Vor dem Hintergrund meiner Kernthese, die besagt, dass Baudelaire die Antike
wie auch mit dieser Epoche konnotierten Motive als Vehikel, als „zeitlose sprachliche
Zeichen“ nutzt, mit denen er Konvergenzen zwischen den signifiés von Bildern aus
der antiken Mythologie auf der einen Seite und der Zeicheninnenseite von Bildern der
Moderne auf der anderen hervorzuheben sucht, möchte ich über Baudelaires
Definition der Moderne nach Walter Benjamin Schlüsse auf Baudelaires
Geschichtsauffassung ziehen, um so die Notwendigkeit von Antikenmotiven in den
‚Blumen des Bösen’ begründen zu können.
Nach Benjamin ist die Moderne nicht etwa ein deutlich abgrenzbarer Zeitraum mit
allein ihr inhärenten Merkmalen, sondern vielmehr „eine Epoche, die sich nicht der
Antike entgegen setzt“. Es ist die Moderne, die die Dichotomie zwischen dem
„Transistorische[n]“ und dem „Ewigen“ zu überbrücken vermag, indem „die
Gegenwart, die Aktualität sich in jedem Augenblick verzehrt“.1a
Baudelaires Geschichtsbild kann auf analoger Ebene modellhaft mit dem Modell
der Sprache nach de Saussure dargestellt werden: die Weltgeschichte als System, in
dem neben dem linearen Fortschreiten der Zeit auf der Achse der Diachronie auf der
Ebene der Synchronie markante Merkmale, die das System konstituieren,
epochenüberschreitend und konstant vorhanden bleiben.
Es ist dies mein methodisches Gerüst, gemäß dem ich in den Antikenmotiven eine
„antropologische Konstante“ vermute, deren signifié sich von der Antike in die
Moderne transponieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
1 Funktion der Antikenmotive in den „Fleurs du Mal“ unter Berücksichtigung der Definition der Baudelaire’schen Allegorie
1.1 Antikenmotive als formengeschichtliche Vehikel zur Illustration der Epoche der Moderne
1.2 Baudelaires Verständnis der individuellen und kollektiven Natur: die dekonstruktivistische Struktur der „Fleurs du Mal“
1.3 Baudelaires Bildbegriff unter besonderer Berücksichtigung der Allegorie am Beispiel des Gedichts „Le Cygne“
1.4 Definition und Strukturmerkmale der Baudelaire’schen Allegorie
2 Analyse von „Le Cygne“ unter besonderer Berücksichtigung der Antikenmotive
3 Analyse der Funktion der Antikenmotive im Gedicht „Lesbos“ unter besonderer Berücksichtigung der Semantik
3.1 Analyse der Atmosphäre im Gedicht „Lesbos“
3.1.1 Semanalyse der übrigen Antikenmotive neben „Lesbos“ mit dem Ziel der Untersuchung ihrer Funktion im Gedichtganzen
3.1.2 Die „lesbiennes“ als prototypisches Antikenmotiv
4 Analyse ausgewählter Antikenmotive aus verschiedenen Gedichten der „Fleurs du Mal“ mit dem Ziel einer Kennzeichnung ihrer Funktion im Werkganzen
4.1 L’avertisseur – Herstellen von Bezügen zur Antike mittels der korrelativen Analogie
4.2 Icare – Ein Antikenmotiv als Reflektor menschlicher Grunderfahrungen
4.3 Hercules – Relativierung der virilen Kraft im Gedicht „Le Beau Navire“
5 Analyse der abstrakten (expliziten und impliziten) Antikenmotive mit dem Ziel der Herleitung des Baudelaire’schen Naturverständnisses
6 Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Funktion von Antikenmotiven in Charles Baudelaires „Fleurs du Mal“, um aufzuzeigen, wie diese Motive als Brücke zwischen der Immanenz des modernen Alltags und einer transzendenten Ebene dienen. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert sich darauf, inwiefern diese antiken Referenzen als systemisches Vehikel fungieren, um die „Banalität der Dinge“ zu überwinden und eine neue Ordnung im Sinne eines metaphysischen Sinnstiftungsprozesses zu etablieren.
- Dekonstruktion und allegorische Struktur der „Fleurs du Mal“
- Funktionalisierung antiker Motive als „Pontifex“ zwischen Moderne und Antike
- Semantische Analyse der Antikenmotive in ausgewählten Gedichten wie „Le Cygne“ und „Lesbos“
- Korrelative Analogie als Methode zur Interpretation literarischer Symbole
- Herleitung des Baudelaire’schen Natur- und Menschenbildes durch antike Metaphorik
Auszug aus dem Buch
1.1 Antikenmotive als formengeschichtliche Vehikel zur Illustration der Epoche der Moderne
Vor dem Hintergrund meiner Kernthese, die besagt, dass Baudelaire die Antike wie auch mit dieser Epoche konnotierten Motive als Vehikel, als „zeitlose sprachliche Zeichen“ nutzt, mit denen er Konvergenzen zwischen den signifiés von Bildern aus der antiken Mythologie auf der einen Seite und der Zeicheninnenseite von Bildern der Moderne auf der anderen hervorzuheben sucht, möchte ich über Baudelaires Definition der Moderne nach Walter Benjamin Schlüsse auf Baudelaires Geschichtsauffassung ziehen, um so die Notwendigkeit von Antikenmotiven in den ‚Blumen des Bösen’ begründen zu können.
Nach Benjamin ist die Moderne nicht etwa ein deutlich abgrenzbarer Zeitraum mit allein ihr inhärenten Merkmalen, sondern vielmehr „eine Epoche, die sich nicht der Antike entgegen setzt“. Es ist die Moderne, die die Dichotomie zwischen dem „Transistorische[n]“ und dem „Ewigen“ zu überbrücken vermag, indem „die Gegenwart, die Aktualität sich in jedem Augenblick verzehrt“.
Baudelaires Geschichtsbild kann auf analoger Ebene modellhaft mit dem Modell der Sprache nach de Saussure dargestellt werden: die Weltgeschichte als System, in dem neben dem linearen Fortschreiten der Zeit auf der Achse der Diachronie auf der Ebene der Synchronie markante Merkmale, die das System konstituieren, epochenüberschreitend und konstant vorhanden bleiben.
Es ist dies mein methodisches Gerüst, gemäß dem ich in den Antikenmotiven eine „antropologische Konstante“ vermute, deren signifié sich von der Antike in die Moderne transponieren lässt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Funktion der Antikenmotive in den „Fleurs du Mal“ unter Berücksichtigung der Definition der Baudelaire’schen Allegorie: Dieses Kapitel etabliert das theoretische Fundament, indem es die Antikenmotive als zeitlose sprachliche Zeichen und die Allegorie als wesentliches Instrument zur Vermittlung zwischen Antike und Moderne definiert.
2 Analyse von „Le Cygne“ unter besonderer Berücksichtigung der Antikenmotive: Die Analyse zeigt anhand des Schwan-Motivs auf, wie das lyrische Ich durch die Konfrontation mit dem antiken Erbe eine Katharsis erfährt und versucht, den Dualismus der Moderne zu überwinden.
3 Analyse der Funktion der Antikenmotive im Gedicht „Lesbos“ unter besonderer Berücksichtigung der Semantik: Hier wird Lesbos als Ort und Symbol für einen Lebensstil untersucht, der jenseits der gesellschaftlichen Konventionen eine utopische Gegenwelt entwirft.
4 Analyse ausgewählter Antikenmotive aus verschiedenen Gedichten der „Fleurs du Mal“ mit dem Ziel einer Kennzeichnung ihrer Funktion im Werkganzen: Durch die Untersuchung von Motiven wie Ikarus, der Schlange oder Herkules werden konkrete Analogien für menschliche Grunderfahrungen und die Relativierung von Macht abgeleitet.
5 Analyse der abstrakten (expliziten und impliziten) Antikenmotive mit dem Ziel der Herleitung des Baudelaire’schen Naturverständnisses: Dieses Kapitel verknüpft die bisherigen Ergebnisse mit Baudelaires Naturphilosophie, in der die Natur als ein ungeordnetes System begriffen wird, das erst durch den Akt der künstlerischen Ordnung Sinn erhält.
6 Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass Antikenmotive für Baudelaire weit mehr als schmückendes Beiwerk sind; sie fungieren als essenzielle Vehikel für eine didaktische Handlungsanweisung zur Bewältigung der Moderne.
Schlüsselwörter
Baudelaire, Fleurs du Mal, Antikenrezeption, Allegorie, Moderne, Immanenz, Transzendenz, Mythologie, Korrelative Analogie, Semanalyse, Symbol, Sündenfall, Kosmos, Unio Mystica, Stofflichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Charles Baudelaire antike Motive in seinem Gedichtband „Fleurs du Mal“ einsetzt, um die Brücke zwischen einer fragmentierten Moderne und einem tieferen, transzendenten Sinngefüge zu schlagen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Baudelaire’sche Allegorie, das Verhältnis von Immanenz und Transzendenz, das Naturverständnis des Autors sowie die didaktische und gesellschaftskritische Funktion antiker Mythen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass die Antikenmotive als strukturgebende Vehikel dienen, die es dem lyrischen Ich ermöglichen, aus der Banalität der modernen Welt in eine Sphäre der Metamorphose und Ordnung zu gelangen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor bedient sich der korrelativen Analogie und textlinguistischer Modelle, um die Bedeutung der antiken Motive semasiologisch auf ihre „signifiés“ hin zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse spezifischer Gedichte wie „Le Cygne“ und „Lesbos“ sowie die Untersuchung einzelner Figuren wie Ikarus und Herkules hinsichtlich ihrer Funktion im Werkganzen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Baudelaire’sche Allegorie“, „Korrelative Analogie“, „Immanenz“, „Transzendenz“, „Unio Mystica“ und „Antikenrezeption“.
Inwiefern spielt der Sündenfall eine Rolle für Baudelaires Naturauffassung?
Baudelaire betrachtet den Menschen als ein zwischen zwei Polen zerrissenes Wesen im Zustand des Sündenfalls; die Natur wird als chaotisch wahrgenommen, deren Ordnung durch den Dichter erst wiederhergestellt werden muss.
Was bedeutet die Einstufung des Herkules als „unterlegen“ im Gedicht „Le Beau Navire“?
Sie deutet auf einen Paradigmenwechsel hin, bei dem die rein physische, virile Kraft der Antike zugunsten einer weiblich konnotierten Spiritualität und der Fähigkeit zur Synthese entwertet wird.
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- Kai Hühne (Author), 2005, Analyse der Funktion ausgewählter Antikenmotive in Charles Baudelaires "Fleurs du Mal", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80324