Seit dem Ende der DDR ist einiges an Erkenntnissen über die Musikgeschichte dieses Staates zusammengetragen worden. Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Diskursen und kunsttheoretischen Konzeptionen vor allem der 1960er Jahre. Während diese Zeit für die BRD als Art Bewährungssituation der Avantgarde anzusehen sind, stellt sich die Frage nach der Entwicklung in der DDR. Über den Protestcharakter der 60er im Westen hinaus konnten für die DDR diesbezüglich bislang keine grundlegenden Aussagen gemacht werden.
Ein grundsätzliches Problem scheint dabei im Staats und Gesellschaftsverständnis der DDR selbst zu liegen. Als im eigenen Selbstverständnis linker Staat „benötigte“ man keine linke Protesthaltung, sondern nur eine linke Legitimation als antifaschistischer Staat in historischer Abgrenzung zur propagierten imperialistischen, kapitalistischen und dem Vorwurf des Faschismus ausgesetzten Bundesrepublik.
Durch einen in der DDR herrschenden Verfügungsanspruch des Staates auf Kunst, der sich mit einem Anspruch der Partei auf die Definitionsmacht von Kunst verband, sahen sich die Künstler einer Situation „mit gesellschaftlich-politisch vorgeprägten Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten“ konfrontiert, innerhalb derer sich paradoxerweise eine eigene Kreativität herausbildete, die man charakteristisch für die DDR-Musik nennen kann.
In vorliegendem Titel soll die kunstpolitische Situation der DDR während der sechziger Jahre dargestellt und mögliche staats- bzw. gesellschaftskritische Momente herausgearbeitet werden
Ganz bewusst wird die Darstellung politischer und politisch genutzter Musik einen wichtigen Platz einnehmen, da einerseits von einer totalen Politisierung der Kunst die Rede sein wird und andererseits das vorliegende Material (noch) keine weiteren Zugänge ermöglicht.
Einen nicht unerheblichen Teil wird die Beschäftigung mit außerhalb der künstlerischen „Produktion“ stehenden Protagonisten einnehmen. Der Musikwissenschaftler Frank Schneider hat in jüngerer Zeit wichtige Hinweise für eine Geschichte der DDR-Musik gegeben; es bleibt zu fragen, welche Stellung er jenseits theoretischer Grundlagen in Bezug auf sein früheres und heutiges Schaffensfeld einnimmt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historisches: Einordnung der DDR-Kulturpolitik in die Jahre 1959-71
2.1. Allgemeines
2.2. ZK-Kulturkonferenz 1959: Der „Bitterfelder Weg“
2.3. Die Kulturkonferenz des ZK 1964
2.4. Das 11. Plenum des ZK 1965
3. Musikgeschichtliches: Wahrnehmung – Darstellung – Rezeption
3.1. Zur Person und Figur Frank Schneiders
3.2. Frank Schneider: Momentaufnahmen (1979) – Wahrnehmung
3.3. Frank Schneider: Neue Musik in der DDR (2004) – Darstellung
4. Musikalisches: Darstellung ausgewählter Werke von DDR-Komponisten
4.1. Sinfonische Werke
4.2. Instrumentalkonzerte
4.3. Gesang
5. Kritisches: Ablehnung oder Liebesdienerei
5.1. Politische Musik
5.1.1. Anmerkungen
5.1.2. Die „Jüdische Chronik“ – ein gesamtdeutsches Manifest
5.2. Die Akademie der Künste – Eine Diskursinsel?
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die kunsttheoretischen Diskurse und Entwicklungen der Neuen Musik in der DDR während der 1960er Jahre, um herauszufinden, inwieweit sich trotz staatlicher Repression und ideologischer Vorgaben staats- und gesellschaftskritische kreative Momente etablieren konnten.
- Kulturpolitik der DDR in den 1960er Jahren und deren Einfluss auf die Musikproduktion.
- Analyse der musikwissenschaftlichen Aufarbeitung durch die Person Frank Schneider.
- Untersuchung exemplarischer Werke von DDR-Komponisten hinsichtlich ihres politisierbaren Gehalts.
- Betrachtung der Akademie der Künste als Ort potenzieller Freiräume und künstlerischer Diskurse.
- Reflexion über das Spannungsfeld zwischen staatlich verordnetem Sozialistischem Realismus und künstlerischer Emanzipation.
Auszug aus dem Buch
3.2. Frank Schneider: Momentaufnahme (1979) – Wahrnehmung
Schneiders 1979 erschienene Arbeit ist weniger als eine Musikgeschichte der DDR zu verstehen denn vielmehr als Stellungnahme eines beobachtenden Teilnehmers einer jüngeren Generation. Das 450 Seiten umfassende Werk gliedert sich sinnigerweise nach Art einer Sonatenform. Diesbezüglich ist für unsere Betrachtungen die Introduktion am interessantesten, da dort unter der Überschrift „Konturen und Anhaltspunkte zu drei Dezennien Instrumentalmusik“ ein Überblick über die zum Zeitpunkt des Erscheinens gemachten Erfahrungen gegeben wird.
Für die 50er Jahre stellt er die Frage der Komponisten nach dem Verhältnis von historischer Kontinuität und veränderter sozialer Funktion ihres Schaffens in den Mittelpunkt. Gleichzeitig stellt er recht freimütig fest, dass die Frage eine Deduzierung restriktiver kulturpolitischer Maximen und kunsttheoretischer Postulate gewesen sei.
Das Problem eines verflachten „parasitären, privatisierenden und sentimentalisierenden Kunstgebrauchs“ nutzt er als Argumentation für die Entwicklung des Sozialistischen Realismus. Ferner arbeitet er jedoch heraus, dass Missverständnisse und Fehlorientierungen zu einer Situation geführt hätten, wo klangsinnliche und qualitative Absichten kunstpolitischen Interessen entgegengestanden hätten. Shdanows Satz von der Nichtaneignung bürgerlicher Musiktraditionen führte dazu, dass die Komponisten mit „erschöpfend durchgespielten Materialdispositionen“ hätten arbeiten müssen. Schneider argumentiert hier unter dem Mantel ideologiefreundlicher Semantik reichlich kritisch. Indem er dann Eislers Rolle als Vorreiter eines „problembewussten“ Reagierens herausstellt, versucht er wieder ins richtige Fahrwasser zu kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Fragestellung nach der Entwicklung der Neuen Musik in der DDR der 1960er Jahre unter Berücksichtigung des Spannungsfeldes von staatlicher Kontrolle und künstlerischer Kreativität.
2. Historisches: Einordnung der DDR-Kulturpolitik in die Jahre 1959-71: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wesentlichen kulturpolitischen Stationen wie den „Bitterfelder Weg“ und das 11. Plenum, die den Handlungsspielraum der Künstler maßgeblich prägten.
3. Musikgeschichtliches: Wahrnehmung – Darstellung – Rezeption: Hier wird der Musikwissenschaftler Frank Schneider als zentrale Figur der DDR-Musikforschung analysiert, wobei zwei seiner Schriften aus unterschiedlichen Jahrzehnten verglichen werden.
4. Musikalisches: Darstellung ausgewählter Werke von DDR-Komponisten: Das Kapitel analysiert konkrete sinfonische Werke, Instrumentalkonzerte und Gesangskompositionen, um deren individuellen künstlerischen Ausdruck und deren Verhältnis zu staatlichen Vorgaben aufzuzeigen.
5. Kritisches: Ablehnung oder Liebesdienerei: Untersucht wird hier die Rolle politisierender Musik sowie das Wirken der Akademie der Künste als Ort, an dem sowohl Restriktionen als auch punktuelle Freiräume für Diskurse existierten.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass sich trotz doktrinärer Staatsmacht feinsinnige, kritische Komponierhaltungen etablieren konnten, die eine eigene, interessante Musikkultur innerhalb der DDR konstituierten.
Schlüsselwörter
DDR, Musikgeschichte, 1960er Jahre, Kulturpolitik, Neuer Musik, Frank Schneider, Sozialistischer Realismus, Komposition, Ästhetik, Akademie der Künste, Avantgarde, Jüdische Chronik, Systemkritik, Künstlerische Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedingungen und Ausdrucksformen der Neuen Musik in der DDR während der 1960er Jahre, insbesondere im Hinblick auf den Spielraum zwischen staatlicher Reglementierung und künstlerischer Innovation.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die kulturpolitischen Rahmenbedingungen der DDR, die Rolle bedeutender Musikwissenschaftler wie Frank Schneider sowie die Analyse ausgewählter Werke von Komponisten, die sich im Spannungsfeld zwischen Systemtreue und künstlerischem Eigensinn bewegten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Komponisten in der DDR unter restriktiven kulturpolitischen Bedingungen kreative und teils kritische Momente in ihrer Musik entwickeln konnten, die über eine rein staatskonforme Ästhetik hinausgingen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine komparative Analyse von Fachliteratur und Schriften von Zeitgenossen sowie die Detailbetrachtung ausgewählter musikalischer Werke im Kontext ihrer Entstehungsbedingungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Kulturpolitik, eine Analyse des musikwissenschaftlichen Diskurses um Frank Schneider, eine Werkbesprechung namhafter DDR-Komponisten und eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Akademie der Künste.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie DDR-Musikgeschichte, Kulturpolitik, Neuer Musik, politisierende Musik und künstlerische Emanzipation charakterisieren.
Welche Bedeutung kommt der „Jüdischen Chronik“ im Dokument zu?
Die „Jüdische Chronik“ wird als singuläres gesamtdeutsches Gemeinschaftswerk hervorgehoben, das aufgrund seines Themas und der Kooperation zwischen Ost- und West-Komponisten eine besondere politische Brisanz besaß.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Frank Schneider?
Die Arbeit bewertet Schneider als produktiven Musikwissenschaftler, dessen Darstellungen sich jedoch gewandelt haben: Während seine Arbeit von 1979 kritische Schattierungen aufweist, wirken spätere Äußerungen subjektiver und stärker durch eine Legitimationsmission geprägt.
Welche Rolle spielten die Meisterklassen an der Akademie der Künste?
Die Meisterklassen dienten als „Schutzraum“, in dem junge Komponisten dem Zugriff direkter staatlicher Regulierungsmaßnahmen entzogen werden konnten, was zu einem beabsichtigten Konkurrenzverhältnis zwischen Akademie und Hochschulen führte.
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- Norman Grüneberg (Author), 2006, Neue Musik in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/79994