss auf das Verhalten einer Person und andere ihrer Eigenschaften wie Charakter, Fähigkeiten etc. hat. Spätestens seit den Sechziger-Jahren jedoch gibt es eine ständig wachsende feministische Kritik an fast allen Aspekten dieser Debatten. Eine der Formen dieser Kritik ist die konstruktivistische bzw. konstruktionistische, deren Grundannahme die soziale Konstruiertheit von Geschlecht ist.

Diese Arbeit soll einen Überblick über die verschiedenen Aspekte und Formen der Geschlechtskonstruktion unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf die Psychologie dargestellt werden.

Im ersten Abschnitt erfolgt eine Klärung von grundlegenden Begriffen und Konstrukten wie „sex“, „gender“ oder „Konstruktionismus“. Im Hauptteil werden die Mechanismen zur Konstruktion und Aufrechterhaltung von Geschlecht beschrieben, unterteilt in eine individuelle, eine interaktionale und eine soziokulturelle Ebene (Crawford & Chaffin 1997, 82), wobei individuelle und interaktionale Ebene aufgrund fehlender Trennschärfe zusammen behandelt werden. Der zweite Abschnitt des Hauptteil widmet sich den Auswirkungen und damit verbundenen Problemen dieser vielfältigen Konstruktionsmechanismen auf das Feld der Psychologie aus historischer, methodologischer und konzeptueller Sicht. Im Schlussteil werden eine Zusammenfassung und die Frage nach möglichen Konsequenzen erfolgen.

1.1 Verwendete Begriffe und Konstrukte

Im Rahmen dieser Arbeit sind vorab einige Begrifflichkeiten und deren Verwendung zu klären, da es in der Literatur zu z. T. sehr unterschiedlichen Konstruktionen ein und desselben Begriffs kommt und zusätzlich noch Übersetzungsprobleme auftreten.

Der wichtigste dieser Begriffe taucht bereits in der Überschrift auf: „Geschlecht“. Die hierfür theoretisch möglichen englischen Übersetzungen sind vielfältig: „sex“ oder „gender“ wären die nächstliegenden, andere Möglichkeiten wären „sex-role“ o. ä. Welche die korrekte ist, hängt in erster Linie vom Kontext ab, doch selbst in gleichen Kontexten findet sich leider ein inkonsistenter Gebrauch. Eine sinnvolle und inzwischen relativ weit verbreitete Terminologie ist die von Rhoda K. Unger (1979) eingeführte Unterteilung von „sex“ und „gender“. Sex bezieht sich hier ausschließlich auf physiologische Aspekte des Individuums, also z. B. die Ausstattung mit Chromosomen, sekundären Geschlechtsmerkmalen oder Reproduktionsfunktionen, wobei in der Regel eine eindeutige Zuordnung einer Person in die Kategorien „Mann“ oder „Frau“ möglich ist (zu möglichen Problemen dieser Kategorisierung siehe Unger, 1990).

Gender, oder in der deutschen Übersetzung “soziales Geschlecht”, dagegen „may be used to describe those nonphysiological components of sex that are culturally regarded as appropriate to males or to females“ (Unger, 1979, S. 1086). Aus dieser Definition lassen sich bereits einige Merkmale des Konstrukts „gender”, wie die kulturelle und historische Abhängigkeit, der sowohl be- als auch zuschreibende, prozesshafte Charakter oder die mögliche Inkongruenz von sozialem und biologischem Geschlecht erkennen, die in späteren Abschnitten dieser Arbeit noch ausführlicher behandelt werden.

Ich werde im Folgenden den Terminus „Geschlecht“ als Synonym für gender gebrauchen; wenn ich mich auf das biologische Geschlecht beziehe, werde ich darauf hinweisen.

Ein weiterer Begriff, der kurz erläutert werden soll, ist „(sozialer) Konstruktionismus“, v. a. in Abgrenzung zum „(radikalen) Konstruktivismus“. Für Kenneth J. Gergen (2002), einen der bedeutendsten Vertreterinnen und Vertreter des sozialen Konstruktionismus, liegt dessen Schwerpunkt „auf Diskursen als Vehikel für die Artikulation des Selbst und der Welt sowie auf der Art und Weise, in der diese Diskurse innerhalb sozialer Beziehungen wirken“ (S. 82), wogegen der radikale und gemäßigte Konstruktivismus sich mehr mit der Wirklichkeitskonstruktion des individuellen Geistes beschäftigen (für eine ausführlichere Beschreibung der Grundsätze des sozialen Konstruktionismus siehe Beall, 1993, S. 127- 130; Gergen, 2002).

Dieser Text konzentriert sich hauptsächlich auf konstruktionistische Betrachtungen, aber da der soziale Konstruktionismus keine psychologische Theorie im eigentlichen Sinne, sondern eher eine Metatheorie ist, finden viele verschiedene Ansätze wie sozialpsychologische, soziologische oder kulturpsychologische Betrachtungen Eingang in die Arbeit.

2. Hauptteil

2.1 Die individuelle und interaktionale Geschlechtskonstruktion

Die Konstruktion von Geschlecht im und durch das Individuum soll im Wesentlichen anhand des Phänomens der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ erklärt werden. Dieses sozialpsychologische Konstrukt habe ich deswegen gewählt, da die meisten kognitiven Mechanismen, durch die es zur Geschlechtskonstruktion durch das Individuum kommt, auch Bestandteil der selbsterfüllenden Prophezeiung sind.

2.1.1 Die selbsterfüllende Prophezeiung- Definition

So genannte selbsterfüllende Prophezeiungen sind ein in der Sozialpsychologie gut untersuchtes und belegtes Phänomen. Florence L. Geis (1993) definiert sie als „an initially false belief that itself causes the very behavior that makes it come true.” (S. 9) Diese Definition zeigt, dass sich der Mechanismus auch passend auf die Konstruktion von Geschlecht anwenden lässt: Falsche Überzeugungen über Unterschiede zwischen den Geschlechtern führen zu Verhalten, das diese Überzeugungen scheinbar bestätigt. Die grundlegende Funktionsweise und die beiden zentralen Elemente der selbsterfüllende Prophezeiung lassen sich in Abbildung 1 erkennen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf der einen Seite steht das kognitive Element, also die ursprüngliche Prophezeiung, auf der anderen Seite die Bestätigung in Form von beobachtbarem Verhalten. Zwischen Überzeugungen und Verhalten besteht nun eine durch kognitive Mechanismen vermittelte reziproke Beziehung, Überzeugungen führen also sowohl zu Verhalten, wie auch Verhalten wiederum Einfluss auf die Überzeugungen hat.

Die selbsterfüllende Prophezeiung findet immer auf einer interaktionalen Ebene statt, es werden also mindestens zwei Personen benötigt: ein Aktor, dessen Verhalten im Mittelpunkt des Interesses steht, und ein Empfänger, der auf das Verhalten des Aktors reagiert (in einer Interaktion sind in der Regel natürlich die Beteiligten sowohl Aktor als auch Empfänger).

Die genaue Funktionsweise der selbsterfüllende Prophezeiung, besonders die der vermittelnden Elemente zwischen Überzeugung und Verhalten, sollen im Folgenden ausführlicher dargestellt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die soziale Konstruiertheit von Geschlecht und deren Auswirkungen auf die Psychologie
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Psychologisches Institut)
Veranstaltung
Der soziale Konstruktivismus in der Psychologie
Note
A
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V7973
ISBN (eBook)
9783638150651
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gender Geschlechtskonstruktion Konstruktivismus Konstruktionismus
Arbeit zitieren
Harald Kliems (Autor), 2002, Die soziale Konstruiertheit von Geschlecht und deren Auswirkungen auf die Psychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/7973

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