Ausgehend von Elfriede Jelineks Aussagen, sie habe mit ihrem Roman Lust „einen weiblichen Porno“ schreiben wollen, es sei ihr dann nur möglich gewesen, einen „Antiporno“ zu verfassen, und sie sei schlussendlich überhaupt damit gescheitert, „Pornographie“ zu verfassen, möchte ich in dieser Arbeit untersuchen, wie die Autorin sich mit dem Thema „Pornographie“ mit und in ihrem Werk Lust auseinandersetzt. Mich interessiert hier vor allem die Art und Weise, wie sie als Künstlerin/ Literatin, d. h. als jemand, der ästhetisch gestaltet, die vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse literarisch kommentiert und verarbeitet, und somit einen kritischen künstlerischen Kommentar zur (damals) sehr brisanten Diskussion liefert, im Gegensatz zu den vielen erschienenen politischen, gesellschafts-soziologischen, journalistischen, d. h. primär sachlichen und nicht-fiktiven Texten. Hierbei will ich zeigen, wie sie sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der sprachlichen Ebene die eigentlich bildmediale „Pornographie“ nachzeichnet und für die LeserInnen erlebbar bzw. fühlbar macht.
Inhaltsverzeichnis
A) Einleitung mit Begriffsbestimmung Pornographie und „Antipornographie“
B) Elfriede Jelineks Lust und die (Anti)Pornographie
1. Situation und Umfeld des Werkes
1.1. Gesellschaftliche Situation und Gesetzeslage
1.2. PorNO-Kampagne der Zeitschrift EMMA
1.3. Zur Entstehung von Jelineks Lust und den Absichten der Autorin
2. Untersuchung von Lust unter dem Blickwinkel „Pornographie“
2.1. Aufbau und Struktur
2.2. Figurenkonstellation
2.2.1. Allgemein
2.2.2. Hermann – „der Mann“
2.2.3. Edgar – „der Sohn“ oder auch „der kleine Mann“
2.2.4. Michael – „der junge Mann“ oder auch der „andere“ Mann
2.2.5. Gerti – „die Frau“
3. Der mediale Aspekt der Pornographie in Lust und das Verhältnis zum Leser
3.1. Über die Bedeutung der Kamera und des Films für die Pornographie
3.2. „Medienarten“
3.3. Reproduktion des pornographischen Video-Blicks
C) Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Elfriede Jelinek in ihrem Roman Lust die ästhetischen und sprachlichen Strukturen der Pornographie kritisch dekonstruiert. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Autorin die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern offenlegt und die pornographische Darstellung als Mittel zur Unterdrückung der Frau entlarvt, anstatt pornographische Lust zu erzeugen.
- Analyse der gesellschaftlichen und rechtlichen Bedingungen der 1980er Jahre in Bezug auf Sexualität und Pornographie.
- Untersuchung der literarischen Umsetzung von „Antipornographie“ durch Parodie, Stereotypisierung und eine spezifische Sprachkritik.
- Analyse der Figurenkonstellation als Prototypen innerhalb patriarchaler Machtstrukturen.
- Untersuchung des medialen Aspekts und der Nachahmung des pornographischen „Video-Blicks“ im literarischen Text.
Auszug aus dem Buch
3.3. Reproduktion des pornographischen Video-Blicks
Der Blick der Kamera wird in Lust genau nachgebildet. An vielen Stellen wird der Blick explizit von aussen auf das Geschehen gerichtet und mutet wie eine Regieanweisung an: „Gleich, in ein paar Minuten, wird Michael in Gerti eindringen“ oder „Ihr Gesicht (...) wird wieder hervorgeholt, der Mund unter Zwang geöffnet“ und „Die Frau kommt jetzt gleich zu ihnen herüber, bitte warten.“, was durch die Verwendung des passiven Erzählmodus´ auch sprachlich illustriert wird. Jelinek kommentiert diese Neigung zur Distanzierung und Illusionierung der Realität auch auf der Metaebene: „Jedes Bild ruht besser im Gedächtnis als das Leben selbst...“
Die speziell der Kamera eigene Detailzentriertheit bzw. Vergrösserung lässt sich an vielen Stellen auffinden, eigentlich alle sexuellen Übergriffe werden sehr genau und detailliert geschildert. Die reduzierte Bildstruktur der Pornofilme findet sich durchgängig in Lust wieder: Einfache Hauptsätze werden aneinander gereiht, kompliziertere Satzkonstruktionen fehlen völlig, die Grammatik wird möglichst simpel gehalten, genauso wie in Pornofilmen anspruchsvollere Perspektivwechsel wie Kamerafahrten, Schwenks, Zooms nicht eingesetzt werden, höchstens eben Nah- oder Totalaufnahmen; der anspruchsvoller zu inszenierende Dialog ist ja nur ein marginaler Bestandteil bei diesen Filmen. In Lust wie in den Filmen erfolgt einfach eine Aneinanderreihung der sexuellen Geschehnisse. Jelinek allerdings schiebt permanent andere Themen zur Reflexion und kritischen Betrachtung ein, was eben zeigt, sie spielt nur mit dem Genre „Pornographie“ und schafft etwas anderes, was weit darüber hinausgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
A) Einleitung mit Begriffsbestimmung Pornographie und „Antipornographie“: Die Autorin legt ihre Absicht dar, Elfriede Jelineks Roman als kritischen Kommentar zur Pornographie-Debatte zu analysieren und den Begriff der „Antipornographie“ in Jelineks Werk zu verorten.
B) Elfriede Jelineks Lust und die (Anti)Pornographie: Dieses Kapitel kontextualisiert den Roman in der gesellschaftlichen Situation der 1980er Jahre und untersucht Jelineks Intention, patriarchale Machtverhältnisse literarisch aufzudecken.
1. Situation und Umfeld des Werkes: Es werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Gesetzeslage und die feministische PorNO-Kampagne beleuchtet, die das reale Umfeld von Jelineks Werk bildeten.
2. Untersuchung von Lust unter dem Blickwinkel „Pornographie“: Eine detaillierte Analyse der narrativen Struktur und der Figurenkonstellation, die zeigt, wie Jelinek die Logik des Pornofilms nachbaut, um sie gleichzeitig zu entlarven.
3. Der mediale Aspekt der Pornographie in Lust und das Verhältnis zum Leser: Dieses Kapitel behandelt die filmischen Techniken und den Voyeurismus, die Jelinek sprachlich in den Roman transponiert, um die Macht der Medien über den Körper zu kritisieren.
C) Schlussbemerkung: Das Fazit fasst zusammen, dass Lust ein künstlerischer Kommentar gegen patriarchale Gewalt ist, dessen Aktualität durch die spätere Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Jelinek unterstrichen wurde.
Schlüsselwörter
Elfriede Jelinek, Lust, Pornographie, Antipornographie, feministische Literatur, patriarchale Machtverhältnisse, Sprachkritik, Gewalt, weiblicher Körper, Medienkritik, Videokultur, Sexualität, literarische Satire, gesellschaftliche Normierung, Gender.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Elfriede Jelineks Roman Lust als einen literarischen Gegenentwurf zur Pornographie, der patriarchale Machtstrukturen und Gewalt gegen Frauen offenlegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Sexualität und Macht, die Kritik an pornographischen Darstellungsweisen, die Rolle der Medien bei der Konstruktion von Geschlechterrollen sowie feministische Sprachkritik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Jelinek ästhetische Mittel nutzt, um das Genre Pornographie zu parodieren und eine kritische Auseinandersetzung mit der Unterdrückung der Frau im gesellschaftlichen System zu erzwingen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die das Werk in einen gesellschaftshistorischen Kontext stellt und die sprachliche sowie strukturelle Dekonstruktion pornographischer Muster untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Umfelds, die Analyse des Romanaufbaus und der Figurenkonstellation sowie die medientheoretische Betrachtung der Nachahmung filmischer Erzählstrukturen in der Literatur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Jelinek, Pornographie-Debatte, Machtverhältnisse, patriarchale Strukturen, Medienkritik und feministische Literatur.
Wie definiert Jelinek in dem Roman das Verhältnis zwischen Mann und Frau?
Sie stellt dieses als ein Herr-Knecht-Verhältnis dar, in dem Sexualität untrennbar mit Gewalt und ökonomischer Abhängigkeit verknüpft ist, wobei die Frau stets als Objekt männlicher Macht fungiert.
Warum verwendet Jelinek in Lust pornographische Sprache, wenn sie doch gegen Pornographie schreibt?
Sie setzt diese Sprache als Mittel zum Zweck ein, um durch Parodie, Stereotypisierung und eine monotone Darstellung die Gewalt der Pornographie bloßzustellen und den Leser von einem voyeuristischen Konsum zu einer kritischen Reflexion zu zwingen.
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- Elisabeth Holdener (Author), 2006, Elfriede Jelineks '"Lust" im Blickwinkel von Pornographie und "Anti-Pornographie", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80545