McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit - ein Versuch seiner Widerlegung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit aus ihrem Begriff

2. Kann eine statische (B-)Reihe als Zeitstruktur gelten?

3. Zwischenbetrachtung: eine dynamische Zeit ohne vollständige A-Reihe

4. Zur vermeintlichen Widersprüchlichkeit der A-Reihe

5. Der Versuch einer Synthese: A- und B-Reihe als lediglich zwei verschiedene Sichtweisen der einen Zeit

6. Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit aus ihrem Begriff

McTaggarts Auseinandersetzung mit der Zeitproblematik gehört zu den Versuchen, die Irrealität der Zeit dadurch zu erweisen, dass die Begriffe, die wir uns von der Zeit bilden, als widersprüchlich herausgestellt werden. Diese Widersprüche in unserem Zeitbegriff sollen belegen, dass es gar nicht möglich ist, Zeit als eine Struktur der Realität aufzufassen (vgl. Bieri 1972: 11, 19ff.). Die vorliegende Arbeit hat das – ziemlich „unmoderne“ – Anliegen, die Möglichkeit einer dynamischen Zeit gegen McTaggart zu verteidigen. McTaggart glaubt, verschiedene Probleme aufzudecken, die mit unserem herkömmlichen Verständnis der Zeit verbunden seien, sodass die Zeit, so wie wir sie gewöhnlich denken, nur irreal sein kann. In dieser Arbeit soll gezeigt werden, dass McTaggarts Irrealitätsbeweis darauf beruht, unseren Zeitbegriff in unnatürlicher Weise zu sezieren. Seine Zerlegung der Zeit in eine A- und eine B-Reihe, insbesondere aber McTaggarts Auffassung ihrer entgegengesetzten Eigenschaften geben unser Verständnis von der Zeit nicht adäquat wieder. Die spezifische Art der McTaggartschen Konzeptualisierung „unserer“ Zeit ist falsch und sagt deshalb nichts darüber aus, ob eine dynamische Zeit real sein kann.

Vorab soll in aller Kürze auf die grobe Struktur von McTaggarts (1993: 67ff.) Beweis eingegangen werden. Mit McTaggart wird heute in einer gewissen Selbstverständlichkeit die Ansicht vertreten, dass die Zeit bzw. Ereignisse in der Zeit jeweils eine A-Reihe als auch eine B-Reihe bilden. Damit wird auf zwei Aspekte der einen Zeit verwiesen: einmal können Positionen in der Zeit nach der so genannten B-Reihe, d.h. nach einer Unterscheidung von früher und später (und zugleich) geordnet werden. Zusätzlich sind dieselben Positionen dadurch unterscheidbar, dass sie entweder vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind und damit eine weitere Reihe, die so genannte A-Reihe, bilden. McTaggarts Argumentation gegen die Realität der Zeit besteht nun aus zwei Argumentationsschritten bzw. Teilen. Auf der Basis der Grundüberzeugung, dass die Realität der Zeit Veränderungen voraussetzt[1], will McTaggart belegen, dass die B-Reihe allein nicht ausreicht, um schon von Zeit reden zu können. Das heißt, der erste Teil seiner Argumentation richtet sich gegen die Möglichkeit, die B-Reihe als Zeitstruktur aufzufassen, da nach seiner Auffassung mit der B-Reihe keinerlei Veränderung darstellbar ist. Hierfür sei vielmehr die A-Reihe notwendig. Der zweite Argumentationsschritt widmet sich dieser A-Reihe: diese soll dabei als in sich widersprüchlich erwiesen werden; und da eine Zeitstruktur ohne A-Reihe nicht denkbar ist, muss Zeit insgesamt widersprüchlich und in der Konsequenz irreal sein.

Die Argumentation McTaggarts eröffnet demnach zwei Wege, die Möglichkeit der Realität der Zeit gegen ihn zu verteidigen. Zum einen könnte es sein, dass bereits die so genannte B-Reihe losgelöst von der A-Reihe als Zeitstruktur gelten kann. Der zweite Weg bestünde darin, die Widersprüchlichkeit der A-Reihe zu entkräften und damit – selbst im Falle einer Abhängigkeit der B- von der A-Reihe – den Beweis der Irrealität der Zeit aus ihrem Begriff zu widerlegen. Die folgende Darstellung wird sich in dieser Reihenfolge mit der Problematik beschäftigen. Zunächst erfolgt also eine Auseinandersetzung mit der von McTaggart eingeführten B-Reihe. Danach folgt eine Zwischenbetrachtung zur Frage, ob jenseits einer statischen B-Reihe eine dynamische Zeit ohne A-Bestimmungen denkbar ist. Es schließt sich dann eine Auseinandersetzung mit der Behauptung, die A-Reihe sei in sich widersprüchlich, an. Und schließlich soll gezeigt werden, dass A- und B-Reihe lediglich zwei verschiedene Perspektiven auf die eine Zeit eröffnen und somit ein und dasselbe Phänomen reflektieren. Den Abschluss bildet ein Fazit, in dem die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und bewertet werden.

2. Kann eine statische (B-)Reihe als Zeitstruktur gelten?

In einer Art Gedankenexperiment wirft McTaggart (1993: 69f.) die für seinen ersten Beweisschritt entscheidende Frage auf: Worin könnte die für Zeit notwendige Veränderung bestehen, wenn sie nur aus der B-Reihe der nach den Relationen früher-später geordneten Ereignisse aufgebaut wäre? McTaggart kommt zu dem Urteil, dass sich gar nichts verändert, wenn die Unterscheidungen der A-Reihe zwischen „vergangen“, „gegenwärtig“ und „zukünftig“ auf die Realität nicht zutreffen, dass mithin die B-Reihe keine Veränderung abbildet und somit keine Zeitstruktur darstellt. Denn gemäß McTaggart können die Ereignisse einer B-Reihe niemals aufhören und auch niemals beginnen, Ereignisse zu sein. Die Relationen zwischen den Ereignissen sind permanent und eröffnen daher keine Möglichkeit für Veränderung. Auch die Möglichkeit der Dingveränderung, d.h. der Veränderung der Eigenschaften eines Objekts kann McTaggart innerhalb der B-Reihe nicht erkennen. Ein Feuerhaken, der nur an einem bestimmten Montag die Eigenschaft hat, heiß zu sein und danach nicht mehr, ist hierfür sein Beispiel:

„But this makes no change in the qualities of the poker. It is always a quality of that poker that it is one which is hot on that particular Monday. And it is always a quality of that poker that it is not hot at any other time. Both these qualities are true of it at any time – the time when it is hot and the time when it is cold. And therefore it seems to be erroneous to say that there is any change in the poker” (ders. 1993a: 28).

Interessant ist nun, wie so genannte B-Theoretiker als Verfechter einer statischen B-Zeit gegen McTaggart den Zeitcharakter der B-Reihe verteidigen, während sie sich gleichzeitig seine Schlussfolgerungen über unser herkömmliches Verständnis der Zeit zu Eigen machen (vgl. Dainton 2001: 27, 38): Für sie sind die Zeiten einer B-Welt, in der es keine A-Bestimmungen gibt, gleichermaßen real und koexistent. Das heißt: eine solche Welt bildet einen statischen Block von Ereignissen. Dennoch halten die B-Theoretiker im Gegensatz zu McTaggart Zeit nicht für irreal, sondern für eine zusätzliche nichträumliche Dimension mit einem zeitlichen Charakter. Zeitlich deshalb, weil in dieser B-Welt trotz ihrer Statik Veränderung möglich sein soll. Und dies folgendermaßen: Zum einen geschehen die B-Reihen-Ereignisse nicht alle auf einmal, sondern jedes zu seiner Zeit. Zum andern ändern sich Dinge dadurch, dass sie zu verschiedenen Zeiten verschiedene Eigenschaften besitzen (vgl. ebd.).

Halten wir zunächst zwei Dinge fest: Sowohl McTaggart als auch die Vertreter der B-Zeit charakterisieren die B-Reihe als statisch. Doch im Gegensatz zu McTaggart erachten B-Theoretiker Veränderung innerhalb dieser statischen B-Reihe für möglich. Meine nachfolgend entwickelte Position in dieser Streitfrage soll zur besseren Nachvollziehbarkeit zunächst thesenartig zusammengefasst werden:

(1) Unter der Voraussetzung, dass die Zeit ohne die mit der A-Reihe verbundene Dynamik[2] „auskommen“ muss, gibt es keine Veränderung, mithin keine Zeit. Insofern ist McTaggart zuzustimmen. Eine statische Reihe ist keine Zeitstruktur.
(2) Nur bei Existenz der mit der A-Reihe verbundenen Dynamik gibt es überhaupt eine B-Reihe. Unter dieser Voraussetzung ist jedoch auch die B-Reihe dynamisch, da sie mit der A-Reihen-Dynamik zu einer zeitlichen Reihe wird. McTaggarts Charakterisierung der B-Reihe als veränderungslos ist daher falsch.
(3) Ohne die mit der A-Reihe verbundene Dynamik können wir nicht von einer B-Reihe reden, wir erhalten daher eine andere, tatsächlich statische Reihe.
(4) So genannte B-Theoretiker reden selbst in Abwesenheit der mit der A-Reihe verbundenen Dynamik von Zeit und Veränderung, weil sie beide Begriffe neu definieren, angepasst an den statischen Charakter der verbliebenen Reihe. Diese Interpretation von Veränderung ist nicht haltbar.

Diese Thesen sollen nun in der nachfolgenden Argumentation entwickelt werden. Dies kann jedoch nicht streng der aufgestellten Reihenfolge nach erfolgen, da die mit den Thesen angesprochenen Teilaspekte eng miteinander zusammenhängen und insofern nur gemeinsam entwickelt werden können.

Zwar ist McTaggart zuzustimmen, dass ohne die mit der A-Reihe verbundene Dynamik keine Veränderung und keine Zeit existieren würden. Doch nach dem Eindruck des Verfassers müssen wir McTaggarts Urteil über die B-Reihe noch viel grundsätzlicher verstehen. Obwohl McTaggart zugibt, dass die B-Reihe „nicht anders als zeitlich existieren [kann], da ‚früher’ und ‚später’ offensichtlich Zeitbestimmungen sind“ (McTaggart 1993: 71), scheint er die B-Reihe prinzipiell für statisch zu halten. Denn egal, ob die A-Reihe vorhanden ist oder nicht, die B-Reihe ist für McTaggart schlicht und einfach nicht der Ort von Veränderung. An ihr lässt sich Veränderung nie ablesen. Die B-Reihe enthält für McTaggart lediglich permanente Fakten, ein Ereignis in ihr bleibt ein Ereignis, es hört nie auf, eines zu sein (vgl. ebd.: 69f.), sodass für die Möglichkeit von Veränderung:

„…nur eine Alternative übrig bleibt, Veränderungen müssen sich an Ereignissen von solcher Natur ereignen, dass das Eintreten dieser Veränderungen die Ereignisse nicht daran hindert, Ereignisse, und zwar dieselben Ereignisse sowohl vor als auch nach der Veränderung, zu sein“ (ebd.: 70).

Eine derartige Veränderung kann es für McTaggart nur auf eine Weise geben, nämlich dadurch, dass sich an einem Ereignis der B-Reihe ein Wechsel seiner A-Bestimmungen vollzieht (vgl. ebd.: 70). Veränderung findet einzig und allein dadurch statt, dass permanente B-Reihen-Fakten – bspw. das Heiß-Sein des Feuerhakens zu einer Zeit t – erst zukünftig, danach gegenwärtig und dann vergangen sind. McTaggarts statische Interpretation der Ereignisse innerhalb der B-Reihe und der Übergänge zwischen ihnen – ein Ereignis hört bei einem solchen Übergang nie auf zu existieren! – bleibt davon unberührt. McTaggart kann insofern als Quelle einer grundsätzlich gegensätzlichen Charakterisierung beider Zeitreihen betrachtet werden – nämlich der Identifikation der B-Reihe mit Statik, der A-Reihe mit Veränderung (vgl. Williams 1998: 59).

Die B-Reihe bleibt also bei McTaggart auf irritierende Weise statisch, selbst wenn die A-Reihe hinzutritt. Und das, obwohl McTaggart, wie oben schon erwähnt, zugibt, dass die B-Reihe „nicht anders als zeitlich existieren [kann]“ (McTaggart 1993: 71). Nach Auffassung des Verfassers kommt es zu Veränderung in der Welt nur durch das absolute Werden der Ereignisse. Ereignisse werden real, indem sie geschehen. Wenn Ereignisse aber geschehen bzw. existieren, bedeutet das, dass sie gegenwärtig sind. Schließlich verlieren sie wieder ihre Existenz, während neue Ereignisse geschehen bzw. gegenwärtig werden. Dies vorausgesetzt, sollte man eigentlich meinen – sofern B-Relata sukzessiv die A-Reihenbestimmung(en) „tragen“ –, dass hinter dem Übergang von einem Ereignis der B-Reihe zu einem anderen eine Veränderung steht. Denn zwischen zwei Zeit- Punkten, einem früheren und einem späteren, muss es einen Übergang, d.h. Veränderung geben, sonst wären es keine Zeiten, sondern nichtzeitliche Relationen (vgl. Williams 1998: 60f.). Bedenkt man also, dass die B-Reihe nur durch die A-Reihe zu einer zeitlichen wird, dass B-Reihenereignisse ihre früher-später-Positionen aufgrund einer sukzessiven Gegenwärtigkeit innehaben, dann kann man auch im Falle der B-Reihe mit gutem Recht von Veränderung sprechen. Ohne A-Reihen-Dynamik haben wir also eine statische Reihe, doch mit der A-Reihe im Hintergrund ist die B-Reihe dynamisch zu interpretieren, auch sie bildet dann Veränderung ab. McTaggart charakterisiert die B-Reihe daher falsch. Gegen dieses Urteil wird man wahrscheinlich einwenden, McTaggart beschreibe die B-Reihe ja gerade unter der Voraussetzung, dass die Zeit keine A-Bestimmung(en) aufweist. Doch in diesem Fall gäbe es gar keine B-Reihe. An diesem Punkt wird nun deutlich, dass McTaggarts Beschäftigung mit der B-Reihe an einer entscheidenden Inkonsistenz krankt:

[...]


[1] Dass Veränderung notwendig ist, um von Zeit überhaupt reden zu können, soll hier nicht weiter erörtert werden. Diese Auffassung wird weithin geteilt und der Verfasser schließt sich dieser Grundüberzeugung an. Wie sich zeigen wird, besteht jedoch ein entscheidender Teil der Kontroverse genau darin, was überhaupt als Veränderung gelten kann.

[2] Es wird sich im Laufe der Arbeit (speziell Abschnitt 3) herausstellen, dass es im Kern lediglich auf eine sukzessive Gegenwärtigkeit im Rahmen des absoluten Werdens der Ereignisse ankommt und nicht auf die (separaten) Eigenschaften einer vollständigen A-Reihe. Die sukzessive Gegenwärtigkeit wird dabei als identisch sowohl mit dem Geschehen der Dinge als auch mit ihrem Zur-Existenz-Kommen angesehen. Die Frage, ob die behauptete Identität von Geschehen und Gegenwärtigkeit (und Existenz) die vollständige A-Reihe zu erfassen vermag, scheint mir überdies ein Spezialproblem zu sein, dessen Bedeutung an späterer Stelle (Abschnitt 3) deutlich werden wird. Für die Argumentation in diesem Abschnitt ist diese Frage nicht relevant.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit - ein Versuch seiner Widerlegung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie der Zeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V80452
ISBN (eBook)
9783638871228
ISBN (Buch)
9783638871303
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schriftlicher Kommentar des Dozenten: "Das Niveau der Arbeit liegt weit über dem üblichen. Eine ausgezeichnete Leistung!" Zusätzlich mdl. Kommentar: Beste Arbeit unter allen Seminarteilnehmern.
Schlagworte
McTaggarts, Beweis, Irrealität, Zeit, Versuch, Widerlegung, Philosophie, McTaggart, Zeitphilosophie, A-Reihe, B-Reihe, C-Reihe, A-Series
Arbeit zitieren
Gunther Dahm (Autor), 2007, McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit - ein Versuch seiner Widerlegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80452

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: McTaggarts Beweis der Irrealität der Zeit - ein Versuch seiner Widerlegung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden