Elfriede Jelineks '"Lust" im Blickwinkel von Pornographie und "Anti-Pornographie"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

A) Einleitung mit Begriffsbestimmung Pornographie und „Antipornographie“

B) Elfriede Jelineks Lust und die (Anti)Pornographie
1. Situation und Umfeld des Werkes.
1.1. Gesellschaftliche Situation und Gesetzeslage
1.2. PorNO-Kampagne der Zeitschrift EMMA.
1.3. Zur Entstehung von Jelineks Lust und den Absichten der Autorin
2. Untersuchung von Lust unter dem Blickwinkel „Pornographie“
2.1. Aufbau und Struktur.
2.2. Figurenkonstellation.…
2.2.1. Allgemein.
2.2.2. Hermann – „der Mann“
2.2.3. Edgar – „der Sohn“ oder auch „der kleine Mann“.
2.2.4. Michael – „der junge Mann“ oder auch der „andere“ Mann.
2.2.5. Gerti – „die Frau“
3. Der mediale Aspekt der Pornographie in Lust und das Verhältnis zum Leser
3.1. Über die Bedeutung der Kamera und des Films für die Pornographie.
3.2. „Medienarten“.
3.3. Reproduktion des pornographischen Video-Blicks

C) Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

A) Einleitung mit Begriffsbestimmung Pornographie und „Antipornographie“

Ausgehend von Elfriede Jelineks Aussagen, sie habe mit ihrem Roman Lust „einen weiblichen Porno“[1] schreiben wollen, es sei ihr dann nur möglich gewesen, einen „Antiporno“[2] zu verfassen, und sie sei schlussendlich überhaupt damit gescheitert, „Pornographie“ zu verfassen[3], möchte ich in dieser Arbeit untersuchen, wie die Autorin sich mit dem Thema „Pornographie“ mit und in ihrem Werk Lust auseinandersetzt. Mich interessiert hier vor allem die Art und Weise, wie sie als Künstlerin/ Literatin, d. h. als jemand, der ästhetisch gestaltet, die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse literarisch kommentiert und verarbeitet und somit einen kritischen künstlerischen Kommentar zur (damals) sehr brisanten Diskussion liefert, im Gegensatz zu den vielen erschienenen politischen, gesellschafts-soziologischen, journalistischen, d. h. primär sachlichen und nicht-fiktiven Texten. Hierbei will ich zeigen, wie sie sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der sprachlichen Ebene die eigentlich bildmediale „Pornographie“[4][5] nachzeichnet und für die LeserInnen erlebbar bzw. fühlbar macht. Welche auffällig emotionalen Reaktionen dies hervorrief, lässt sich hervorragend an der sehr kontrovers geführten journalistischen Rezeption ablesen.[6]

Hierbei stellt sich das Problem, wie der Begriff „Pornographie“ definiert wird. Es herrscht Einigkeit darüber, dass damit - als allerkleinster gemeinsamer Nenner - Darstellungen von Sexualität bezeichnet werden. Aber ab wann diese dem Bereich der Pornographie hinzugerechnet werden (in Abgrenzung zu Erotika oder dem Bereich des Obszönen beispielsweise), wie diese Darstellungen zu bewerten sind, was sie bewirken, in welchem Kontext sie zum gesellschaftlichen Umfeld stehen, warum sie gemacht werden, und v. a. ob sie beschränkt oder verboten werden sollen, darüber scheiden sich die Geister. Die Bewertungen unterscheiden sich sowohl nach dem historischen Kontext als auch nach dem sexualpolitischen Standpunkt des Betrachters und der Absicht, mit der das Thema diskutiert wird. Ebenso stellt sich das Problem mit der Sekundärliteratur, dass dadurch, dass immer Emotionen und persönliche Gefühle im Spiel sind, keine echte wissenschaftliche Neutralität oder Objektivität möglich ist, da die Erkenntnisse immer von den subjektiven Interessen der WissenschaftlerInnen beeinflusst werden.[7]

Der Gesetzgeber rückt im wesentlichen die sexuelle Erregung und die Wahrung des allgemeinen Anstandsgefühls in den Mittelpunkt[8], und lässt den StaatsanwältInnen und RichterInnen somit grossen Interpretationsspielraum basierend auf deren eigenen moralischen Vorstellungen.

Die Feministinnen, die sich zu Pornographie äussern, kann man grob in zwei Lager aufteilen: Die Gegnerinnen, die Pornographie als Gewalt gegen Frauen ansehen (parolenhaft zugespitzter Slogan „Pornographie ist die Theorie, Vergewaltigung die Praxis“ der amerikanischen Feministinnenbewegung, der sich aber auch auf die Darstellerinnen selbst bezieht), als frauenfeindliche Propaganda,

„bei der Frauen zur Ware gemacht, auf ihre Funktion als Sexualobjekt reduziert sowie als allzeit zum sexuellen Gebrauch verfügbare, willenlose bis masochistische Wesen dargestellt werden.“[9]

und ebenso den politischen Bezug zu Herrschaft und bestehenden Machtverhältnissen betonen - exemplarisch hierfür die Aussage von MacKinnon: „Pornographie erotisiert Hierarchie, sexualisiert Ungleichheit, macht Unterwerfung und Herrschaft zu Sex, institutionalisiert männliche Herrschaft über Frauen, macht Sexismus sexy“[10]. Das andere Lager macht nicht so sehr Pornographie, sondern ideologische und moralische Zwänge von Konservatismus und Puritanismus für die Emanzipation als Gefahr verantwortlich und sieht im Kampf der anderen unbewusste Unterstützung von Unterdrückung der Entfaltung der verschiedenen (auch „unnormalen“ Arten) von Sexualität und die Gefahr der Normierung durch Zensur. Ebenso wird kritisiert, dass zwischen den verschiedenen Formen der Darstellungen nicht differenziert würde[11] und diese immer pauschal als gewaltverherrlichend oder sogar als direkte Gewalt gegen Frauen betrachtet werde.[12]

Dem feministischen Leitbild von herrschafts- und gewaltfreier Sexualität und ebenso gelebten zwischenmenschlichen Beziehungen wird eine von Natur aus als gewalttätig definierte Sexualität und Erotik entgegensetzt, die sadomasochistische Praktiken als Konzept sexueller Befreiung und die „Kampf“ als erotisches Stimulans enthält.[13][14]

Eine äusserst wichtige Position steuert Susanne Kappeler bei, die die Beschränkung auf die Inhalte für zu einseitig hält. Sie rückt bei der Debatte um Pornographie die Frage nach der Darstellung (und deren Praktiken), nicht der Sexualität (und deren Praktiken) in den Mittelpunkt.[15]

Weiterführend zu diesem kurzen Abriss stellt sich nun die Frage, wie der Begriff der „Antipornographie“, den Jelinek für ihr Werk ins Spiel brachte, zu verstehen sein könnte.

Bei Lust wird zwar eine „Darstellung des Geschlechtlichen, speziell des Geschlechtlichen in der monotonen Addition seiner möglichen Positionen und Perversionen“[16] vorgenommen, was als pornographische Literatur definiert wird, aber eben gerade im Gegenteil „zum ausschließl.[ichen] Zweck sexueller Stimulation“ und erst recht nicht „literar.[isch] unqualifiziert“[17].

All die bereits aus dem Feministinnenlager genannten Kriterien für Pornographie wie Gewaltanwen-dung, die Darstellung der Frau als williges und passives Objekt und des Mannes als handelndes, bestimmendes Subjekt, die ökonomische Abhängigkeit im Tausch für das Abgeben der körperlichen Selbstbestimmung versetzt mit typischen pornographischen Elementen wie andauernder Willigkeit und Potenz setzt sie literarisch ein, aber in Form von Parodie, absoluter Stereotypisierung und Überspitzung, als Satire, fast schon Groteske, also zwar „Pornographie“, aber eben „anti“ im Sinne von Gegenteil.

Antipornographie entsteht ebenfalls, wenn keine „Lust“ entsteht[18], weder auf realer, sexueller Ebene als sexuelle Stimulation, noch auf übertragener literarischer Ebene, denn wenige der Lesenden empfinden Lust im Sinne von Motivation und Freude beim Lesen dieses Textes, was Jelinek ganz bewusst erreichen will durch ihr Einsetzen u. a. einer monotonen, sehr einfachen Handlung, die oberflächlichen, stereotypen Charaktere, die ständigen Wiederholungen der Beschreibungen der sexuellen Vorgänge und v. a. durch die schwierige Sprache, die den Leser immer wieder in seinem Lesefluss unterbricht und durch ungewöhnliche Wortkombinationen herausreisst.[19] (siehe auch 2.1.) Dies sind ebenfalls Punkte, die „Antipornographie“ schaffen. Da es ihrer Meinung nach keine „weibliche Sprache für Sexualität“[20] gibt, und auch nicht der Wunsch besteht, „die Genussfähigkeit von der weiblichen Seite her aufzuräumen“[21], konstatiert sie,

„Die Lust (...) der Frau an der Sprache, kann eben nur in der Denunzierung und im Lächerlichmachen der männlichen Sprache der Pornographie bestehen“.[22]

Durch die pornographische Darstellung, die immer auch eine geschichtslose ist, will sie der Sexualität ihre Geschichte wiedergeben und Schuldverhältnisse aufzeigen, d. h. eindeutig kritisch politisch Stellung beziehen[23], was ebenfalls nie die Absicht von Pornographie ist und sein kann.

In der vorliegenden Arbeit werde ich als erstes die gesellschaftliche Situation nachzeichnen, in der sich die Autorin zur Zeit der Entstehung des Buches befand, und die damalige Gesetzeslage; über die darauf initiierte Reaktion der im selben Jahr des Erscheinens des Romans durchgeführten PorNO- Kampagne der Zeitschrift EMMA (stellvertretend für das feministische Lager, zu dem sich auch Jelinek selbst hinzurechnet und bekennt) und den Aussagen der Autorin über Pornographie und deren Bedeutung bzw. ihre Einschätzung der Situation der Frauen an sich, möchte ich das reale Umfeld des Romans, die äusseren Umstände der Entstehung und dessen Inhalt als Kommentar dazu nachvollziehbar machen. Hierbei möchte ich den Zusammenhang zwischen der „echten“ Realität und der fiktiven Realität im Roman und deren gegenseitige Beeinflussung herausarbeiten.

Im zweiten Teil werde ich auf das Werk selbst eingehen, wobei ich einerseits unter besonderer Berücksichtigung der Parallelen zur (Bild-)Pornographie Aufbau und Struktur betrachten, des weiteren die handelnden Personen untersuchen werde, v. a. in Bezug auf ihre geschlechtlichen und auf das Geschlecht bezogenen Beziehungen untereinander in Anlehnung an die in der Pornographiedebatte herausgearbeiteten Machtverhältnisse.

Im dritten Abschnitt werde ich speziell auf den medialen Aspekt der (Video-)Pornographie und seiner Verwertung und Verwendung in Jelineks Werk eingehen, mit welchen Techniken des Textes und der Sprache hier Pornostrukturen nachgebaut werden, welche „Medienarten“ eingesetzt werden, wo aber gerade die Videopornographie eine besonders herausragende Stellung in der allgemeinen und der feministischen Diskussion einnimmt, möglicherweise, da sie die grösste Menge von Menschen aller Schichten erreicht und somit den grössten Einfluss nehmen kann. Die Diskussion um literarische Pornographie wird in der Gesellschaft eher am Rande geführt, weshalb ich bei Jelinek eben die Ver-knüpfung von Video und Literatur, medialer und literarischer Kultur, für so herausragend und bemerkenswert halte.

Abschliessend werde ich auf die Verleihung des Nobelpreises und v. a. die Begründung eingehen, die zeigt, dass die Themen und ihre Umsetzung in Lust immer noch bemerkenswert und aktuell sind.

B) Elfriede Jelineks Lust und die (Anti)Pornographie

1. Situation und Umfeld des Werkes

1.1. Gesellschaftliche Situation und Gesetzeslage

„Zwei konstante Sujets der sexuellen Poetik von Lust sind in diesem Satz zusammengefasst: a) Dauerpotenz des Mannes, b) „legitimer“ sexueller Anspruch des Ehemanns auf seine Frau. Beim ersten handelt es sich um ein pornographisches Sujet, beim zweiten um ein juristisches.“[24]

Um nachvollziehen zu können, gegen welche Elemente des Pornographiediskurses sich Jelinek in ihrem Werk auf welche Art und Weise wendet, ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Situation, in der sich Frauen und deren Sexualität befanden, repräsentiert durch das geltende Recht, und deren Darstellung durch die Pornographie sowie den Auswirkungen all dessen klar zu machen.

Einerseits bewegten sich die 80er Jahre gesellschaftlich zurück in Restauration und Konservatismus, und es wurde versucht, die Frauen aufgrund der wirtschaftlichen Krise auf ihrem Weg zur ökonomischen Unabhängigkeit zurückzudrängen.[25] Andererseits fand eine

„Mystifizierung von Sexualität und Glorifizierung von patriarchalen und pornographischen Rollenstereotypen und Gewaltmustern, das Kokettieren mit Dominanz und Unterwerfung (...) zu einem modischen ´Zeitgeist´- Trend“[26] statt.

Hier möchte besonders zwei Punkte herausgreifen:

Die Ehe als gängigste und gesellschaftlich vor allen anderen akzeptierte Form des Zusammenlebens von Mann und Frau sprach der Frau ihre sexuelle Selbstbestimmung weitestgehend ab: Hier herrschte die „Pflicht zur ehelichen Lebensgemeinschaft“[27], was die Hingabe der Frau miteinschliesst, die nicht nur zum Geschlechtsverkehr zur Verfügung zu stehen, sondern auch noch „Zuneigung und Opferbereitschaft“[28] zu zeigen hat, und der es zusätzlich ebenfalls nicht erlaubt sei, „beim Verkehr Gleichgültigkeit und Widerwillen zur Schau zu tragen“[29]. (Ein Zuwiderhandeln legimitiert den Ehebruch.) Dass bei dieser Rechtslage keine „Gewaltanwendung“ entstehen kann, da sich ja Recht verschafft wird, schlägt sich darin nieder, dass der Tatbestand der „Vergewaltigung in der Ehe“ vor Gericht nicht existent ist. Auch wenn „Pflicht zur ehelichen Lebensgemeinschaft“ nicht genau bestimmt wird, füllen diese Lücke nach richterlicher Begründung „herrschende Meinung“ und „männliches Rechtsgefühl“[30]. Genau dieser Mythos von männlicher Dauerpotenz und entsprechender weiblicher Willigkeit wiederholt und spiegelt sich wieder in der Pornographie: Wie schon im Gesetz und im „männlichen Rechtsempfinden“ verankert wird hier das Bild einer Frau gezeigt, die allzeit bereit und unterwürfig zu sein hat, Objekt, das nicht selbstbestimmende Herrin ihres Körpers ist und v. a. auch immer Lust zur Schau trägt und zu tragen hat. Die grosse Sexualstrafrechtsreform von 1975, die Pornographie für Erwachsene weitestgehend freigab, wollte mehr Freiheit für jede/n, aber hoffte gleichzeitig auch auf mehr Selbstverantwortung beim Umgang mit Pornographie[31]. Der vorher verwendete Begriff „Unzucht“ wurde durch „Pornographie“ ersetzt, aber wieder nicht genauer definiert. Darstellung von Gewaltpornographie wurde hier nicht explizit ausgenommen, aber man kann aus anderen Paragraphen, z. B. über „Aufstachelung zum Rassenhass“, wo „grausame oder sonstige unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen“ geschildert werden, dagegen argumentieren.[32] Hochinteressant ist hier aber die heute noch in der Rechtssprechung gültige Aussage „Pornographie gilt dann nicht als Gewaltdarstellung, wenn die Darstellerin bei einer Vergewaltigung ´Lust´ zeigt und die Szene beim Zuschauer ´Ekel´ auslöst.“[33] D. h. Gewalt wird in der Darstellung legitimiert, und es wird festgestellt, Vergewaltigung kann Lust bereiten; die Bewertung der Darstellung (Gewalt) wird mit subjektivem Empfinden (Ekel) gekoppelt, was eine objektive Beurteilung quasi nicht zulässt; legaler Vertrieb von Pornographie ist möglich.

Die Parallelen zu Lust springen einem förmlich ins Auge. Jelinek zeigt einen Mann, der immer fremdgegangen ist, wie der Leser vermuten kann, weil er zu Hause nicht ausreichende, „ihm zustehende“ Erfüllung erfahren hat, nun aber im Zeitalter von Aids wieder „beschliesst, der Frau das Einhalten des Ehevertrags zu gebieten“[34]. Die Ehefrau, die keinen Widerstand leistet und keinen Widerwillen zeigt, der immer willige und potente Ehemann, der sich ohne Rücksicht sein Recht verschafft - Jelinek zeigt genau: „Die Gewalt des Protagonisten Hermann wird zwar nicht als legitime präsentiert, doch im Bewusstsein der Legitimität angewandt.“[35] Sie verknüpft geschickt die dargelegten Zustände von Sexualität und Gewalt, die sich aus dem Eherecht ergeben, mit pornographischen Beschreibungen, und erreicht somit die Abbildung dieses Zusammenhangs.

Jelinek leistet als eine der ersten mit ihrem Buch einen kritischen, zynischen und entlarvenden Kommentar zur vorherrschenden Situation, da bis 1987 in der BRD weder ein deutsches Buch erschienen war, das sich aus feministischer Sicht mit Pornographie auseinander setzte, noch eine Übersetzung einer der massgeblichen Publikationen aus den USA oder Grossbritannien.[36]

[...]


[1] Anja Meyer: „Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse. Die ´Klavierspielerin´ und ´Lust´ im printmedialen Diskurs.“ Hildesheim 1994. S. 119

[2] ebd.

[3] E. Jelinek im Interview mit A. Schwarzer: „Ich bitte um Gnade.“

[4] Jelinek wies darauf hin, einen Gegenentwurf zu Bataille,Geschichte des Auges“ schreiben zu wollen. Dass diese Aussage nur als Köder für die Medien zu verstehen ist, wird in Ina Hartwig,Sexuelle Poetik“ (S. 231- 233) sehr überzeugend nachgewiesen. Weiterhin distanziert sich Jelinek von anderen erotischen Romanen wie Anais Nin oder Erika Jong und lässt nur Pauline Reage,“ Geschichte der O“ als eigenständige weibliche Vorlage eines erotischen Romans gelten (siehe Elfriede Jelinek, „Der Sinn des Obszönen“ in Claudia Gehrke, „Frauen und Pornografie“. Tübingen 1988, S.103). Sie selbst sieht sich - wie anfangs erwähnt­­ - gescheitert als Pornographieliteratin, da sie solche Literatur von Frauen nicht für möglich hält.

Deshalb werde ich mich in meiner Arbeit darauf beschränken, mich mit Lust nicht unter dem Blickwinkel als dem Versuch des Schreibens von literarischer Pornographie per se zu beschäftigen, sondern die Auseinandersetzung mit der bildlichen Pornographie (Abbildungen wie Fotos in Magazinen und Werbung oder bewegte Bilder auf Video / DVD, Handy, im Internet) im Hinblick auf deren Einfluss auf die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu fokussieren gerade im Zusammenhang mit der im Entstehungsjahr des Romans in Deutschland veranstalteten PorNo-Kampagne der Zeitschrift EMMA.

[5] Mit der Verwendung von pornographischer Sprache schreibt sie keinen erotisch-anregenden Roman, sondern sie setzt die Sprache zur Aufdeckung der Machtverhältnisse und zum „Nacherleben“ von Pornographie ein. (siehe auch Kapitel 2 )

[6] Ich verweise hier auf die journalistischen Besprechungen, da diese meiner Meinung nach eher die gesellschaftliche Meinung repräsentieren als die literaturwissenschaftlichen Rezensionen. Siehe die zusammengestellten Rezensionen der Presse in Lamb- Faffelberger, „Valie Export und Elfriede Jelinek im Spiegel der Presse. Zur Rezeption der feministischen Avantgarde Österreichs.“ Frankfurt am Main, 1992 und Meyer, „Elfriede Jelinek in der Geschlechterpresse“, die die verschiedenen Kommentierungen zeigen und auch analysieren.

Veronika Vis, die eben diese Sammlungen bespricht, meint hierzu, jeder rezensiere entsprechend seiner Auffassung von Weiblichkeit: „Diese negativen, aber auch die positiven Urteile, zu denen die Kritik gelangt, sind dabei immer abhängig davon, welche Vorstellung von ´Weiblichkeit´ der / die RezensentIn hegt und die Beurteilung von Text und / oder Person der Autorin zugrundelegt.“ (Veronika Vis, „Darstellung und Manifestation von Weiblichkeit in der Prosa Elfriede Jelineks“. Frankfurt am Main 1988, S. 233). Was zeigt, dass und welche absolut unterschiedlichen Auffassungen Jelinek herausfordert.

[7] Vgl. hierzu Bremme, S. 1

[8] Das geltende deutsche Strafrecht definiert Darstellungen als pornographisch, wenn sie „ausschliesslich oder überwiegend auf Erregung eines sexuellen Reizes beim Betrachten abzielen und dabei die im Einklang mit allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstands eindeutig überschreiten“ (vgl. Bremme, S. 7), wobei „Anstandsgefühl“ nicht näher definiert wird. Es wird auch eine Unterscheidung von „harter“ und „relativer“ Pornographie vorgenommen, wobei sich auch hier das Problem stellt, ab wann für das Gericht „harte“ Pornographie vorliegt (vgl. vgl. Ruth Eiselsberg, Der Pornographie - Begriff in der österreichischen Rechtsordnung. in Karin Rick (Hrsg.), Frauen – Gewalt - Pornographie. S. 132 f). Es wird ausserdem regelmäßig auf eine Definition des OLG Düsseldorf verwiesen. Danach handelt es sich bei Pornographie um „grobe Darstellungen des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum blossen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradieren. Diese Darstellungen bleiben ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäusserungen und nehmen spurenhafte gedankliche Inhalte lediglich zum Vorwand für provozierende Sexualität“ (NJW 1974, 1474). (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Pornografie)

[9] Bettina Bremme: „Sexualität im Zerrspiegel. Die Debatte um Pornographie.“ Münster 1990. S. 8

[10] vgl. Ruth Eiselsberg, S. 136

[11] siehe Susanne Kappeler, Pornographie- Die Macht der Darstellung. München 1988, S.44, die sich auf Deidre English bezieht

[12] siehe Bremme, S. 113. Hier werden auch die zwei amerikanischen, damals massgeblichen Bewegungen WAP und FACT mit ihren Positionen beschrieben.

[13] Bremme, S. 105, siehe auch Zitat Barbara Sichtermann: „Eine sexuelle Beziehung ohne ´Militanz´, ohne Schmerz - Lust, ist etwas Gekünsteltes, ein Unding.“ (S. 105)

[14] Einen ausführlichen und differenzierten Abriss der verschiedenen Positionen gibt Wendy McElroy in „Pornographie - aus feministischer Sicht“ (nachzulesen unter http://www.zetetics.com/mac/articles/14-fem__sicht.html)

[15] Susanne Kappeler, S. 7 f.

[16] Metzler Literatur Lexikon, S. 359

[17] ebd.

[18] Der Titel Lust sei als reine Ironie zu verstehen, betont Jelinek. „Das ist die Anti-Lust, der Anti-Klimax, wenn ich etwas Lust nennen und nur von ihrer Zerstörung, ihrer Unmöglichkeit schreibe.“ (vgl. Chieh Chien: „Gewaltproblematik bei Elfriede Jelinek. Erläutert anhand des Romans Lust“. Berlin 2005.S. 132)

[19] Zum Thema „Lust am Lesen“ der Aufsatz von Thomas Anz, „Über die Lust und Unlust am Text“,1996, wo u. a. im ersten Teil weitere AutorInnen aufgeführt werden, die diese Einschätzung ebenfalls treffen. Programmatisch hier die Beobachtung von Anz: „Die pornographische Stimulation sexueller Lust schlägt bei Jelineks antipornographischem Roman in die Stimulation sexueller Unlust um.“

[20] Elfriede Jelinek im Interview mit Alice Schwarzer, „Ich bitte um Gnade“, 1989.

[21] ebd.

[22] Yasmin Hoffmann, „Elfriede Jelinek. Sprach- und Kulturkritik im Erzählwerk“. Opladen, 1999.

[23] siehe Christa Gürtler, „Die Entschleierung der Mythen von Natur und Sexualität“ in Christa Gürtler (Hrsg.), „Gegen den schönen Schein. Texte zu Elfriede Jelinek.“ Frankfurt am Main 1990, S. 121.

[24] Ina Hartwig, „Sexuelle Poetik. Proust. Musil. Genet. Jelinek“. Frankfurt a.M. 1996. S. 235

[25] Bremme, S, 90

[26] Bremme, S. 102

[27] Hartwig, S. 235

[28] ebd.

[29] ebd.

[30] Hartwig, S. 240

[31] Bremme, S. 96

[32] Bremme, S. 98

[33] ebd.

[34] Elfriede Jelinek, Lust. S. 26

[35] Hartwig, S. 241

[36] Bremme, S. 105

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Elfriede Jelineks '"Lust" im Blickwinkel von Pornographie und "Anti-Pornographie"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Fräuleinwunder"
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V80545
ISBN (eBook)
9783638875196
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elfriede, Jelineks, Lust, Blickwinkel, Pornographie, Anti-Pornographie, Fräuleinwunder, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Elisabeth Holdener (Autor), 2006, Elfriede Jelineks '"Lust" im Blickwinkel von Pornographie und "Anti-Pornographie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80545

Kommentare

  • Elisabeth Holdener am 13.9.2008

    Anmerkung.

    Diese Arbeit enthält eine komprimierte Übersicht über die Entwicklung der Entwicklung der Pornographie seit den 60ern aus feministischr Sicht inkl. der wichtigsten, relevanten Literaturangaben, die hierfür gesichtet und zitiert wurden.

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