Exegese von Gen 12, 9-20


Seminararbeit, 2002
17 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Übersetzung

3 Literarkritik
3.1 Textabgrenzung
3.2 Texteinheitlichkeit

4 Formgeschichte
4.1 Sprachliche Gestaltung des Textes
4.2 Gattungsbestimmung

5 Überlieferungsgeschichte
5.1 Vergleich der drei Textzeugen
5.2 Ursprünglich mündlicher Text

6 Traditionsgeschichte

7 Redaktionsgeschichte

8 Schluss

Bibliografie

1 Einleitung

Sara, die Frau Abrahams[1], ist eine der wichtigsten Frauengestalten des Alten Testaments, erfüllt sich doch Gottes Verheißung an dem gemeinsamen Kind Abrahams mit ihr. Als Stammmutter spielt sie eine bedeutende Rolle in der Geschichte Israels. Gen 12,9-20, Abraham und Sara in Ägypten, beschreibt die Gefährdung der Ehe und damit Gottes Verheißung. Im Folgenden soll nun diese wichtige Episode des 1. Buches Moses exegetisch erschlossen werden. Die Literarkritik wird den Text auf seine Einheitlichkeit hin überprüfen, die Formkritik liefert die Gattungsbestimmung. In der überlieferungsgeschichtlichen Untersuchung werden mündliche Vorstufen der Passage erschlossen, die traditionsgeschichtliche Forschung erläutert den geschichtlichen Hintergrund und die Redaktionsgeschichte zeigt, was auf die Arbeit eines Redaktors zurückgeht.

2 Übersetzung

Die Übersetzung des Textabschnittes wurde von Westermann[2] übernommen. Lediglich bei Vers 9, der nach Westermann nicht zu dieser Geschichte gehört, greife ich auf die Übersetzung von Gunkel[3] zurück:

9 Dann zog Abram immer weiter nach dem Negeb.

10 Es kam eine Hungersnot ins Land. Da ging Abraham nach Ägypten hinab, um dort als Fremdling zu leben; denn schwer lag die Hungersnot auf dem Land.

11 Als er der Grenze nach Ägypten nahekam, sagte er zu Sara, seiner Frau: Siehe, ich weiß, dass du eine schöne Frau bist.

12 Wenn dich die Ägypter sehen werden, werden sie sagen: das ist seine Frau! Dann werden sie mich töten, dich aber leben lassen.

13 Sag doch, du seist meine Schwester, damit es mir gut gehe um deinetwillen!

14 Und als Abraham nach Ägypten kam, da sahen die Ägypter, dass die Frau sehr schön war.

15 Dann sahen sie die Höflinge des Pharao und rühmten sie vor Pharao, und die Frau wurde in den Palast des Pharao gebracht.

16 Abraham aber ging es gut um ihretwillen: er erhielt Schafe und Rinder und Esel und Knechte und Mägde und Eselinnen und Kamele.

17 Da schlug Jahwe den Pharao mit schweren Plagen [und sein Haus] Saras wegen, der Frau Abrahams.

18 Der Pharao aber ließ Abraham rufen und sagte: Was hast du mir da angetan! Warum hast du mir nicht kundgetan, dass sie deine Frau ist!

19 Warum hast du gesagt: sie ist meine Schwester, sodass ich sie mir zur Frau nahm! Und nun: da hast du deine Frau! Nimm sie und geh!

20 Und der Pharao beorderte für ihn eine Eskorte und entließ ihn und seine Frau mit all seiner Habe.

3 Literarkritik

3.1 Textabgrenzung

Der Eingangssatz in Vers 10 ist typisch für Erzählungen und kommt innerhalb der Genesis öfter vor (z.B. 6,1; 11,1). Vers 9 gehört zwar zum gleichen Textstück, was später noch bewiesen wird, ist aber nicht die Einleitung in die Geschichte. Auch das Ende erweist sich als „befriedigende^] Abschluss“[4], ist es doch typisch, dass auf eine Abschlussrede noch ein kurzer „Erzählungsausklang“[5] folgt (z.B. Gen 2,23f.; Gen 4,15f.; Gen 11,7-9). Es liegt also eine abgeschlossene Erzählung vor.

In den Kontext ist sie sehr lose eingebunden. In Kapitel 12 macht sich Abraham auf den Weg nach Kanaan und baut dort einen Tempel. Es scheint widersinnig, dass er danach gleich wieder aufbricht und das ihm verheißene Land verlässt. Im Anschluss an die Ägyptenepisode wird wie in Kapitel 12,5-8 wieder eine Wanderung in Kanaan beschrieben. Gen 13,1ff. baut logisch und inhaltlich auf 12,5-8 auf. Gen 12,9-20 scheint also in diesen Zusammenhang eingebaut worden zu sein. Daraus ergibt sich, dass es sich um eine selbständige Erzählung handelt.

3.2 Texteinheitlichkeit

Auf den ersten Blick erscheint der Text einheitlich. Durchgängig wird der Jahwe­Name gebraucht, es handelt sich also um einen Abschnitt aus der Jahwist-Schicht des Pentateuchs. Dass jedoch das Thema der Gefährdung der Ahnfrau innerhalb der Genesis außerdem noch in Kapitel 20,1-8 und Kapitel 26,1-11 vorkommt, zeigt, dass der Text im Laufe der Überlieferung eine Entwicklung erfahren hat. In welchem Verhältnis diese drei Ausprägungen der Erzählung zueinander stehen, wird unten dargestellt.

Ebenfalls auffallend ist in Vers 16 der Einschub der ,Knechte und Mägde' zwischen ,Esel' und ,Eselinnen'. Der Text scheint hier erweitert worden zu sein. An dieser Stelle absonderlich sind die Kamele, die unter den Geschenken des Pharaos sind. In Ägypten wurden diese Tiere erst ab der griechischen Zeit erwähnt.[6] Anzunehmen ist, dass hier von einem Redaktor später ergänzt wurde, um den Reichtum Abrahams für die Leserschaft seiner Zeit verständlicher zu machen.

Ansonsten weist der Abschnitt einen klaren, in sich geschlossenen Aufbau auf, wie Westermann ausführlich beschreibt[7]: Gerahmt wird der Text durch eine „Wechselbewegung“, und zwar einer Wanderung, einmal nach Ägypten (V.10) und am Ende wieder zurück (V.20). Was in Ägypten passiert, wird wiederum eingerahmt, nämlich durch zwei wörtliche Reden, die den Auslöser (V.11-13) und den Abschluss (V.18f.) der Ereignisse bilden. Auf den ersten Blick scheint jedoch bei der Schilderung der Begebenheiten etwas zu fehlen (V.17f.): Woher weiß der Pharao, dass die Plagen mit Sara in Zusammenhang stehen?[8] Die Antwort darauf liefert Westermann[9]: Hier ist nichts ausgefallen, vielmehr wurde bewusst etwas weggelassen, um die Konzentration auf Abraham zu lenken. Der Leser kennt die Geschichte, er kann sich denken, wie der Pharao erfährt, warum die Plagen über Ägypten kamen.

4 Formgeschichte

4.1 Sprachliche Gestaltung des Textes

Wie schon die Literarkritik gezeigt hat, weist Gen 12,9-20 einen klaren Aufbau auf. Die Wanderung und der Anlass zur Reise nach Ägypten (V.9f.) werden gefolgt von der Rede Abrahams an seine Frau (V.11-13). Von Vers 14-17 werden die Ereignisse in Ägypten geschildert, die ihren Abschluss in der Zornesrede des Pharaos (V.18f.) finden. Im letzten Vers rundet die erneute Wanderung die Episode ab.

Die Gliederung des Textes setzt Abraham in den Mittelpunkt. Er spricht, seiner Frau bleibt kein Raum für eine Antwort. Mit großem Reichtum wird er vom Pharao beschenkt, über das Schicksal Saras im Harem erfährt der Leser nichts. Es ist nicht wichtig, wie der Pharao dahinter kommt, dass die Plagen mit Sara in Verbindung stehen; sein Auftritt beschränkt sich auf die wütenden Worte gegen Abraham, der darauf nichts erwidern kann. Er bleibt am Ende der Beschämte, Pharao ist im Recht und hat ein reines Gewissen.

Im Folgenden wird nun der Text auf seine stilistischen und syntaktischen Gestaltungsmittel überprüft:

In Vers 10 fällt die doppelte Erwähnung der .Hungersnot’ auf, die zunächst ,ins Land' kam und dann ,auf dem Land’ lag. Hier wird die Schwere dieser Katastrophe und die Notwendigkeit zur Wanderung erklärt. Die nächste interessante Szene ist das Gespräch Abrahams mit seiner Frau (V.11-13):[10] Zunächst macht Abraham Sara das

Kompliment, sie sei eine schöne Frau (V. 11). Im Anschluss daran beschreibt er eine fiktive Situation, in der Sara von den Ägyptern genommen, Abraham von ihnen getötet wird (V.12). Hier ist das Ehepaar das Objekt, die Ägypter treten als Subjekt auf, was die Lage eindringlich und als eine Opfer-Täter-Situation gut nachvollziehbar macht.

Anschließend bietet Abraham eine Lösung an, die jedoch nur ihm zum Vorteil gereicht (V.13). Hier wird deutlich, dass Sara die Ägypter belügen soll, sie sei Abrahams Schwester. Auffallend ist hier, dass es für den Text inhaltlich nicht relevant ist, was Sara darauf antwortet. Es wird vorausgesetzt, dass sie zustimmt. Vers 14f. weist eine Klimax auf: Zuerst sehen die Ägypter die schöne Sara, dann wird sie von den Höflingen des Pharaos gesehen und schließlich kommt sie in das Haus des Pharaos selbst. Syntaktisch fällt wiederum auf, dass Sara hier das Objekt ist, die Ägypter sind die Handelnden. Vers 15 berichtet von Abraham und wie es ihm in Ägypten weiter ergeht. Es wird aufgezählt, was er als Gegengabe für seine Schwester erhält; unschwer ist an dieser Reihung zu erkennen, dass Abraham nun ein reicher Mann ist.

Doch in Vers 17 tritt plötzlich und unvermittelt Gott als übermächtiger Handelnder auf. Er lässt Plagen über Ägypten kommen und der vorher so mächtig dargestellte König kann nichts dagegen tun; es wird deutlich, dass auch er nur ein Mensch ist. Gar nicht wird erwähnt, woher der Pharao weiß, dass die Plagen um Saras willen geschehen. Weitaus breiter angelegt ist der Text dann wieder in der Rede des Pharao (V.18f.): Drei anklagende rhetorische Fragen, mit den Fragepartikeln ,Was’ und Warum’ eingeleitet, schmettern Abraham entgegen. Der Zorn und die Enttäuschung des mächtigen Königs kommen hier gut zum Ausdruck. In Vers 19 wird auch deutlich, dass nicht Sara behauptet hat, sie sei Abrahams Schwester, sondern dass dies Abraham selbst getan hat. Sie bleibt also wie in der ganzen Geschichte ein passives Objekt, Abraham übernimmt durchgehend den aktiven Part. Es wird jedoch ausgespart, ob er auf diese Anklage des Pharao noch eine Antwort findet, es bleibt nichts als ein beschämtes Schweigen. Der Pharao erweist sich als gerechter Fürst, der anstatt eine harte Strafe zu verhängen, zu der er fähig wäre und die ihm auch zugestanden hätte, Abraham lediglich des Landes verweist und ihm

[...]


[1] Nur bei Westermann heißt es Abraham statt dem für den Jahwisten üblichen Namen Abram. Im Folgenden wird jedoch der Einheitlichkeit wegen „Abraham“ verwendet.

[2] 1981, S.186f.

[3] 1910, S.168.

[4] Koch (1964), S.142.

[5] Ebed.

[6] Skinner (1981), S.249f. und Marti (1898), S.139.

[7] 1981, S.188.

[8] Seebass, S.24.

[9] 1981, S.188.

[10] Fischer (1994), S.124.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Exegese von Gen 12, 9-20
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (evangelische Theologie)
Veranstaltung
Einführung in die exegetischen Methoden
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V8024
ISBN (eBook)
9783638151115
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit ohne Übersetzung aus dem Hebräischen! Also nur für Lehrämter geeignet! 129 KB
Schlagworte
Exegese, Einführung, Methoden
Arbeit zitieren
Susanne Schmid (Autor), 2002, Exegese von Gen 12, 9-20, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8024

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