Warum erschwert ein starker öffentlicher Sektor sogar bei Unabhängigkeit der Zentralbank das Erreichen niedriger Inflationsraten?


Essay, 2003

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inflation: Definition, Auswirkungen und Handlungsbedarf

3. Unabhängigkeit der Zentralbank, Koordination von Tarifverhandlungen, sektorale Struktur und Inflation
3.1 Niedrige Inflationsraten und Unabhängigkeit der Zentralbank:
Das neoklassische Argument
3.2 Tarifverhandlungen und Inflation
3.3 Interaktion von Tarifpartnern und Zentralbanken und die Rolle der sektoralen Struktur

4. Theorie und Empirie

5. Schlussbemerkungen

Literatur

1. Einleitung

Dass die Inflation unter Kontrolle gehalten werden muss, ist Konsens unter Ökonomen und Politikwissenschaftlern.[1] Wie allerdings die Inflationsrate niedrig gehalten werden kann, darüber gibt es sowohl in der wirtschafts- als auch politikwissenschaftlichen Literatur verschiedene Ansichten. Die bekannteste ist, dass eine unabhängige Zentralbank nach dem Vorbild der Bundesbank oder der Federal Reserve eine niedrige Inflationsrate und somit eine stabile Währung garantieren kann. Andere Forschungsansätze stellen auf den Grad der Koordination von Lohnverhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ab und führen weitere Variablen wie die sektorale Struktur einer Volkswirtschaft ein.

Ziel dieses Essays ist es, im wesentlichen auf der Grundlage des 4. Kapitels (Monetary Management of the Macroeconomy) des Buches „Macroeconomic Policies of Developed Democracies“ von Franzese, das Zusammenwirken zwischen dem Grad der Unabhängigkeit der Zentralbank (ZBU), dem Grad der Koordination von Tarifverhandlungen und der sektoralen Struktur für das Erreichen niedriger Inflationsraten in einer Volkswirtschaft aufzuzeigen.

Im folgenden werde ich zunächst einige grundlegende Aussagen zur Inflation und ihren makroökonomischen Folgen treffen, um so die Notwendigkeit antiinflationärer Maßnahmen deutlich zu machen (Punkt 2).

In Punkt 3 werde ich dann zuerst den Zusammenhang zwischen Inflationsraten und ZBU betrachten (Punkt 3.1) und danach in Punkt 3.2 den Einfluss des Grades der Koordination von Tarifverhandlungen auf die Inflationsraten darlegen. In Punkt 3.3 schließlich soll der Effekt der sektoralen Struktur in die Betrachtung eingeführt werden.

In Punkt 4 folgt dann die Zusammenfassung der Thesen von Franzese sowie eine kurze Darstellung der empirischen Ergebnisse. Punkt 5 widmet sich schließlich der Beantwortung der Fragestellung und möglichen Aspekten kritischer Betrachtung.

2. Inflation: Definition, Auswirkungen und Handlungsbedarf

Inflation ist definiert als der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Die Inflationsrate entspricht der Veränderungsrate des allgemeinen Preisniveaus. Eine Volkswirtschaft hat zu jeder Zeit eine gegebene beständige beziehungsweise erwartete Inflationsrate, die von den Akteuren antizipiert und deshalb, zum Beispiel bei Lohnabschlüssen, einkalkuliert wird. Diese beständige, auch „schleichende“ Inflation genannt, ist Teil eines kurzfristigen Gleichgewichtes, das bis zum Eintreten eines volkswirtschaftlichen Schocks, das heißt eines Preisanstiegs, erhalten bleibt. Diese Schocks treten in der Realität permanent auf.

Die beiden wichtigsten Ursachen des Preisantriebs sind einerseits die nachfrage- und andererseits die angebots- beziehungsweise kosteninduzierte Inflation. Erstere tritt immer dann auf, wenn die Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft schneller steigt als ihr produktives Potential, da dann die Preise nach oben korrigiert werden, um Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Nachfrager konkurrieren und treiben so die Preise nach oben. Dieser Prozess wird durch sinkende Arbeitslosigkeit, damit knapperes Arbeitsangebot und somit steigende Löhne verstärkt.

Kosten- bzw. angebotsinduzierte Inflation entsteht dann, wenn durch exogene Kostenveränderungen die Produktion nicht mehr zu den bisherigen Stückkosten zu erstellen ist. Sie geht häufig von den Löhnen aus, die einen wichtigen Teil der Unternehmerkosten darstellen, aber ebenso von kräftigen Preiserhöhungen, wie zum Beispiel bei den Erdölpreisschocks 1973, 1978 und 1990. Zu den Ursachen zählen außerdem bedeutende Wechselkursveränderungen.

Inflation beeinträchtigt die Entwicklung einer Volkswirtschaft, weil sie zu einer willkürlichen Verteilung von Einkommen und Vermögen führt und damit die volkswirtschaftliche Effizienz untergräbt. Eine unerwartet auftretende Inflation bevorteilt in der Regel Schuldner, Profitjäger und Spekulanten, benachteiligt dagegen alle Bezieher von festen Nominaleinkommen und Gläubiger.

Inflation untergräbt den Preismechanismus, d.h. verschlechtert das Funktionieren desjenigen Mechanismus, der knappe Ressourcen in die besten Verwendungsrichtungen lenkt. Darüber hinaus verschlechtert Inflation die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften, die sehr stark vom internationalen Handel abhängen. All dies hat dann natürlich auch Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation eines Landes.

Des weiteren birgt Inflation die große Gefahr in sich, dass sie sich ständig selbst verstärkt. Ist Inflation erst einmal in Gang gekommen, führt schon ihre Verlangsamung zum Konjunktureinbruch, da sich unter Inflation getätigte Investitionen und geschaffene Arbeitsplätze als nicht mehr rentabel erweisen. Die Kosten für die Bereinigung der mit der Inflation einhergegangenen Kapitalfehllenkungen sind außerordentlich hoch. All dies begründet die Notwendigkeit antiinflationärer Maßnahmen.

3. Unabhängigkeit der Zentralbank, Koordination von Tarifverhandlungen, sektorale Struktur und Inflation

3.1 Niedrige Inflationsraten und Unabhängigkeit der Zentralbank:
Das neoklassische Argument

Politikwissenschaftler und Ökonomen stimmen grundsätzlich darin überein, dass eine unabhängige Zentralbank die Inflation senken kann, wobei der Grad ihrer Unabhängigkeit als Grad der Autonomie der konservativen Zentralbank in geldpolitischer Hinsicht von politischen Autoritäten definiert wird. Dieser Grad der Autonomie wird in weiten Teilen der Literatur auf Grundlage von Kriterien wie Ernennungsregeln ihrer Mitglieder, Amtsdauer, Zusammensetzung der Entscheidungsgremien, Kontrolle über die Festsetzung der Zinsen und Wechselkurse sowie aufgrund der Einflussmöglichkeiten der Finanzministerien auf die Zentralbank zur Finanzierung von Haushaltsdefiziten bestimmt.[2] Die Prämisse einer konservativen Notenbank folgt aus der Annahme, dass nur eine solche eine restriktive, sprich antiinflationäre Geldpolitik betreibt.

Das neoklassische Argument geht davon aus, dass die Inflation allein durch die Geldpolitik bestimmt wird. Ein hohes Informationsniveau und große Sicherheit bezüglich des Verhaltens anderer Wirtschaftsakteure werden unterstellt. Danach kann eine unabhängige Zentralbank die Inflation ohne reale Kosten (d.h. z.B. ohne höhere Arbeitslosigkeit) besser senken als eine gewählte Regierung, weil sie in geldpolitischer Hinsicht glaubwürdiger ist. Letztere ist nämlich „anfälliger“ für gesellschaftlichen Druck nach höherer Inflation. Da gewählte Regierungen neben Inflation insbesondere für Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht werden[3], haben sie den Anreiz und mit der Geldpolitik die Möglichkeit, durch eine überraschende Ausweitung der Geldmenge die realen Löhne und Preise zu senken, um so Nachfrage und Beschäftigung zu erhöhen. Da die privaten Akteure in der Wirtschaft diese Anreize kennen, beziehen sie sie in ihre Tarifverhandlungen und Preispolitik ein. Eine systematische Überraschung dieser Akteure seitens der gewählten Regierung ist durch diese Einkalkulierung nicht mehr möglich, wodurch eine Ausweitung der Geldmenge keine realen Auswirkungen auf Löhne und Preise und damit auf die Beschäftigung hat. Lediglich die Inflation ist gewachsen. Kann die Geldpolitik dagegen glaubhaft machen, dass sie von überraschenden Ausdehnungen der Geldmenge Abstand nimmt, dann können die privaten Akteure niedrigere nominale Löhne beschließen, ohne eine Reallohnsenkung fürchten zu müssen. Reallöhne und –preise und damit auch Nachfrage und Beschäftigung bleiben wieder unbetroffen. In diesem Falle allerdings ist auch die Inflation niedriger. Eine unabhängige konservative Zentralbank vermeidet also „time inconsistencies“[4] und kann daher die Inflation ohne Kosten senken.

Dieser Zusammenhang wurde in vielen Studien empirisch geprüft, indem Regressionen durchschnittlicher Inflations- und Arbeitslosenraten auf (teilweise) verschiedene ZBU-Indizes von 15-21 OECD-Ländern in Querschnittsanalysen durchgeführt wurden. Starke negative Korrelationen zwischen Inflationsraten und Grad der ZBU und keine signifikanten Korrelationen zwischen ZBU und Arbeitslosigkeit waren die typischen Ergebnisse, die die Theorie bestätigten. Derartige Ergebnisse wurden auch gestützt anhand der Verhältnisse in Deutschland, der Schweiz und den USA, die alle hohe Grade an ZBU, sehr niedrige Inflationsraten, aber sehr unterschiedliche Arbeitslosenquoten aufwiesen. Andere Prädiktoren allerdings wurden bei sehr vielen dieser Studien kaum kontrolliert. Auch die zeitliche Disaggregierung der Daten unterblieb häufig.[5]

Was dieser Argumentationsstrang unter anderem nicht erklären kann, sind beispielsweise die Ankündigungen antiinflationärer Maßnahmen seitens der Bundesbank in der Folge zu hoher Lohnabschlüsse der Tarifparteien und Ankündigungen der Federal Reserve, die Geldmenge zu verringern, „(...) to defuse `incipient inflationary pressure` in strong economies.“[6] Wenn die Inflation, wie es das neoklassische Argument annimmt, ausschließlich durch die Geldpolitik bestimmt wird, gibt es keinen Grund für eine konservative unabhängige Zentralbank auf andere Akteure zu reagieren und es gibt auch keinen Grund, „(...) that the Bundesbank should speak differently and to different agents than does the Fed.“[7]

[...]


[1] siehe z.B. Samuelson, Paul A.; Nordhaus, William D. (1998): Volkswirtschaftslehre, Übersetzung der 15. Auflage, Wirtschaftsverlag Carl Ueberreuter, Wien/Frankfurt, S. 668

[2] vgl.: Burda, Michael; Wyplosz Charles (1997): Macroeconomics. A European Text, 2nd Edition, Oxford University Press, S. 235

[3] vgl. z.B.: Scharpf, Fritz W. (2000), Inflation und Arbeitslosigkeit in Westeuropa: Eine spieltheoretische Interpretation, in: Ders., ‚Interaktionsformen. Akteurszentrierter Institutionalismus in der Politikforschung (Aus dem Amerikanischen übersetzt von O. Treib)’, (Opladen: Leske+Budrich), S. 371

[4] „time inconsistencies“ bezeichnen Politiken, die, obwohl sie heute optimal sind, zu einem späteren Zeitpunkt weniger wünschenswert werden, vor allem dann, wenn die Akteure ihr Verhalten entsprechend angepasst haben.

[5] vgl.: Franzese, Robert J. Jr. (2002): `Macroeconomic Policies of Developed Democracies, (Cambridge: Cambridge University Press), Kapitel 4: Monetary Management of the Macroeconomy, S. 203

[6] Franzese, Robert J. Jr. (2002): ``Strategic Interactions of Monetary Policymakers and Wage/Price-Bargainers: A Review with Implications for the European Common-Currency Area. Zugriff am 10.11.2003 unter: http://www-personal.umich.edu/~franzese/Publications.html S.4

[7] siehe Fn 6

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Warum erschwert ein starker öffentlicher Sektor sogar bei Unabhängigkeit der Zentralbank das Erreichen niedriger Inflationsraten?
Hochschule
Universität Potsdam  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Institutionelle Schranken von Staatstätigkeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
14
Katalognummer
V80227
ISBN (eBook)
9783638873291
ISBN (Buch)
9783638873352
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Warum, Sektor, Unabhängigkeit, Zentralbank, Erreichen, Inflationsraten, Institutionelle, Schranken, Staatstätigkeit
Arbeit zitieren
Martin Weber (Autor), 2003, Warum erschwert ein starker öffentlicher Sektor sogar bei Unabhängigkeit der Zentralbank das Erreichen niedriger Inflationsraten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80227

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