Jean-Jacques Rousseau als Kulturkritiker


Hausarbeit, 2003

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Rousseaus Arbeitsweise im Vergleich zu anderen Philosophen

2. Der erste Discours
2.1. Naturmensch und zivilisierter Mensch im Vergleich
2.2. Beitrag der Wissenschaften zur Verderbtheit der Sitten
2.3. Gibt es zwei Arten von Wissenschaften?

3. Der zweite Discours - die beiden Gesellschaftsbilder im Vergleich

4. Schlussbemerkung

5. Bibliographie

1. Rousseaus Arbeitsweise im Vergleich zu anderen Philosophen

Wenn wir den Namen ‚Jean-Jacques Rousseau’ hören, so verbinden wir damit sicherlich zuallererst den Mythos des edlen Wilden („bon sauvage“). Und wenn es sich auch nur um einen Mythos zu handeln scheint, so weiss Rousseau doch genau, worüber er schreibt, denn: er hat ihn gelebt. So schreibt Gustave Lanson: „Rousseau eut ce bonheur de vivre hors de la société jusqu’à quarante ans, ou à peu près. L’homme de la nature, le sauvage, il l’a été, il l’a vécu, avant de le décrire [...].“[1] Und das ist es, was Rousseau auch von den Philosophen seiner Zeit unterscheidet: Er lebt seine Philosophie.

Mais la différence essentielle, la voici: parmi tous les intellectuels qui l’entourent, Rousseau est un sensitif. Au milieu de gens occupés à penser, il s’occupe à jouir et à souffrir. D’autres étaient arrivés par l’analyse à l’idée du sentiment: Rousseau, par son tempérament, a la réalité du sentiment; ceux-là dissertent, il vit; toute son œuvre découle de là.[2]

Kritisch stellt sich Rousseau seinen philosophischen Zeitgenossen gegenüber, wenn sie die Philosophie wie folgt auffassen: „Philosopher est une manière de paraître et non d’être.“[3] Denn unter Philosophie versteht er eben nicht eine Wissenschaft, die man nur für die anderen, nicht aber für sich selbst ausübt: „Ils [die anderen Philosophen] étudiaient la nature humaine pour en pouvoir parler savamment, mais non pas pour se connaître. (…) Pour moi, quand j’ai désiré d’apprendre, c’était pour savoir moi-même, et non pour enseigner; j’ai toujours cru avant d’instruire les autres, il fallait commencer par savoir assez pour soi."[4] Kritisiert Rousseau bei seinen Zeitgenossen, dass sie über den Dingen stehen würden, ohne sie richtig zu begreifen, so wird die Philosophie für ihn zu einem richigen Geständnis, zu einer „histoire de son âme“[5] wie es Bernhard Groethuysen beschreibt. Deshalb ist es nicht erstaunlich, wenn wir auch in den beiden discours Spuren von Rousseaus Lebenserfahrung finden. Und es sind genau diese Spuren, die auch andere Autoren beeindruckt haben.

François-Marie Arouet, besser bekannt auch unter dem Namen Voltaire, schreibt so zum Beispiel in einem Antwortbrief an Rousseau nach der Lektüre des ersten discours: „ On n’a jamais employé tant d’esprit à vouloir nous rendre bêtes ; il prend envie de marcher à quatre pattes, quand on lit cette ouvrage.“[6] Sicherlich schwingt, wie so oft bei Voltaire, ein unüberhörbarer Ton der Ironie mit, aber er scheint doch auch fasziniert zu sein.

Rousseau, der ja schliesslich auch in der zivilisierten Gesellschaft lebte, bekam auch diese Seite mit. Wer könnte also besser als er das Paradox, wie es in der Forschung heißt, zwischen dem „homme de la nature“ und dem „homme civilisé“ beschreiben?

Doch da scheint auch das Problem zu liegen: Wenn wir nämlich die Forschung anschauen, so gibt es unendlich viel Literatur über genau dieses Thema. Vor allem geht es in der Forschung darum, zu beweisen, dass Rousseau mit seinem edlen Wilden und seinem zivilisierten Menschen ein Paradox aufgestellt hat. Dabei berufen sie sich oft auf ein Zitat aus dem zweiten discours: „l’homme sauvage et l’homme policé diffèrent tellement par le fond du cœur et des inclinations, que ce qui fait le bonheur suprême de l’un réduirait l’autre au désespoir.“[7] Michèle Crogiez sieht dies als ein Paradox an, da die Natur und die Kultur bei Rousseau scheinbar nicht vereinbar sind: „[...] pour Rousseau, la nature est le monde de l’indépendance et même de la liberté, la vie sociale celui de la contrainte. [...] Rousseau insiste sur l’indépendance de l’homme de nature, au moment où le progrès des relations humaines le met au bord de la perdre.“[8] Aber nicht nur bei ihr, auch bei anderen Forschern taucht der Begriff des Paradoxes immer wieder in Zusammenhang mit Rousseau auf. Selbst in dem ‚Dictionnaire de Rousseau’ ist hierüber ein Artikel zu finden.[9] Das Thema des Paradoxes scheint also zur Genüge diskutiert worden zu sein.

Trotzdem soll hier anhand der Konzepte des „homme de la nature“ und des „homme civilisé“ die Kritik Rousseaus an der Gesellschaft aufgezeigt werden. Dabei werden die beiden discours Rousseaus jedoch unter einem etwas anderen Gesichtspunkt miteinander verglichen: Es geht hier um die Frage, inwieweit sich vom ersten zum zweiten discours im Hinblick auf die Bilder der Gesellschaft eine Verschärfung der Kritik Rousseaus zeigt. Dieser Vergleich bietet sich deshalb an, da der zweite discours von Rousseau auch dazu dient „d’approfondir et d’affiner la réflexion philosophique entreprise dans la premier Discours, avec d’autant plus de liberté et d’audace […]“[10]. Es werden sich demnach sowohl Gemeinsamkeiten, wie aber auch Unterschiede in diesen beiden discours finden, was das Bild der Gesellschaft betrifft. Da in der Forschung eben oft der zweite discours hauptsächlich dazu herangezogen wird, um das Paradox zu erläutern, so soll hier eine Analyse des ersten discours zeigen, dass durchaus schon hier Vergleiche zwischen dem Naturmenschen und dem zivilisierten Menschen gemacht werden. Demnach beginnt auch schon hier die Kritik Rousseaus, die sich in drei zusmmenhängende Hauptthesen gliedern läßt: „La nature avait fait l’homme bon, et la société l’a fait méchant ; la nature avait fait l’homme libre, et la société l’a fait esclave; la nature a fait l’homme heureux, et la société l’a fait misérable.“[11]

2. Der erste Discours

2.1. Naturmensch und zivilisierter Mensch im Vergleich

Der sogenannte erste discours „Discours sur les sciences et les arts“ aus dem Jahre 1750 geht der von der Académie de Dijon gestellten Frage nach, „Si le rétablissement des sciences et des arts a contribué a épurer les mœurs.“

Gleich der erste Satz des discours lässt die Verneinung der oben gestellten Frage keinesfalls vermuten. So schreibt Rousseau:

C’est un grand et beau spectacle de voir l’homme sortir en quelque manière du néant par ses propres efforts; dissiper, par les lumières de sa raison, les ténèbres dans lesquelles la nature l’avait enveloppé; s’élever au-dessus de lui-même; s’élancer par l’esprit jusque dans les régions célestes; parcourir à pas de géant, ainsi que le soleil, la vaste étendue de l’univers; [...].[12]

Gerade der Verstand, der Intellekt des Menschen ist es also, der ihn aus der Finsternis befreit, in die die Natur ihn versetzte. Ist das nicht positiv für den Menschen? Scheint es hier doch um die Freiheit zu gehen, die der Mensch mit Hilfe der Wissenschaften erlangt. Soll das heissen, je mehr der Mensch weiss, je mehr Wissenschaften er kennt, um so freier ist er? Nein. Und das ist es, was Rousseau auch wenig später sagt:

Tandis que le gouvernement et les lois pourvoient à la sûreté et au bien-être des hommes assemblés, les sciences, les lettres et les arts, moins despotiques et plus puissants peut-être, étendent des guirlandes de fleurs sur les chaînes de fer dont ils sont chargés, étouffent en eux le sentiment de cette liberté originelle pour laquelle ils semblaient être nés, leur font aimer leur esclavage, et en forment ce qu’on appelle des peuples policés.[13]

Gibt es die vom Menschen durch das Studium der Wissenschaften erhoffte Freiheit gar nicht, ist sie nur eine Illusion?

Der Argumentation Rousseaus zufolge, muss man bei der Wissenschaft zwei Seiten beachten, die sich nicht von einander trennen lassen. Zum einen bieten die Wissenschaften dem Menschen sicherlich ein gewisses Maß an Freiheit, denn er ist wirklich in der Lage, das Universum zu erkunden, und immer weiter in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Zum anderen ist damit aber gleichzeitig die Konsequenz verbunden, merklich oder unmerklich mit den anderen Menschen der Gesellschaft in einen Konkurrenzkampf zu treten, und so an die Gesellschaft gebunden zu sein. Schliesslich liegt es in der Natur des Menschen, immer das Meiste wissen zu wollen, und überall der Erste zu sein.

Rousseau versucht also nicht, den Fortschritt der Wissenschaften nur unter dem Aspekt der Horizonterweiterung zu betrachten, sondern er führt auch die Konsequenzen an, welche eine solche Wissensbereicherung mit sich bringt. Scheinen die Wissenschaften den Menschen doch zu einem Leben in der Gesellschaft zu zwingen; und nur in ihr ist es ihm möglich, Fortschritte zu machen, und Dinge zu vervollkommnen. Wie aber sieht diese Gesellschaft aus?

Wenn Rousseau die These aufstellt, dass die Wissenschaften die Sitten der Menschen verdorben haben, dann beginnt schon an dem Punkt eine Veränderung der Gesellschaft auf negative Weise, die nicht unbeachtet bleiben sollte. Die „negative Weise“ meint die Tatsache, dass sich mit dem Aufkommen der Wissenschaften die Gesellschaft immer weiter von ihrem ursprünglichen Naturzustand entfernt, was für Rousseau noch nie positiv war. Denn tragen nicht auch gerade die Wissenschaften einen großen Teil dazu bei, dass die Ungleichheit, wie sie heute unter den Menschen herrscht, erst entsteht?

Wenn nämlich Rousseau in seinem ersten discours erhebliche Kritik an der Gesellschaft übt, so muss auch hier schon nach der Ursache gesucht werden, die sicherlich auch zum Teil bei den Wissenschaften liegt, aber eben nur zu einem Teil.

Nachdem darauf hingewiesen wurde, dass die Wissenschaften ein Leben in der Gesellschaft erforderlich machen, und den Menschen dadurch in Ketten zu legen scheinen, so führt Rousseau auch noch einen weiteren Grund an, der den Menschen Ketten tragen läßt. Es handelt sich hier um die verschiedenen Bedürfnisse des Menschen, welche sicherlich mit der Verbreitung und Erweiterung der Wissenschaften zunehmen. Rousseau zieht schon an dieser Stelle seinen ersten Vergleich zu den Wilden:

Alexandre voulant maintenir les Ichtyophages dans sa dépendance, les contraignit de renoncer à la pêche, et de se nourrir des aliments communs aux autres peuples; et les sauvages de l’Amérique, qui vont tous nus, et qui ne vivent que du produit de leur chasse, n’ont jamais pu être domptés: en effet, quel joug imposerait-on à des hommes qui n’ont besoin de rien?[14]

Zwei Dinge sind hier wichtig festzuhalten: Zum einen bescheibt hier Rousseau den Zwang, der auf ein Volk ausgeübt wird, damit es sich an die Gegebenheiten der anderen Kultur anpasst und zum anderen werden die Wilden von Amerika beschreiben, die im Gegensatz zu anderen (europäischen) Völkern, keine Bedürfnisse haben.

An diesem Beispiel läßt sich demach schon ein Vergleich des Naturmenschen mit dem zivilisierten Menschen feststellen, wie er dann im zweiten discours detailliert abgehandelt werden wird. Denn es geht hier um einen Europäer, Alexander, der schon in einer „zivilisierten“ Gesellschaft lebt, und um das Volk der Ichtyophages, welche er seiner Kultur unterwerfen will. Es ist hier also auch schon der Zwang zu bemerken, den eine Gesellschaft mit sich bringt, der dann zur Ungleichkeit unter den Menschen beitragen kann.

Wenn nun die Erweiterung der Wissenschaften dazu führt, die Bedürfnisse eines Volkes zu erhöhen, so bedeutet das nicht nur, dass den Menschen dadurch Ketten angelegt werden, sie werden regelrecht unterjocht. Die Wilden scheinen also eindeutig im Vorteil zu sein, denn wie Rousseau schreibt, haben sie keine Bedürfnisse und können deshalb auch nicht dem Joch unterworfen werden.

Durch dieses Zitat läßt sich die Kritik Rousseaus sowohl an den Wissenschaften wie auch an der Gesellschaft feststellen. Rousseau kritisiert die Wissenschaften, welche die Bedürfnisse erweitern und so dem Menschen noch mehr auferlegen, und er kritisiert die zivilisierte Gesellschaft, welche die Wilden unterdrückt. Aber gerade die Unfähigkeit, die Wilden zu unterdrücken, zeichnet den Naturzustand als vorteilhafter aus, wie ihn Rousseau auch im zweiten discours des öfteren noch beschreiben wird.

Aber auch im Weiteren zieht Rousseau immer wieder den Vergleich zu einem „primitiveren“ Zustand der Gesellschaft. So führt er die Tugend an, die für ein gutes Zusammenleben in einer Gesellschaft, und somit auch für das Glück der Menschen wichtig ist, denn der Tugend ist der „Putz völlig fremd“.[15] Deshalb kommt er auch zu dem Schluss: „L’homme de bien est un athlèthe qui se plaît à commbattre nu.“[16] Auch hier scheint also die Einfachheit vorteilhafter gegenüber aller Künstlichkeit. Das Bild der Gesellschaft, welches Rousseau entwirft, wird jedoch immer pessimistischer, je weiter der Mensch von seinem natürlichen Zustand und seinen Sitten abzuweichen beginnt. Rousseau spricht am Ende nur noch von einer „Herde“, welche als Gesellschaft bezeichnet wird.[17] Als Ursache für diese Veränderung führt er die Künste an, die dem Menschen ebenfalls bestimmte Zwänge auferlegen. So handelt es sich hier zum Beispiel um die Höflichkeit, die den Menschen zwingt, immer als jemand anders, nie jedoch als sich selbst zu erscheinen.[18] Auch dies war vorher besser: „Avant que l’art eût façonné nos manières et appris à nos passions à parler un langage apprêté, nos mœurs étaient rustiques, mais naturelles; et la différence des procédés annonçait, au premier coup d’œil, celle des caractères.“[19] Doch das Bild der heutigen Gesellschaft sieht anders aus: „Plus d’amitiés sincères; plus d’estime réelle; plus de confiance fondée. Les soupçons, les ombrages, les craintes, la froideur, la réserve, la haîne, la trahison, se cacheront sans cesse sous ce voile uniforme et perfide de politesse, sous cette urbanité si vantée que nous devons aux lumières de notre siècle.“[20] Und wem haben wir das alles zu verdanken? Dem Fortschritt der Wissenschaften und Künste. Was Rousseau jedoch an der Stelle nicht macht, ist, dass er genau beschreibt, welche Wissenschaften und Künste er damit meint. Er bleibt immer nur sehr allgemein, und grenzt nicht genau ab. Sicherlich gibt es nämlich auch unter den Wissenschaften welche, die durchaus auch zur Läuterung und nicht nur zum Verfall der Sitten beigetragen haben.

[...]


[1] Gustave Lanson: Histoire de la littérature française, Paris 1906, S. 763.

[2] Ebd. S. 763.

[3] Bernhard Grœthuysen: Jean-Jacques Rousseau, Saint-Amand (Cher) 1983, S. 9f.

[4] Ebd. S. 10.

[5] Ebd. S. 10.

[6] Jean-Jacques Rousseau: discours sur les sciences et les arts; discours sur l’origine de l’inégalité, chronologie et introdution par Jacques Roger, Paris 1992, S. 259.

[7] Jean-Jacques Rousseau: Schriften zur Kulturkritik. Über Kunst und Wissenschaft (1750). Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen (1755), eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von Kurt Weigand, Hamburg 1983, S. 264.

[8] Michèle Crogiez: Rousseau et le paradoxe, S. 524.

[9] Michèle Crogiez: paradoxe, in: Dictionnaire de Rousseau, S. 683-685.

[10] Xavier Darcos/ Bernard Tartayre: Le XVIIIe siècle en littérature, Saint-Amand 1990, S. 238.

[11] Gustave Lanson: Histoire, S. 770.

[12] Jean-Jacques Rousseau: Schriften, S. 6.

[13] Ebd. S. 8.

[14] Jean-Jacques Rousseau: Schriften, S. 8.

[15] Jean-Jacques Rousseau: Schriften, S. 11.

[16] Ebd. S. 10.

[17] Ebd. S. 11.

[18] Ebd. S. 10.

[19] Jean-Jacques Rousseau: Schriften, S. 10.

[20] Ebd. S. 12.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Jean-Jacques Rousseau als Kulturkritiker
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Neuphilologie)
Veranstaltung
Rhetorik der Kulturkritik
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V80111
ISBN (eBook)
9783638863513
ISBN (Buch)
9783638866231
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Jacques, Rousseau, Kulturkritiker, Rhetorik, Kulturkritik, Thema Rousseau
Arbeit zitieren
Miriam Reiling (Autor), 2003, Jean-Jacques Rousseau als Kulturkritiker, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80111

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