Diese Arbeit ist im Zusammenhang mit dem im Wintersemester 2005/2006 am Institut für Soziologie an der Universität Mainz stattgefundenen Seminar Transzendentalsoziologie - Über die Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft entstanden. In diesem Seminar wurde das ambitionierte Ziel verfolgt, Klarheit in den doch schwammigen Begriff „Gesellschaft“ zu bringen. Mehr noch: Es wurde versucht, die existentiellen Bedingungen für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Gesellschaft herauszufiltern.
Somit erscheint das Thema der vorliegenden Arbeit zunächst irritierend. Was kann die Beschäftigung mit Aldous Huxleys Brave New World, also mit einem fiktionalen Roman, zur Beantwortung der Seminarfrage beitragen? Haben solch „phantastische“ Geschichten überhaupt einen sozialwissenschaftlichen Wert?
Konkret in Frage steht, im zweiten Kapitel, die Unterscheidung und Reflexion des Utopiebegriffes, in Hinsicht auf seine sozial- und kulturtheoretische Verortung. Die Frage nach dem Wert oder Unwert von (literarischen) Utopien für den sozialwissenschaftlichen Diskurs, soll hier beantwortet werden, bevor auf das konkrete Fallbeispiel eingegangen wird.
Anschließend wird, im dritten Kapitel, Huxleys Werk insofern analysiert als die Funktionsweise des Systems und das Sozialverhalten der Menschen der Brave New World (BNW) skizziert werden. Es werden die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Voraussetzungen aufgezeigt, und es wird dargestellt durch welche Maßnahmen die soziale und politische Ordnung der BNW aufrechterhalten wird.
In den Schlußbetrachtungen des vierten Kapitels wird gezeigt, welchen Beitrag Aldous Huxleys Werk zur Beantwortung der Seminarfrage leisten kann. Hierfür wurden die gesellschaftlichen Bedingungen der BNW mit Georg Simmels sozialen Aprioris aus seiner 1908 publizierten Schrift - Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich? - in Beziehung gesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Gesellschaftsutopien
3 Brave New World
3.1. Der Mensch
3.2 System und soziale Strukturen
3.3 Zusammenfassung: Strukturmerkmale der BNW
4 Schlussbetrachtungen: Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ unter sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkten, um zu ergründen, welche Erkenntnisse fiktionale Utopien für die soziologische Grundsatzfrage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft liefern können.
- Reflexion des Utopiebegriffs und seiner wissenschaftlichen Verortung
- Analyse der Funktionsweise des Systems und Sozialverhaltens in der „Brave New World“
- Untersuchung der gesellschaftlichen Voraussetzungen für soziale Stabilität
- Beziehungsetzung der BNW-Strukturen zu Georg Simmels soziologischen Aprioris
Auszug aus dem Buch
3.2 System und soziale Strukturen
Die komplette Lebens- und Arbeitswelt des Menschen ist im Ergebnis staatlich geregelt, ohne dass sich die Masse der Menschen darüber bewusst ist.
Die Bürger werden in ein fünf-stufiges, pyramidenförmiges, von Alpha bis Epsilon gekennzeichnetes Kastensystem „hineingeboren“, bei denen die intellektuellen Fähigkeiten von Kaste zu Kaste immer weiter abnehmen. Alphas und Betas sind dazu vorgesehen, geistig-wissenschaftliche Arbeiten zu verrichten, während die unteren Kasten für körperliche Arbeit bestimmt sind. Adorno bemerkt dazu: „Das verewigte Klassenverhältnis wird in die Biologie verlegt, indem die Zuchtdirektoren über die Zugehörigkeit zu den mit griechischen Buchstaben registrierten Kasten schon bei den Embryos entscheiden“ [Adorno: 101]. Soziale Mobilität ist nicht möglich, da sie von den Gesellschaftsmitgliedern erst gar nicht angestrebt werden kann. Jeder fühlt sich durch die entsprechende Konditionierung in seiner Kaste wohl, während er die Mitgliedschaft in einer anderen Kaste als Qual empfinden würde. „Identity“ bedeutet in der BNW also vor allem Kastenidentität; erreicht wurde eine nahezu hundertprozentige Identifizierung mit der entsprechenden Kaste. Gleichzeitig ist durch die postnatale Konditionierung sichergestellt, dass sich die verschiedenen Kasten gegenseitig respektieren, in dem Sinne, dass jedes Mitglied als notwendiges, unentbehrliches Rädchen des Gesamtsystems verstanden wird. Diskriminierung, Neid, Konkurrenz, jegliche Mißgunst sind weitgehend, sofern nicht systemstabilisierend, künstlich ausgeschaltet.
Die Begründung warum nur eine hierarchische Kastengesellschaft die gesellschaftliche Stabilität garantiert, ist plausibel: Eine Sozietät, die sich lediglich aus Mitgliedern der höchsten Klasse, also den Alphas, zusammensetzte, würde permanente Konflikte hervorbringen und in einem Bürgerkrieg enden [vgl. BNW: 220 f.]. Stabilität garantiere nur eine Gesellschaftsordnung, die sich den Eisberg zum Muster nimmt: „Acht Neuntel unter der Wasserlinie, ein Neuntel darüber“ [BNW: 221]. Die Gesellschaft der BNW beruht wesentlich auf Ungleichheit. Diese Ungleichheit sorgt wiederum für soziale Stabilität, indem jeder, gemessen an seinen Möglichkeiten, seinen spezifischen Beitrag leistet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Das Kapitel erläutert die Entstehung der Arbeit im Kontext eines Seminars zur Transzendentalsoziologie und legt die methodische Herangehensweise dar, literarische Dystopien als Diagnosewerkzeuge für gesellschaftliche Grundfragen zu nutzen.
2 Gesellschaftsutopien: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung des Utopiebegriffs, wobei sowohl die historische Tradition als auch die moderne, oft kritische Sichtweise auf utopisches Denken beleuchtet werden.
3 Brave New World: Dieser Hauptteil analysiert die Funktionsweise der Gesellschaft in Huxleys Roman, wobei insbesondere die Konditionierung der Menschen, die soziale Schichtung und die verschiedenen Mittel zur Stabilitätssicherung untersucht werden.
3.1. Der Mensch: Der Fokus liegt hier auf der gezielten biowissenschaftlichen und psychologischen Manipulation des Individuums, um eine perfekte Anpassung an die staatlich vorgegebene Funktion zu erreichen.
3.2 System und soziale Strukturen: Dieses Kapitel behandelt die hierarchische Ordnung der Kasten und die ökonomischen sowie kulturellen Rahmenbedingungen, die ein konfliktfreies System garantieren sollen.
3.3 Zusammenfassung: Strukturmerkmale der BNW: Es werden die zentralen Pfeiler der BNW – fehlender Wandel, Uniformität und soziale Harmonie – zusammenfassend extrapoliert.
4 Schlussbetrachtungen: Bedingung der Möglichkeit von Gesellschaft: Abschließend werden die Erkenntnisse mit Georg Simmels soziologischen Aprioris in Beziehung gesetzt, um zu zeigen, inwieweit die BNW als extreme Ausformung soziologischer Strukturprinzipien verstanden werden kann.
Schlüsselwörter
Brave New World, Utopie, Dystopie, Gesellschaft, Aldous Huxley, Georg Simmel, soziale Stabilität, Konditionierung, Kastensystem, Soziologie, Vergesellschaftung, Systemtheorie, soziale Harmonie, Identität, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den soziologischen Wert von Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ für die Beantwortung der Frage, was eine Gesellschaft im Kern zusammenhält und welche existentiellen Bedingungen für ihre Aufrechterhaltung notwendig sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Reflexion des Utopie- und Dystopiebegriffs, die Analyse staatlicher Steuerungsinstrumente wie Eugenik und Konditionierung sowie die soziologische Bewertung von Stabilität und sozialer Ordnung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, welchen Beitrag literarische Zukunftsentwürfe zur Beantwortung der soziologischen Grundsatzfrage „Wie ist Gesellschaft möglich?“ leisten können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewendet?
Die Autorin nutzt eine literatur- und sozialwissenschaftliche Analyse, bei der die fiktiven gesellschaftlichen Bedingungen der „Brave New World“ systematisch mit den soziologischen „sozialen Aprioris“ von Georg Simmel in Beziehung gesetzt werden.
Was wird primär im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Funktionsweisen des BNW-Systems detailliert analysiert, insbesondere die biophysische Formung des Menschen, die Kastenhierarchie sowie die Mechanismen zur permanenten Unterdrückung von Reflexion und Individualität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Vergesellschaftung, soziale Stabilität, Konditionierung, Kastensystem und den Vergleich zwischen fiktionalem Systementwurf und soziologischer Theoriebildung.
Wie unterscheidet sich die „Brave New World“ laut Autor von einer realen Gesellschaft?
Während eine reale Gesellschaft laut Simmel ein dynamisches „Geschehen“ ist, das die Unberechenbarkeit individueller Freiheit integriert, ist die BNW eine „staatlich vergesellschaftete Gesellschaft“ in ihrer Finalität, in der das Individuum vollständig im System aufgeht.
Warum wird die „Ausschaltung des Geschichtsbewusstseins“ als zentrales Merkmal identifiziert?
Das Geschichtsbewusstsein ermöglicht Reflexion und den Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Da die BNW jede Veränderung als Rückschritt betrachtet, muss dieses Bewusstsein systematisch unterdrückt werden, um die statische Ordnung zu bewahren.
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- Eduard Drahomeretski (Author), 2006, Brave New World - Welchen Beitrag leisten Utopien für die Frage nach der Möglichkeit von Gesellschaft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80025