Ivan der Schreckliche - ein kranker Zar!?


Hausarbeit, 2001

27 Seiten, Note: 1,0

Martin Kragans (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Das Bild Ivan Groznyjs im westlichen Ausland seiner Zeit
2.2 Medizinischer Befund von Ivans Leichnam nach dessen Exhumierung
2.3 „Kranksein im Zwiespalt der Macht – Ivan IV. als kranker Herrscher“
2.4 Richard Hellie: „What happened? How did he get away with it?: Ivan Groznyi`s Paranoia and the problem of institutional restraints”

3. Bündelung der Untersuchungsergebnisse und Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Denn er war ein grawsamer / frecher / wilder / gewaltsamer Tyrann / Nam ander Leuten das jrige / War Geldtsüchtig / Rauberisch / Schunde die Unthertanen / War stoltz / prechtig / Liess nicht gerne mit sich reden / Liess sich selten antreffen und ansprechen / Unfreundtlich im Gesprech / Bosshafftig / Liess sich leicht entrüsten / War schrecklich / unruhig / ein Knecht der Wollust / unbendig / unbedechtig / undfreuntlich / störrisch / ungerecht / Von keinem Rath / Gottloss / unbesonnen / leichtfertig / unbestendig / unmild / Gab den Adfecten zu viel nach / Liess sich nicht weisen / schmecht und lesterte ander Leute / Stifftete Krieg und Blutvergiessen / War verdriesslich / beschwerlich / ungezogen / unleidlich / und liess sich nicht lenken.“[1]

Ivan der Schreckliche – eine Gestalt, deren Andenken sich auf eine äußerst bemerkenswerte Art bis in die heutige Zeit bewahrt hat und die selbst die allgemeine Bekanntheit Peters des Großen wohl noch übertrifft. Die ungestellte Frage, welche geschichtliche Person im Allgemeinen mit Russland in Verbindung gebracht wird, findet eine rasche Antwort: es ist Ivan Groznyj. Wenngleich die Übersetzung des Beinamens der Schreckliche unzutreffend ist, da groznyj eher mit streng, gestreng oder unnachgiebig zu übersetzen wäre, ist es just dieser Beiname, der schier untrennbar mit dem ersten Zaren Russlands verquickt ist. Ivan IV. war der erste russische Herrscher, der im Bewusstsein des europäischen Auslands zu einem Prototyp wurde, zu einem Sinnbild für die barbarische, grausame Seite des russischen Wesens, für die unberechenbare Macht und Gefährlichkeit des fremden, ja mehr: des feindlichen Großreiches.

Wie konnte es dazu kommen? Was unterschied den ersten russischen Zaren von seinen Vorgängern und Nachfolgern so drastisch, dass derart langlebige und tatsächlich ja ins allgemeine Bewusstsein sich festsetzende Negativ-Vorstellungen sich entwickeln konnten? Sicherlich ist es kein Zufall, dass Ivan im 18. Jahrhundert erstmalig den Beinamen der Schreckliche erhielt, ihn fortan, bis auf den heutigen Tag, auch nicht mehr loswurde.

Die Bluttat an seinem eigenen Sohn, erschreckende Grausamkeiten gegen seine Untertanen hauptsächlich in der Zeit der Opricnina und zahlreiche Kriege boten ausländischen Beobachtern reichlich Stoff, den furchterregenden Zaren zu verteufeln. Und in der Tat: In mannigfachen Selbstzeugnissen geht Ivan IV. hart ins Gericht mit sich selbst, zeiht sich schwerster Sünden, übelster Frevel und unzähliger unmenschlicher, verbrecherischer Taten aus Gründen völlig ungezügelter Aggression und Wollust.

„...Mein Verstand war ehrlos und mein Geist verdorben, war doch sogar mein Kopf verunreinigt durch Sinnen und Trachten nach unwürdigen Dingen, mein Mund durch Reden von Mord, Unzucht und sonstigen bösen Taten, meine Zunge durch Eigenlob, Hals und Brust durch Stolz und Überheblichkeit, meine Hände durch ungeziemliche Berührungen, Raub und Mord, der innere Trieb durch Schamlosigkeiten, Prasserei und Trunksucht, das Becken durch Versündigung am Fleisch und Bereitschaft zu jedwedem Übel...uns sonstigen unlauteren Dingen. (Nach I.A. Solowjow „Ioann Grosny“, 1898)“[2]

Bei all dem ist es durchaus legitim zu fragen, inwieweit ein solches Verhalten verstehbar ist, vorausgesetzt die Tatsache, es handelt sich bei Ivan um einen geistig gesunden Menschen In diesem Zusammenhang ist immer wieder die Frage nach der Krankheit Ivans IV. aufgeworfen worden. Die vorliegende Arbeit diskutiert aus verschiedenen Perspektiven gerade diese Frage. War Ivan der Schreckliche wirklich krank, und war es seine Krankheit, die ihn zum Schrecklichen machte? Und wenn: Woran litt er?

Hans Hecker und Richard Hellie haben jeweils einen Aufsatz zur psychischen Erkrankung Ivans - wenngleich, wie noch zu sehen sein wird, mit unterschiedlichen Akzentuierungen – veröffentlicht. Michail Gerassimow hat den exhumierten Leichnam Ivans medizinisch untersucht und dabei einige bemerkenswerte Feststellungen machen können. Diese drei Aufsätze sind Grundlage der Arbeit.

Beginnen möchte ich mit einer etwas genaueren Sicht darauf, wie das dominierend negative Bild Ivans des Schrecklichen in den westlich von Russland gelegenen Ländern entstanden ist. Anschließend geht es darum, die Krankheitsbilder des Zaren unter die Lupe zu nehmen.

2. Hauptteil

2.1. Das Bild Ivan Groznyjs im westlichen Ausland seiner Zeit

Andres Kappeler schreibt in seinem Buch „Ivan Groznyj im Spiegel der ausländischen Druckschriften seiner Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte des westlichen Russlandbildes“: „Ivan IV. (...) Groznyj ist der erste russische Herrscher, dessen Politik und Persönlichkeit im westlichen Ausland zu einem Gegenstand der Publizistik wurden. Über hundert Druckschriften entwerfen schon im 16. Jahrhundert ein farbiges und recht umfassendes Bild des Zaren und seiner Politik.[3] Freilich ein sehr negatives, kann und möchte man auch gleich jetzt schon hinzufügen. Denn wenngleich sich in der westeuropäischen Publizistik auch positive Urteile über den Zaren, dessen Charakter und Regierung fanden (so zum Beispiel bei den deutschen Kaufleuten Seng und Liebenauer, in Aufzeichnungen verschiedener Italiener, auch in einer polnisch-litauischen Wahlschrift während des polnischen Interregnums in Moskau und so weiter[4] ), so überwiegen die

negativen Urteile und Wertungen doch deutlich.

Ivan Groznyjs militärische Vorstöße an die Ostsee und nach Litauen ließen das westeuropäische Ausland, darunter auch das Deutsche Reich, aufhorchen.[5] Der Moskauer Staat war zu einer Bedrohung nicht nur seiner direkt benachbarten Länder, sondern auch des Deutschen Reiches geworden. Dementsprechend aufmerksam wurden der Zar und seine Politik beäugt, hatte er sich doch offensichtlich zu einem ernstzunehmenden militärischen und politischen Gegner entwickelt. Zweiter Grund für eine zunehmend intensive publizistische Beschäftigung mit dem ersten russischen Zaren ist die „bewegte(n) Auseinandersetzung(en) der Reformation und der Türkenkriege“[6], die wesentlich dazu beitrug, dass „die politische Publizistik mit den Flugschriften ein modernes Mittel zur Informierung und Beeinflussung der öffentlichen Meinung“[7] wurde. Solchen Entwicklungen ist es zu verdanken, dass ein auch außerhalb Russlands relativ weit verbreitetes Bild Ivans des Schrecklichen zuerst und vornehmlich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts überhaupt entstehen konnte[8]. Der Zar wurde in verschiedenen Druckmedien Gegenstand der Betrachtung: Englische Reiseberichte, russische und westeuropäische Chroniken, Bücher und vor allem Flugschriften – die im Deutschen Reich den größten Einfluss auf das Entstehen eines Iwan-Bildes hatten - schrieben von Russland, dessen Menschen, seinem Zaren und dessen Politik. In den sogenannten „Neuen Zeitungen“[9], die erstmals im Jahre 1561 in Livland erschienen[10], wurde vom Kriegstreiben Russlands und „von den Grausamkeiten der Moskauer Heere“[11] Bericht erstattet. Solcherlei Nachrichten bestimmten in den ersten sechzehn Jahren die publizistische Beschäftigung Kontinentaleuropas mit Ivan und Russland und „legten recht eigentlich den Grund zum Bild des Zaren im westlichen Ausland.[12] “ Wie genau kann man sich dieses Bild vorstellen? Die zahlreichen auch bildlichen Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geben einigen Aufschluss darüber; Kappeler schreibt, dass sie „gewissermaßen als Symbol für die Anschauungen der Moskowiter-Flugschriften über Ivan IV.“[13] angesehen werden können. So kam es nicht selten vor, dass verschiedene Holzschnitte aus der Türken-Publizistik direkt, also völlig stereotyp auf den russischen Zaren übertragen wurden und damit ein schwarz-weißes Feindbild gezeichnet werden sollte. Dafür sprechen auch die textlichen Charakterisierungen des Moskauer Großfürsten: zumeist wird er als „unchristenlicher, greulicher, blutdurstiger, grausamer und erschrockenlicher Tyrann und Erbfeind“[14] beschrieben. Viel genauer ist die Charakterisierung nicht ausgefallen. Dass damit auch gleichzeitig das russische Volk und Heer beim Namen genannt war[15], zeigt vollends, wie unkritisch die Berichterstattung jener Zeit war: Herrscher, Heer und Volk wurden in Eins gesetzt.

Hinter der global ablehnenden Haltung der Flugschriften stehen oft die feindlichen Nachbarn Moskaus, die die öffentliche Meinung im Deutschen Reich beeinflussen oder gar zur Hilfe gegen Moskau aufrufen wollten.“[16] Polen-Litauen und Livland als unmittelbar von Russlands Expansionsbestreben bedrohte Länder betrieben die aktivste Anti-Russland-Publizistik, die natürlich nicht ohne Einfluss auch auf die öffentliche Meinung über Russland im Deutschen Reich blieb.

Neben den Flugschriften stehen – nicht unbedeutend – die Russlandbücher, die zwar nicht so verbreitet, dafür aber auch umso langlebiger waren. In ihnen findet sich allerdings kein geschlossenes Bild vom Moskauer Herrscher, sondern lediglich eine Sammlung einzelner Handlungen des Zaren mit deutlich negativer Tendenz. Das hat zwei Gründe: Zum einen lag vielen dieser Bücher Herbersteins „Standardwerk“[17] zugrunde, „das schon vor der Zeit Ivans IV. den Grundton für die Einstellung der europäischen Russlandliteratur angeschlagen hatte.[18] “ Zum Zweiten beziehen sich die meisten der besagten Werke auf die Zeit der Opricnina und auf die letzten Lebensjahre des Zaren, also auf eine Zeit der inneren Zerrüttung Russlands, in der sich viele Ausländer dort aufhielten und besonders aufsehenerregende Ereignisse sich zutrugen.[19] Diese „Schreckensperiode[20] bestimmt weitgehend das Bild Ivans als „Mensch und Herrscher in den Russlandbüchern.“[21]

[...]


[1] Zitiert nach Hecker, Hans: Kranksein im Zwiespalt der Macht. Ivan IV. als kranker Herrscher, in: Peter Wunderli (Hg.): Der kranke Mensch in Mittelalter und Renaissance, Düsseldorf 1986, S. 79. (künftig: Hecker, 1986, S. x) Ursprünglich entstammt der Text dem Onomasticon des Sophisten Pollux, später wurde er von Paul Oderborn in dessen Werk „Wunderbare / Erschreckliche / Unerhörte Geschichte / und warhaffte Historien: Nemlich / Des nechst gewesenen Groszfürsten in der Moschkaw Joan Basilidis / auff jre Sprach Iwan Basilowitz genandt / Leben. In drey Bücher verfast / Und aus dem Latein verdeutscht / Durch Heinrich Räteln zu Sagan, Görlitz 1589 (Lateinische Originalausgabe Wittenberg 1585)“ zur Charakterisierung des Zaren Ivan IV. als Topos wiederbenutzt. Hecker hat ihn dem weiter unten vielfach zitierten Buch Andreas Kappelers, 1972, S. 163, entnommen.

[2] Zitiert nach Gerassimow, Michail Michaiolowitsch: Ich suchte Gesichter. Schädel erhalten ihr Antlitz zurück. Wissenschaft auf neuen Wegen, Gütersloh 1968, S. 230. (künftig: Gerassimow, 1968, S. x)

[3] Kappeler, Andreas: Ivan Groznyj im Spiegel der ausländischen Druckschriften seiner Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte des westlichen Russlandbildes, Frankfurt 1972, S. 229. (künftig: Kappeler, 1972, S. x)

[4] Siehe Kappeler, 1972, S. 236.

[5] Ebd., S. 229.

[6] Ebd., S. 229.

[7] Kappeler, 1972, S. 229.

[8] Siehe Kappeler, 1972, S. 229ff.

[9] Ebd., S. 231.

[10] Ebd.

[11] Kappeler, 1972, S. 231.

[12] Kappeler, 1972, S. 231.

[13] Ebd.

[14] Zitiert nach Kappeler, 1972, S. 231.

[15] Siehe Kappeler, 1972, S. 231f.

[16] Kappeler, 1972, S. 232.

[17] Ebd.

[18] Kappeler, 1972, S. 233f.

[19] Siehe Kappeler, 1972, S. 233f.

[20] Kappeler, 1972, S. 233.

[21] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Ivan der Schreckliche - ein kranker Zar!?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Osteuropäische Geschichte)
Veranstaltung
Ivan der Schreckliche
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V80079
ISBN (eBook)
9783638828819
ISBN (Buch)
9783638832670
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ivan, Schreckliche, Ivan, Schreckliche
Arbeit zitieren
Martin Kragans (Autor), 2001, Ivan der Schreckliche - ein kranker Zar!?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80079

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