Okkasionelle Bildungen und Bedeutungen in der Fußballberichterstattung


Examensarbeit, 2007

205 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Metapherntheorien
2.1. Substitutionstheorie
2.2. Interaktionstheortie
2.2.1. Ivor Richards
2.2.2. Max Black
2.3. Kognitiv-Linguistische Metapherntheorie

3. Metapherntypen
3.1. Kognitive Ebene
3.1.1. Kognitive Funktion der Metapher
3.1.1.1.Strukturmetaphern
3.1.1.2.Ontologische Metaphern
3.1.1.3.Orientierungsmetaphern
3.1.2. Vernetzungsgrad
3.1.2.1.Vernetzte Metaphern
3.1.2.2.Solitäre Metaphern
3.2. Ebene sprachlicher Zeichen
3.2.1. Anzahl lexikalischer Komponente
3.2.1.1.Einwortmetaphern
3.2.1.2.Wortgruppenmetaphern
3.2.1.3.Satzmetaphern
3.2.2. Lexikalisierungsgrad
3.2.2.1.Okkasionelle vs. lexikalisierte Metaphern

4. Funktionen und Leistungen der Metapher
4.1. Textexterne Funktionen
4.1.1. Phatische Funktion
4.1.2. Katachretische Funktion
4.1.3. Epistemische Funktion
4.1.4. Illustrative Funktion
4.1.5. Argumentative Funktion
4.1.6. Sozial-Regulative Funktion
4.2. Textinterne Funktion
4.3. Ästhetische Funktion und Leistung

5. Konzeptuelle Metaphern im Fußballsport
5.1. Fußball ist Krieg/Kampf
5.2. Weitere konzeptuelle Metaphern im Fußballsport

6. Weitere okkasionelle Bildungen und Bedeutungen
6.1. Metonymien
6.2. Vergleich vs. Simile
6.3. Okkasionalismen

7. Das Textcorpus
7.1. Vorstellung der ausgewählten Materialien
7.2. Das Corpus im Textrahmen
7.1.1. Das Corpus im Kontext von Presse und Zeitung
7.1.1.1.Massenmedium Zeitung
7.1.1.2.Die Norddeutschen Neuesten 66 Nachrichten
7.1.2. Textsorten- und Rubrikenspezifische Aspekte der Texte
7.1.2.1.Textsorte Zeitungsbericht
7.1.2.2.Schlagzeilen
7.1.2.3.Intentionalität in Sportberichten
7.1.2.4.Die Sprache in Sportberichten
7.1.2.5.Nationale Stereotype

8. Hypothese

9. Methodik
9.1. Bestimmung des Lexikalisierungsgrades
9.2. Der Anhang

10. Analyse empirischer Daten
10.1.Verwendung okkasioneller Bildungen und Bedeutungen nach Textabschnitt
10.2.Verwendung okkasioneller Bildungen und Bedeutungen nach inhaltlichen Bereichen
10.2.1. Spielverlauf
10.2.2. Mannschaft
10.2.3. Turnier
10.2.4. Spieler
10.2.5. Turnierspiel
10.2.6. Fans/Emotionen und Äußere Umstände
10.3.Text-Bild-Relationen

11. Resümee

12. Literaturverzeichnis

13. Anhang

1. Einleitung

Als die Gesellschaft für deutsche Sprache am 15. Dezember 2006 das „Wort des Jahres 2006“ bekannt gab, kam es für viele nicht überraschend, dass aus dem Topf der insgesamt 10 auserlesenen sprachlichen Neuschöpfungen gerade jene an die Spitze gewählt wurde, die den Alltag der Deutschen über vier Wochen lang in unerwartetem Ausmaße prägte: „Fanmeile“ (GfdS, elektron. Publik.). Diese Bildung beschreibt weit mehr als nur einen Ort, an sich dem Fußballfans zur WM einfanden. Sie birgt Assoziationen mit bunt- gemischten Menschenmassen, die sich um Nationalität nur wenig scherten, mit feierfreudigen Deutschen auf dem Weg ihr Selbstbild zu korrigieren, mit einem „ganz besonderen Lebensgefühl“ (ibid.). Die Fußball-Weltmeisterschaft war ein Ereignis, dass Einfluss auf das Handeln und Denken der deutschen Gesellschaft nahm, wie kaum ein anderes in den vergangenen 17 Jahren. Diese neue Erfahrung schlug sich entsprechend auch in der deutschen Sprache nieder: Es wurden Ausdrücke kreiert, die es vermochten, den Geist der WM einzufangen. Neben „Fanmeile“ finden sich auch die Wendungen „Klinsmänner“ (auf Platz 9) und „schwarz-rot-geil!“ (Platz 10) in der Liste der „Wörter des Jahres“, die ebenfalls imstande sind, Sachverhalte zu bündeln, die aufgrund ihrer Komplexität sonst nur umständlich in Paraphrasen beschrieben werden könnten.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, noch viel genauer zu untersuchen, wie die Sichtweise der Deutschen auf die WM 2006 in Sprache umgewandelt wurde. Dazu wurden Texte der Sportberichterstattung einer Tageszeitung aus dem Zeitraum der WM zusammengetragen und auf sprachliche Besonderheiten untersucht. Im Zentrum der Analyse steht die Verwendung von okkasionellen Metaphern, d.h. solchen metaphorischen Ausdrücken, die (noch) nicht im Lexikon der Sprachgemeinschaft eingegangen sind. Der Verstehensprozess ist bei okkasionellen Metaphern im Gegensatz zu lexikalisierten noch nicht automatisiert und dementsprechend kommt das Wesen der Metapher am deutlichsten zum Vorschein. Okkasionelle Metaphern können folglich am ehesten Auskunft darüber geben, auf welche Vorstellungskomplexe Autoren im Rahmen der WM zurückgriffen, um die Domäne Fußball darzustellen.

Um der Analyse ein festes theoretisches Fundament zu bieten, wird zunächst ein Begriff der Metapher entwickelt, der in das Vorhaben der Arbeit eingegliedert werden kann. Theoretische Grundlagen zur Metapher sollen ein besseres Verständnis des Forschungsgegenstandes befördern. Die Arbeit befasst sich dazu zunächst mit der historischen Entwicklung der Metapherntheorie bis zum heute dominanten kognitiv- linguistischen Metaphernverständnis, welches in dieser Arbeit zugrunde gelegt wird. Ausgehend von Aristoteles werden die Grundzüge der wichtigsten theoretischen Ansätze in ihrer Chronologie dargestellt und auf offensichtliche Lücken in der Argumentation hingewiesen. Auf diese Weise wird die Bevorzugung der von Lakoff und Johnson (1980) etablierten Metapherntheorie gerechtfertigt.

Darauf folgt eine Untergliederung der Metapher nach unterschiedlichen Gesichtspunkten auf sprachlicher Ebene und kognitiver Ebene, um die vielfältigen Ausprägungen des Phänomens zu beleuchten. Von besonderer Signifikanz ist die Betrachtung des Lexikalisierungsgrades, da erneut konkurrierende theoretische Ansätze gegeneinander abgewogen werden müssen und die Termini okkasionell und lexikalisiert ausgewählt werden, um den Verfestigungsgrad einer Metapher zu beschreiben. Darüber hinaus werden theoretische Grundlagen für das Verständnis von Modifikations- und Remetaphorisierungserscheinungen geschaffen, die in der empirischen Analyse eine Rolle spielen.

Im vierten Kapitel kommt es zur Thematisierung der unterschiedlichen Leistungen und Funktionen, die metaphorische Redeweise in einer bestimmten Kommunikationssituation haben kann. Marie-Cécile Bertau gab bereits 1996 einen hervorragenden Überblick zu den Fähigkeiten von Metaphern. Ihre Ergebnisse werden vorgestellt und um zwei weitere Punkte ergänzt. Diese Betrachtungen sind von Bedeutung für die Untersuchung der spezifischen Beweggründe, die zum Einsatz einer Metapher im Corpus führen.

Abgeschlossen werden die theoretischen Ausführungen zu Metaphern mit dem Zusammentragen der wichtigsten konzeptuellen Metaphern im Fußballsport, gestützt auf Belege aus den Corpustexten.

Da auffällige Befunde sprachlicher Innovationen nicht nur im Bereich der Metaphern gefunden wurden, legt ein weiteres Kapitel theoretische Grundlagen für die Betrachtung weiterer okkasioneller Bildungen und Bedeutungen. Neben Metonymien werden auch Similes und Okkasionalismen einbezogen, da sie ein bestimmtes Verständnis eines Sachverhaltes befördern können.

Im folgenden Kapitel wird das Textcorpus vorgestellt, sowohl im Zusammenhang mit seinen konkreten Erscheinungsbedingungen im Medium Zeitung, als auch mit Blick auf textsortenspezifische Charakteristika. Zudem werden sprachliche Besonderheiten und Präferenzen der Sportberichterstattung thematisiert, die sich auf die stilistische Gestaltung von Sportberichten auswirken können.

Bevor es zur Auswertung der empirischen Daten kommen kann, wird das methodische Vorgehen erläutert und die Problematik der Bestimmung des Verfestigungsgrades eines Wortes mithilfe von Wörterbüchern für diese Arbeit geklärt.

Im Kapitel „Hypothesen“ werden die Schlüsse gebündelt, die aus den theoretischen Betrachtungen gezogen werden. Sie bilden den Ansatzpunkt für eine detaillierte Analyse der Textbelege nach qualitativen und quantitativen Gesichtpunkten, aus der letztlich die Ergebnisse zur Verwendung okkasioneller Bildungen und Bedeutungen formuliert werden. Alle Belege, die für die Untersuchung von sowohl konzeptuellen Metaphern im theoretischen Teil als auch für die Betrachtung von okkasionellen Bildungen und Bedeutungen im Praxisteil genutzt und zum Teil auch zitiert werden, sind im Anhang in Tabellenform erfasst und nach unterschiedlichen Gesichtspunkten kategorisiert.

2. Metapherntheorien

Die Analyse von okkasionellen Metaphern in Sportberichten konstituiert den wesentlichen Anteil der praktischen Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit. Um einen sicheren Gebrauch des Begriffes Metapher zu gewährleisten, wird er in den Kontext seiner wissenschaftlich- historischen Entwicklung gebettet und wichtige Etappen auf dem Weg zum heute dominanten Metaphernverständnis erläutert.

Zunächst wird ein Überblick der wesentlichen Momente in der etwa 2000-jährigen Geschichte der Metaphernforschung im westlichen Kulturkreis präsentiert, die sich in der Untergliederung der Metapherntheorien in Substitutions- und Interaktionstheorie1 sowie kognitiv-linguistische Metapherntheorie niederschlagen. Aus ihrer Typologie wird erkenntlich, das es „… keine einheitliche Metaphernforschung [gibt] und eine Theorie der Metapher nur als Sammelnamen konkurrierender Ansätze …“ existiert, wie Haverkamp 1983 im Vorwort zur Theorie der Metapher feststellt (S. 2).

Die Ausführungen münden in der Darstellung der Kerninhalte der kognitiven Metapherntheorie, deren Erkenntnisse die Grundlagen für die empirische Analyse dieser Arbeit bieten.

2.1. Substitutionstheorie

Die Wege der Metaphernforschung führen zunächst zurück ins antike Griechenland. Schließlich finden sich die ersten Ansätze zu einer Theorie der Metapher bei Aristoteles, der in seinen Werken Poetik und Rhetorik Auffassungen zur Natur der Metapher darlegte, die ihn zum Wegbereiter der Substitutionstheorie machten. In Poetik führt er die Metapher2 ein als eine von acht verschiedenen Arten von Wörtern:

Jedes Wort ist entweder ein üblicher Ausdruck, oder eine Glosse, oder eine Metapher, oder ein Schmuckwort, oder eine Neubildung, oder eine Erweiterung, oder eine Verkürzung oder eine Abwandlung. (Aristoteles 1982, 1457b)

Aristoteles unterscheidet prinzipiell zwischen einem Bereich der „üblichen“ Wörter und einem der anderen Wörter, die er als „fremdartig“ bezeichnet. In diesem Zusammenhang definiert er die Metapher als „Übertragung eines fremden Wortes“ (Aristoteles 1982, 1457b) in den Bereich der üblichen Wörter3.

Die Übertragungsrichtung kann „… von der Gattung auf die Art oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf die andere, oder nach den Regeln der Analogie“ (ibid.) verlaufen. Beleiht man sich des heutigen Fachwortschatzes, kann man in den beiden erstgenannten Fällen von einer Übertragung von Hyperonym zum Hyponym und umgekehrt sprechen.

Die Ansichten von Aristoteles und „[j]ede Auffassung, die davon ausgeht, dass ein metaphorischer Ausdruck anstelle eines äquivalenten w ö rtlichen Ausdrucks gebraucht wird …“ wurden später von Black (1954) als Substitutionstheorie der Metapher (S. 61) zusammengefasst. Sie ist Black zufolge vom Großteil der Autoren bis zur Publikation seines Aufsatzes „anerkannt worden“ (ibid.). Der Name Substitutionstheorie entspricht der Auffassung, dass die Voraussetzung für jene Übertragung, von der Aristoteles in seiner Metapherndefinition spricht, ein Substitutionsprozess zwischen zwei Wörtern darstellt. Da die Bedeutung der Metapher der des eingewechselten Wortes gleicht, ist es immer möglich, diesen Vorgang rückgängig zu machen. Zum Verstehen der Metapher ist es gar notwendig, die Substitution umzukehren, um zu erkennen, welchem verbum proprium die eingesetzte Metapher entspricht. Das viel- zitierte Beispiel Richard ist ein Löwe ist demnach nur eine andere Möglichkeit, um Richard ist mutig zu sagen und der Unterschied beider Äußerungen rein stilistischer Natur. Die Ähnlichkeit zwischen Löwe und mutig wird folglich als objektiv gegeben verstanden. Sie bildet eine Zwischeninstanz, die als tertium comperationis bezeichnet wird.

Zu ähnlichen Erkenntnissen wie die Substitutionstheorie kommt nach Black (1954) auch die „ Vergleichstheorie “ (S. 66), als deren wichtigster Vertreter Quintilian auftritt. Sie nimmt an, dass die Gleichsetzung von zwei Begriffen nicht implizit geschieht, sondern eine Analogie durch die Verwendung des Vergleichspartikels wie (z. B. in Richard ist wie ein L ö we) hergestellt wird. Die Vergleichstheorie ist folglich als Spezialfall der

Substitutionstheorie zu verstehen, da sie ebenfalls auf Substitution aufbaut. Aufgrund der Ansicht, sie seien nur Ersatz eines verbum propriums, werden metaphorische Ausdrücke in der Substitutionstheorie primär als schmückende Ornamente der Sprache in poetischen und rhetorischen Texten verstanden, die dazu gedacht sind, dem Leser Vergnügen zu bereiten. Da die Metapher als Ausnahmeerscheinung der Sprache und nicht als alltagssprachliches Phänomen angesehen wird, kommt folglich nur ihre okkasionelle Bedeutungsvariante zum Tragen. Aristoteles versteht jede Metapher gar als „Regelverletzung im Sprachsystem“, die auch als „semantische Anomalie“ (Feng 2003, S. 21)4 bezeichnet wird, da die Aussage einer Metapher in rein semantischer Hinsicht nicht wahrheitsgemäß ist. Fasst man die Ansichten zusammen, auf denen die Substitutionstheorie5 aufbaut, kommt man zunächst zu folgenden Kernthesen6:

1) Die Metapher ist ausschließlich Angelegenheit zwischen Wörtern und somit kontextungebunden.
2) Sie stellt eine Abweichung vom normalen Sprachgebrauch dar.
3) Sie ist keine wahrheitsgemäße Aussage und kann folglich nicht zur rationalen Erkenntnis beitragen.
4) Jede Metapher kann ohne Bedeutungsverlust durch ein verbum proprium ersetzt werden.
5) Metaphorische Prozesse basieren auf einer objektiven Ähnlichkeit zwischen dem verbum proprium und dem metaphorischen Ausdruck.

An den genannten diskussionswürdigen Punkten setzt die Kritik der Substitutionstheorie an, die mit der Einführung eines interaktionstheoretischen Ansatzes einhergeht.

2.2. Interaktionstheorie

Das Aristotelesche Metaphernverständnis behielt trotz seiner offensichtlichen Schwächen an die 2000 Jahre seine Gültigkeit. Neben Aristoteles sind als Vertreter aus der Neuzeit unter anderem Jakobson, Lacan und die Lütticher Gruppe7 (vgl. Rolf 2005, S. 93) zu nennen. Andere Autoren erörterten und erweiterten zwar diverse Aspekte der Substitutionstheorie in ihrer Auseinandersetzung mit der Metapher, reduzierten Metaphern durch Zuordnung zu den Stilfiguren jedoch zur sprachlichen Dekoration oder verblieben in ihren Betrachtungen auf der Ebene sprachlicher Zeichen bzw. Wörter8:

Das Bündnis zwischen Semantik und Wort ist so stark, daß es niemand in den Sinn kommt, die Metapher in einen anderen Rahmen zu stellen als in den der auf die Worte angewandten Sinnveränderungen. (Ricœur 1986, S.60)

Als „… bahnbrechend für die Neuformulierung des Wesens der Metapher“ (Bertau 1996, S. 134) jedoch erwies sich das Wirken von Ivor Richards (1936).

2.2.1. Ivor Richards

Richards kritisiert mit seinen Ausführungen zur Kommunikation und Rhetorik in The Philosophy of Rhetoric (1936), die herausgehobene Stellung der Metapher in der Sprache und somit der ihr unterstellten Schmuckfunktion. Aus seiner Beobachtung, dass Metaphern im Verlauf der alltäglichen Rede nicht zu umgehen sind, leitet er ab, dass die Metapher als „allgegenwärtiges Prinzip der Sprache“ (Richards 1936, S. 31) zu begreifen ist. Er erweitert somit den Metaphernbegriff, der bis dahin nur die okkasionellen Metaphern miteinbezog, auf die lexikalisierten, usualisierten Metaphern. Richards argumentiert weitergehend, dass sich die Metapher gar nicht nur auf die Wortebene begrenzt, sondern „… dass ein Wort normalerweise kein Ersatz [ substitute ] für einen isoliert dastehenden Eindruck ist (oder diesen bedeutet), sondern eine Kombination allgemeiner Aspekte“ (S. 34). Den Umstand, dass es dem Menschen oft schwer fällt, zu erkennen, „… wie unsere vermeintlich feststehenden Begriffe ihren Sinn verschieben“ (S. 33) erklärt Richards mit Hilfe des „ context theorem of meaning “ (S. 34), wonach die Wortbedeutungen durch ihre Kontexte bedingt sind und nicht nur „isoliert dastehend[e] Eindr[ücke]“ (ibid.) darstellen. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse formuliert Richards Folgendes:

Auf die einfachste Formulierung gebracht, bringen wir beim Gebrauch einer Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitigen aktiven Zusammenhang, unterstützt von einem einzelnen Wort oder einer einzelnen Wendung [Hervorhebung S.D.], deren Bedeutung das Resultat der Interaktion ist. (Richards 1936, S. 34)

Die Bedeutungszuweisung einer Metapher ist nach Richards Auffassung somit Ergebnis einer Interaktion zweier Vorstellungen und die metaphorische Tätigkeit wird folgerichtig im Bereich der Kognition angesiedelt. Um die Interaktion besser beschreiben zu können führt Richards die Termini „Tenor [ tenor ]“ und „Vehikel [ vehicle ]“ ein (Richards 1936, S. 37). Als Tenor bezeichnet Richards die „zugrunde gelegte Vorstellung oder den Hauptgegenstand“ (ibid.) auf die sich der Träger des metaphorischen Sinnes, das Vehikel, bezieht.

Es soll festgehalten werden, dass Richards durch seine Ausführungen entsprechend die oben unter 1) und 2) genannten Thesen der Substitutionstheorie entschärft hat.

2.2.2. Max Black

Max Black (1954), ebenfalls Philosoph und Schüler von Richards, kritisierte in seinem Aufsatz „Die Metapher“ auf Grundlage der Beschreibungen von Richards die Substitutionstheorie überzeugend und setzte sich bewusst von ihr ab. Er erweiterte den 1936 von Ivor Richards eingeführten interaktionstheoretischen Begriff der Metapher zu einer eigenständigen Theorie, die Black „ Interaktionstheorie “ (1954, S. 69) nennt. Black versuchte, über die Betrachtung von Sprache darüber Einsicht zu erlangen „’wie die Dinge sind’“ (Black 1977, S. 382).

Als Hauptanliegen seines Aufsatzes gibt Black an, er wolle die Metaphern aus dem Verruf bringen, sie seien unpräzise Äquivalente von anderen, wörtlichen Bezeichnungen und somit für wissenschaftliche Zwecke nicht geeignet. Black argumentiert dazu, dass Metaphern nicht nur als dekorative Elemente der Sprache anzusehen sind, da sie auch eine katachretische Funktion erfüllen. Metaphorischen Äußerungen wie die Schenkel eines Dreiecks werden nicht benutzt, um beim Rezipienten Vergnügen auszulösen, sondern schlichtweg gebraucht, da es keine andere, wörtliche Entsprechung der Metapher gibt. Man könnte sie nur durch umständliche Paraphrasierungen substituieren. Durch die Verwendung eines Wortes in einem neuen Sinn werden folglich Benennungslücken im Wortschatz geschlossen. Daraus folgt, dass der Substitutionsvorgang nicht in allen Fällen von Metaphorik ohne Probleme rückgängig zu machen ist. Durch seine Beschreibung der katachretischen Funktion der Metapher widerlegte Black zunächst die oben unter 2), 3) und 4) gegebenen Thesen. Wenn es nicht für jeden metaphorischen Begriff ein verbum proprium gibt, die Metapher in vielen Fällen gar selbst zu einem verbum proprium wird, können Metaphern weder als Ausnahmeerscheinungen der Sprache noch als einfache Substitute für wörtliche Begriffe eingestuft werden.

Gegen die Vergleichstheorie hegt Black Einwände in dem Sinne, dass die Ähnlichkeit bei einem Vergleich als objektiv gegeben angenommen wird, da metaphorisch und wörtlich gebrauchter Ausdruck als „annähernd synonym“ (Black 1954, S. 67) beziehungsweise ähnlich verstanden werden. Ähnlichkeit lässt Black zufolge jedoch „immer Abstufungen zu“ (ibid.), weshalb Metaphern nicht als Ersatz für einen formalen Vergleich gelten können. Black hingegen zieht es vor davon zu sprechen, dass „… die Metapher [Ähnlichkeit] schafft, statt zu sagen, sie formuliert eine bereits vorher existierende Ähnlichkeit“ (S. 68) und zieht somit eine deutliche Grenze zur Vergleichs-und somit Substitutionstheorie (vgl. These 5)).

Des Weiteren rückt Black die Metapher stärker in den Bereich der Kognition und somit weg von der Wortebene (vgl. These 1)), indem er sich konform zeigt mit den Auffassungen von Richards. Die Interaktion wird in diesem Ansatz als Ergebnis eines Zusammenwirkens von zwei verschiedenen „Vorstellungen“ (Richards 1936, S. 93)9 beschrieben, das heißt die wörtliche und übertragene Bedeutung einer Metapher werden gleichzeitig wahrgenommen. Black (1954) deutet das Prinzip von Tenor und Vehikel nach Richards mit den Termini „Rahmen [ frame ]“ und „fokales Wort [ focus ]“ um (S.69). Im neuen Kontext bzw. Rahmen erfährt das fokale Wort eine Bedeutungserweiterung, der sich der Leser10 der Metapher bewusst werden muss, damit die Interaktion erfolgreich ist. Der Leser muss erkennen, dass der Mensch11 in Der Mensch ist ein Wolf eine Bedeutungserweiterung erhält, die in anderen Kontexten nicht auftritt. Sie ist möglich dadurch, dass das fokale Wort gewisse Merkmale mit dem metaphorisch gebrauchten Wort gemein hat.

Die Erweiterung des Bedeutungsumfanges findet Black zufolge statt durch einen Austausch zwischen dem Hauptgegenstand Mensch und dem untergeordneten Gegenstand Wolf, der als „ System miteinander assoziierter Gemeinplätze “ (Black 1954, S. 70) übersetzt wird. Black arbeitet mit dem Begriff der Gemeinplätze als in einer Sprachgemeinschaft allgemein gebräuchliche, eingebürgerte Assoziationen eines Gegenstandes, die aus heutiger Sicht als Stereotype bezeichnet werden könnten. Wird der Mensch nun als Wolf bezeichnet, wird ein System von Vorstellungen ins Spiel gebracht, die das Benannte unter anderem als „wild, hungrig, in ständigen Kampf verwickelt“ (S.72) kennzeichnen. Diese Implikationsmuster müssen aus wissenschaftlicher Sicht nicht korrekt, sondern vor allem für den Leser schnell abrufbar sein. So kann es in Metaphern durchaus dazu kommen, dass sich auf einen Wal als Fisch bezogen wird, obwohl er zur Gattung der Säugetiere gezählt wird. Je nach Hauptgegenstand werden durch die Interaktion zweier zentraler Gemeinplätze in der Metapher einige Aspekte des Hauptgegenstandes unterdrückt und andere hervorgehoben, er wird „organisiert“ (S. 72). Durch Metaphern kann man entsprechend bewusst auf die Organisierung des Hauptgegenstandes einwirken und somit Einstellungen über ihn transportieren12.

Zudem wird nach Black das Implikationssystem des metaphorischen Ausdrucks selbst durch die metaphorische Äußerung verändert, das heißt Merkmale des Zielbereiches übertragen sich auch auf den Ursprungsbereich. Entsprechend geht er davon aus, dass in einer Metapher wie etwa Der Mensch ist ein Wolf nicht nur wölfische Eigenschaften auf den Mensch angewendet werden, sondern auch der Wolf im Rahmen dieser Metapher menschlicher erscheint. Diese von Black postulierte bidirektionale Beziehung ist angreifbar, da es einerseits schwer nachzuvollziehen ist, inwieweit der Wolf menschlicher wirkt und Black dahingehend auch keinen konkreten Vorschlag macht. Ein wichtiger Gewinn gegenüber der Substitutionstheorie ist jedoch die Vorstellung, dass bei der Interaktion beide Komponenten Einfluss aufeinander ausüben und nicht etwa miteinander verglichen werden.

Doch Black geht nicht nur auf die Interaktion der Implikationssysteme innerhalb der Metapher ein, sondern wagt im weiten Verlauf seines Aufsatzes sogar noch einen kurzen Diskurs in den Bereich der Vernetzung der Metaphern untereinander. Er spricht von der „Ausgangsmetapher“ (S. 74) der andere Metaphern untergeordnet sind. Sie gehören „… normalerweise zum gleichen Diskursbereich … so daß sie gegenseitig ein und dasselbe System von Implikationen verstärken“ (ibid.). Black legt mit diesen Gedanken und seine Positionierung metaphorischer Prozesse im kognitiven Bereich den Grundstein für die kognitive Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (1980).

Am Schluss seiner Arbeit erklärt Black, dass mit der von ihm dargelegten Interaktionstheorie nicht alle Fälle von metaphorischer Sprechweise erfasst werden, besonders nicht solche einfachen Fälle, die durch die Substitutionstheorie erklärt werden können. Er erhebt jedoch für interaktionstheoretische Metaphern den Anspruch, dass sie im Gegensatz zu Substitutions- und Vergleichstheoretischen Metaphern „unentbehrlich“ (Black 1954, S. 78) sind, da man sie ohne Verlust an „kognitive[m] Gehalt“ (ibid.) nicht ersetzen kann. In diesem Sinne hat Black sein Anliegen, der Metapher auch in den Wissenschaften und der Philosophie ihre Daseinsberechtigung zu geben, äußerst eindrucksvoll umgesetzt.

2.3. Die kognitiv-linguistische Metapherntheorie

Als Begründer der kognitiv-linguistischen Metapherntheorie sind Lakoff und Johnson zu nennen, die 1980 in ihrem Werk Metaphors we live by untersuchten, inwieweit Sprache mit kognitiven Strukturen zusammenhängt. Den Rahmen für ihre Untersuchungen bildet die kognitive Linguistik, eine Teildisziplin der Linguistik, die sich in den 50er Jahren entwickelt hat. Die kognitive Linguistik „… seeks to provide explanatory foundations for conceptual systems and language in the general study of the brain and the mind“ (Lakoff/Johnson 2003, S. 270) und versucht, „... recent work in cognitive psychology, cognitive neuroscience and development psychology” (ibid.) mit in ihre Forschung einzubeziehen. Als empirische Wissenschaft gewinnt sie ihre Daten aus der Analyse von konkretem Sprachmaterial im allgemeinen Sprachgebrauch. Am stärksten wurde aus der kognitiven Linguistik neben dem Ansatz von Lakoff und Johnson die Prototypentheorie nach Rosch (1973) rezipiert.

Gegenstand der Untersuchungen von Lakoff und Johnson bilden die mentalen Strategien des Menschen beim Produzieren und Rezipieren von Sprache. Sie gehen dabei von der Prämisse aus, dass unsere Sprache ein spezifischer Ausdruck des gleichen kognitiven Systems ist, mit dem wir auch denken und handeln, und somit durch die Beobachtung von linguistischen Begebenheiten Rückschlüsse auf unser konzeptuelles System gezogen werden können.

Aus ihrer Forschung geht die Erkenntnis hervor, dass die menschlichen Denkprozesse, mit deren Hilfe wir unser alltägliches Leben verstehen und strukturieren, von Metaphern13 durchdrungen werden, unser Konzeptsystem gar „fundamentally metaphorical in nature“ (S. 3) ist. In diesem Sinne sind es “Metaphors we live by”. Als grundlegende Definition der Metapher bieten Lakoff und Johnson zunächst folgende an: „ The essence of metaphor is understanding & experiencing one kind of thing in terms of another “ (S. 5). Auf Basis dieser Kernaussage wenden sie sich in ihren Untersuchungen den konzeptuellen Metaphern zu, die sich in den Ausdrücken der alltäglichen Sprache niederschlagen. Sie werden gebildet auf der Grundlage von kohärenten Wissen- und Erfahrungsbereichen, die als konzeptuelle Dom ä ne oder Konzepte bezeichnet werden. Für jede Metapher werden zwei konzeptuelle Domänen angenommen: jeweils ein Ursprungsbereich und ein Zielbereich 14.

Die konzeptuelle Metapher, DISKUTIEREN IST KRIEG etwa, markiert als Ursprungsbereich das Konzept Diskussion und als Zielbereich das Konzept Krieg. Sie manifestiert sich sprachlich durch ein kohärentes System von metaphorischen Ausdrücken wie verbale Schlammschlacht oder er verteidigte seine Position. Die Metapher is gekennzeichnet durch „systematic correspondences“ (Kövesces 2002, S. 6) zwischen Ursprungs- und Zielbereich. Dabei korrespondieren konstituierende Elemente des Ursprungsbereiches mit konstituierenden Elementen des Zielbereiches, was mit dem Begriff „ mapping “ beschrieben wird (ibid.). Nach Kövesces versteht man eine Metapher dann, wenn man deren mappings kennt - wenn auch nur unterbewusst (vgl. S. 9). Für die Metapher DISKUTIEREN IST KRIEG ergibt sich in etwa folgendes mapping -Schema15:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lakoff und Johnson (1980) argumentieren, dass man eine Diskussion als Art Kampf begreift, da in beiden Fällen gewonnen oder verloren werden kann, der Partner als Gegner verstanden wird und nach Strategien vorgegangen wird. Beim Angriff durch ein Argument wird die eigene Position durch ein anderes verteidigt. Es ergeben sich somit eine Reihe an metaphorischen Korrespondenzen (mappings), die jene DISKUTIEREN IST KRIEG- Metaphorik charakterisieren. Aus dem Grund, dass die Diskussion als Kampf verstanden wird, redet man darüber als Art des Kampfes oder Krieges.

Im den kognitiven Strukturen des Sprachteilnehmers ist die konzeptuelle Metapher DISKUTIEREN IST KRIEG gespeichert, drückt sich aus in unserem Handeln in einer Diskussion und äußert sich demzufolge auch auf Ebene der Sprache. In diesem Sinne stellt DISKUTIEREN IST KRIEG eine Metapher dar, nach der in unserer Kultur gedacht, gesprochen, und gelebt wird. Metaphern sind entsprechend als weit mehr als sprachliche Phänomene aufzufassen, wie es vor Lakoff und Johnson der Fall war, sondern in erster Linie als sprachlicher Ausdruck von allgemeinen kognitiven Mustern:

... metaphor is not just a matter of language, that is of mere words. We shall argue that, on the contrary, human thought processes are largely metaphorical. (Lakoff/ Johnson 1980, S. 6)

DISKUTIEREN IST KRIEG ist als sprachlicher Ausdruck nur deshalb möglich, weil das menschliche Konzeptsystem metaphorisch strukturiert ist:

The metaphor is not merely in the words we use - it is in our very concept of an argument. The language of argument is not poetic, fanciful, or rhetorical; it is literal.

(Lakoff/ Johnson 1980, S. 5)

Folglich werden Metaphern nicht mehr als besondere Momente der Sprache behandelt und als Schmuckelemente in rhetorischen Texten beschrieben, sondern als allgemeinsprachliche Phänomene auf die sich Lakoff und Johnson gar als wörtliche (literal)16 Sprechweise beziehen.

Diese Ergebnisse, die aus den Untersuchungen Lakoff und Johnsons hervorgingen17, stehen im starken Kontrast zu der bis dahin dominanten Substitutionstheorie, da Metaphern nicht mehr auf Wortebene angesiedelt werden, sondern im Denken. Dieser fundamentale Wandel in der Betrachtungsweise der Metaphern von rein sprachlichen Erscheinungen zu Abbildungen unseres mentalen Systems hatte enorme Folgen auf die Rezeption von Metaphern in der Linguistik.

3. Metapherntypen

Bisher richtete sich unsere Aufmerksamkeit nur auf die konzeptuellen Metaphern, dem Kernstück der kognitiven Metapherntheorie. In Metaphors we live by werden jedoch verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten innerhalb der Kategorie konzeptuelle Metapher angeboten, die im Folgenden gemeinsam mit weiteren Kategorisierungsmöglichkeiten thematisiert werden sollen. Zunächst wird eine Typisierung von Metaphern vorgenommen nach der kognitiven Funktion bzw. der Art und Weise, wie sie unser Denken und Verstehen der Welt beeinflussen (vgl. Kövecses 2002, S. 33). Sie geht einher mit einer Untergliederung nach der Art des Ursprungbereiches. Die Typen Strukturmetapher, Orientierungsmetapher und ontologische Metapher werden beleuchtet.

Eine weitere Kategorisierung auf Konzeptebene erfolgt nach dem Grad der Vernetzung mit anderen Metaphern durch die gemeinsame Nutzung bestimmter Ursprungs- oder Zielbereiche.

Im zweiten Teil dieses Kapitels richtet sich der Fokus auf Kategorisierungsmöglichkeiten auf der Ebene sprachlicher Zeichen. In diesem Rahmen kommt es zur Einstufung von Metaphern nach ihrem Grad der lexikalischen Verfestigung, d.h. danach, inwieweit sie im mentalen Lexikon der Sprachteilnehmer gespeichert sind, und nach der Anzahl der sprachlichen Konstituenten einer Metapher. Es wird im ersten Fall zwischen okkasionellen und lexikalisierten Metaphern unterschieden und im zweiten eine Untergliederung von Einwort-, Wortgruppen- und Satzmetaphern vorgestellt.

3.1. Kognitive Ebene

3.1.1. Kognitive Funktion der Metapher

3.1.1.1. Strukturmetaphern

Strukturmetaphern gliedern einen relativ abstrakten Zielbereich mit Hilfe eines konkreteren Ursprungsbereiches (z.B. ARGUMENTIEREN IST KRIEG). Es wird ein sehr gut gegliedertes -und beschreibbares Konzept benutzt, welches grundsätzlich in einem höheren Maße sinnlich erfahrbarer und konkreter ist, um ein anderes zu strukturieren und dadurch zu verstehen (vgl. Kövecses 2002, S. 33). Dieses hingegen ist der sinnlichen Wahrnehmung nur in geringem Maße zugänglich und in der Regel entsprechend abstrakter und komplexer. Der metaphorische Vorgang (mapping),

auf dem die Metapher basiert, ist unidirektional (vgl. S. 6), dass heißt er läuft üblicherweise nur von der konkreteren in Richtung der abstrakteren Domäne ab und nicht umgekehrt.

3.1.1.2. Ontologische Metaphern

Ontologische Metaphern strukturieren den Zielbereich nicht in dem Maße, wie es Strukturmetaphern tun.

Sie haben nach Lakoff und Johnson (1980, S. 23) eher die Funktion, abstrakte Zielbereiche in Kategorien zusammenzufassen. Bei diesen Zielbereichen handelt es sich um zwar vertraute und allgegenwärtige, jedoch schwer kategorisierbare Erfahrungen wie Ereignisse, Handlungen, Gefühle oder Ideen. Sie werden metaphorisch als Ganzheiten oder Substanz begriffen und können durch diesen Umstand deutlicher skizziert und somit besser verstanden werden. Doch obwohl ontologische Metaphern es Sprechern ermöglichen, sich auf bestimmte Sachverhalte zu beziehen, fördern sie nicht zwingend das Verständnis dieser Sachverhalte. Der Zweck der Kategorisierung liegt stattdessen darin, den Sprachteilnehmer zu befähigen, mit dem metaphorischen Begriff zu “arbeiten”, beziehungsweise einen Begriff zu schaffen, auf den sich ein Sprecher beziehen und der quantifiziert werden kann. Lakoff und Johnson (1980, S. 26) bieten zur Illustration das Beispiel der Inflation an. Der Begriff der Inflation bezieht sich auf die Erfahrung von steigenden Preisen, die metaphorische als die Ganzheit Inflation betrachtet wird. Die konzeptuelle ontologische Metapher lautet entsprechend INFLATION IST EINE GANZHEIT. Sie macht es uns möglich, sich mit Wendungen wie die alles verschlingende Inflation auf ein schwer greifbares Phänomen zu beziehen.

Der Mensch und der menschliche Körper stellt ein besonders wichtiges Ursprungsobjekt dar, was sich in der Erscheinung der Personifikation äußert. Personifikationen werden bei Lakoff und Johnson als Unterart der ontologischen Metapher definiert (vgl. S. 33). Ein gegenständliches Objekt wird bei der Personifizierung als Person konzeptualisiert und auf diese Weise etwas nicht Menschliches als menschlich dargestellt. An den Beispielen das Leben hat mich betrogen und die Inflation verschlingt unsere Profite ist jedoch zu erkennen, dass es kein einheitliches System der Personifikation gibt, und sich stattdessen jede Personifikation danach unterscheidet, welche Aspekte vom Menschen ausgesucht und hervorgehoben werden. Spezifische Dinge werden folglich nicht mit Personen generell gleichgesetzt, sondern mit bestimmten Merkmalen, die Personen aufweisen können. Im Beispiel das Leben hat mich betrogen ist der Ursprungsbereich zwar auch ein Mensch, jedoch vorrangig ein Betrüger. Der metaphorische Ausdruck die Inflation verschlingt unsere Profite stellt der Ursprungsbereich eine gierige oder hungrige Person dar.

3.1.1.3. Orientierungsmetaphern

Die meisten fundamentalen Konzepte werden durch räumlich bestimmte Metaphern organisiert (vgl. Lakoff/Johnson 1980, S. 14 ff). Sie nutzen als Ursprungsbereich den Raum und bestimmte Merkmale, die der Raum annimmt, um abstraktere Bereiche zu erschließen. Sie strukturieren den Zielbereich jedoch unter den Typen der konzeptuellen Metapher im geringsten Maße.

Die meisten Orientierungsmetaphern stellen, daher auch ihr Name, ein Konzept in eine räumliche Beziehung, wie z.B. in der Metapher GLÜCKLICH IST OBEN. Sie spiegelt sich in metaphorischen Ausdrücken wie Ich f ü hle mich heute obenauf oder die Stimmung steigt. Als weitere grundlegende räumliche Beziehungen sind neben oben - unten unter anderem innen - au ß en oder vorne - hinten zu nennen. Die kognitive Funktion der Orientierungsmetaphern besteht darin, ein kohärentes System von Zielbereichen zu schaffen. Entsprechend sind die Zielbereiche in den konzeptuellen Metaphern GUT IST OBEN, GESUNDHEIT IST OBEN und GLÜCKLICH IST OBEN durch eine räumliche Orientierung nach oben charakterisiert.

Diese Orientierung läuft nicht arbiträr ab sondern geschieht auf der Basis von vielen möglichen körperlichen oder kulturellen Erfahrungen (vgl. Lakoff/Johnson 1980, S. 24). Eine aufrechte Haltung etwa ist bezeichnend für eine positive Gemütseinstellung im Sinne von GLÜCKLICH IST OBEN, während gesenkte Körperhaltung für Traurigkeit und Depression spricht (UNGLÜCKLICH IST UNTEN). Aus den Beispielen geht hervor, dass die räumliche Orientierung physischer Prägung ist. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Auswahl von einer physischen Basis unter vielen kulturell variieren kann (vgl. S. 19). Bevor sich die Betrachtung nun dem Vernetzungsgrad der Metaphern zuwendet, muss darauf hingewiesen werden, dass die Einteilung, die im Vorherigen präsentiert wurde, nicht den Eindruck erwecken soll, dass jede Metapher eindeutig einer Art der konzeptuellen Metapher zugeordnet werden kann. Es gibt natürlich Metaphern, die auch in zwei verschieden Kategorien hineinpassen, wie etwa d er Mensch ist ein Wolf. Sie kann sowohl als Strukturmetapher, als auch als ontologische Metapher aufgefasst werden.

Trotz solcher Fälle macht die konzeptuelle Metapherntheorie enorme Kategorisierungen von Metaphern möglich, worin eindeutig ihre große Leistung zu sehen ist.

3.1.2. Vernetzungsgrad konzeptueller Metaphern

3.1.2.1. Vernetzte Metaphern

Eine der Beobachtungen, die aus Lakoff und Johnsons (1980) Untersuchungen hervorging, ist, dass konzeptuelle Metaphern selten isolierte Phänomene darstellen. Stattdessen sind metaphorische Ausdrücke in systematischer Weise an metaphorische Konzepte gebunden und lassen sich systematisch in Metaphern- konstituierende Gruppen einordnen. Man versuchte nun entsprechend, eine Netzstruktur von konzeptuellen Metaphern zu entwickeln, die als metaphorisches System bezeichnet wird.

Betrachtet man etwa die Metapher ZEIT IST GELD, die durch metaphorische Ausdrücke wie Ich habe viel Zeit in unsere Beziehung investiert oder Sie vergeuden meine Zeit repräsentiert wird, ist diese mit anderen konzeptuellen Metaphern vernetzt durch einen gemeinsamen Ursprungs- oder Zielbereich. Ein anderer Ursprungsbereich für Zeit manifestiert sich in den Wendungen die Zeit pl ä tschert so dahin oder die Zeit fließtdahin. Wobei der Zielbereich Zeit in diesem Fall als Wasser konzeptualisiert wird, kann er unter anderem auch der Raum zum Ursprungsbereich werden wie bei Zeitpunkt.

Den Ursprungsbereich Geld wiederum kann auch auf andere Zielbereiche übertragen werden. In den metaphorischen Ausdrücken Wortschatz und gef ü hlsarm umfasst der Zielbereich im ersten Fall die Rede und im zweiten die Gefühle.

Nun kann des Weiteren, obwohl das Geld einen relativ konkreten Ursprungsbereich definiert, in anderen Äußerungen (z.B. Finanzströme) zum Zielbereich werden, wenn ein noch konkreterer Zielbereich (in diesem Fall Wasser) herangezogen wird. Aus der Fülle von Beziehungen unter den Ursprungs- und Zielbereichen von konzeptuellen Metaphern entsteht ein Metaphernnetz18.

Pielenz (1993) hat sich in der Illustration eines solchen Netzes versucht, welches besonders „… eindrucksvoll das metaphorische Potential unser alltäglichen Redepraxis“ belegt und „… ebenso deutlich die Unvermeidlichkeit metaphorischer Kommunikation“ (S. 97) zeigt19:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.2.2. Solitäre Metaphern

Es stellt sich, nachdem der Begriff Metaphernnetz20 etabliert wurde, die Frage nach der Reichweite von solchen Netzwerken. Fügen sich alle Metaphern in einem solchen Netz oder gibt es auch isolierte Phänomene?

Die Betrachtung der metaphorischen Ausdrücke Baumkrone und Buchr ü cken gibt Aufschluss. Für keine der Metaphern der BAUM IST EIN KÖNIG und das BUCH IST EIN MENSCH gibt es weitere metaphorische Ausdrücke als die zuvor genannten. Sie benennen einzelstehende, solitäre metaphorischer Ausdrücke, die als einzige Metaphern über diese Kombination von Ursprungs- und Zielbereich verfügen. Sie sind als unsystematische und Randerscheinung einer Metapher zu verstehen, die nicht zu den konzeptuellen Metaphern gehören, die unser Leben strukturieren.

3. 2. Ebene sprachlicher Zeichen

3.2.1. Anzahl lexikalischer Komponente

Bisher wurde stets von “der Metapher” gesprochen, doch welche Bandbreite an sprachlichen Möglichkeiten zur Realisierung des Metaphorischen vorhanden sind, wurde nur am Rande anhand der aufgeführten Beispiele metaphorischer Ausdrücke erkennbar. Es seien exemplarisch die Metaphern Schwalbe (im Fußball), ein Tor schie ß en und Angriff ist die beste Verteidigung genannt. Sie stehen stellvertretend für drei in unterschiedlichem Maße komplexe Möglichkeiten, das Metaphorische auf Wortebene auszudrücken: Einwortmetaphern, Wortgruppenmetaphern und Satzmetaphern. Diese Erscheinungsformen der Metapher können zudem danach untergliedert werden, inwieweit ihre sprachlichen Komponenten ganzheitlich oder partiell metaphorisch gebraucht werden und ob sie feste lexikalische Einheiten darstellen oder okkasioneller Natur sind.

In Rahmen dieser Untergliederung wird mit Blick auf das vorangegangene Kapitel zudem darauf eingegangen, auf welch unterschiedliche Weise die metaphorischen Einheiten (im Falle von Lexikalisierung) remetaphorisiert werden können.

3.2.1.1. Einwortmetaphern

Als Einwortmetaphern verstehen wir die …

… Gleichsetzung unserer Vorstellungen von Gegenständen, Prozessen oder Eigenschaften, die -je nach Komplexität des metaphorisierten Wortes - auf mehr oder weniger punktuellen Denotatsvergleichen beruhen. (Ewald 1999, S. 225)

Auf struktureller Ebene können Einwortmetaphern als ganzheitlich metaphorisch eingestuft werden wenn sie Simplizia oder Determinativkomposita21 mit vollständiger Loslösung von der zugrunde liegenden wörtlichen Bedeutung, wie bei Schuss oder dem Schiedsrichter 22 (jeweils Fußball-Termini), sind.

Partielle Metaphorisierung liegt vor im Falle von Determinativkomposita mit metaphorisch gebrauchtem Grundwort23, wie etwa in Torsch ü tze. Wie es bereits ausführlich dargestellt wurde, können Einwortmetaphern im unterschiedlichen Grade im Wortschatz verfestigt sein oder okkasionelle Bildungen bezeichnen. Die Lexikalisierung und somit Demetaphorisierung fester Wortmetaphern kann zwar nicht rückgängig gemacht, jedoch kurzweilig durch die Remetaphorisierung ausgesetzt werden, wenn „… sowohl die wörtliche als auch die übertragene Bedeutung … durch Interaktion mit dem Kontext ‚aktualisiert’“ (Burger 1998, S. 82) wird. Stellt man die Einwortmetapher Schwalbe etwa in folgenden Kontext, wird der Ursprungsbereich wieder kenntlich gemacht: die Schwalbe lie ß ihn direkt zu Gelb-Rot fliegen. Hier erschließt sich die Metaphorizität mithilfe sonst unbenutzter Lexeme (fliegen) aus dem Ursprungsbereich, die als Kontextsignale fungieren. In der Wendung der Tor-H ü ter lie ß keinen einzigen Ball in die N ä he seines Tores zeigt sich, dass auch „verfremdende graphische Mittel“, wie in diesem Fall der Bindestrich, „… die unmittelbaren Konstituenten des Ausgangswortes … vor Augen führen“ (Ewald 1999, S. 228) und somit als Remetaphorisierungsmittel für Einwortmetaphern eingesetzt werden können. Eine weitere beliebte Art, auf den metaphorischen Wert von Wörtern aufmerksam zu machen, sind den Text begleitende Abbildungen, die den Ursprungsbereich veranschaulichen. Beispiele aus dem Corpusmaterial werden dies später belegen. Doch nicht nur die konkret zeichenhafte textuelle Umgebung ist für Remetaphorisierungsprozesse von Bedeutung. So kann in manchen Fällen nur das Weltwissen bzw. Kenntnisse über den situationellen Rahmen des Textes (das Textsortenwissen, medienspezifische Merkmale, historischer und kulturelle Zusammenhänge usw.) zurate gezogen werden, wenn eine Metaphernbedeutung remotiviert wird. Bei Sabban (1998, S. 121) werden jene textexternen Umstände eines Textes mit dem Begriff Textrahmen 24 zusammengefasst, der in dieser Arbeit übernommen wird. Ein besonders prägnantes Beispiel für die Bedeutung des Textrahmens ist in einer Paulaner- Werbung25 zur WM 2006 zu finden, in der zwar nicht mit einer Metapher, sondern einer Metonymie gespielt wird, das Prinzip jedoch trotzdem gut veranschaulicht wird: Die beiden Fußballgrößen Oliver Kahn und Sportjournalist Waldemar (“Waldi”) Hartmann sitzen mit gefüllten Biergläsern an einer Bierzeltgarnitur im Paulanergarten, prosten sich gegenseitig zu und Oliver Kahn kommentiert wie folgt: „Gell Waldi - auf der Bank ist es immer noch am schönsten“. Dabei wird die Bank-Metonymie26 im Fußball (Aufenthaltsort der Auswechselspieler im Spiel) durch den bildlichen Kontext (Sitzbank) reaktiviert27. Hier zeigt sich: die Möglichkeiten zum “Auffrischen” einer Metapher sind vielfältig. Doch auch der Remetaphorisierung (aller metaphorischen Einheiten) sind nach Ewald (1999) Grenzen gesetzt, wenn sich „… der bildspendende Vorstellungsbereich nicht mehr aktualisieren lässt“ (S. 229), d.h. die etymologische Bedeutung nicht wieder bewusst gemacht werden kann, beispielsweise in Schraubenmutter. Solche Metaphern können jedoch im bestimmten Kontext scheinbar remetaphorisiert werden, indem nicht der etymologische zugrunde liegende Ursprungsbereich ins Bewusstsein gerufen, sondern ein neuer konstatiert wird. Der eigentliche Ursprungsbereich der Mutter, nämlich die Gebärmutter einer Frau28, wird nicht direkt assoziiert. Wohl aber die moderne Bedeutung von Mutter als Leben- spendendes Lebewesen. In dieser Arbeit wird die aktuelle Semantik der Komponenten einer Metapher als Maßstab herangezogen und somit die Modernisierung der Vorgänge zwischen Ursprungs- und Zielbereich in den Begriff integriert. Ohne diese Maßnahme würde sich bei einem Großteil der festen Metaphern der Ursprungsbereich als nicht mehr remetaphorisierbar erweisen.

3.2.1.2. Wortgruppenmetaphern

Im Gegensatz zu Wortmetaphern ist es bei metaphorischen Wortgruppenlexemen nicht möglich, die Metapher „auf Abbilder singulärer Denotate (und somit auf Wörter)“ (Ewald 1999, S. 230) zurückzuführen, sondern sie manifestieren sich auf Sprachebene in komplexeren Sachverhaltsabbildern bzw. in Wortgruppen.

Wortgruppenmetaphern können ebenfalls ganzheitliche oder partielle Metaphorizität aufweisen, indem entweder die gesamte Wortgruppe eine metaphorische Lesart erfordert (sich einen offenen Schlagabtausch liefern) oder nur einzelne Denotate im übertragenen Sinn verstanden werden (ein Tor schie ß en). Im ersten Falle kann die Wortgruppenbedeutung nicht aus der Bedeutung von deren Komponenten (Wörtern) abgeleitet werden, während bei der letztgenannten Möglichkeit Bedeutungen einzelner Komponente wahrnehmbar bleiben.

Strukturell werden Wortgruppenmetaphern nach ihrem Satzgliedwert unterschieden. Substantivische Wortgruppenmetaphern nehmen im Satz entsprechend die Funktion eines Substantives ein, beispielsweise offener Schlagabtausch. Als Adjektiv fungieren Wortgruppenmetaphern wie au ß er Rand und Band (sein), und auch Verben können durch metaphorische Wortgruppen repräsentiert werden (z.B. jemanden an die Wand spielen).

Der Lexikalisierungsgrad von Wortgruppenmetaphern bestimmt deren Zuordnung zu okkasionellen Wortgruppenmetaphern oder Phraseologismen. Der Begriff Phraseologismus bezeichnet Wortgruppenlexeme, die sich generell durch ihre „Idiomatizität“, „Stabilität“ und „Polylexikalität“29 auszeichnen (Fleischer 1982, S.34 ff). Diese mehrgliederigen, als Einheit fest im mentalen Lexikon gespeicherten und entsprechend relativ stabilen Wortschatzeinheiten können, müssen jedoch nicht, metaphorischer Art sein30.

Als Möglichkeiten zur Remetaphorisierung von Phrasemen kommen wie bei Einwortmetaphern Kontextsignale in Frage, z.B. in er ballte sein gl ü ckliches H ä ndchen, um die konkrete Wortgruppenbedeutung ins Bewusstsein zurückzurufen. Gerade der Bereich der Produktwerbung zehrt immer wieder von der unendlichen Fülle an sprachspielerischen Remetaphorisierungen durch kontextuale und situationale Bedingungen (Textrahmen), oder auch durch graphische Elemente und flankierende Abbildungen wie bereits oben bei den Einwortmetaphern dargestellt wurde (vgl. Krieg 2005). Eine andere Möglichkeit neben der Remetaphorisierung, einen Phraseologismus zu einer kreativen okkasionellen Bildung umzugestalten, offenbart sich, wenn die syntaktische Stabilität ad hoc durchbrochen wird. Zwar ist es bezeichnend für Phraseme, dass sie in geringfügigen usuellen Varianten31 auftauchen, radikale Abweichungen von der lexikalisierten Form durch „Substitution und Expansion …, Reduktion und Kontamination“ (Fleischer 1997, S, 263) jedoch werden als „Modifikation“ bezeichnet und verfremden den Phraseologismus auf originelle Weise (die kalte Rentendusche von die kalte Dusche). Sie „… sind stets einmalige, für eine bestimmte Gelegenheit und einen aktuellen Redezweck geschaffenen Formulierungen“ (Sabban 1998, S. 14). Modifikationen sind Fälle, in denen die feste phraseologische Form lediglich als „Vorlage“ dient und umgestaltet wird, jedoch als „Bezugsgröße“ wahrnehmbar bleibt (ibid.). Die Basisbedeutung des Phrasems wird dabei nicht verändert, sondern „… auf verschiedene Weise angereichert, remotiviert oder mit dem Kontext vernetzt“ (Barz 1992, S. 35). Nach Fleischer (1997) sind solche Modifikationen aufgrund der günstigen Rezeptionssituation in Pressetexten besonders häufig im journalistischen Bereich anzutreffen (vgl. S. 265), wo mit ihrer Bildung eine bestimmte Wirkung intendiert wird (vgl. Barz, 1992, S. 35). Inwieweit diese These durch empirische Daten aus der Sportberichterstattung betätigt werden kann, ist Gegenstand der auswertenden Betrachtungen.

Leider eröffnet sich in der praktischen Auseinandersetzung mit Texten, dass die Grenze zwischen Modifikation und Varianz oft schwammig verläuft und in vielen Fällen zur Ermessensfrage wird32.

3.2.1.3. Satzmetaphern

Als letzte sprachliche Einheit der Metapher in dieser Untergliederung wird nun schließlich der Satz ins Blickfeld gerückt. Satzmetaphern können nicht als Satzglieder auftreten wie Einwortmetaphern oder Wortgruppenmetaphern, da sie in sich selbst abgeschlossenen Sinneinheiten bilden. Die vollmetaphorisch oder teilmetaphorisch zu verstehende Sätze können aufgrund ihrer Eigenständigkeit semantisch sogar als „Mikrotexte“ (Burger 1998, S. 100) begriffen werden, da sie geschlossene Sachverhalte transportieren.

Feste Satzmetaphern nehmen einen wesentlichen Teil des Bereiches der Sprichwörter33 ein, die als „… allgemein oder zumindest weithin bekannte, feste, dauerhaft geprägte Sätze, die eine prägnant formulierte Lebensregel enthalten“ (Beyer 1988, zitiert nach Ewald 1999, S. 236) definiert werden. Sie sind, gleich den Phraseologismen, in unwesentlich abweichenden Varianten34 usualisiert.

Neben Sprichwörtern, die nicht auf metaphorischen Vorgängen basieren (z.B. Geld allein macht nicht gl ü cklich), sind solche zu betrachten, deren (Wort-) Komponenten entweder punktuell metaphorisch sind (Sport ist Mord) oder als Ganzes eine geschlossene Aussage bilden, die einen Zielbereich organisiert (Angriff ist die beste Verteidigung). Um diesen Zielbereich, bzw. die inhärente Lebensweisheit, erschließen zu können,

…ist hier zunächst eine segmentierte Deutung vorzunehmen, um dann die Elemente gemäß dem Satzzusammenhang zur ganzheitlich-metaphorischen Bedeutung zusammenfügen zu können. (Ewald 1999, S. 237)

Die primäre Funktion eines metaphorischen Sprichwortes, d.h. die Vermittlung einer Lebensweisheit, ist an den Fortbestand der metaphorischen Beziehung zwischen den Satzkomponenten und der jeweiligen Lebensregel geknüpft35 (vgl. Ewald 1999, S. 237). Ist dieser nicht mehr erschließbar, kann das metaphorische Sprichwort nicht gedeutet werden und folglich keine Verständigungsfunktion im Wortschatz erfüllen. In der Auseinandersetzung mit Sprichwörtern traf ich beispielsweise auf das Sprichwort Langes F ä dchen, faules M ä dchen, welches mir nicht bekannt ist, und dem ich auch keine Aussage abgewinnen kann. Hier ist die metaphorische Beziehung nicht mehr präsent und kann somit nicht ins “mentale Lexikon” eingehen. Entsprechend der konstituierenden Metaphorizität von Sprichwörtern sind diese von Prozessen der Demetaphorisierung nicht betroffen.

Die Frage nach Möglichkeiten zur Remetaphorisierung stellt sich somit im engen Sinne nicht mehr. Ganz bestimmt kann die Bedeutung jedoch in einem bestimmten Textrahmen durch neue homonyme Lesarten aktualisiert (man könnte sagen “neometaphorisiert”) werden und auf diese Weise ein anderer als der tatsächliche Bedeutungszusammenhang unterstellt werden, oder die feste Satzmetapher durch Modifikation der Komponente zur okkasionellen sprachspielerischen Bildung ausgebaut werden z.B. in „Eigentor stinkt“ (aus: Hörzu, zitiert in Burger 1998, S. 117). Die ursprüngliche Form des Sprichwortes „Eine Schwalbe macht noch lange keinen Sommer“ bleibt zwar als Matrize erkennbar wird jedoch sprachspielerisch umgestaltet und auf diese Weise ein gewisser Aha-Effekt beim Leser provoziert.

3.2.2. Lexikalisierungsgrad

3.2.2.1. Okkasionelle vs. lexikalisierte Metaphern

Metaphern36 werden auch danach unterschieden, wie etabliert bzw. eingebürgert sie im alltäglichen Sprachgebrauch sind. Doch die Vielfalt der theoretischen Herangehensweisen an die Metapher selbst spiegelt sich auch in den vielen Möglichkeiten zur Klassifikation der Metapher nach Lexikalisierungsgrad wieder. Während Aristoteles noch alle Metaphern als kreative Metaphern begriff, werden bei Black schon zwei Arten von Metaphern differenziert. So erkannte Black, dass durch seine interaktionäre Definition der Metapher zwar die „üblichsten Fälle“ erfasst werden, „… in denen der Autor einfach nur mit dem Repertoire des Allgemeinwissens … spielt, das er mit dem Leser teilt“ (Black 1954, S. 74), es jedoch auch Metaphern gibt, die nicht auf diese Weise erklärt werden können. In Werken der Prosa etwa ist es Black zufolge möglich, dass der Schriftsteller ad hoc ein eigens von ihm konstruiertes Implikationssytem einführt, das von denen der gewöhnlichen Gemeinplätze abweicht. Metaphern können somit „… sehr wohl maßgeschneidert sein und brauchen nicht von der Stange zu kommen“ (ibid.). Es findet offensichtlich eine Aufwertung der kreativen, okkasionell gebildeten Metapher und somit implizit eine Abwertung etablierter “gewöhnlicher” Metaphern statt.

Die kognitive Metapherntheorie unterscheidet im Bereich konzeptueller Metaphern zwischen konventionellen und unkonventionellen Metaphern, die beide der gleichen konzeptuellen Metapher angehören können (vgl. Lakoff/Johnson 1980, S. 139). Der konventionellen konzeptuellen Metapher THEORIEN SIND GEBÄUDE etwa ordnen sich die konventionelle Wendung er konstruierte eine Theorie, sowie auch der kreative Ausdruck seine Theorie hat viele kleine R ä ume unter. Die Konventionalität betrifft zudem sowohl konzeptuelle Metaphern als auch ihre linguistischen Ausdrücke (vgl. Kövesces 2002, S. 30).

Konventionelle und unkonventionelle Metapher besetzen jeweils die Randpositionen einer „ scale of conventionality37 (Kövesces 2002, S. 31). Als konventionelle Metaphern werden solche verstanden, die vom Großteil der Sprachangehörigen nicht mehr als Metapher erkannt werden, da sie zu den normalsten Mitteln des alltäglichen Sprachgebrauchs zählen und tief im Konzeptsystem des Menschen verankert sind (vgl. Lakoff/Johnson 1980, S. 139). Der Sprecher kann jedoch auch über dieses System hinausdenken:

... metaphorical concepts can be extended beyond the range of ordinary literal ways of thinking and talking into the range of what is called figurative, poetic, colourful, or fanciful thought and language. (Lakoff/Johnson 1980, S. 13)

Unkonventionelle Metaphern gehören meist der Unterart der Strukturmetaphern an und werden benutzt, wenn unsere konventionellen Metaphern nicht ausreichen um eine bestimmte Erfahrung im kohärenten Zusammenhang beschreiben zu können (vgl. Kövesces 2002, S. 32).

Lakoff und Johnson unterscheiden drei Unterarten von kreativen bzw. unkonventionellen Metaphern:

1. „Extensions of the used part of a metaphor ...”,
2. „Instances of the unused part of the literal metaphor ...” und
3. „Instances of novel metaphor ...”. (Lakoff/Johnson 1980, S. 53)

Neben den beiden ersten Varianten unkonventioneller Metaphern, die auf Grundlage bereits existierender Konzeptualisierungen gebildet werden38, ist für den Zweck dieser Arbeit v.a. auch der dritte Typus von Interesse. Metaphern dieser Art werden bei Lakoff und Johnson (1980) auch als „new metaphors“ (S. 139) bezeichnet und in der deutschen Fassung Leben in Metaphern (1998) unglücklich mit „unkonventionelle Metaphern“ (S. 67) übersetzt39. Bertau (1996) hingegen trifft die Bedeutung mit der Bezeichnung „innovative Metaphern“ (S. 147) auf den Punkt. Diese Art der Metaphern liegen außerhalb unseres konzeptuellen Systems und werden nicht benutzt, „... to structure art of our normal conceptual system but as new way of thinking about something” (Lakoff/Johnson 1980, S. 53).

Der Name „novel metaphors“ spiegelt die weitverbreitete Annahme wider, dass solche Metaphern nur in der Poesie oder der schönen Literatur zu finden sind (vgl. Kövesces 2002, S. 31). Dem entgegen steht nach Kövesces aber die Existenz vieler kreativer Sprecher vor allem im Bereich des Sportjournalismus, der Politik und Musik welche die Bildung innovativer Metaphern beherrschen. Inwiefern nicht nur kreative Sprecher des Sportjournalismus` sondern auch Sportjournalisten der Printmedien die Kunst der innovativen Metapher beherrschen, soll im Verlauf der Arbeit noch thematisiert werden. Doch zuvor wird es für notwendig befunden, die hier erläuterten Begriffe der konventionellen und unkonventionellen Metapher anderen geläufigen Begriffen zur Beschreibung des Grades der Verfestigung einer Metapher gegenüberzustellen. Viele zeitgenössische Autoren beschreiben den Lexikalisierungsgrad von Metaphern eigens mit der konzeptuellen Metapher METPAHERN SIND LEBEWESEN, indem sie ihnen die Entwicklungsstadien lebendig und tot zuweisen. Die verschiedenen Etappen, die eine Metapher durchläuft, werden bei Bruyn (1966) folgendermaßen formuliert:

Während der ersten Etappe bekommt irgendetwas einen Namen, der zu etwas anderem gehört. Anfänglich wird dieser Vorgang als unangemessen oder als Verstoß gegen die gewöhnlichen Sprachregeln bezeichnet. … In der zweiten Etappe wird der als irritierend empfundene Name bereits als passend empfunden; er wird dann zu einer echten Metapher. … Mehr Leute … verstehen sie aber immer noch als bloßen Vergleich, nicht als vollständige Identität. Die dritte Etappe ist erreicht, wenn die Metapher so oft gebraucht wurde, dass man die Differenz vergessen hat. Sie hat sich … von einer ‚lebendigen’ in eine ‚tote’ Metapher verwandelt. Die Identität ist akzeptiert. (Bruyn 1966, zitiert nach Buchholz 1993, S. 18)

Andere Einteilungen der Entwicklungsstufen von Metaphern nehmen ebenfalls wie Bruyn eine Dreiteilung vor, sprechen jedoch von „kreativen“, „lebendigen“ und „toten“ (Feng 2002, S. 49) oder „lebendigen“, „konventionalisierten“ und „lexikalisierten“ Metaphern (Kurz 1988, S. 19).

Sie haben alle gemeinsam, dass in der ersten Stufe okkasionell gebildete Metaphern gemeint sind, die „neu und überraschend“ (Feng 2002, S. 53) wirken. Die zweite Stufe nehmen Metaphern ein, die dem Großteil der Sprachgemeinschaft geläufig sind, aber noch nicht lexikalisiert sind. Auf der dritten Stufe schließlich finden sich Metaphern, die ins Lexikon der Sprachgemeinschaft eingegangen sind wie das Tischbein oder die Motorhaube 40. Der Prozess der Demetaphorisierung, der mit der Lexikalisierung einhergeht, ist ein irreversibler Vorgang und kann nur zeitweilig durch Remetaphoriserung aufgehoben werden. Kurz (1988) bemerkt, dass tote Metaphern „wiederbelebt“ (S. 19) werden können und infolgedessen erneut zu Metaphern der ersten Entwicklungsstufe werden. Bertau (1996) beschreibt die verschiedenen Wege zur Remetaphorisierung von Metaphern: „… durch Wörtlichnehmung seiner Komponenten, syntaktische Transformation, und teilweise Substituierung durch Synonyme“ (S. 211). Wenn nun, wie es aus den bisherigen Ausführungen ersichtlich wurde, die Bezeichnungen für okkasionelle Metaphern auch variieren, können die Eigenschaften, die ihnen zugeschrieben werden doch folgendermaßen zusammengefasst werden: Sie sind (noch) nicht im mentalen Lexikon der Sprachgemeinschaft verankert und werden aufgrund dessen als kreativ, innovativ, lebendig oder unkonventionell empfunden. Solch eine Metapher hat die Macht, „neue Wortbedeutungen zu schaffen“ (Feng 2002, S. 49), ermöglicht es uns die „… Grenzen des sprachlich Fixierten zu überschreiten und fördert die Erkenntnis, die Erarbeitung von Wissen und dessen Mitteilung“ (Weydt 1986, S. 95). Sie ist insofern in der Lage, das Konzeptsystem neu zu strukturieren bzw. zu organisieren und kann folglich nicht nur die Sprache einer Gemeinschaft, sondern auch deren Wirklichkeit erweitern.

Um die große Unordnung an sprachlichen Möglichkeiten zur Bezeichnung von Metaphern mit hoher oder niedriger Konventionalität eine gewisse Systematik zu bringen, muss nun vor allem eine Frage thematisiert werden: Beziehen sich die Etiketten „unkonventionell“ (im Sinne der kognitiven Metapherntheorie) und „lebendig“, „kreativ“ oder „okkasionell“ auf die gleiche Ebene der Metapher? Um sich dieser Frage zu nähern, ist es vonnöten, nochmals die oben thematisierte Konventionalität konzeptueller Metaphern zu problematisieren.

Lakoff und Johnson (1980) wenden das Prinzip der Konventionalität auf konzeptuelle Metaphern an. Doch unter Berücksichtigung ihrer Aussage, dass sowohl unkonventionelle sowie konventionelle metaphorische Ausdrücke der gleichen konzeptuellen Metapher angehören können, ist diese These nicht haltbar. Inwieweit ist eine konzeptuelle Metapher konventionell oder nicht, wenn ihr sowohl Metaphern von hoher als auch Metaphern mit niedriger Konventionalität zugeordnet werden? Auch Pielenz (1993) argumentiert, dass konzeptuelle Metaphern als „ … kontextfreie Abstraktionsform, die nur über konkrete metaphorische Ausdrücke verwirklicht wird“ (S. 71) nicht unter dem Aspekt der Konventionalität beschrieben werden können:

Nur in der Äußerung entfaltet die Metapher ihre - verborgene oder offen inspirative - Wirkung. … Eine Metapher als konventionell, lebendig u.ä. zu qualifizieren, bezieht sich in sofern immer nur auf die token-Ebene41. Eine Metaphern- type 42 hingegen schlafend, originell etc. zu nennen, erweist sich als verwirrend. Denn erzeugt wird eine Metapher ausschließlich im sprachlichen Vollzug, und erst einer konkreten Sammlung metaphorischer Äußerungen lassen sich die je zugrundeliegenden Typen entnehmen. Auf der Typ-Ebene lässt sich allenfalls von alten, von traditionsreichen Metaphern sprechen und von neuen, frisch entstehenden, gerade etablierten oder sich wandelnden, die jedoch immer ihre historischen Vorläufer besitzen und nie in vacuo entstehen. (Pielenz 1993, S. 111 f)

Er führt aus diesem Grunde eine neue Untergliederung und zugleich eine Systematisierung von Begriffen zur Beschreibung des Lexikalisierungsgrades ein, die konzeptuelle Metaphern, als auch deren sprachliche Konkretisierung umfasst, und veranschaulicht diese in nachstehendem Strukturbaum:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach dem durch Pielenz dargelegten Verständnis wird im Folgenden die Konventionalität von Metaphern auf Ebene des sprachlichen Vollzugs verstanden, auf die hier mit dem Begriff „Lexemmetapher“ verwiesen wird. Zudem werden Metaphern

[...]


1 Diese Typologie ist Black (1954) nachempfunden und wurde gewählt, da sie die dominante Typologie in Nachschalgewerken darstellt und implizit die historische Entwicklung der Metaphertheorie nachvollzieht. Pielenz (1993) schlug eine Typologie der Metapher danach vor, „… ob das Verstehen und Erzeugen von Metaphern als ein kognitiver Prozess aufgefaßt wird“ (S. 59) und untergliederte in konstruktivistische Theorien und nicht-konstruvistische, die den „… Zusammenhang zwischen Kognition und Metapher leugnen“ (ibid.). Diese Variante wird ebenso sinnvoll empfunden wie auch die Untergliederung von Wolf (2005) in semiosische Theorien, die formbezogene oder strukturale Ansätze beinhalten, und semiotische Theorien, die gebrauchsbezogen (pragmatische) und bedeutungsbezogene (semantische) Ansätze umfasst.

2 Metapher: „die; -, -n [lat. metaphora < griech. metaphorá, zu: metaphérein = anderswohin tragen]“ (DUDEN, 2007).

3 Die Theorie von Aristoteles bezieht sich nur auf Wörter und nicht von metaphorischen Äußerungen. In dieser Einschränkung des Metaphernbegriffes liegt eine der wesentlichen Schwächen der Substitutionstheorie, da sie Metaphern als kontextungebundene Phänomene ansieht.

4 Zur Begriffsverwendung „semantische Anomalie“ siehe Feng (2003, S. 21).

5 Da die Vergleichstheorie eine Unterform der Substitutionstheorie darstellt, beziehe ich mich im Folgenden auf beide mit dem Begriff Substitutionstheorie.

6 Diese Aufstellung stellt eine Kombination und Erweiterung der jeweils durch Weydt (1986, S. 89) und Lakoff und Johnson (1989, S. 204) angebotenen Auflistungen der zentralen (angreifbaren) Annahmen der Substitutionstheorie dar.

7 Groupe de Liège: bestehend aus J. Dubois, F. Edeline, J.M. Klinkenberg, P. Minguet, F. Pire, und H. Trinon. Sie verfassten gemeinsam die Rhètorique gènèrale (1970).

8 Vgl. dazu Bertaus (1996) Erläuterungen zu Ricœur, Genette und Ruwet (S. 130 ff).

9 Bertau (1996) argumentiert jedoch, dass Bezugspunkt der Interaktionstheorien (und allen sonstigen Theorien vor 1980) die Wörtlichkeit bleibt, sie einen identifizierbaren „’Träger des metaphorischen Sinns’“ (S. 145) - den Tenor oder das fokale Wort - annehmen. Der „…Kontext wird vom Wort und seiner Wörtlichkeit aus geschaffen und findet über seinen Brennpunkt wieder zu Wort und Wörtlichkeit zurück“ (ibid.).

10 Durch die Verwendung des Begriffes „Leser“ anstelle von „Sprecher“ wird impliziert, dass Metaphern vordergründig als Phänomene geschriebener Sprache angenommen werden. Dies steht im Widerspruch zur katachretischen Funktion der Metapher, die impliziert, dass Metaphern auch in der mündlichen Kommunikation vorhanden sein müssen, da sie nicht ohne Bedeutungsverlust durch andere Wörter ersetzt werden können.

11 Der Vorstellungskomlex Mensch ist gemeint, nicht das Denotat Mensch.

12 Dadurch, dass der Verfasser den Hauptgegenstand neu organisieren kann, entsteht eine gewisse Subjektivität und Unschärfe der Metapher, was wiederum im Widerspruch zur rationalen Erkenntnis durch Metaphern steht.

13 Der Begriff Metapher wird in diesem Kapitel im gleichen Verständnis gebraucht, wie es in Metaphors we live by geschieht. Metaphern werden in diesem Kapitel stets als konzeptuelle Metaphern aufgefasst.

14 Die kognitive Metapherntheorie hat bis dato noch kein Verfahren vorgestellt, was eine Einheitlichkeit bei der Beschreibung von Ursprungs- und Zielbereich einer Metapher garantiert. Je nach Ermessen des betrachtenden Wissenschaftlers kann der Zielbereich konkreter oder abstrakter gewählt werden.

15 Dieses Schema ist dem Schema zur Metapher LOVE IS A JOURNEY bei Kövesces (vgl. 2002, S. 7) nachempfunden. Es soll nicht als endgültig aufgefasst werden, sondern nur das Prinzip des mappings skizzieren. Es könnte gewiss noch stärker ausgebaut werden.

16 Der Begriff literal zur Beschreibung von eingebürgerten Metaphern bei Lakoff & Johnson (1980) ist meines Erachtens ungünstig gewählt. So heist es am Anfang des Buches: “The language of argument is not poetic, fanciful or rethorical; it is literal. We talk about arguments that way because we conceive them that way” (S. 5). Auch auf den folgenden Seiten bezieht man sich auf Metaphern als “ordinary literal [Hervorh. von S.D.] ways of thinking and talking” (S. 13) und “literal expressions” (S. 53). Doch später erfolgt ohne Kommentar ein Bruch mit dieser Verwendungsweise: „We note in passing that all of the linguistic expression we have given to characterize general metaphorical concepts are figurative. Examples are TIME IS MONEY, TIME IS A MOVING OBJECT None of these is literal” (S. 53). Später vermeiden Lakoff und Johnson dann den Begriff des literal gänzlich und gehen zu einer ganz anderen Benennung über, indem okkasionelle Metaphern als „unconventional“ und lexikalisierte als „conventional“ (S. 139) bezeichnet werden.

17 Vgl. zu den Kernaussagen kognitiven Metapherntheorie auch Olaf Jäkel (2003, S. 40f), der diese in neun Thesen zusammenfasst und modifiziert.

18 Die Metapher METAPHERN BILDEN NETZE, die hier gebraucht wird, birgt jedoch Implikationen, die nicht zutreffend sind. Ein Netz ist zusammen gestrickt durch Verbindungen zwischen Knoten. Im prototypischen Netz sind die Verbindungen zwischen den Knoten gleich dick, was für die Relationen zwischen zwei Metaphern nicht zutrifft, da diese unterschiedlicher Stärke sein können. Zudem ist im tatsächlichen Netz die Richtung der Beziehung zwischen den Knoten unbedeutend, wobei dies bezügliche der Metaphern durchaus der Fall ist.

19 Pielenz (1993, S. 97): „Jeder der Kreise steht für ein Konzept, auf das wir unserer Sprachpraxis vertrautermaßen referieren, und steht prinzipiell für Zielbereich und Herkunftsbereich zugleich. Die Pfeile, die die einzelnen Konzepte verknüpfen, repräsentieren die Metaphorisierung (x als y) und deren Richtung “. Die Doppelpfeile kennzeichnen eine „reziproke Metaphorisierung“ (S. 98).

20 Der Vorstellung eines Metaphernnetzes setz Kövesces (2002) die Einteilung der Metaphern in zwei große Metaphernsysteme entgegen: der „Great Chain of Being Metaphor“ und der „Event Structure Metaphor“ (S. 123).

21 Die Betrachtung beschränkt sich auf substantivische Einwortmetaphern, da diese den dominanten Anteil der okkasionell gebildeten Metaphern im Corpusmaterial ausmachen und die Darstellungen ansonsten ausufern würden.

22 Natürlich kann in der Komponente „- richter“ eine metonymische Beziehung zur Tätigkeit des Schiedsrichters im Fußball gesehen werden. Da die ganzheitliche Bedeutung jedoch auf das Rechtswesen zurückgeht, kann m.E. von einer ganzheitlichen Metaphorisierung ausgegangen werden.

23 Bei der Zuordnung der Metaphorizität von Komposita mit Bestimmungswörtern ergeben sich häufig Probleme in der Abgrenzung zu wortimmanenten Vergleichen (vgl. Ewald 1999, S. 226), wie z.B. in Baumkuchen. Da in solchen Komposita die Relationskomponente nicht verbalisiert wird, ist es schwierig zu unterscheiden, ob eine Gleichsetzung oder ein Vergleich mit einem Baum vorliegt. Im Rahmen dieser Arbeit kann es nicht zur Thematisierung solcher Zweifelsfälle kommen, weshalb diesem Problem bewusst aus dem Weg gegangen wird. Im Punkt 3.2.3. werden viele solcher Bildungen als okkasionelle Wortbildungen mit Wertungskomponente erfasst.

24 Nach Sabban (1998, S. 121) umfasst der Textrahmen „Gegebenheiten der Sprechsituation sowie in relevanten Wissensbeständen, die nicht explizit im Text genannt sind, auf die aber mit bestimmten Ausdrücken des Textes indirekt verwiesen wird.“

25 Das Video kann unter folgender URL abgerufen werden: http://home.arcor.de/nils.andersson/bdn/paulaner.mpg (letzter Zugriff: 1.4.07).

26 Vgl. dazu Punkt 6.1. (Metonymie).

27 Natürlich ist hier ein gewisses Weltwissen gefragt, da ohne das Hintergrundwissen, dass Oliver Kahn zur Weltmeisterschaft als zweiter Torwart “auf der Bank saß“, die Remetaphorisierung nicht in Kraft tritt.

28 Mutter: „die; -, -n [nach dem Vergleich mit dem Mutterschoß od. der Gebärmutter, die ein werdendes Kind umschließt]: kurz für Schraubenmutter“ (DUDEN, 2007).

29 Da Phraseologismen einen vorangegangenen Lexikalisierungsprozess voraussetzen, kann es, mit Ausnahme des von Fleischer (1982) beschriebenen „Autorphraseologismus“ (S. 71) folgerichtig keine okkasionellen Phraseologismen geben.

30 Dabei muss der Ursprungsbereich kein reales Konzept umreißen, sondern auch surreale Konzepte können nachvollziehbar sein (Der Elefant im Porzellanladen) und somit dem Zielbereich organisieren (vgl. Ewald 1999, S. 230).

31 Als Varianten von Phraseologismen werden bei Palm (1995) „… lexikographisch etablierte, im Phraseolexikon gespeicherte, usuelle Veränderungsmöglichkeiten im Lexembestand eines Phraseologismus... “ (S. 71) bezeichnet (seine Hand/ H ä nde im Spiel haben; mit beiden Beinen/ F üß en im Leben stehen). Dazu zählen nach Sabban (1998, S. 76ff) „lexikalische Varianten“ (synonymische und metonymische Substitution von Lexemen), „strukturelle Varianten“ (betrifft u.a. Numerus, Präposition, Wortfolge, Wechsel zwischen Grundlexem und Diminutivform, Art der Negation), perspektivische Varianten, Synonyme und Antonyme. Vgl. zu phraseologischen Varianten auch Barz (1992, S. 29 ff).

32 Vgl. dazu auch Burger (1998, S. 28). Als Grenzfall zwischen Varianz und Modifikation wird „metasprachliche Kommentierung“ genannt (Fleischer 1997, S. 264) und meint das Anfügen von Komponenten im Sinne von „buchstäblich“, „sprichwörtlich“ usw., oder die Verwendung von Anführungszeichen zur Kennzeichnung des Phraseologismus.

33 Mit Blick auf den Umfang der Arbeit wird nicht auf die Diskussion eingegangen, inwiefern Sprichwörter zu den Phraseologismen zu zählen sind (vgl. dazu Pilz 1981, S. 21), Burger (1998, S. 119ff).

34 Sabban zufolge (1998, S. 88) können sich Sprichwörter in einem bedeutungsgleichen oder -ähnlichen Wort unterscheiden („lexikalische Varianten“), bei gleich bleibendem lexikalischem Material in der syntaktischen Konstruktion abweichen („strukturelle Varianten“), und synonyme oder antonyme Varianten aufweisen.

35 Wenn auch verschiedene Sprecher beim Gebrauch voneinander abweichende Assoziationen haben mögen, kann diese relative Vagheit in der Bedeutung eines Sprichwortes dem allgemeinen metaphorischen Gehalt nichts anhaben (vgl. Ewald 1999, S. 238).

36 Da sich in diesem Kapitel auf lexikalischer Ebene bewegt wird, wird der Metaphernbegriff auch wieder auf Sprachebene verstanden.

37 Die Konventionalität in Form einer Skala zu definieren stellt in meinen Augen die beste Möglichkeit dar, um die Verankerung von Metaphern im täglichen Sprachgebrauch zu beschreiben. Leider wurde noch keine wissenschaftliche Methode präsentiert, Metaphern auf dieser Skala einzuordnen. Bis dahin muss die Forschung mit den beiden Extremen konventioneller Metapher und unkonventioneller Metapher arbeiten, die der Sprachwirklichkeit nicht sehr nahe kommt. Dies wird deutlich beim Versuch, viele Grenzfälle einzuordnen.

38 Kövesces erarbeitete eine ausführlichere Darstellung der Möglichkeiten zur Bildung unkonventioneller Metaphern auf Basis von konventionellen. Diese Möglichkeiten umfassen „extending, elaborating, questioning and combining“ (Kövesces 2002, S. 47) konventioneller Kategorisierungen. Da sich jedoch mit Lakoff und Johnsons Aufstellung die Kategorisierung vereinfacht, soll sie für den Zweck der Arbeit favorisiert werden.

39 Diese Bezeichnung ist unglücklich in dem Sinne, dass unkonventionelle Metaphern den Oberbegriff für „novel metaphors“ und andere neue Metaphern darstellen, die von bereits existierenden konventionellen Metaphern abgeleitet werden.

40 Die Verwendung zweier Metaphern, die solitärer Natur sind, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch andere nicht-solitäre Metaphern gibt, die als „tot“ bezeichnet werden könnten. Es sind Beispiele aus der Fachliteratur und wurden aus diesem Grunde ausgewählt.

41 Auf diese Weise bezeichnet Liebert die konkrete „metaphorische Äußerung“ (Pielenz 1993, S. 71) die eine konzeptuelle Metapher repräsentiert.

42 Liebert meint hier die konzeptuelle Metapher selbst (vgl. Pielenz 1993, S. 71).

Ende der Leseprobe aus 205 Seiten

Details

Titel
Okkasionelle Bildungen und Bedeutungen in der Fußballberichterstattung
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
205
Katalognummer
V80629
ISBN (eBook)
9783638880992
ISBN (Buch)
9783656229773
Dateigröße
7325 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Okkasionelle, Bildungen, Bedeutungen, Fußballberichterstattung
Arbeit zitieren
Susan Dankert (Autor), 2007, Okkasionelle Bildungen und Bedeutungen in der Fußballberichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80629

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