Die Darstellung von Innerlichkeit in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Erzähltechnik
2.1 Mittelbarkeit, Unmittelbarkeit, Innerlichkeit
2.1.1 Formal
2.1.2 Inhaltlich
2.2 Erzählebenen und Perspektive

3 Innere Vorgänge
3.1 Phantasie
3.2 Erinnern und Vergessen
3.3 Einsamkeit

4 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ludwig Tieck hat mit Der blonde Eckbert einen Text geschaffen, der vom Zeitpunkt seiner Veröffentlichung im Jahr 1797 bis heute immer wieder Anlass zu Deutungsversuchen gegeben hat. Dabei ging es jüngerer Zeit beispielsweise um die Problematik der Gattungsbestimmung, um den Bezug zur Epoche der Romantik oder um den Aspekt der Naturerfahrung.[1]

Es soll hier kein zusätzlicher Versuch unternommen werden, eine Gesamtdeutung anzubieten, dies ist bereits vielfach geschehen, wenn auch ohne befriedigenden Erfolg, da der Text sich scheinbar „allen sinngebenden Deutungsversuchen entzieht“.[2] Die vorliegenden Einzelinterpretationen beschäftigen sich vor allem mit einzelnen Motiven wie etwa „Eckberts Einsamkeitserfahrung, sein Wahnsinn, das Schuldsyndrom“[3] ohne dabei jedoch „den Text als ganzes in den Griff zu bekommen“[4].

Ich möchte in dieser Arbeit vielmehr den Blick darauf richten, wie Tieck Innerlichkeit im blonden Eckbert darstellt. Mit welchen Mitteln arbeitet der Autor, um das Innenleben seiner Figuren vor dem Leser auszubreiten und was sind die Bewusstseinsinhalte um die es geht? Die erste Frage nach der Erzähltechnik wird in Abschnitt 2 behandelt und analysiert die sprachliche Gestaltung, unter weitgehendem Verzicht auf Interpretation. Im Anschluss daran werden in Abschnitt 3 die Bewusstseinsinhalte untersucht. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werde ich mich dabei auf die Bereiche Phantasie, Vergessen und Einsamkeit beschränken.

2. Erzähltechnik

2.1 Mittelbarkeit, Unmittelbarkeit, Innerlichkeit

2.1.1 Formal

Allgemein gilt für die auktoriale Erzählsituation, dass in ihr eine Form von Mittelbarkeit dominiert, die durch einen außerhalb der Welt der Charaktere stehenden Erzähler zustande kommt[5]. Betrachtet man nun die Erzähltechnik des blonden Eckbert, dann fällt auf, dass es sehr viele Elemente gibt, die zur Mittelbarkeit beitragen. Das entspricht dem vorherrschenden Erzählstil zur Zeit Tiecks: „Die Elemente der Tradition und damit des Erzählers und der Mittelbarkeit in Bezug auf die Form überwiegen“[6]

Dies gilt im besonderen Maße für den Erzähleingang, in dem das Geschehen „[i]n einer Gegend des Harzes“ lokalisiert, der Protagonist als „ohngefähr vierzig Jahr alt“ beschrieben und von ihm gesagt wird, dass er „sehr ruhig für sich“[7] lebe. Zudem fällt bereits hier die häufige Verwendung des erzählerischen Mittels der Raffung auf:

Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts an dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert.[8]

In einem vorausdeutenden Erzählerkommentar findet sich ein erster Tempuswechsel:

Es gibt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimnis haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat; die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzuteilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurückschreckt.[9]

Angesichts dieser Merkmale, lässt sich der Erzähleingang als „stark auktorial geprägt“[10] beschreiben. Ausgehend von dieser Analyse soll nun untersucht werden, ob diese Erzählweise beibehalten wird oder ob sich die Erzählsituation im Verlauf des Märchens verändert.

Die vier stärksten Mittel zur Beförderung von Mittelbarkeit in formaler Hinsicht sind Raffung, Verben innerer Vorgänge, die Verwendung „stummer Sprache“ und der Tempuswechsel. Dazu einige Beispiele:

Die Raffung kommt sowohl in der Rahmen- als auch am Beginn der Binnengeschichte vor. In der Rahmenhandlung heißt es:

Beide waren nun häufig beisammen, der Fremde erzeigte Eckbert alle möglichen Gefälligkeiten, einer ritt fast nicht mehr ohne den anderen aus, in allen Gesellschaften trafen sie sich, kurz, sie schienen unzertrennlich.[11]

Der Erzähler schaltet sich deutlich in die Geschichte ein, indem er einen längeren Zeitabschnitt zusammenfassend referiert. Dadurch wird der Leser ausdrücklich auf die Erzählinstanz aufmerksam gemacht. In gleichem Maße geschieht dies in der Binnenerzählung:

Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum besten bestellt, sie wussten sehr oft nicht, wo sie das Brot hernehmen sollten.[12]

Die Verben innerer Vorgänge durchziehen den gesamten Text. Die Rahmenhandlung enthält zirka 58, die Binnengeschichte etwa 90 solcher Verben und pro Druckseite finden sich rund acht Verben innerer Vorgänge. Ein Beispiel aus der Rahmenhandlung:

Oft dachte er, daß er wahnsinnig sei und sich nur selber durch seine Einbildung alles erschaffe; dann erinnerte er sich wieder der Züge Walthers, und alles ward ihm immer mehr ein Rätsel.[13]

Rein formal gesehen wird dadurch die Mittelbarkeit befördert, da diese Befindlichkeiten von der Erzählinstanz berichtet werden.

Die Verwendung „stummer Sprache“ ist ein erzählerisches Mittel, das dem „Sichtbarwerdenlassen von Innerlichem an Äußerlichem“ dient[14]. Dabei kann der Körper selbst als Zeichen dienen:

Mit Berthas Krankheit ward es immer bedenklicher; der Arzt ward ängstlich, die Röte von ihren Wangen war verschwunden, und ihre Augen wurden immer glühender.[15]

Es kann aber auch die Landschaft zum Spiegel der Seele werden wie im folgenden Beispiel:

Es war ein rauher stürmischer Wintertag, tiefer Schnee lag auf den Bergen und bog die Zweige der Bäume nieder. Er streifte umher, der Schweiß stand ihm auf der Stirne, er traf auf kein Wild, und das vermehrte seinen Unmut.[16]

Wenngleich derartige Lesarten die Gefahr bergen „jede Kulissenbeschreibung als den Spiegel der Seele einer Figur anzusehen“[17] so kann doch gesagt werden, dass hiermit die Mittelbarkeit in formaler Sicht befördert wird.

Schließlich sei noch der Tempuswechsel genannt, „das Element, das in einer erzähltheoretischen Analyse am eindeutigsten als Zeichen der Mittelbarkeit gelten kann“.[18] Wie bereits im Erzähleingang handelt es sich um Erzählerkommentare:

Wenn die Seele erst einmal zum Argwohn gespannt ist, so trifft sie auch in allen Kleinigkeiten Bestätigungen an.[19]

Wie die menschliche Natur vergesslich ist, so glaube ich jetzt, meine vormalige Reise in der Kindheit sei nicht so trübselig gewesen als meine jetzige; ich wünschte wieder in derselben Lage zu sein.[20]

Weitere Mittel zur Beförderung der Mittelbarkeit sind indirekter Redebericht und Gedankenbericht, die aber lediglich an zehn bzw. vier Stellen im Text vorkommen und somit keine allzu große Rolle spielen.

Demgegenüber wird Unmittelbarkeit in formaler Sicht vor allem durch Deixis und direkten Redebericht ausgedrückt. Auffällig ist, dass sich im Text Ansätze zu erlebter Rede und innerem Monolog finden lassen, was als durchaus „bemerkenswert [...] in einem so frühen Text“[21] gewertet worden ist. Auch dazu einige Beispiele:

Mehr als einmal pro Druckseite werden Temporaldeiktika verwendet (jetzt, hier, plötzlich), die die zeitliche Distanz zwischen Erzählzeit und Erzähltem aufheben. Der Leser, bzw. Zuhörer wird in die Lage desjenigen versetzt, der das Erzählte erlebt hat, es wird somit Unmittelbarkeit befördert.

Das Märchen hat einen Anteil von 70% direktem Redebericht.

Sieht man jedoch von der Binnengeschichte ab, da es sich dabei ja nicht wie sonst beim direkten Redebericht um Dialog, sondern um eine monologische Erzählung handelt, und betrachtet nur die Rahmenhandlung, kommt man auf einen Anteil von 20% direktem Redebericht.[22]

Selbst davon sind nur 5% dialogisch, wie im folgenden Beispiel:

Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: „Freund, Ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist.“ – „Gern“ sagte Walther, und man setzte sich wieder an den Kamin.[23]

Aufgrund des geringen Auftretens bewertet Bärtsch den direkten Redebericht daher hier als nur schwach Unmittelbarkeit fördernd.

Bemerkenswert erscheinen dagegen die Stellen, die Ansätze zu erlebter Rede und innerem Monolog erkennen lassen. Erlebte Rede lässt sich an zwei Stellen nachweisen:

In einem abgelegenen Gemache ging er in unbeschreiblicher Unruhe auf und ab. Walther war seit vielen Jahren sein einziger Umgang gewesen, und doch war dieser Mensch jetzt der einzige in der Welt, dessen Dasein ihn drückte und peinigte.[24]

Und indem sah er sich noch einmal um, und es war niemand anders als Walther.[25]

Es bleibt offen, ob hier jeweils noch die Perspektive des auktorialen Erzählers oder bereits diejenige des Protagonisten, also erlebte Rede, dargestellt wird. Im letzten Fall läge eine starke Beförderung von Unmittelbarkeit vor. Als Beispiel für den inneren Monolog lassen sich folgende Stellen nachweisen:

Auch Walther legte sich schlafen, nur Eckbert ging noch unruhig im Saale auf und ab. – „Ist der Mensch nicht ein Tor?“ fing er endlich an; „ich bin erst die Veranlassung, daß meine Frau ihre Geschichte erzählt, und jetzt gereut mich diese Vertraulichkeit! – Wird er sie nicht mißbrauchen? Wird er sie nicht andern mitteilen? Wird er nicht vielleicht, denn das ist die Natur des Menschen, eine unselige Habsucht nach unsern Edelgesteinen empfinden und deswegen Plane anlegen und sich verstellen?“[26]

„Was gilt’s“, sagte Eckbert zu sich selber, „ich könnte mir wieder einbilden, daß dies niemand anders als Walter sei?“[27]

„Gott im Himmel!“ sagte Eckbert stille vor sich hin – „in welcher entsetzlichen Einsamkeit hab ich dann mein Leben hingebracht!“[28]

Es ist möglich, die in Anführungszeichen gesetzten Stellen als Selbstgespräch zu deuten, oder tatsächlich als Beispiele für inneren Monolog zu verstehen. In jedem Fall wird aber die Unmittelbarkeit befördert.

Zusammenfassend seien die verwendeten Mittel noch einmal als Tabelle dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(*** = starke, ** = mittlere, * = schwache Beförderung von Mittel- bzw. Unmittelbarkeit)

[...]


[1] Schlaffer 1969 zur Gattung, Vitt-Maucher 1978 zum Bezug zur Romantik, Hillmann 1971 zur Naturerfahrung

[2] Ingrid Kreuzer: Märchenform und individuelle Geschichte : zu Text- und Handlungs-strukturen in Werken Ludwig Tiecks zwischen 1790 und 1811. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1983, S.157.

[3] Ebd. S.158

[4] Ebd.

[5] vgl. Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens. 6. unveränd. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1995, S.16.

[6] Hedwig Bärtsch: Ludwig Tieck, 'Der blonde Eckbert'. In: Kunstmärchen. Hrsg. von Rolf Tarot unter Mitarb. von Gabriela Scherer. Bern: Lang, 1993, S.106.

[7] Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert, der Runenberg, die Elfen: Märchen. Mit einem Nachwort von Konrad Nussbächer. Stuttgart: Reclam, 2001, S.3 (im Folgenden abgekürzt als E)

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Bärtsch 98

[11] E 21

[12] E 4

[13] Ebd. 22

[14] Bärtsch 102

[15] E 19

[16] Ebd. 20

[17] Bärtsch 103

[18] Bärtsch 100

[19] E 18

[20] Ebd. 16

[21] Bärtsch 106

[22] Ebd. 103

[23] E 4

[24] E 20

[25] Ebd. 23

[26] Ebd. 18

[27] Ebd. 23

[28] Ebd. 24

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung von Innerlichkeit in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Unheimliches Sehen"
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V80242
ISBN (eBook)
9783638864107
ISBN (Buch)
9783638864626
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Innerlichkeit, Ludwig, Tiecks, Eckbert, Hauptseminar, Unheimliches, Sehen
Arbeit zitieren
Christian Schäfer (Autor), 2006, Die Darstellung von Innerlichkeit in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80242

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