Die Rolle der Rhetorik im Rahmen der Artes Liberales


Seminararbeit, 2005

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Vorgehensweise in dieser Arbeit

2. Artes liberales – Begriffsklärung
2.1. Die Terminologie
2.2. έγχύχλιος παιδεία (Enkýklios paideía)
2.3. Die Mythologie

3. Die Fächereinteilung der Artes liberales
3.1. Die Entwicklung hin zum klassischen Wissenschaftskanon
3.1.1. Die griechische Antike
3.1.2. Die römische Antike
3.2. Die Fächer des klassischen Wissenschaftskanons
3.3. Die Beziehung der übrigen Fächer zur Rhetorik

4. Die Rolle der Rhetorik im Rahmen des mittelalterlichen Triviums

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis:

Anhänge:
Anhang 1:
Anhang 2:

1. Zur Vorgehensweise in dieser Arbeit

Hinter der Aufgabenstellung für diese Hausarbeit „Die Rolle der Rhetorik im Rahmen der Artes liberales“ verbirgt sich ein sehr weitläufiges, teilweise unerforschtes und schwer greifbares Themengebiet.

Bereits Uta Lindgren, die auch den Artikel über die „Artes liberales“ im Tübinger Rhetoriklexikon verfasste, spricht im Vorwort ihres Buches „Die Artes Liberales in Antike und Mittelalter“ von „[…] Skrupel, die einen im Angesicht eines so gigantischen Themas befallen […]“[1] können. Doch ebenso wie bei Lindgren, soll auch in dieser Arbeit durch sinnvolle Ein- wie Abgrenzung des Stoffes eine wissenschaftliche Untersuchung möglich gemacht werden, anstatt „[...] ein Klagelied anzustimmen, zumal wenn man ohnehin weder zu dichten noch zu singen vermag.“[2]

Es ist interessant zu sehen, dass die aktuelle Diskussion über die allgemeine, fächerübergreifende Bildung kein Problemkind unserer Zeit ist, sondern es bereits vor Jahrtausenden ein Modell gab, welches sich dieser Problematik bewusst war und vor allem angenommen hat: Die „Artes liberales“. So ist in der aktuellen Bildungsdebatte einzugestehen, dass dieses Thema nicht plötzlich aus dem Nichts auftauchte, sondern anscheinend Erkenntnisse in Vergessenheit gerieten, die unserer modernen Gesellschaft aus der Antike hätten vorliegen können. Genau diese Gegebenheit hat das besondere Interesse an dieser Hausarbeit geweckt. Bevor man sich der Aufgabenstellung widmen kann, welche Rolle die Rhetorik im Rahmen der „Artes liberales“ spielt, ist es sinnvoll in Punkt 2 zunächst eine Klärung des Begriffes unter Berücksichtigung des terminologischen wie mythologischen Hintergrundes vorzunehmen. Ist das Wesen dieser geklärt, stellt sich nun die Frage: „Wie viele und welche Fächer umfasste dieser Wissenschaftskanon gewöhnlicherweise und wie wurden diese eingeteilt?“

Hierauf soll Punkt 3 „Die Fächereinteilung der Artes liberales“ eine Antwort geben. Schon zum dortigen Zeitpunkt der Arbeit wird eine Eingrenzung des Stoffgebietes auf die „gewöhnliche“ Darstellung der „Artes liberales“ erfolgen müssen. Denn die vollständige und somit weitläufige Berücksichtigung historischer Entwicklungsaspekte hätte den geforderten Umfang dieser Hausarbeit bei weitem überstiegen.

Im vierten Punkt wird die Frage geklärt werden, welche Rolle die Rhetorik im Rahmen der „Artes liberales“ im lateinischen Mittelalter gespielt hat. In der Schlussbemerkung wird nochmals Stellung bezogen zu der in der Einleitung anklingenden Problematik der aktuellen Bildungspolitik und der Rolle der „Artes liberales“ hierbei.

2. Artes liberales – Begriffsklärung

2.1. Die Terminologie

Der lateinische Begriff „Artes liberales“ lässt sich zum erstenmal bei Cicero De inv. I 35 im 1. Jahrhundert v. Chr. als fester Terminus nachweisen: „[…] quos habuerit artium liberalium […].“[3] Dieser wird heute ins Deutsche mit „freie Künste“ übersetzt. Jedoch ist bei der Übersetzung Vorsicht geboten. So ist der Singular „ars“ entgegen seiner wörtlichen Übersetzung nicht ausschließlich als „Kunst“ zu verstehen, sondern eher als „Technik, Fähigkeit, Sachgebiet“ und vor allem in der Bedeutung von „Wissenschaft“. „Liberales“ wurde zu Anfang des Mittelalters bereits einmal falsch übersetzt, indem man „liberales“ vom lat. Nomen „liber“ = dt. „Buch“ ableitete und somit unter ihr die Bücherwissenschaft verstand.

Die korrekte Übersetzung, wie sie Heute gilt und aus der Antike übernommen wurde, geht vom lat. Adjektiv „liber“ = dt. „frei“ aus. Diese Übersetzung findet ihre Bestätigung in der Tatsache, dass in der Antike darunter „[…] die eines freien Mannes würdigen Künste und Wissenschaften“[4] verstanden wurden. Diesem Terminus gegenüber standen die sogenannten banausischen oder handwerklichen Fähigkeiten, bezeichnet als „Artes illiberales“, „Artes sordidae“ oder „Artes mechanicae“.[5] Für den zur Vokabel erstarrten Ausdruck „Artes liberales“, finden sich in der Literatur auch häufig die Termini „disciplinae liberales, studia liberales oder litterae liberales“. Seit den „Disciplinarum libri IX“ des M. Terentius Varro im ersten vorchristlichen Jahrhundert, wurde es gebräuchlich nur noch von den „Artes “ oder „Disciplinae“ zu sprechen, da sich die Ergänzung „liberales“ von selbst verstand. Martianus Cappella, dessen biographische Daten völlig unbekannt sind[6], verwandte ca. im 4 Jh. n. Chr. nur noch die Begriffe „Artes“ und „Disciplinae“ ohne jemals „liberales “ hinzugefügt zu haben.[7]

Ebenfalls aus dem Lateinischen leiten sich die Bezeichnung „Trivium“ und „Quadrivium“ ab, in welche die „Artes liberales“ unterteilt werden. Um dem Punkt 3.2. nicht vorzugreifen, soll hier nur eine kurze terminologische Darstellung der Begriffe erfolgen. „Trivium“ leitet sich von den lateinischen Worten „tres“ = dt. drei und „via“ = dt. Weg ab und bildet wörtlich den „Dreiweg“. „Quadrivium“ ergibt sich aus der lat. Numerale „quattuor“ = dt. vier, wie aus dem Nomen „via“ = dt. Weg und entspricht somit dem „Vierweg“.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2. έγχύχλιος παιδεία (Enkýklios paideía)

Der heute verwendete Begriff „Artes liberales “ wurde ursprünglich aus der griechischen Antike übernommen und während der römischen Antike ins Lateinische übersetzt. Der genauen Entsprechung des lateinischen Terminus würde das griechische Wort τέχναι entsprechen. Doch verwendeten die Griechen für gewöhnlich die Bezeichnung έγχύχλιος παιδεία.[9] Da Enkýklios paideía nicht die exakte Übersetzung zu „Artes liberales “ ist, wird über die genaue Bedeutung der Ausdrücke έγχύχλιος und παιδεία, wie auch über die Gesamtbezeichnung, in Fachkreisen diskutiert.[10]

Da die Darlegung dieses epistemologischen Diskurses nicht nur das Thema dieser Arbeit verfehlen, sondern auch zu einem unangemessenen Umfang führen würde, soll hier nur das Antike Verständnis von έγχύχλιος παιδεία nach Kühnert resümiert werden.

Unter έγχύχλιος παιδεία versteht man eine „[…] allgemeine, nicht-fachmännische Bildung, die der Freie sich an einem (mehr oder weniger) bestimmten Kreis von Lehrgegenständen erwirbt“[11]. Vergleicht man nun die Ergebnisse der terminologischen Untersuchungen aus der römischen Antike mit denen der griechischen Antike, so ist offensichtlich, dass beide Begriffe dem Wesen nach gleich sind. So kann gesagt werden, dass dem Terminus έγχύχλιος παιδεία bei den Griechen der Terminus „Artes liberales “ bei den Römern entspricht. Dieser wird auch in der einschlägigen Literatur synonym verwendet. Allerdings bleibt zu beachten, dass die Verbindung έγχύχλιος παιδεία schon seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. nachzuweisen ist, wohingegen der Begriff „Artes liberales “ erst seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. im Lateinischen auftaucht. Ein Beweis für die zu Beginn dieses Punktes aufgestellte Hypothese, dass die römische Antike die „freien Künste“ aus der griechischen Antike übernommen hat.

Eine genauere Betrachtung dieser Entwicklung wird im Punkt 3.1. erfolgen.

2.3. Die Mythologie

Die einzige mythologische Erklärung der „freien Künste“, die aus dem Lateinischen erhalten ist, stammt aus Martianus Capellas „De nuptiis Philologiae et Mercurii“, entstanden in der Zeit zwischen dem 3. und 4. Jahrhundert. Der Mythos soll hier nur kurz umrissen werden.

Philologia die Auserwählte Merkurs bekommt aus seinem Gesinde sieben jungfräuliche Dienerinnen, welche die sieben freien Künste repräsentieren. Diese sollen Philologia ihre gesamte Gelehrsamkeit wieder geben, die sie bei der Erhebung vom irdischen zum göttlichen verloren hat, indem jede Dienerin ihr einzelnes Fach vorträgt. Die Fächer sind: Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musik.[12]

Hierzu gibt es eine berühmte allegorische Darstellung von Herrad von Landsberg (* ca. 1125 – 1130/† 1195), welche der „Lustgarten“ genannt wurde und ca. um 1175 entstanden ist. Diese zeigt, wie die meisten Allegorien der „Artes liberales “, die Fächer mit folgenden Attributen:

Grammatik: Rute und Tafel mit Buchstaben

Rhetorik: Schreibtafel und Schreibgriffel

Dialektik: aufzählende Handhaltung und Hundekopf

Musik: Harfe und Handorgel

Arithmetik: Gesten des Fingerrechnens, Rechenschnur und Zählkugeln

Geometrie: Zirkel und Messlatte

Astronomie: Astrolabium

In der Mitte sitzt die Philosophie als Herrin, von der ein dreiteilger und ein vierteiliger Strom ausgeht. Sie trägt eine dreigeteilte Krone, welche die drei Bereiche Ethik, Logik und Physik repräsentieren soll. Diese Anordnung und Darstellung symbolisiert besonders deutlich, dass diese Lehrplanfächer alle ihren Mittelpunkt in der Philosophie haben. Im Mittelkreis, direkt unterhalb der Philosophie, sind die das Universum erforschenden Philosophen Platon und Sokrates zu sehen. Unter den dargestellten „Artes “ repräsentieren die Poeten oder Magier die falschen und gefährlichen Wissenschaften.[13] Die Abbildung scheint wie eine allegorische Antwort auf: „Quis sit ordo discendi?“ in der „Philosophia mundi“.

[...]


[1] Lindgren 1992 b), Vorwort

[2] Lindgren 1992 b), Vorwort

[3] Kühnert 1961, S. 4

[4] Kühnert 1961, S. 17

[5] Vgl. Kühnert 1961, S. 4

6 Vgl. Lindgren 1992 a), Sp. 1094

[7] Vgl. Kühnert 1961, S. 5

[8] Vgl. Ueding 1994, S. 54

[9] Vgl. Kühnert 1961, S. 5

[10] Vgl. Kühnert 1961, S. 7

[11] Kühnert 1961, S. 14

[12] Vgl. Lindgren 1992 a), Sp. 1094

[13] Abbildung siehe Anhang 1

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Rhetorik im Rahmen der Artes Liberales
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Seminar für Allgemeine Rhetorik)
Veranstaltung
Rhetorik und Lernen
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V80309
ISBN (eBook)
9783638875271
ISBN (Buch)
9783640390809
Dateigröße
3547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rolle, Rhetorik, Rahmen, Artes, Liberales, Lernen
Arbeit zitieren
Dominic Hand (Autor), 2005, Die Rolle der Rhetorik im Rahmen der Artes Liberales, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80309

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