Die individuelle Identität eines Individuums ist seit den modernen Gesellschaftsprognosen, von z.B. Ulrich Beck, stark umstritten. Dieses gilt für alle Arten von Identität, personale, also persönliche oder soziale Identität aber auch die kollektive Identität. Selbst die Verwendung des Begriffs »Identität« ist nicht mehr klar und erfreut sich zahlloser Analysen und Diskussionen. Außerdem ist der Begriff »Identität« längst zum Modewort avanciert. Ich selbst habe mich schon früher mit dem Thema der Identitätskonstruktion auseinandergesetzt. Der Fokus lag dabei in der Regel auf der Erklärung und Analyse von Identität, die durch postmoderne, individualisierte Gesellschaftsformen beschrieben wird.
Auch die Unterscheidung zwischen personaler und kollektiver Identität hatte dabei eher eine nebensächliche Bedeutung. Ich werde mich hier vornehmlich den Texten von Dr. Jürgen Straub widmen, denn sie beschäftigen sich ausführlich mit den beiden Themen personale und kollektive Identität und betrachten Identität außerdem unter einem anderen als dem mir schon bekannten Blickwinkel.
Straub betrachtet die These der „individualisierten Identität“ sehr kritisch und greift auch immer wieder die Theorein bestimmter Verfechter dieser Ansätze (z.B. Heiner Keupp, der den Begriff der Patchwork-Identität prägte) auf, um darauf explizit einzugehen. Ich werde mich daher fast ausschließlich mit den Texten von Jürgen Straub beschäftigen, da es mich persönlich sehr interessiert hat, auch einmal eine kritische Sicht auf die postmoderne Identität zu erleben. Er lässt dabei natürlich die uns umgebenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in seiner Analyse nicht aus, er versucht allerdings, die allzu schnell übernommenen „Horrorszenarien“ bezüglich der Entwicklung und Konstruktion unserer Identität realistisch zu betrachten. Die personale und kollektive Identität werden von Jürgen Straub sehr bewusst streng getrennt. Diese Trennung habe ich übernommen, da ich es in Hinblick auf die dazu gehörigen Argumente als sinnvoll erachtete.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Identität: Definitionen und Begriffsklärung
3 Die personale Identität nach Straub (2000 / 2002 / 2004)
3.1 Identität als Aspiration
3.2 Differenzialität und konstitutiver Selbstentzug
3.3 Qualitative Bestimmungen und die Form oder Struktur personaler Identität
3.4 Kontinuität, Konsistenz und Kohärenz
3.5 Handlungspotential und Autonomie
3.6 Zusammenfassende Bemerkung
4 Die kollektive Identität nach Straub (2002 / 2004)
4.1 Kurze Begriffsgeschichte
4.2 Signifikant ohne Signifikat
4.3 Identity politics
4.4 Vorschlag für die Begriffsbestimmung
5 Abschließende Bemerkung / Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Identität aus der Perspektive des Psychologen Dr. Jürgen Straub. Ziel ist es, eine differenzierte Auseinandersetzung mit der personalen und kollektiven Identität zu führen, die über gängige postmoderne Identitätsmodelle hinausgeht und Identität als normativen Anspruch statt als rein deskriptives Konzept begreift.
- Kritische Analyse des Identitätsbegriffs bei Jürgen Straub
- Unterscheidung zwischen personaler und kollektiver Identität
- Identität als Aspiration und strukturelle Selbstbeziehung
- Die Problematik kollektiver Identitätskonstruktionen und das Potenzial für Fundamentalismus
- Identitätspolitik als strategisches Mittel minoritärer Gruppen
Auszug aus dem Buch
3.1 Identität als Aspiration
„Die Identität einer Person gibt es nicht im Sinne des reifizierbaren Vorliegens eines Sachverhalts.“ (Straub 2004, S. 279)
Identität wird in theoretischen Ansätzen häufig als Konstrukt betrachtet, welches nur ein vorläufiges Resultat einer lebenslangen Entwicklung ist. Damit ist Identität aber niemals etwas Gegebenes, sondern immer etwas Aufgegebenes. Straub bezeichnet Identität als Aspiration.
Dies bezeichnet er als den Kernpunkt des modernen Verständnisses von personaler Identität. Personale Identität als Mittelpunkt der sozialen Handlungsfähigkeit eines Individuums, zu sich selbst ins Verhältnis zu treten und eine eigenständige und selbstbestimmte Vorstellung seines Handelns, orientiert am eigenen Selbst zu entwickeln, beschriebt Straub als „prinzipiell unvollständig und unvollendet“ (Straub 2004, S. 280).
Der Begriff personale Identität meine viel mehr ein offenkundiges Projekt, was sich das moderne Individuum zu Eigen machen kann, aber nicht muss. Dabei muss jede Person selbst dafür sorgen, wer sie geworden ist und wer sie sein möchte.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Verfasserin stellt den Fokus ihrer Arbeit auf die Identitätstheorie von Dr. Jürgen Straub dar und begründet ihre kritische Haltung gegenüber postmodernen Patchwork-Identitätsansätzen.
2 Identität: Definitionen und Begriffsklärung: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Herangehensweisen an den Begriff der Identität von der Psychologie bis zur Soziologie.
3 Die personale Identität nach Straub (2000 / 2002 / 2004): Hier werden die fünf zentralen Schritte definiert, durch die Straub personale Identität als strukturelles, aspiratives und normatives Konzept beschreibt.
4 Die kollektive Identität nach Straub (2002 / 2004): Dieses Kapitel beleuchtet die kritische Sicht des Autors auf kollektive Identitätskonstruktionen sowie die differenzierte Rolle von Identitätspolitik.
5 Abschließende Bemerkung / Fazit: Die Verfasserin reflektiert ihre Erkenntnisse und hinterfragt insbesondere Straubs Vorschlag, den Begriff der kollektiven Identität zugunsten des Wortes „Wir“ aufzugeben.
Schlüsselwörter
Identität, Identitätsentwicklung, Personale Identität, Kollektive Identität, Jürgen Straub, Aspiration, Selbstentzug, Autonomie, Identitätspolitik, Patchwork-Identität, Sozialisation, Handlungspotential, Kohärenz, Kontinuität, Diskurskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den Identitätstheorien von Dr. Jürgen Straub und untersucht dessen Unterscheidung zwischen personaler und kollektiver Identität im Kontext moderner Gesellschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition von Identität als fortwährendes Projekt (Aspiration), die Rolle des Selbstentzugs, die Abgrenzung von Totalität sowie die Gefahren und strategischen Nutzungen kollektiver Identitätsbildungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine fundierte Analyse von Straubs identitätstheoretischen Positionen, um ein realistischeres Bild der Identitätskonstruktion zu zeichnen, das sich kritisch von sogenannten „Horrorszenarien“ der Postmoderne abhebt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine theoretische Analyse und Literaturarbeit, in der sie die Schriften von Jürgen Straub systematisch aufbereitet und mit anderen Identitätstheorien kontrastiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden schrittweise die Dimensionen der personalen Identität erläutert und anschließend die Problematik kollektiver Identitäten, inklusive der Rolle von Identitätspolitik und sozialen Mechanismen der Ausgrenzung, detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie „Aspiration“, „personale Identität“, „kollektive Identität“, „Selbstentzug“ und „Autonomie“ geprägt.
Warum hält Straub die Übertragung von Identität auf Kollektive für heikel?
Laut Straub öffnet diese Übertragung der Ideologisierung Tür und Tor und kann als rhetorisches Mittel zur sozialen Ausgrenzung oder politischen Mobilmachung missbraucht werden, was potenziell Gewalt fördert.
Wie bewertet die Verfasserin den Vorschlag, den Begriff kollektive Identität durch „Wir“ zu ersetzen?
Die Autorin steht diesem Vorschlag skeptisch gegenüber, da sie darin eher ein „Totschweigen“ des Problems sieht, welches die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Spannungen nicht nachhaltig löst.
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- Lena Metzing (Author), 2007, Identitätsentwicklung. Definitionen und die personale und soziale Identität nach Straub, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80411