Deixis und Anapher

Diskurs Deixis vs. Anapher


Magisterarbeit, 2007

115 Seiten, Note: 1,9


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung
0.1. Aufbau der Arbeit

1.0. Grundlagen der deiktischen und anaphorischen Analyse
1.1. Referenzbegriff
1.1.1. Bedeutung und Sinn
1.2. Die Identifizierbarkeit des Referenten
1.2.1. Referenzbereiche
1.3. Aspekte der Referenz
1.3.1. Deixis und Koreferenz
1.3.2. Anaphorik und Koreferenz
1.3.3. Deiktische und anaphorische Referenz
1.3.3.1. Deiktische Referenz
1.3.3.2. Anaphorische Referenz
1.4. Das allgemeine sprachtheoretische Konzept Bühlers und das Organon – Modell
1.4.1. Nennwörter und Zeigwörter
1.4.1.1. Nennwörter
1.4.1.2. Zeigwörter
1.4.1.3. Modi des Zeigens

2.0. Deixis
2.1. Definition der Deixis
2.1.1. Die Grundstruktur des deiktischen Systems
2.1.2. Deiktische Ausdrücke
2.1.3. Kategorien der Deixis
2.2. Lokaldeixis
2.2.1. Lokaldeiktische Ausdrücke
2.2.2. Kategorisierung der Lokaldeixis
2.2.2.1. Proximale Lokaldeixis
2.2.2.2. Distale Lokaldeixis
2.2.2.3. Beispiele für proximale und distale Lokaldeixis
2.2.3. Subkategorisierung der Lokaldeixis
2.2.3.1. Analogische Lokaldeixis
2.3. Temporaldeixis
2.3.1. Definition der Temporaldeixis
2.3.2. Subkategorisierung der Temporaldeixis
2.3.2.1. Vergangenheits- und zukunftsbezogene Temporaldeixis
2.4. Personaldeixis
2.5. Sozialdeixis
2.5.1. Anredeformen und ihre Verwendung im Deutschen
2.6. Diskursdeixis
2.6.1. Theoretischer Rahmen und die Definition der Diskursdeixis
2.6.2. Beispiele für Diskursdeixis

3.0. Anapher
3.1. Definition der Anapher
3.2. Diskursdeixis vs. Anapher
3.3. Kategorien der Anapher
3.3.1. Syntaktische Anapher
3.3.2. Semantische Anapher
3.3.3. Pragmatische Anapher
3.4. Der bestimmte Artikel in anaphorischer Funktion
3.4.1. Anapher im Diskurs
3.5. Indirekte Anapher
3.6. Ausdrucksmittel der Anapher/Katapher
3.7. Katapher
3.7.1. Kataphorika
3.7.2. Kategorien der Katapher

Zusammenfassung und Schlusswort

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Wie aus dem Titel hervorgeht, hat diese Arbeit zwei Schwerpunkte, nämlich Deixis zum einen und Anapher zum anderen. Diese sprachlichen Phänomene, die Gegenstand der Pragmatik und Semantik sind, bezeichnen zwei spezielle Aspekte der Ableitung von Äußerungsbedeutungen. Die Ausdrucksbedeutung von anaphorischen und deiktischen Ausdrücken[1], setzen durch einen Bezug auf den unmittelbaren Äußerungskontext eine spezifische Referenz dieser Ausdrücke voraus, die Sprachwissenschaftler und Philosophen bereits seit der Antike beschäftigt.

Gegenstand der Arbeit ist die dem Autor bzw. Sprecher sowohl beim mündlichen als auch beim schriftlichen Erzählen permanent zur Verfügung stehende eminente Sprachmittel Deixis und Anapher[2] anhand der Fachliteratur und der anaphorischen und deiktischen Ausdrücke, die die Sprachphänomene repräsentieren, zu untersuchen und eine klare Grenze zwischen den beiden Termini zu ziehen.

Die Problematik, die diesen sprachlichen Phänomenen innewohnt, ist die Tatsache, dass die Begriffe der linguistischen Forschung entweder unklar abgegrenzt oder als Ganzes interpretiert wurden. Obwohl bis zur Gegenwart die Abgrenzung sowie das Dazuzählen der Anapher zur Deixis anhand Bühlers Darlegungen mehrmalig erforscht und diskutiert worden sind, wurden sie bis heute noch nicht völlig statuiert. Um diese sprachlichen Phänomene im heutigen Sinne abgrenzen zu können, halte ich es für angebracht, einen strukturierten Überblick über die Forschungsgeschichte zu geben, wobei ich mich bei meiner Untersuchung auf die unterschiedlichen Auffassungen der verschiedenen Autoren wie Bühler, Braunmüller, Herbermann, Fränkel, Ehlich, Fillmore u.a. stützen und deren Konzepte darlegen möchte.

In der vorliegenden Arbeit soll der Gebrauch und die Funktion anaphorischer und deiktischer Ausdrücke im sprachlichen Handeln, die den Autoren besonders beim literarischen Erzählen große Dienste leisten, untersucht werden.

0.1. Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich hauptsächlich in drei Teile.

Im ersten Abschnitt wird der für die weitere Untersuchung bedeutende Referenzbegriff, mit dem man zwischen sprachlichem Zeichen und der außersprachlichen Wirklichkeit Bezug nehmen kann, eingeführt und terminologisch geklärt. Anschließend wird das ausschlaggebende sprachtheoretische Konzept Bühlers vorgestellt und dadurch auf die als nebulös betrachteten Sprachphänomene eingegangen.

Im Abschnitt 2 möchte ich die klassische variable der Deixis terminologisch definieren, die öfters als lokale, personale und temporale Deixis, sowie auch unter Diskursdeixis [3] bzw. Rededeixis oder Textdeixis bezeichnet wird. Dabei werde ich die von Fillmore (1972) eingeführte Sozialdeixis, die auch bezüglich der Höflichkeitsformen als Anrededeixis[4] bezeichnet werden kann, als eine eigenständige Deixis-Kategorie beschreiben.

Folgt man der Deixisliteratur, so findet man zwei weitere neu eingeführte Arten, die als Aspektdeixis bzw. modale Deixis und Objektdeixis bezeichnet werden. Ob diese Formen zu den Deixis-Kategorien hinzugefügt werden sollen, ist bisher nicht ausdiskutiert worden. Aus diesem Grund werde ich diese Kategorien, falls sie als Kategorie bezeichnet werden können, unter der allgemeinen Deixis-Definition beschreiben. Die Diskursdeixis wird im Gegensatz zu der herkömmlichen Klassifizierung statt eine Kategorie der Versetzungsdeixis, vielmehr, Sonderform der Deixis, als eine eigenständige Art dargestellt. Ohne dass das sprachliche Phänomen Anapher in diese Kategorie eingegliedert wird, wird anhand von Beispielen die Diskursdeixis von der Anapher konfrontiert unterschieden.

Im Abschnitt 3 wird der zweite Schwerpunkt der Arbeit bzw. Definition der Anapher wiedergegeben, zu der die rückverweisende Katapher, die in der bisherigen Forschung im Vergleich zur Anapher nicht beständig ausgearbeitet wurde, hinzugefügt wird.

Da der Ausgangspunkt dieser Arbeit den Begriff der Anapher von der Deixis exakt sondert, wird die sprachliche Erfassung Anapher anhand einiger Beispiele von Deixis bzw. der Diskursdeixis abgegrenzt. Außerdem sollten die Kategorien von Anapher hierfür eine Hilfe sein, um diese von der Deixis trennen zu können. Hierbei werde ich insbesondere in Anlehnung an Schwarz (2000) neben der gewöhnlichen Anaphorika das textuelle Phänomen der indirekten Anapher, die als eine klar abgrenzende sprachliche Erscheinung zwischen der Diskursdeixis und Anapher bezeichnet werden kann, im Abschnitt 3.5. gegenüberstellend beschreiben.

1.0. Grundlagen der deiktischen und anaphorischen Analyse

Sowohl Referenz, die im Rahmen der Deixis- und Anapherforschung ein untrennbarer Begriff ist, als auch das ausschlaggebende Bühlersche Konzept, bilden die Grundlagen der Deixis und Anapher.

Ferner sollen die Begriffe Referenz und Koreferenz beschrieben werden. Um die nebulöse Darstellung zwischen Koreferenz und Anaphorika zu entschärfen, wird in diesem Abschnitt auf die sprachwissenschaftlichen Theorien eingegangen und koreferentielle Ausdrücke den anaphorischen Ausdrücken gegenübergestellt.

1.1. Referenzbegriff

Referenz bezeichnet die Beziehung zwischen einem sprachlichen Ausdruck und dem damit genannten Inhalt der außersprachlichen Realität, die uns die sprachliche Bezugnahme auf Aspekte wie Personen, Gegenstände, Zustände und Zeitpunkte ermöglicht.[5] Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die sprachlichen Erscheinungen Deixis und Anapher, ohne auf den Begriff der Referenz einzugehen, nicht zu erfassen sind. Allerdings sollte man deshalb nicht zum Schluss kommen, dass die Referenz nur mithilfe deiktischer und anaphorischer Ausdrücke anzuwenden sei. Der folgende Satz soll aufzeigen, dass ohne anaphorische und deiktische Ausdrücke auf Gegenstände sowie Sachverhalte Bezug genommen werden kann:

1. Rauchen schadet der Gesundheit!

Wie der Satz zeigt, sind weder deiktische Ausdrücke wie hier, jetzt, ich, noch anaphorische Ausdrücke bzw. Wiederholung oder ein Bezug auf ein vorerwähntes sprachliches Element vorhanden. Um den Referenzbegriff ostentativ beschreiben zu können, ist es konsequent, Freges Auffassung zur Unterscheidung zwischen „Bedeutung und Sinn“[6] bzw. Referenz und Sinn, an die sich vor allem Autoren besonders mit sprachphilosophischem Interesse wenden, darzustellen.

1.1.1. Bedeutung und Sinn

Die Termini Bedeutung und Sinn, die ich in Anlehnung an Lyons[7] als Referenz und Sinn übernehme, wurden von mehreren Autoren uneinheitlich bezeichnet.[8] Bereits Frege (1892) wies in „Über Sinn und Bedeutung“ auf den Unterschied eines sprachlichen Ausdrucks und dessen Bezug auf die außersprachliche Wirklichkeit hin, indem er „bedauerlicherweise“ wie Vater[9] es ausdrückt, anstatt Referenz den Begriff Bedeutung im Sinne von Referenz verwendete.

Zur Unterscheidung gab Frege (1892) das bekannte Beispiel von Morgenstern und Abendstern. Beide Ausdrücke haben zwar das gleiche Referenzobjekt bzw. den gleichen Referenten Venus, sind aber vom Sinn her offensichtlich unterschiedlich. Während Morgenstern sich auf den Planeten Venus als den hellsten Stern bezieht, bezieht sich der Abendstern als den hellsten Stern am Abend. Das folgende Beispiel soll den Unterschied zwischen Referenz und Sinn illustrieren:

1. Die Landeshauptstadt von NRW hat ca. 580.000 Einwohner.
2. Die Modestadt hat die größte Modemesse der Welt.

Obwohl die Bezeichnungen die Landeshauptstadt von NRW und die Modestadt keineswegs Synonyme sind und sich hinsichtlich ihres Sinns unterscheiden, nehmen sie auf dasselbe Referenzobjekt Düsseldorf Bezug.

Den Beispielsätzen zufolge kann zusammenfassend festgehalten werden, dass sinnverschiedene Ausdrücke, wie auch Vater[10] bestätigt, denselben Referenten haben können.

1.2. Die Identifizierbarkeit des Referenten

Wenn der Sprecher auf einen Gegenstand referentiellen Bezug nehmen will, sind folgende Schritte durchzuführen: Um einen referentiellen Ausdruck identifizieren zu können, intendiert der Sprecher auf den geäußerten Ausdruck. Damit sein Adressat bzw. der Hörer den betreffenden Gegenstand identifizieren kann, muss der Sprecher möglicherweise einen bestimmten referentiellen Ausdruck äußern, der eine Identifikation mit dem Referenten gestattet. Gewiss ist die Referenz nur dann vollbracht, wenn sie vom Hörer eindeutig wahrgenommen wird. Demgemäß kann die Referenz erst dann eindeutig erfolgreich sein, wenn der Gegenstand, auf den der Sprecher verweist, dem Hörer bekannt ist. Ein Beispiel dazu ist der folgende Satz:

1. Das einzig erhaltene Weltwunder ist sehenswert.

Zuvorderst ist zu bemerken, dass die Nominalphrase das einzig erhaltene

Weltwunder eine definite Kennzeichnung für die Pyramiden von Gizeh ist.

Im Fall, dass der Referent dem Hörer nicht bekannt ist bzw. er kein Wissen über den Referenten verfügt oder aber er unter der Bezeichnung das einzig erhaltene Weltwunder statt Pyramiden von Gizeh, den Koloss von Rhodos versteht, kann die Referenz misslingen. In dem Beispielsatz ist die Referenz erst dann gelungen, wenn der Hörer aufgrund seiner Bildung und Lebenserfahrung erkennt, dass es sich bei der Äußerung um das einzig erhaltene Weltwunder auf Pyramiden von Gizeh handelt.

Hierbei sollte erwähnt werden, dass die aktuelle Forschung im Gegensatz zu den früheren Arbeiten das Referieren auf Gegenstände nicht mit der faktischen Welt abgrenzt, sondern auch die Aspekte der fiktiven Welt beispielsweise den Weihnachtsmann und Märchengestalten wie Feen auch dazuzählt.[11] Schwarz hebt diese Abgrenzung des Referierens auf und begründet ihre Meinung, der ich mich anschließe, wie folgt:

„Die Interpretation von Texten involviert nicht nur interne Informationspräsentation, sondern immer auch Referenzstrukturen, d.h. die Verbindung zu einer externen Weltebene.“[12]

In diesem Zusammenhang kann festgehalten werden, dass man je nach Text nicht nur auf die reale und gegenwärtige, sondern auch auf die vergangene, zukünftige oder, wie oben beschrieben, auf die vorgestellte bzw. fiktive Welt referieren kann. Anders ausgedrückt: Die Referenz ist nicht auf die faktische Welt beschränkt.

Die nachfolgenden Beispiele sollen dies illustrieren:

2. Wenn ich mal Zwillinge habe, werde ich eine zweifache Mutter sein.
3. Meine Muse inspiriert mich beim Schreiben.
4. Ich fühle mich wie Immanuel Kant. Ich wache jeden Morgen um dieselbe Zeit auf.
5. Wenn es doch keinen Krieg gäbe!
6. Spiderman ist mein bester Freund.

Ob der Referent fiktiv oder real ist, ist hier nicht von Bedeutung; ausschlaggebend ist nur, dass der Hörer auf den Referenten Bezug nehmen kann. Bevor auf die Aspekte der Referenz eingegangen wird, halte ich es für sinnvoll, einen kurzen und prägnanten Überblick über die Referenzbereiche zu geben.

1.2.1. Referenzbereiche

Dass jeder Text mehrere Referenzbereiche beinhalten kann, ist unbestritten. Durch die Beantwortung der sechs W-Fragen wird es uns möglich den jeweiligen Referenzbereich, insbesondere die folgenden vier Bereiche festzustellen[13]:

- Situationsreferenz: Vater bezeichnet die Situationsreferenz als die übergeordnete Referenzform. Wenn ein Satz auf eine Situation wie Hier ist es kalt! referiert, wird von der Situationsreferenz gesprochen.
- Dingreferenz: Dingreferenz, die vom Vater als „klassischer Fall von Referenzform“[14] bezeichnet wird, bezieht sich auf Gegenstände sowie auf Personen in einer Äußerung wie die wunderschöne Braut.
- Ortsreferenz: „Die Ortsreferenz fasst die Positionierung eines Dings oder einer Situation [...] und direktionale Referenz, d.h. Bewegung zu einem Ort hin zusammen,“[15] wie Sie fährt nach Köln.
- Zeitreferenz: Die Zeitreferenz bezieht sich in einem Satz auf temporale Relationen bzw. auf zeitliche Situationen, wie Er wartet schon seit zwei Stunden.

Im Folgenden sollen die oben komprimiert dargestellten Referenzbereiche mittels zusammengeketteter Anapher und Deixis Beispielen illustriert werden:

Situationsreferenz:

1. Der Mann hört aufmerksam zu und runzelt seine Stirn. (anaphorisch)

2. Er[16] hat die Tasche gestohlen! (deiktisch)

Dingreferenz:

3. Die Kleidung ist alt. Sie ist nicht mehr modern. (anaphorisch)

4. Dieser Mann ist krank. (deiktisch)

Ortsreferenz:

5. Die Türkei liegt auf dem asiatischen und europäischen Kontinent. Sie ist der einzig islamische Nato-Staat. (anaphorisch)

6. Hier gibt es keine Siesta. (deiktisch)

Zeitreferenz:

7. Nachdem Mario gefrühstückt hatte, verließ er sofort seine Wohnung. (anaphorisch)

8. Seit gestern überlegt sie sich, was zu schreiben ist. (deiktisch)

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die oben angeführten Beispiele, der klassischen Anapher und Deixisdefinitionen entsprechend, bewusst gegeben wurden. Daraus sollte man aber nicht den Schluss ziehen, dass allein durch solche Äußerungen ein Bezugnehmen realisiert wird.

Selbstverständlich kann ein Bezugnehmen, neben einem klassisch dargestellten Anapherbeispiel[17], auch mit den indirekten Anaphern dargestellt werden. In folgenden Sätzen nehmen die Referenten einen vorverweisenden Bezug auf die indirekten Anaphern:

9. Mein Computer ist abgestürzt. Die Festplatte muss formatiert werden.

10. Das Auto springt nicht an. Der Akku ist leer.

Obwohl die Referenz nicht durch identische Pronomina oder eine

Wiederholung realisiert wird, bezeichnen die Referenten die Festplatte und der Akku deren Bestandteile.[18]

Hierbei ist zu erwähnen, dass nicht alle Referenten im Text gleichmäßig wichtig sein können. Die hierarchische Strukturierung erfolgt, je nach der Wichtigkeit und Position des Referenten. Während einige der Referenten im Mittelpunkt stehen, können andere nur am Rande in Erscheinung treten. Die Rangstufe des Referenten ist von der Popularität abhängig, so dass ein bereits erwähnter Referent ökonomisch beschrieben werden kann.

Da ein ausführliches Eingehen auf die Referenzforschung den Rahmen der Arbeit sprengen würde, wird an dieser Stelle nach Vaters Bezeichnung auf die Beschreibung der „marginalen Referenzbereiche ‚Eigenschaftsreferenz, Modal(itäts)referenz und Quantitätsreferenz’ “[19] verzichtet.

Wie schon darauf hingewiesen wurde, ist ohne Referenz ein Bezugnehmen wohl unwahrscheinlich und deshalb, die Beschreibung von Arten des Referierens lediglich im Zusammenhang von Anapher und Deixis, selbstverständlich.

1.3. Aspekte der Referenz

1.3.1. Deixis und Koreferenz

Winkelmann unterscheidet zwei Teilaspekte der Referenz, die er als „Deixis und Koreferenz: Anaphora, Kataphora“[20] bezeichnet. Während er die

Koreferenz als „einen weiteren Sonderfall des allgemeinen Phänomens der Referenz, der sich von der Deixis grundsätzlich unterscheidet“[21] beschreibt, bezeichnet er die Deixis als einen ostensiven Bezug, und stellt seine Auffassung folgendermaßen dar:

„Während Deixis die ostensive Beziehung zwischen sprachlichem Ausdruck und in der Sprechsituation vorhandenem Objekt meint, ist Koreferenz eine textinterne Relation zwischen sprachlichen Ausdrücken, die durch einen identischen Verweis auf die Welt bedingt ist. “[22]

Angesichts dieser Auffassung ist es adäquat, die Deixis nach dem Vorhandensein des Referenzobjektes und die Koreferenz nach dem kongruenten Referenzobjekt zu identifizieren[23]. Um die Koreferenz bzw. Referenzidentität zu verdeutlichen, sollen folgende Sätze[24] betrachtet werden:

1. Lars sagt, dass er krank ist.
2. Lars sagt, dass er sich krank fühlt.
3. Lars sagt, dass er ihn krank macht.
4. Er sagt, dass Lars krank ist.

- Zu den Beispielsätzen:

Im ersten Beispielsatz (1) können er und Lars koreferent sein, d.h., es ist

möglich, dass Lars Antezedent[25] zu er ist. Dabei ist zu bemerken, dass er und Lars nicht unbedingt in koreferentieller Beziehung sein müssen. In (2) sind er und sich durchaus koreferent. Lars und er/sich können, aber müssen nicht unbedingt koreferent sein. In (3) können er und ihn keineswegs koreferent sein. Es ist möglich, dass Lars zu er oder ihn Antezedent ist, dabei ist auch in diesem Fall dies nicht von Zwang. In dem letzten Beispielsatz (4) ist es eindeutig, dass Lars und er nicht dieselbe Person sind, daher können sie auf keinem Fall koreferent sein.

Die oben angeführten Beispielsätze demonstrieren die Eigenschaft des Koreferenzbegriffs unter der Voraussetzung, dass die koreferentielle Beziehung erst dann entsteht, wenn verschiedene Ausdrücke sich auf dasselbe außersprachliche Objekt beziehen.

In diesem Zusammenhang kann es nicht unerwähnt bleiben, dass eine koreferentielle Beziehung nicht nur Satzintern bzw. in gleicher Satzstruktur, sondern auch über Satzgrenzen hinweg, d.h. in Hypertexten hergestellt werden kann, die im Folgenden explizit beschrieben werden soll.

1.3.2. Anaphorik und Koreferenz

Um die Deixis bzw. die Diskursdeixis von der Anapher abgrenzen zu können, ist die Unterscheidung von Koreferenz und Anapher von großer Bedeutung. Bislang wurde die Erscheinungsform der Anapher mit den Pronomina und in dem Sinne mit der Koreferenz identifiziert. In diesem Abschnitt soll bewiesen werden, dass die Anaphern nicht nur syntaktisch, sondern auch semantisch und pragmatisch in Erscheinung treten können.

Die Tatsache, dass die Anaphorik nicht an Koreferenz gebunden ist, wird auch ein Bestandteil zur klaren Unterscheidung von Deixis und Anapher sein. Obwohl eine koreferentielle Beziehung entweder durch Anaphern oder durch eigenständig referierende Ausdrücke hergestellt werden kann, wird fälschlicherweise von einigen Autoren[26] behauptet, dass Koreferenz durch die Verwendung der anaphorischen

Ausdrücke realisiert wird.

Anders ausgedrückt werden Anaphorik und Koreferenz durch die Verwendung phorischer Ausdrücke wie zum Beispiel:

1. Der Mann ist endlich in Rente gegangen. Er war seit langem arbeitslos gemeldet,

aufgrund des antezedententsprechenden Ausdrucks er als bezugnehmende Verweise und demgemäß, was in diesem Fall auch sinnvoll ist, als koreferentielle und zugleich anaphorische Ausdrücke identifiziert.

Während die Koreferenz und Anaphorika wie das Beispiel zeigt,

nicht leicht abzugrenzen sind, ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass sie auch unabhängig voneinander sein können. Die Verschiedenheit der beiden Begriffe ist im Grunde ziemlich übersichtlich. Holler-Feldhaus bezeichnet die Koreferenz als eine nicht notwendige Folge von Anaphorik[27] und begründet ihre Meinung wie folgt:

„[...] Anaphorik ist eine Beziehung zwischen sprachlichen Ausdrücken. Koreferenz hingegen ist eine Sprache-Welt-Beziehung, denn Koreferenz liegt genau dann vor, wenn zwei oder mehrere Ausdrücke von den Kommunikationsteilnehmern dazu benutzt werden, um auf denselben Referenten in der realen, [...] konzeptuellen Welt Bezug zu nehmen. Koreferenz wird damit als Referenzidentität in der Welt interpretiert [...] und ist eine Äquivalenzbeziehung zwischen mindestens zwei Referenten und damit symmetrisch, Anaphorik hingegen ist stets eine irreflexive und asymmetrische Beziehung.“[28]

Im Folgenden soll in Anlehnung an Schwarz (2000), die die Anaphorika und Koreferenz als „distinkte Termini“[29] bezeichnet, die unentbehrliche Unterscheidung dieser ineinander verflochtenen Begriffe argumentierend

zusammengefasst werden :

a. Die Relation der Koreferenz ist nicht durch die semantische, sondern durch die referentielle Relation zwischen sprachlichen Ausdrücken und außersprachlichen Referenten festzustellen.
b. Die Koreferenz ist ein spezifisches Referenzphänomen, die sich auf das Sprache-Welt-Verhältnis bezieht.
c. Deshalb ist es wenig sinnvoll, einen Koreferenten als Bezugspunkt für anaphorische Ausdrücke zu bestimmen.
d. Im letzten Punkt grenzt Schwarz die beiden Begriffe folgendermaßen ab:

„Die Koreferenzrelation besteht nicht direkt auf der Textebene,

sondern entsteht erst im Prozeß der Referentialisierung durch die

Zuordnung sprachlicher Einheiten auf ein und denselben Referenten

und betrifft das Verhältnis zwischen textinterner und textexterner Ebene. Die Anaphorik dagegen ist ein textinternes Phänomen, das auch textexterne Aspekt involviert.“[30]

Sie unterstützt ihre Aussage durch die folgende Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Referent

Abbildung zu Anaphorik und Koreferenz[31]

Aus dieser Zusammenfassung und der Abbildung wird deutlich, dass die Anaphorik keine unentbehrliche Bedingung für die Koreferenz ist.

Sowohl die anaphorischen als auch die koreferentiellen Ausdrücke können unabhängig voneinander gebraucht werden.

- Beispiele für nicht koreferentielle Anaphorika:

2. Nachdem sie die Zigarette geraucht hatte, zündete sie noch eine an.
3. Maria schläft im Doppelbett. Auf der harten Matratze schläft sie besser.
4. Peter kaufte einige Stifte und steckte sie in die Hosentasche.
5. Jedes Kind weint, wenn es seine Mutter verliert.

- Zu den Beispielsätzen:

Im Beispielsatz (2) scheint vordergründig die Nominalphrase die Zigarette und das Pronomen sie einen korefentiellen Bezug zu haben. Anscheinend besteht zwischen den beiden Ausdrücken eine Referenzidentität. Dies ist hier jedoch nicht der Fall. Um eine Referenzidentität bzw. koreferentielle Bezugnahme hervorzubringen, muss der koreferentielle Ausdruck auf den Antezedenten Bezug nehmen. Analysiert man den Satz ausführlich, erkennt man, dass das Pronomen sie und die Zigarette nicht identisch sind. Es handelt sich hier um ein neues Objekt, das zwar sprachlich konstant ist, sich aber in der Realität verändert hat. In (3) weisen das Doppelbett und die Matratze weder durch einen identischen Pronomen noch mittels einer sprachlichen Konstanz eine referenzidentische Bezugnahme auf. Das Doppelbett und die Matratze sind im Beispiel verknüpft, d.h. die Matratze ist ein Bestandteil des Doppelbettes und wird in der Anapher bzw. indirekten Anapherforschung als sloppy identity (lexikalische Sinnidentität)[32] bezeichnet.

In dem Satz (4) ist das pluralische Pronomen sie mit der Nominalphrase einige Stifte identisch, aber nicht koreferent. Da die Anzahl des Antezedenten in dem geäußerten Satz nicht exakt angebeben ist und der semantische Wert erst durch die Rede fixiert wird, kann von einer koreferentiellen Bezugnahme nicht gesprochen werden[33]. Auch in (5) kann man von einer koreferentiellen Wiederaufnahme nicht sprechen. Denn wie das Bespiel auch zeigt, verweist das Personalpronomen es auf das Indefinitpronomen jedes, dass in dem Sinne alle Kinder bezeichnet. Diese pronominale Wiederaufnahme wird auch als Bound-Variable[34] bezeichnet.

Diese Feststellung wirkt auch in die koreferentielle Bezugnahme ein, wobei Anaphorika keine bedingten Ausdrücke für die Koreferenz sind.

Die Unterscheidung aus der Sicht der Koreferenz lässt sich im Vergleich zur Anapher wesentlich einfacher identifizieren, indem sie zugleich in den Hypertexten[35] ihre Verwendung findet, d.h. sie kann beispielsweise im Internet in verschiedenen Dokumenten vorkommen. Wenn ein Internetnutzer mithilfe einer Suchmaschine eine Suche nach einem bestimmten Wort, einer Wortgruppe oder einem Eigennamen wie Bill Gates aufnimmt, kann der Suchbegriff Bill Gates in verschiedenen Dokumenten vorkommen. Das folgende Beispiel soll die textübergreifende Koreferenzbeziehung, anhand zweier Dokumente, in denen der Suchbegriff vorkommt, veranschaulichen:

6. (doc1) Bereits im Jahr 1969 hatte Bill Gates seinen ersten Kontakt mit dem Computerterminal.

7. (doc2) Microsoft-Gründer Bill Gates ist einer der reichsten Menschen der Welt.

Es herrscht ein koreferentieller Bezug zwischen den Dokumenten, der auf den sprachlichen Ausdruck bzw. Eigennamen Bill Gates Bezug nimmt, aber allein durch das textübergreifende Vorkommen des Suchbegriffes keineswegs anaphorisch ist.

Die oben genannten Sätze beweisen, dass Koreferenz nicht unbedingt wie bisher angenommen wurde, als Anapher, und Anaphorika nicht unbedingt als Koreferenz betrachtet werden müssen. Die speziellen Fälle der indirekten Anapher wie lazy pronouns (Faulheitspronomina), wurden in diese Unterscheidung nicht einbezogen. Eine detaillierte Beschreibung wird im Abschnitt 3.5. mithilfe der indirekten Anaphern erläutert.

1.3.3. Deiktische und anaphorische Referenz

Die deiktische und anaphorische Referenz sollte anhand der ostentativen Beschreibung von Schwarz, die die beiden Begriffe explizit voneinander abgrenzend zusammenfasst, wiedergegeben werden:

„Die deiktische und die anaphorische Verwendungsweise werden in der einschlägigen Literatur wie Gegensatzpaare voneinander abgegrenzt: Während Anaphern an etwas Bekanntes anknüpfen (das im sprachlichen Kotext vorerwähnt wurde) und somit den Aufmerksamkeitsfokus halten, führen deiktisch benutzte Mittel einen im Wahrnehmungsraum zu lokalisierenden Referenten neu ein.“[36]

Dieser Beschreibung zufolge sind deiktische und anaphorische Verwendungsweisen, im Grunde schlicht voneinander zu unterscheiden. Während bei der anaphorischen Referenz die Bekanntheit des Referenten die Bedingung ist, ist sie bei der deiktischen Referenz die Anwesenheit des Referenten.[37]

Da das Auseinanderhalten der beiden Begriffe relativ überschaubar ist, sucht Consten nach den Gemeinsamkeiten von anaphorischer und deiktischer Referenz. Dennoch bestehen sie darin, dass es sich um Arten definiter Referenz handelt.[38] Consten begründet seine Auffassung wie folgt:

„Anaphorische und deiktische Referenz sind Ausprägungen definiter Referenz, deren wichtigstes Merkmal ein notwendiger Bezug auf situatives Wissen ist, mit dessen Hilfe ein bestimmter Referent identifiziert werden kann. Die Identifizierbarkeit eines Referenten ist eine Frage der Domänenselektion, durch die sich insbesondere eine Unterscheidung anaphorischer und deiktischer Referenz treffen lässt.“[39]

Dementsprechend sind Anaphorika und Deiktika als solche sprachlichen Ausdrücke dargestellt, dass ihre Referenz vom Kontext bzw. von der Situation abhängig ist.

1.3.3.1. Deiktische Referenz

Die deiktische Referenz betrifft wie die Referenz die Frage, über welches Objekt wird gesprochen? Die übliche Referenz kann Sätze wie Sandra hat lange Haare, mit der oben gestellten Frage mühelos zerlegen, d.h. die Referierende ist Sandra. Über das referierende Objekt wird ausgesagt, dass sie lange Haare hat.

Bei der deiktischen Referenz dagegen, die als eine Sonderform der

Referenz bezeichnet wird, werden Deiktika verwendet, die nur in der Äußerungssituation aufgefasst können.

Die deiktische Referenz wird als eine Art bzw. Unterart der definiten Referenz bezeichnet, die an einem bestimmten Typ von Ausdrücken, nach Herbermann[40] an „lokale, temporale oder personale Gegebenheiten“ gebunden ist. Wenn ein Sprecher einen sprachlichen Ausdruck im Rahmen eines kommunikationsituativen Verweises wie Schau, hier ist der Film. Diesen Film wolltest du schon immer sehen! verwendet, liegt, obwohl im Folgesatz auf den Referenten der Film mittels diesen Film Bezug genommen wird, eine deiktische Referenz vor. Offensichtlich befindet sich nicht nur das Bezugsobjekt der Film, sondern auch der Adressat im Deixisfeld. Möglicherweise wird hier diesen Film vom Sprecher mithilfe einer Zeiggeste begleitet, so dass der Hörer sie optisch wahrnehmen und man diesen sprachlichen Ausdruck als deiktisch betrachten kann.

Wie aus dem Beispielsatz entnommen werden kann, müssen die Referenzelemente, um deiktisch bezeichnet werden zu können, Informationen über den situativen Kontext geben.

Betrachten wir den folgenden kurzen Dialog bzw. das Ferngespräch zwischen zwei Kommunikationspartnern, von denen sich einer in Düsseldorf (A) und der andere in Regensburg (B) befindet:

- A: „Düsseldorf ist die zweitgefährlichste Stadt, aber mir 1 scheint es etwas übertrieben. Ich 2[41] lebe hier 3 seit sechs Jahren und bis jetzt 4 ist mir 1 glücklicherweise nichts Schlimmes zugestoßen. Also, zumindest habe ich 2 hier 3 nette Freunde. Gestern 5 waren wir 6 sogar auf der Rheinterrasse und haben dort 7 Bier getrunken. Wie geht es dir 8 in Regensburg?“
- B: „Mir 9 geht es prächtig. Ich 10 habe hier 11 viele Freunde kennen gelernt. Wir 12 gehen heute 13 in ein koreanisches Restaurant. Es hat geklingelt, ich 10 muss jetzt 14 auflegen!“

Um die Funktion der deiktischen Referenz im sprachlichen Handeln zu verdeutlichen, sollten die deiktischen Äußerungen und deren Referenten des oben angeführten Beispiels identifiziert werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sowohl das personaldeiktische Pronomen mir und Subjektpronomen ich als

auch die lokaldeiktischen Ausdrücke hier und dort werden, wie auch Bühler

bemerkt, mit dem Wechsel der Rolle des Sprechers von einem auf den

anderen übersprungen:

„Was ‘hier’ und ‘dort’ ist, wechselt mit der Position des Sprechers genau so, wie das ‘ich’ und ‘du’ mit dem Umschlag der Sender- und Empfängerrolle von einem auf den anderen Sprechpartner überspringt.”[42]

Mit anderen Worten ist der deiktische Ausdruck fest an das Zeigfeld der Einzelsprache gebunden und unterstützt somit mit dem Rollenwechsel des Sprechers die Auffindung des Gemeinten.[43]

Die temporaldeiktischen Ausdrücke gestern, heute und jetzt können aufgrund der fehlenden Information zur exakten Sprachzeit, nur abstrakt beschrieben werden. Dabei ist zu bemerken, dass die Eigennamen Düsseldorf und Regensburg, sowie die referentiellen Äußerungen Kollegen, Rheinterrasse, Bier, viele Freunde und koreanisches Restaurant keine deiktischen Äußerungen sind. Im Allgemeinen lassen sich die deiktischen und nicht-deiktischen Ausdrücke, bis auf das Wort dort schlicht identifizieren.

Denn das Wort dort ist in dem Beispieldialog zweierlei zu identifizieren: einerseits wird es lokaldeiktisch und andererseits wird es aufgrund des referentiellen Bezugs auf die vorerwähnte und nicht-deiktische Äußerung Rheinterrasse, als ein anaphorischer Ausdruck benutzt.

1.3.3.2. Anaphorische Referenz

Die anaphorische Referenz kann durch Pronomina wie die Frau/sie, Synonyme wie Hautarzt/Dermatologe, Oberbegriffe Sandalen/Schuhe, Paraphrasen wie sein Motorrad/der Roller oder Eigennamen wie Herr Schmidt/Herr Schmidt verwendet werden. Wenn ein Sprecher innerhalb einer Äußerung mittels anaphorischer Ausdrücke auf dieselbe Referenz Bezug nimmt, bzw. darauf hinweist, wird diese Beziehung als Koreferenz beschrieben. Folgendes Beispiel soll die anaphorische Referenz veranschaulichen:

1. Der Mann hat einen Hund. Er führt ihn jeden Morgen Gassi.

Die referentielle Wiederaufnahme erfolgt durch er zurückverweisend auf das

Bezugsobjekt der Mann sowie mittels ihn auf einen Hund und ist anaphorisch. Hier ist zu erwähnen, dass das Pronomen er nicht auf den Hund, sondern auf den Mann zurückweist.

Das Erkennen der Referenz von Pronomina ist einer der größten Interessen aber auch Schwierigkeiten in der automatischen Verarbeitung, die Textverstehen anstreben. Da dem Computer, im Gegensatz zu den Menschen, nur beschränktes Wissen zur Verfügung steht, kann er nicht erkennen, worauf das Pronomen er zurückweist bzw. dass der Hund vom Mann, und nicht der Mann vom Hund, Gassi geführt wird. Wie Vater auch bestätigt, wird aufgrund unseres Weltwissens mit dem Pronomen er auf den wahrscheinlicheren Antezedenten der Mann referiert, wodurch auch deutlich wird, „wie sehr beim Gebrauch und Verstehen von Proformen[44] Sprachwissen und Weltwissen (inkl. Situationswissen) interagieren“.[45] Hier ist zu bemerken, dass das Referieren auf einen Antezedenten nicht von einem Pronomen realisiert werden muss. Selbstverständlich kann man auf ihn statt mit er auch mithilfe eines anderen Ausdrucks Bezug nehmen, indem der Mann näher beschrieben werden kann:

2. Der Mann hat einen Hund. Der sportliche Tierfreund führt ihn jeden Morgen Gassi.

Nun lässt sich folgende Frage stellen: Was würde passieren, wenn der Satz nicht mit Anaphern versehen wäre? Auf diese Frage lässt sich etwa

Folgendes darstellen:

3. Der Mann hat einen Hund. Der Mann ist sportlich und ein Tierfreund. Der Mann führt den Hund jeden Morgen Gassi.

Statt einer ausdrücklichen Information eines zusätzlichen Satzes wird der vorerwähnte Mann durch die Anapher sportlich und Tierfreund ökonomisch und zugleich ausführlich beschrieben, so dass der Kontext von überflüssigen Sätzen nicht behindert wird.

Zu einer detaillierten Identifikation der anaphorischen Referenz sollen die Äußerungen und deren Antezedenten in folgendem Beispiel bestimmt

werden:

Prometheus war sehr erfinderisch. Er1[46] erschuf die ersten Menschen und brachte ihnen2 das Lesen und Schreiben bei.

Der Lehrmeister1 war Stolz auf seine Geschöpfe2. Eines Tages verlangte Zeus von ihm1, eine seiner1 Puppen2 zu opfern. Da er1 sie2 zu sehr liebte, überlistete er1 den Herrn der Götter3. Nachdem der Donnerer3 von seinem1 List erfahren hatte, brütete er Rache, die4 alle Sterblichen2 treffen sollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Während Anapher als im Text bereits erwähnte Referenz beschrieben wird, wird Katapher als später im Text auftretende Referenz auf eine Diskursentität beschrieben. Die kataphorische Verweisform bzw. die Verwendung von kataphorischen Proformen bezeichnet Vater als „koreferent mit einem nachfolgenden ‚Postzedens’“[48], die anhand eines weiteren Beispiels

dargestellt werden soll:

4. Seit Jahren strebte sie ehrgeizig eine Karriere im öffentlichen

Dienst an und plötzlich erfuhr sie, dass sie einen Gefäßtumor hatte. Die Steuerberaterin ist nach erfolgreicher Behandlung wieder gesund.

Wie man dem Beispiel entnehmen kann, steht das Pronomen sie, im Gegensatz zu der anaphorischen Verweisform, vor dem Bezugselement und

bezieht sich auf das noch nicht genannte Bezugsobjekt die Steuerberaterin. Eine konfrontierende Definition der Kataphorika wird im Abschnitt 3.7. beschrieben. Zusammenfassend lässt sich ausdrücken, dass die anaphorische Referenz vom linguistischem Wissen, d.h. Syntax und Semantik, sowie vom Weltwissen abhängt.

Bevor auf die Beschreibung der Deixis und Anapher eingegangen wird, erscheint es angebracht, Bühlers Konzept, das als Auslöser der ostentativen Unterscheidung gilt, im Rahmen der deiktischen und anaphorischen Forschung darzustellen.

Obwohl bereits vor Bühler zahlreiche Auslegungen zur Definition der sprachlichen Phänomene existierten, ist seine klassische Arbeit, in der er die Anaphorika zu den deiktischen Ausdrücken zählt, von wesentlicher Bedeutung und unbestritten das „wohl einflussreichste funktionale Sprachmodell“[49]. Da die bekannteste und wichtigste Ursache der Sprachphänomene von Bühler (1934) in seiner Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache dargelegt wurde, wurden auch die nachfolgenden Theorien über die Deixis, bezogen auf seine Grundlegung der Deixis in der Origo des Zeigfeldes, entwickelt. In Anbetracht dieses Faktums ist es angemessen, das allgemeine sprachtheoretische Konzept Bühlers vorzustellen und dadurch seine Theorie zu rekonstruieren.

1.4. Das allgemeine sprachtheoretische Konzept Bühlers und das Organon – Modell

Sprachwissenschaftler und Philosophen beschäftigen sich schon seit der Antike mit der Definition bzw. der Klassifikation der Verweistypen, unter denen die Deixis vorwiegend als eigenständiges Thema der Forschung betrachtet wurde. Die Deixisforschung bzw. Konzeption entfaltete sich im 19. Jahrhundert mit Philipp Wegener (1985) und Karl Brugmann (1904). Während Wegener die Deixis als produzentenbezogen betrachtet, sieht Brugmann sie als rezipientenbezogen. Bühler übernimmt beide Aspekte von seinen Vorläufern, wobei er die Deixis in Anlehnung an Apollonios Dyskolos als demonstratio ad oculos beschreibt. Mithilfe des Organon-Modells, das am Zeichenbegriff entwickelt worden ist, interpretiert Bühler die Sprache als Teil einer Situationstheorie, während er die Sprache als Kommunikation von Personen über Sachen dienendes Werkzeug (Organon) und einen geformten Mittler darstellt[50]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Organon- Modell der Sprache von Karl Bühler 1934: 28.

Anhand des Organon-Modells verdeutlicht Bühler die Charakterisierung des sprachlichen Zeichens in drei Zeichenfunktionen, die er Ausdruck

(das Zeichen als Symptom), Darstellung (das Zeichen als Symbol) und Appell (das Zeichen als Signal) nennt. Explizit unterscheidet er zwischen den drei Funktionen der Sprache, die je nach Text unterschiedlich akzentuiert werden. Da die Grundlage der Arbeit sich auf die sprachlichen Phänomene Anapher und Deixis sowie deren nebulöse Unterscheidung beschränkt, erscheint es mir adäquat, das Bühlersche Organon-Modells zutreffend zu fokussieren:

- Die Ausdrucksfunktion bezeichnet die Symptome, die für Mitteilung der Gefühle bzw. für die inneren Erlebnisse des Sprechers stehen.
- Die Darstellungsfunktion repräsentiert das Symbol, das sich auf Gegenstände und Sachverhalte der Wirklichkeit bezieht.
- Die Appellfunktion demonstriert das Signal, das beim Hörer eine

Wirkung verursacht, auf die er möglicherweise mit Handlung reagiert.

Alle Zeichenfunktionen, die den Funktionszusammenhang der Sprache repräsentieren, sind auf die pragmatische Funktion zurückzuführen und bezeichnen, obwohl meiner Ansicht nach das Modell zu statisch entworfen ist, die Grundfunktionen der Sprache. Denn wie auch Bühler es ausdrückt, bezweckt die Sprache, immer Erkenntnis und Interesse zu erreichen.[51]

[...]


[1] Die sprachlichen Ausdrücke, die das Phänomen der Deixis und der Anapher sprachlich darstellen, werden in der einschlägigen Literatur als „deiktische Ausdrücke“ oder „Deiktika“ und „anaphorische Ausdrücke“ oder „Anaphorika“ bezeichnet. Wobei sich die Deiktika auf die deixisrelevanten Ebenen der Äußerungssituation (Ort, Zeit und Person), die dementsprechend als lokale, temporale und personale Deixis bezeichnet werden, beziehen.

[2] Anapher/Katapher werden von Halliday/Hasan mit dem Oberbegriff Endophora betitelt, indem sie die Anaphora als eine spezielle Form der Referenz und die Referenz als zentrales Konzept zur Erzielung von Kohäsion in Texten darstellen. Während sie Endophora als Bezug auf textinterne Einheiten benennen, bezeichnen sie die Deixis als den textexternen Bezug auf situative Elemente, indem sie Deixis als Exophora betiteln. (Vgl. hierzu Halliday/Hasan 1976:31- 33). Da die von Halliday/Hasan entworfenen Begriffe „Endophora“ und „Exophora“ sich im sprachwissenschaftlichen Sinne nicht ganz durchsetzen konnten bzw. nicht eingebürgert sind, werden in dieser Arbeit die sprachlichen Phänomene als Anapher und Deixis übernommen.

[3] Ich werde in dieser Arbeit den von Fillmore (1972) geprägten Terminus discourse Deixis bzw. Diskursdeixis im Sinne von Textdeixis oder Rededeixis verwenden. Dabei werde ich sie im Gegensatz zu Harweg (1990) und Sennholz (1985), die die Textdeixis als eine Sonderform der Deixis bezeichnen, als eine eigenständige Kategorie der Deixis darstellen.

[4] Im Sinne von Sozialdeixis verwendet Harweg (1990:20) den Begriff „Anrededeiktika“, die er aber nicht als eine deiktische Kategorie, sondern als eine Form der personalen Heterodeiktika sieht.

[5] Vgl. Wahrig 1997: 1015 und Bußmann 2002: 554

[6] Frege verwendet den Begriff „Bedeutung“ im Sinne von Referenz. Da der Terminus „Bedeutung“ in diesem Zusammenhang zu Missverständnissen führt, wird er mit dem Terminus „Referenz“ wiedergegeben. Beide Termini bezeichnen die sprachlichen Ausdrücke, die auf Gegenstände und Sachverhalte (sowohl in der realen als auch in der fiktiven Welt) verweisen. „Sinn“ ist die Bezeichnung für das innersprachliche Bezugnehmen, wodurch das betreffende Zeichen von den anderen Zeichen unterschieden werden kann- vgl. hierzu Vater 1992 und Bußmann 2002.

[7] Vgl. Lyons 1977: 207 – reference und sense.

[8] Carnap 1947: „Extension und Intension“; Frege 1982/1975: „Bedeutung und Sinn“; Odgen/Richards 1923: „Reference bzw. Referenz und Bedeutung“; Black 1949: „Reference und Sense“ und Lyons 1977: „Referenz und Sinn“, indem er den Terminus „Denotation“ in Anlehnung an Russel 1905 unter Referenzpotential einbezieht und die drei Begriffe als Komponente der deskriptiven Bedeutung bezeichnet– Vgl. hierzu Vater 2001: 112 und Wunderlich 1974: 242.

[9] Vgl. Vater 2005: 13.

[10] Vgl. Vater 2005: ebd.

[11] Vgl. Vater 2005: 11 und Schwarz 2000: 24.

[12] Schwarz 2000: 22.

[13] Vgl. Vater 2005: 71.

[14] Vater 2005: ebd.

[15] Vater 2005: ebd.

[16] Obwohl das Personalpronomen „er“ zumeist als anaphorischer Ausdruck gekennzeichnet ist, wird es auch als deiktischer Ausdruck identifiziert. Die Voraussetzung für solch eine Feststellung ist, dass das Pronomen „er“ betont, d.h. zeigend geäußert wird.

[17] Da Deixis ohne deiktische Ausdrücke wie dort, hier, eben, ich u.a. kaum zu demonstrieren ist, werden in diesem Fall nur die Beispiele für anaphorische Ausdrücke gegeben.

[18] Auf eine ausführliche Beschreibung der indirekten Anaphern wird im Laufe der Arbeit eingegangen.

[19] Vater 2005: 72.

[20] Winkelmann 1978: 1. Obwohl die anaphorischen und kataphorischen Ausdrücke mit der Koreferenz nicht gleichgesetzt werden können, identifiziert Winkelmann die Begriffe Anaphora/Kataphora als korefentiell, die im Folgenden gegenüberstellend beschrieben werden.

[21] Winkelmann 1978: 35.

[22] Winkelmann 1978: ebd.

[23] Da die Deixisbeschreibung, demgemäß die deiktischen Ausdrücke, die Bestandteile dieser Arbeit sind, und im folgenden Abschnitt detailliert beschrieben werden, soll auf eine weitere Deixisdefinition anhand von Beispielen verzichtet, stattdessen die Bedeutung des Koreferenzbegriffes verdeutlicht werden.

[24] Die Beispiele sind ähnlich nach Studienbuch Linguistik 2001 verfasst worden.

[25] Der Begriff Antezedens wird in der aktuellen Forschung in Anlehnung an die englische Terminologie Antezedent genannt. Daher verwende ich in dieser Arbeit den Begriff Antezedent im Sinne vom Antezedens.

[26] Hobbs 1979, Hauenschild 1985, Wiemer 1997 - Vgl. nach Schwarz 2000: 53 und wie erwähnt wurde, Winkelmann 1978: 1.

[27] Vgl. Holler-Feldhaus 2004: 2. Ich schließe mich dieser Aussage an und vertrete ebenfalls die Meinung, dass weder alle anaphorischen Ausdrücke koreferentiell noch alle koreferentiellen Ausdrücke anaphorisch sein müssen.

[28] Holler-Feldhaus 2004: 3-4

[29] Schwarz 2000: 54

[30] Schwarz 2000: ebd.

[31] Schwarz 2000: ebd.

[32] Vgl. Schwarz 2000: 56.

[33] Vgl. Holler-Feldhaus 2004: 5

[34] Vgl. Holler – Feldhaus 2004: 4.

[35] Der Begriff Hypertext die Bezeichnung für den Text, in dem sich referentielle Beziehungen manifestieren. Dabei ist zu bemerken, dass der Begriff Hypertext genauso wie der Begriff Bridging, computerbasierter Terminus ist, d.h. die Verwendung dieser Termini verdankt die Sprachwissenschaft der Computerlinguistik.

[36] Schwarz 2000: 52

[37] Vgl. Lenz 1997: 14.

[38] Consten 2004: 44.

[39] Consten 2004: 58.

[40] Herbermann 1988: 53-56.

[41] Die Ziffern 1-14 in dem Dialog zeigen die Deixisrelationen zu den Personen und Orte an.

[42] Bühler 1934: 80.

[43] Vgl. Hoffmann 2004: 16.

[44] Proformen sind im Text Stellvertreter. Sie verweisen auf Substantive, Substantivgruppen, Präpositionalgruppen und Sätze, die neben ihrer grammatischen Funktion als Objekte, Subjekte etc. auch eine textuelle Funktion haben.

[45] Vater 2005: 99.

[46] Die Ziffern in dem Beispieltext zeigen die Koreferenzrelationen an.

[47] Der Terminus Bridging, der aus dem englischen Wort bridge (Brücke) abgeleitet ist, bezeichnet hier den Zusammenhang zwischen dem Referenten und dem Antezedenten bzw. die indirekte Anapher. Während die Sprachwissenschaft sich für die Zusammenhänge zwischen der Brückenannahme und Grammatik interessiert, beschäftigt sich die Computerlinguistik mit dem Erkennen dieser Zusammenhänge.

[48] Vater 2005: ebd.

[49] Eisenberg 1999: 8.

[50] Bühler 1934: XXI

[51] Vgl. Bühler 1934: 53 - 61.

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Deixis und Anapher
Untertitel
Diskurs Deixis vs. Anapher
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,9
Autor
Jahr
2007
Seiten
115
Katalognummer
V80047
ISBN (eBook)
9783638815680
ISBN (Buch)
9783638816526
Dateigröße
895 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deixis, Anapher, indirekte Anapher, Textdeixis
Arbeit zitieren
M.A. Esengül Girgin Erken (Autor), 2007, Deixis und Anapher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80047

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