Die Grund- oder Ausgangsfrage, auf der diese Arbeit aufbaut, lautet: In welcher Relation und auf welche Weise wird Glück oder Unglück in den Kinder- und Hausmärchen ausgedrückt und vom Rezipienten wahrgenommen?
Auf der Basis dieser Kernfrage lassen sich sechs Thesen für die Untersuchung formulieren, die es zu belegen oder widerlegen gilt:
These 1: Die Kinder- und Hausmärchen besitzen überwiegend gute Ausgänge und weisen bezüglich dieser eindeutig bevorzugte Themen auf.
These 2: Es existiert eine Symbiose und Wechselwirkung von Glück und Unglück: sie bedingen sich gegenseitig.
These 3: Es gibt konkrete Motive und Symbole, die den Handlungsablauf, auch im Hinblick auf ein gutes oder schlechtes Ende, einer Geschichte beeinflussen oder bestimmen.
These 4: Die Grimmschen Volksmärchen leben von der Kontrastierung, vergleichbar mit der Antithetik in der Lyrik des Barock. In der Dialektik von Gut und Böse, Tugend und Laster oder auch Diesseits und Jenseits besteht die Spannung der Erzählungen. Durch diese Gegensätzlichkeiten werden eine Moral und Werte vermittelt, die zugleich eine Glücksphilosophie bilden.
These 5: Die Glücks- und Wertevermittlung stimmt mit den bürgerlichen Idealen der Entstehungszeit der Sammlung überein.
These 6: Die Glücks- und Wertevermittlung stimmt mit dem heutigen Verständnis von dem, was im Leben (un-)wichtig ist und (un-)glücklich macht, überein. Dies erklärt zugleich, warum der Bekanntheitsgrad der Märchen nach fast 200 Jahren immer noch erhalten geblieben ist.
Eine typologische Einteilung von Märchen kann unter Berücksichtigung unterschiedlichster Kriterien (z. B. formal, stofflich, thematisch, funktional oder nach Herkunft) zustande kommen, so dass bis heute keine allgemeingültige Einteilung existiert. Für diese Untersuchung wird primär zwischen drei bekannten Gattungshaupttypen differenziert: dem klassischen Zaubermärchen, oft auch als ‚eigentliches’ Märchen bezeichnet, dem Schwank und dem Schwankmärchen. Innerhalb der Analyse wird immer auch hinsichtlich dieser drei Typen ein möglicher Unterschied in ihrer Darstellung von Glück und Unglück berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Ausgabe letzter Hand als Gegenstand der Analyse
3. Vermittlung der Lebensziele in den Kinder- und Hausmärchen
3.1. Zum Ausgang der 200 Volksmärchen
3.2. Diskussion des Ergebnisses
3.3. Zu den Märchen mit unglücklichen Ausgängen
4. Auswahl konkreter Märchen zur Analyse
4.1. Aschenputtel (KHM 21)
4.1.1. Die Charaktere und ihre Bedeutung für den Verlauf der Geschichte
4.1.2. Die Symbole und wie sie zum Glück beitragen
4.1.3. Worin liegt das Glück Aschenputtels?
4.1.4. Das „Aschenputtel“ als ein Märchen der Aufklärung
4.2. Hans im Glück (KHM 83)
4.2.1. Zum Weg des naiven Helden
4.2.2. Glück in der Besitzlosigkeit
4.3. Der Teufel mit den drei goldenen Haaren (KHM 29)
4.3.1. Zur Herkunft des Märchens
4.3.2. Schwankmärchen oder Zaubermärchen?
4.3.3. Zum formalen Aufbau der Erzählung
4.3.4. Zur Symbolik und Motivik des Märchens
5. Motive und ihr Einfluss auf Glück oder Unglück
5.1. Die Rolle des Schicksals
5.1.1. Formen und Mittel des Schicksals
5.1.2. Handlung und Einfluss des Märchenhelden
5.1.3. Die Figur des Helfers
5.2. Das Wunder oder der Zauber
5.3. Religion und Gott
5.3.1. Gott als überirdische Macht
5.3.2. Der personifizierte Gott
5.4. Jenseitserfahrungen und Tod
5.4.1. Formen und Gestalten des Todes in den Kinder- und Hausmärchen
5.4.1.1. Der märchenhafte Tod
5.4.1.2. Der reale und ewige Tod
5.4.1.3. Der personifizierte Tod
5.4.2. Der Tod als Unglücksbringer?
5.4.2.1. Anwendung und Formen der Todesstrafe
5.4.2.2. Zur Rechtfertigung von Grausamkeit
5.4.2.3. Zu Macht und Einfluss des Todes
6. Die Wertevermittlung und ihr Bezug zum gesellschaftlichen Leben im 19. Jahrhundert
6.1. Romantisches Denken in den Kinder- und Hausmärchen
6.2. Einflüsse der Epoche des Biedermeiers
7. Zur Aktualität der Glücks- und Moralvorstellungen Grimmscher Volksmärchen
7.1. Das Märchen und die Moderne
7.2. Die Lehren der Grimmschen Volksmärchen heute
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Glück und Unglück in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Ziel ist es, durch eine systematische Analyse der Erzählausgänge und zentraler Motive die zugrunde liegende „Glücksphilosophie“ zu entschlüsseln und deren historische sowie gesellschaftliche Verankerung in der Romantik und dem Biedermeier aufzuzeigen.
- Statistische Auswertung von Glücks- und Unglücksthemen in ausgewählten Volksmärchen.
- Untersuchung von Schicksal, Wunder und Religion als handlungsleitende Motive.
- Analyse des Todesbildes und der Rechtfertigung von Grausamkeit im märchenhaften Kontext.
- Vergleich historischer Rollenbilder, insbesondere der weiblichen Passivität gegenüber dem aktiven männlichen Helden.
- Diskussion über die Aktualität und zeitlose Relevanz der in den Märchen vermittelten moralischen Werte.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Die Charaktere und ihre Bedeutung für den Verlauf der Geschichte
Es heißt im ersten Satz bei Grimm: „Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank [...].“ Dieser Reichtum bezieht sich auf Äußerlichkeiten und Güter, nicht jedoch auf Gefühl und Empfindsamkeit. Mit dem Frühling und seiner erneuten Heirat haben sich offensichtlich die Wertvorstellungen des Mannes stark gewandelt: Er strebt Ansehen, Geltung und Ehre an.
Die Folgen der Wahl seiner neuen Frau für seine einzige leibliche Tochter kennen wir: das Leben des Mädchens wird immens erschwert. Und so kann man wohl sagen, dass dieses Märchen auch die Gefahr, Vergangenes zu vergessen oder zu verdrängen, aufzeigt. Natürlich wird hier zugleich eine Auseinandersetzung mit Werten geboten. Die Philosophie des Märchens besagt, dass äußere Werte weniger bedeutsam, wenn nicht sogar verachtenswert sind. Menschlichkeit, Gefühl und Empfindsamkeit – innere Werte – sind hingegen wahrhaft wertvoll. All dies spiegelt sich auch in den Charakteren wider: Die böse Stiefmutter und ihre Töchter symbolisieren Macht und Reichtum, das Aschenputtel hingegen ist arm und hilflos, doch hat es durch und durch ein gutes Herz.
Die Herkunft des Motivs der Bosheit der Stiefmutter sowie der Stiefschwestern gegenüber der (meist jüngsten) Tochter ist nicht geklärt. Es zeigt in jedem Fall den direkten Kontrast zum sogenannten „Nesthäkchen“-Klischee auf, nach dem die jüngste leibliche Tochter von den Eltern (bewusst oder unbewusst) gegenüber ihren älteren Geschwistern bevorzugt werden soll. Eine wichtige Frage, gerade in Zeiten der weiblichen Emanzipation, lautet wohl: Warum lässt Aschenputtel sich derartig von ihrer Stiefmutter und den Stiefschwestern behandeln? Warum lehnt sie sich nicht auf und weigert sich, die Dienstmagd zu spielen? Der Grund liegt wohl zum einen in der Tatsache, dass sie noch sehr jung und naiv zu sein scheint und sich – bezüglich der Grimmschen Fassung – stets an die letzten Worte ihrer Mutter erinnert: „Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Definiert das Ziel der Arbeit, die Rolle von Glück und Unglück in den Kinder- und Hausmärchen zu erforschen und die zugrunde liegende moralische Philosophie zu analysieren.
2. Zur Ausgabe letzter Hand als Gegenstand der Analyse: Begründet die Wahl der Ausgabe von 1857 als endgültige und umfangreichste Version für die wissenschaftliche Untersuchung.
3. Vermittlung der Lebensziele in den Kinder- und Hausmärchen: Analysiert statistisch die Schlusspassagen der ersten 100 Märchen, um Kategorien für das Glück der Helden zu identifizieren.
4. Auswahl konkreter Märchen zur Analyse: Untersucht anhand von Fallbeispielen wie „Aschenputtel“, „Hans im Glück“ und „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ die Darstellung glücklicher Wendungen.
5. Motive und ihr Einfluss auf Glück oder Unglück: Erörtert zentrale narrative Motive wie Schicksal, Wunder, Religion und Tod in ihrem funktionalen Einfluss auf den Handlungsverlauf.
6. Die Wertevermittlung und ihr Bezug zum gesellschaftlichen Leben im 19. Jahrhundert: Verknüpft die Moralvorstellungen der Märchen mit den historischen Kontexten der Romantik und des Biedermeiers.
7. Zur Aktualität der Glücks- und Moralvorstellungen Grimmscher Volksmärchen: Reflektiert die mediale Adaption und die dauerhafte Relevanz der Wertevermittlung für die heutige Moderne.
8. Schlussbetrachtung: Führt die Analyseergebnisse zusammen und verifiziert die eingangs aufgestellten Thesen zur Glücksphilosophie der Grimmschen Sammlung.
Schlüsselwörter
Kinder- und Hausmärchen, Brüder Grimm, Glücksphilosophie, Wertevermittlung, Zaubermärchen, Schwank, Schicksal, Wunder, Jenseitserfahrungen, Tod, Romantik, Biedermeier, Literaturanalyse, Moral, Tugendhaftigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Glück und Unglück in den Märchen der Brüder Grimm narrativ dargestellt werden und welche moralischen sowie ethischen Werte diesen Geschichten zugrunde liegen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Analyse von Märchentypen (Zaubermärchen vs. Schwank), die Bedeutung von Symbolen und Motiven sowie der Einfluss gesellschaftlicher Epochen wie der Romantik und des Biedermeiers auf die Moral der Erzählungen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: In welcher Relation und auf welche Weise wird Glück oder Unglück in den Kinder- und Hausmärchen ausgedrückt und vom Rezipienten wahrgenommen?
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird ein qualitativer Ansatz gewählt, der eine statistische Kategorisierung der Märchenausgänge mit einer werkimmanenten Analyse einzelner, repräsentativer Erzählungen kombiniert.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine statistische Untersuchung der Märchenausgänge, Einzelanalysen spezifischer Märchen (z.B. Aschenputtel, Hans im Glück) und eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Motiven wie dem Schicksal, dem Wunder, der Religion und dem Tod.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Märchenkunde, Wertevermittlung, Glücksphilosophie, historischer Kontext und die Analyse der Grimmschen Sammlung definieren.
Wie interpretieren die Brüder Grimm das Glück in der Figur des "Hans im Glück"?
Die Arbeit diskutiert, ob Hans' Glück in der Besitzlosigkeit als wahre Freiheit oder als naives Unvermögen zu deuten ist, und stellt fest, dass die Geschichte den Materialismus der Entstehungszeit parodiert.
Welche Rolle spielt der Tod in den untersuchten Märchen?
Der Tod wird häufig allegorisch oder als "vorübergehender" märchenhafter Zustand (z.B. Schlaf oder Verwandlung) dargestellt, wobei er oft als Mittel zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit fungiert und nicht als endgültiges Schicksal der Helden.
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- Katrin Elbeshausen (Author), 2007, Glück und Unglück in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79971