Das unterschiedliche Verhalten beider Staaten wird als Funktion verschiedener nationaler Rollenkonzepte verstanden. Es handelt sich also um eine konstruktivistische Perspektive.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung
B Die Rollentheorie als Analyseinstrument von Außenpolitik
C Deutsches und französisches Rollenkonzept
C.I „Umkehr zur Humanität“ – Zivilmacht Deutschland
C.II „Independence, Grandeur, Rang, Gloire“ – Die residuale Weltmacht Frankreich
D Das NATO-Projekt der atomaren Multilateral Force (MLF)
D.I Historischer Kontext
D.II MLF und deutsche Rolle
D.III MLF und französische Rolle
E Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die unterschiedliche Bewertung des von den USA initiierten NATO-Projektes einer multilateralen Atomstreitmacht (MLF) durch Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland im Zeitraum von 1957 bis 1965. Ziel ist es, diese Divergenzen nicht rein machtpolitisch, sondern durch den Vergleich nationaler Rollenkonzepte zu erklären, um die Eignung der konstruktivistisch-reflexiven Rollentheorie für außenpolitische Analysen aufzuzeigen.
- Anwendung der Rollentheorie als analytisches Instrument zur Untersuchung von Außenpolitik.
- Identifikation der spezifischen Rollenverständnisse ("Zivilmacht" Deutschland vs. "residuale Weltmacht" Frankreich).
- Analyse der nationalen Reaktionen auf das MLF-Projekt vor dem Hintergrund des Kalten Krieges.
- Gegenüberstellung von politischen Verhaltensmustern und Sicherheitsinteressen beider Staaten.
- Bewertung der Erklärungskraft von Rollenkonzepten im Vergleich zu großtheoretischen Ansätzen der Internationalen Beziehungen.
Auszug aus dem Buch
C.II „Independence, Grandeur, Rang, Gloire“ – Die residuale Weltmacht Frankreich
Vor allem deutschen Beobachtern fällt es schwer, die durch die Franzosen selbst postulierte Rolle Frankreichs in der Welt zu bewerten. Die Bezeichnung Frankreichs als ‚grande nation’ gerät schnell zum Vorwurf des nationalen Alleinganges und wird dabei nicht selten mit süffisanter und stereotypisch besetzter Verspottung des Nachbarn gewürzt. Sie übersieht zudem, dass der Terminus schon länger kein Attribut französischer Eigenbeschreibung mehr ist. In Frankreich wird seit Charles de Gaulle eher von der ‚certain idée de la france’ gesprochen, die das politische und diskursive Verständnis der meisten Franzosen über die Rolle ihres Landes in der Welt differenzierter und angemessener beschreibt. Allerdings beinhaltet diese ‚gewisse Idee’ durchaus einen regionalen Führungsanspruch mit globaler Positionierung und auch globalem Auftreten.
Gerade die französische Außenpolitik offenbart die Grenzen vor allem der (neo-) realistischen Perspektive, ist eine auf die harten Fakten konzentrierte Analyse nur wenig erkenntnisfördernd. Der besondere Anspruch der Franzosen ist wie im deutschen Fall zunächst stark historisch determiniert. Im Gegensatz zur deutschen zeigt die französische Geschichte jedoch einen kontinuierlicheren Verlauf und ist seit der Revolution von 1789 frei von fundamentalen Brüchen. An sie konnte nach der Schmach der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg direkt angeknüpft werden. Eine mondiale Führungsrolle penetrant zu betonen, gehört nicht zuletzt zu einem diskursiven Prozess, der für Frankreich ebenso typisch wie für seine Nachbarn meist unverständlich ist. Die Frage nach dem Platz des Landes in der Welt ist somit stets auch eine nach der französischen Identität.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einleitung: Die Einleitung begründet das Forschungsinteresse an der unterschiedlichen Haltung Deutschlands und Frankreichs zur MLF und führt die Rollentheorie als theoretischen Analyserahmen ein.
B Die Rollentheorie als Analyseinstrument von Außenpolitik: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Rollentheorie als Alternative zu machtzentrierten Ansätzen der Internationalen Beziehungen.
C Deutsches und französisches Rollenkonzept: Das Kapitel identifiziert die spezifischen nationalen Rollenverständnisse, wobei Deutschland als Zivilmacht und Frankreich als residuale Weltmacht charakterisiert wird.
D Das NATO-Projekt der atomaren Multilateral Force (MLF): Es wird der historische Kontext der MLF dargelegt und analysiert, wie die nationalen Rollenkonzepte die konkrete Politik beider Staaten gegenüber dem Projekt beeinflussten.
E Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass die Rollentheorie die unterschiedliche Bewertung der MLF durch Bonn und Paris überzeugender erklären kann als rein utilitaristische Großtheorien.
Schlüsselwörter
Rollentheorie, Außenpolitik, MLF, Multilateral Force, Zivilmacht, residuale Weltmacht, Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Sicherheitsstrategie, Kalter Krieg, NATO, Identität, Souveränität, Machtpolitik, internationale Beziehungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen außenpolitischen Reaktionen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreichs auf das NATO-Projekt einer multilateralen Atomstreitmacht (MLF) in den Jahren 1957 bis 1965.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Außenpolitik von Deutschland und Frankreich während des Kalten Krieges, die theoretische Perspektive der Rollentheorie sowie die sicherheitspolitischen Debatten um nukleare Teilhabe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, dass die abweichenden Haltungen der beiden Staaten zur MLF am besten durch ihre spezifischen nationalen Rollenkonzepte zu erklären sind, anstatt durch rein neo-realistische oder utilitaristische Ansätze.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt die konstruktivistisch-reflexive Rollentheorie aus der Soziologie und Sozialpsychologie als Analyserahmen, um außenpolitische Entscheidungsprozesse durch die Einbeziehung normativer Variablen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung, die Identifikation der Rollen ("Zivilmacht" vs. "Weltmacht") sowie die detaillierte Untersuchung der nationalen Positionen zur MLF im historischen Kontext.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rollentheorie, Zivilmacht, residuale Weltmacht, Multilateral Force (MLF), nationale Identität und sicherheitspolitische Integration.
Warum lehnte Frankreich das MLF-Projekt so konsequent ab?
Das Projekt war unvereinbar mit dem französischen Streben nach nationaler Souveränität und ihrem Status als Weltmacht, da es die Kontrolle der eigenen Atomstreitmacht (force de frappe) durch NATO-Integration gefährdet hätte.
Wie lässt sich die deutsche Haltung zur MLF rollentheoretisch erklären?
Die deutsche Zustimmung entsprach dem Rollenkonzept der "Zivilmacht", die durch feste Einbindung in westliche Bündnisse Sicherheit gewinnen, Reputation als verlässlicher Partner erlangen und nationale Alleingänge vermeiden wollte.
- Quote paper
- Kai Posmik (Author), 2006, Die unterschiedliche Sicht der Multilateral Force in Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland als Ausdruck verschiedener nationaler Rollenkonzepte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80296