Das Alterssicherungssystem oder auch Rentensystem ist eine der tragenden Säulen eines jeden Sozialstaats. Wie in vielen Feldern der Sozialpolitik, so spiegelt sich besonders bei den verschiedenen Systemen der Altersicherung die Frage wider, welche Rolle der Staat bei der konkreten Ausgestaltung spielt, bzw. inwieweit andere Steuerungsmuster wie etwa ein marktbasiertes System oder die Familie die dominierende Rolle bei der Wohlfahrtsproduktion einnehmen. Gosta Esping-Anderson konstruiert in seinem Hauptwerk „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ eine idealtypische Trias, in der das Alterssicherungssystem jeweils einem bestimmten Wohlfahrtsstaat-Typus zuzuordnen ist. Er unterscheidet zwischen einem sozialdemokratischen, einem liberalen und einem konservativen Wohlfahrtsstaat, die alle drei bestimmte Kriterien, wie etwa den Grad der Dekommodifizierung, die Startifizierung oder die Rolle von Markt, Staat und Familie, aufweisen. Abgesehen davon, dass sich einige Länder nicht mit dieser Kategorisierung fassen lassen, ist die Theorie Esping-Andersons für die hier angedachte Untersuchung eines möglichen Pfadwechsels innerhalb eines der idealtypischen Modell jedoch nicht sehr hilfreich. Wandel kommt in dem sehr deterministischen Modell kaum vor, geschweige denn wird er erklärbar. Dies liegt unter anderem daran, dass Esping-Andersons Theorie stark pfadabhängig konstruiert ist, was verschiedene Konsequenzen nach sich zieht: „Das Moment historischer Veränderung – und damit die Akteursebene – kann weitgehend ausgeblendet werden.“ (BORCHERT 1997, S. 4). [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und theoretische Grundlagen
2. Der deutsche Pfad – Die Entwicklung des Rentensystems seit Bismarck
3. Die heutige Ausprägung des deutschen Alterssicherungssystems – Systemwandel oder Pfadabhängigkeit?
3.1. Elemente des Wandels
3.2. Bewertung des Wandels
4. Pfadwandel – aber weshalb und warum erst ab 2001?
4.1. Exogener Shock Wiedervereinigung – warum kein Wandel?
4.2. Endogener Shock Wirtschaftskrise – warum der Wandel?
5. Der bisher beschrittene Weg...
6. ...und seine Weiterentwicklung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das deutsche Alterssicherungssystem unter der Fragestellung, ob die jüngsten Reformen – insbesondere seit dem Jahr 2001 – als bloße inkrementelle Anpassungen oder als fundamentaler Pfadwechsel zu bewerten sind. Dabei werden theoretische Modelle der Wohlfahrtsstaaten mit historischen Entwicklungen und ökonomischen Zwängen in Bezug gesetzt.
- Analyse des deutschen Rentensystems von Bismarck bis zur Gegenwart.
- Untersuchung von Pfadabhängigkeit und Pfadwechsel in der Alterssicherungspolitik.
- Bewertung der ökonomischen und demographischen Auslöser für Reformprozesse.
- Vergleich mit dem Schweizer Modell als möglichem Referenzpunkt.
- Rolle der Europäischen Union und internationaler ökonomischer Einflussfaktoren.
Auszug aus dem Buch
3. Die heutige Ausprägung des deutschen Alterssicherungssystems – Systemwandel oder Pfadabhängigkeit?
Im Vorfeld der Riester-Reform im Jahr 2001 hatte es Bestrebungen gegeben, das System der Alterssicherung in der Bundesrepublik zu verändern, man denke beispielsweise an die Einführung des demographischen Faktors unter der Regierung Kohl. Zudem einigte man sich bereits 1996 im Zuge des Bündnisses für Arbeit- und Standortsicherung, die Sozialbeiträge bis zum Jahr 2000 auf die Marke von 40 Prozent zu senken. Zumindest letzteres blieb jedoch ein Wandel erster Ordnung (vgl. Hall 1993), bei dem lediglich das Niveau der verwendeten Instrumente angepasst wurde. Bei der Untersuchung eines „echten“ Pfadwechsels macht es daher Sinn zu untersuchen, inwieweit die bei der Riester-Reform vorgenommenen Änderungen auch Wandel zweiter (Wandel der Instrumente und der Niveaus) und dritter (Paradigmenwechsel) Ordnung beinhalten und somit einen Pfadwechsel bewirkten, der über einen inkrementellen Wandel hinausgeht.
Zunächst kann man konstatieren, dass sich das deutsche System von einem System der Lebensstandardsicherung hin zu einem System der Armutsvermeidung entwickelt. Ein wichtiger Aspekt ist hier der Übergang von einem leistungsdefinierten System (defined benefit) zu einer Beitragsdefinition (defined contribution). Während bei einer Leistungsdefinition versucht wird ein gewisses Rentenniveau – in Deutschland bisher auf einem Level von 70 Prozent angesiedelt, das eine Sicherung des Lebensstandards gewährleistet – zu erreichen, rückt eine beitragsdefinierte Lösung ein stabiles Beitragsniveau in den Mittelpunkt. Das Ziel der Bundesregierung war es zur Zeit der Verabschiedung des „Altersvermögensergänzungsgesetztes“ die Beitragsmaxima bis 2020 bei 20 Prozent zu deckeln, bzw. bei 22 Prozent für die Zeit bis 2030 (§ 154 Abs. 3 SGB VI). Dies bedeutet eine schrittweise Abkehr vom Ziel der Lebensstandardsicherung, ist hierfür doch eine Orientierung am Rentenniveau nötig, wie es eine leistungsdefiniertes System ermöglicht. Doch die Absenkung des Nettorentenniveaus wurde auch formell beschritten, zunächst auf einen Wert von 64 Prozent, wobei aufgrund einer veränderten Berechnung jedoch offiziell 67 Prozent angegeben werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und theoretische Grundlagen: Einführung in die Wohlfahrtsstaatsmodelle nach Esping-Andersen und Abgrenzung zwischen Beveridge- und Bismarck-Modell als analytischer Rahmen.
2. Der deutsche Pfad – Die Entwicklung des Rentensystems seit Bismarck: Historische Herleitung des deutschen Systems und Etablierung des Äquivalenzprinzips durch die „dynamische Rente“ von 1957.
3. Die heutige Ausprägung des deutschen Alterssicherungssystems – Systemwandel oder Pfadabhängigkeit?: Analyse des Übergangs von leistungs- zu beitragsdefinierten Systemen und die Etablierung der privaten Vorsorge als dritte Säule.
4. Pfadwandel – aber weshalb und warum erst ab 2001?: Untersuchung der exogenen und endogenen Schocks, insbesondere der Folgen der Wiedervereinigung und des wirtschaftlichen Drucks, die den Reformdruck erhöhten.
5. Der bisher beschrittene Weg...: Kritische Würdigung der erreichten Reformziele im Hinblick auf soziale Verträglichkeit und die veränderten Verantwortungsstrukturen der Akteure.
6. ...und seine Weiterentwicklung: Diskussion möglicher Referenzmodelle aus dem Ausland, insbesondere der Schweiz, und Einfluss der europäischen Politik auf die deutsche Rentenstruktur.
Schlüsselwörter
Alterssicherung, Rentensystem, Pfadabhängigkeit, Systemwandel, Riester-Rente, Lebensstandardsicherung, Armutsvermeidung, Sozialversicherung, Umlageverfahren, Kapitaldeckung, Demographischer Wandel, Reformpolitik, Wohlfahrtsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, ob das deutsche Alterssicherungssystem durch die Reformen ab 2001 einen grundlegenden Pfadwechsel vollzogen hat oder ob es sich weiterhin in einer Pfadabhängigkeit zum Bismarck-Modell befindet.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die historische Entwicklung des Rentensystems, den Vergleich zwischen leistungs- und beitragsdefinierten Systemen sowie die Auswirkungen von Reformen auf verschiedene gesellschaftliche Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu beurteilen, ob die Veränderungen in der Rentenpolitik über inkrementelle Korrekturen hinausgehen und einen wirklichen Paradigmenwechsel im Sinne einer Abkehr von der bisherigen Lebensstandardsicherung darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine policy-analytische Untersuchung durchgeführt, die sich auf theoretische Wohlfahrtsmodelle stützt und durch historische sowie empirische Fallbeispiele untermauert wird.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Elementen des Wandels, den auslösenden Faktoren (Shocks) für Reformen sowie der kritischen Bewertung der neuen Rolle von privaten Zusatzversicherungen.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation?
Zentrale Begriffe sind Alterssicherung, Pfadabhängigkeit, Systemwandel, Umlageverfahren und Kapitaldeckung.
Warum wurde die Wiedervereinigung nicht als direkter Auslöser für einen Wandel genutzt?
Aufgrund des starken politischen Konsenses und des Wunsches, die Bevölkerung der ehemaligen DDR schnell in das bestehende soziale Sicherungssystem zu integrieren, gab es keinen politischen Spielraum für radikale Systemveränderungen.
Welche Rolle spielt die Europäische Union für die Zukunft des deutschen Rentensystems?
Die EU beeinflusst die deutsche Rentenpolitik insbesondere durch die Methode der offenen Koordinierung, den Druck zur finanziellen Tragfähigkeit und die Notwendigkeit, nationale Systeme für international mobile Erwerbsbiographien zu öffnen.
- Citar trabajo
- Andreas Herz (Autor), 2007, Die Politik der Alterssicherung in der BRD: Pfadabhängigkeit oder Pfadwechsel?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80216