Antijüdische Aussagen im 5. Buch der Historien des P. Cornelius Tacitus


Bachelorarbeit, 2006
74 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Tacitus und seine Historien
1.1 Das Leben des Tacitus
1.2 Die Historien des Tacitus
1.3 Inhaltsüberblick über die Historien 5,1-5,13
1.4 Wesentliche Merkmale zu Sprache und Stil der Historien 5,1-5,13

2. Themen des taciteischen Judenexkurses der Historien
2.1 Titus vor Jerusalem
2.2 Die Herkunftsgeschichten
2.3 Die Beschreibungen der Sitten und Gebräuche der Juden
2.4 Die Geographie Judäas
2.5 Die Geschichte der Juden von der Assyrerherrschaft bis zur Schlacht um Jerusalem 70 n. Chr

3. Bewertung der antijüdischen Äußerungen des Tacitus
3.1 Allgemeines
3.2 Eventuelle Ursachen des Antijudaismus
3.3 Der Judenexkurs "cum ira et studio"

Abschlussbemerkung

Bibliographie

Quellenauswahl

Auswahlbibliographie

Anlagen

Vorbemerkung

Der Jüdische Kalender zeigt das heutige Datum, den 23. Siwan des Jahres Fünftausendsiebenhundertsechsundsechzig. Dieses Datum entspricht dem 19. Juni 2006. Jedem Betrachter fällt sofort die Andersartigkeit gegenüber der im christlichen Abendland sonst üblichen Datumsangabe auf. Diese so genannte "Andersartigkeit" der Juden beschränkt sich freilich nicht nur auf derartige Zeitangaben, sondern tangiert sämtliche Bereiche des täglichen Lebens. Sie führte im Laufe der Geschichte dieses Volkes immer wieder zu Auseinandersetzungen und Spannungen mit, und zu Verfolgungen bis hin zu grausamsten Vernichtungsaktionen durch die nichtjüdische Umwelt.

Daher ist es interessant sich mit frühen Formen des Antisemitismus auseinanderzusetzen. Denn dieser besteht nicht etwa erst seit der Neuzeit, sondern ist bereits in antiken Quellen fassbar. So z. B. in P. Cornelius Tacitus 5. Buch seiner Historien. Die darin enthaltenen antijüdischen Aussagen sollen in der vorliegenden Ausarbeitung im Mittelpunkt stehen. Bevor man aber darangeht diese näher zu betrachten soll kurz geklärt werden, was man unter "antijüdisch" zu verstehen hat:

Das 19. Jh. brachte den Begriff des Antisemitismus, als Produkt des erwachenden Nationalismus, hervor. Der Antisemitismus richtete sich aber nur gegen Juden und nicht gegen weitere semitische Völker z. B. die Araber, wie das Wort Antisemitismus vermuten ließe. Das Wort Antijudaismus wäre heute daher eine präzisere Ausdrucksmöglichkeit. Unter Antijudaismus versteht man also Aussagen oder Handlungen die judenfeindlich sind. Es muss aber festgehalten werden, dass bereits antike Autoren Aussagen über Juden machten, die heutzutage als antijüdische Aussagen bezeichnet werden.1

1. Tacitus und seine Historien

1.1 Das Leben des Tacitus

Publius Cornelius Tacitus wurde wahrscheinlich im Jahr 56 oder 57 n. Chr. geboren.2 Tacitus verdankte Kaiser Vespasian die Zulassung zur Ämterlaufbahn. Im Jahr 88 n. Chr. wurde er Prätor und noch im gleichen Jahr XV vir sacris facundis. R. Syme führt an, dass die Aufnahme in das besagte Priesterkollegium, die ein gewöhnlicher homo novus nicht vor seinem Konsulat erreichen konnte, beweist, dass sich Tacitus entweder durch Treue dem Kaiser gegenüber verdient gemacht hatte oder dass er bei einem Patron in hohen Ehren stand.3 Der Princeps dieser Jahre war Kaiser Domitian, der letzte Regent, der der flavischen Familie entstammte.4 Nachdem Tacitus seine Prätur durchlaufen hatte, verbrachte er drei bis vier Jahre im Ausland, wahrscheinlich als Kommandant einer Legion. Im Jahr 97 n. Chr. wurde er consul suffectus. Er könnte von Kaiser Domitian für dieses Amt vorgeschlagen worden sein.5 Zur Regierungszeit des Traian gehörte Tacitus wohl mit zum engeren Kreis um den Kaiser. Nach 110 n. Chr. verwaltete Tacitus als Proconsul die Provinz Asia. Sein weiterer Verbleib liegt im Dunkeln. Sein Todesdatum ist unbekannt. Es wird jedoch vermutet, dass er den Regierungsbeginn Kaiser Hadrians noch erlebt hat.6 Hadrians Regierungszeit begann um 117 n. Chr. 7

1.2 Die Historien des Tacitus

Neben Schriften wie "Agricola", der "Germania", dem "Dialogus", dem "Panegyricus auf Kaiser Traian" und den "Annalen" verfasste Tacitus auch die "Historien".8 Historien sind eine Art der Geschichtsschreibung. Als historiae wird Geschichtsschreibung bezeichnet, die einen Zeitraum behandelt, den der Historiograph selbst erlebt hat. Der

Geschichtsschreiber ist aber in den historiae selbst keine handelnde Person. Er beschreibt also nicht seine res gestae.9

Es muss gefragt werden, an welchen Lesekreis der Historiker seine Schrift adressierte. Als Lesepublikum wird die Oberschicht des römischen Imperiums angesehen.10 Weiterhin ist von Interesse, von welchem Umfang die Historien des Tacitus sind bzw. waren: Der ursprüngliche Umfang der Historien des Tacitus soll 12 bzw. 14 Bücher betragen haben. Es waren Beschreibungen der Jahre 69 bis 96 n. Chr., d. h. von den Wirren des Vierkaiserjahres bis zum Ableben Domitians.11 Es sind jedoch nur die ersten vier Bücher vollständig erhalten. Das 5. Buch bricht mit dem Kapitel 26 ab.12 Die Abfassungszeit des Geschichtswerkes liegt zwischen 100-110 n. Chr.13

1.3 Inhaltsüberblick über die Historien 5,1-5,13

Tacitus verfasste in diesem Teil der Historien den Judenexkurs. Im ersten Kapitel schildert er die letzten Vorbereitungen des Feldherren Titus vor der Erstürmung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. Die Kapitel zwei und drei dienen dem Historiker zum Aufzeigen der Ur- und Frühgeschichte der Juden. Anschließend beschreibt Tacitus in Kapitel vier und fünf die Sitten und Einrichtungen der Juden. Die Textstücke sechs, sieben sowie der Beginn des achten Kapitels beschreiben die Geographie Judäas. Die Kapitel neun und zehn widmete der Autor der jüdischen Geschichte und dem Kriegsverlauf des jüdisch-römischen Aufstandes der Jahre 66-70 n. Chr. Im Kapitel elf kommt Tacitus erneut auf die Kampfvorbereitungen des Titus zu sprechen. Außerdem beschreibt er erste Kampfhandlungen um die noch nicht durch die Römer eroberte Stadt Jerusalem. Er geht auch auf deren Befestigungsanlagen ein. Das Kapitel zwölf beschäftigt sich weiterhin mit dem schwer einzunehmenden Jerusalem und kommt auch auf die innerjüdische Situation in der Stadt während des Krieges zu sprechen. Das Kapitel dreizehn zeigt die Prodigien auf, die den Kriegsausgang andeuten. Die Aufgabenverteilung der römischen Truppen unter der Führung des Titus vor dem endgültigen Erstürmen der Stadt wird deutlich.14

1.4 Wesentliche Merkmale zu Sprache und Stil der Historien 5,1-5,13

Der Judenexkurs des Tacitus weist in der lateinischen Sprache Wortwendungen auf, die sonst nicht in der lateinischen Literatur zu finden sind. Solche Wortwendungen werden mit dem griechischen Terminus technicus hapax eiremena bezeichnet.15 Das Vorkommen derartiger einmaliger Wendungen spricht für eine sorgfältige Ausarbeitung des Exkurses. Diese Wortwendungen finden sich besonders in den Kapiteln, in denen Tacitus auf die pervertierten Sitten der Juden und die Geographie Judäas eingeht. Es handelt sich also besonders um die Kapitel 5,5-5,8. Die Kapitel 5,1-5,4 und 5,9-5,13 zeigen dagegen weniger einmalige Wendungen auf: "fides obstinata - unerschütterlich treuer Zusammenhalt", "proiectissima ad libidinem gens - trotz der starken Neigung der Volksart zur Sinnlichkeit", "despectissima pars servientium - der verachtete Teil der Knechtsvölker", "taeterrima gens - das sehr abstoßende Volk". Die eben angeführten Wortwendungen sind nicht die einzigen judengegnerischen Aussagen, die Tacitus in seinem Exkurs verwendet, doch es sind eben gerade die in der lateinischen Literatur einmaligen hapax eiremena.16

Der Judenexkurs weist überdurchschnittlich viele dichterische und altertümliche Vokabeln auf: "inclutus - viel genannt, berühmt"; "proles - Nachkommenschaft"; "leamen - Trost, Linderung"; "fragmen nkl. - fragmentum - Spitze, Splitter"; "pelagus - Meer"; "valucres -fliegend, vergängliche Freude" ; "inexcaustus - ungeschwächt, unerschöpflich".17 Ein Hinweis für eine Vokabelvariation bietet der Autor seiner Leserschaft beispielsweise, indem er die Bilderlosigkeit der Juden mit der ägyptischen Götter- und Götzenverehrung kontrastiert. Da gebraucht er gleich dreimal den Begriff Bild. Die deutsche Übersetzung verdeckt hier die Vokabelvielfalt von effigies, imagines, simulacra die eine bunte Vielfalt von Synonymen des Wortes Bild der jüdischen Bilderlosigkeit entgegensetzt. Mit diesem Vokabelspiel erzeugt Tacitus einen Kontrast zur Bilder verbietenden jüdischen Religion gegenüber den polytheistischen Religionen, dem man evtl. schon die antijüdische Einstellung entnehmen könnte. Außerdem wird damit die jüdische Religion als einfältig und abwertend dargestellt.18 Auch wenn dies im Detail vielleicht zu akribisch anmutet, so wird sich im weiteren Verlauf dieser Arbeit erweisen, dass Tacitus bevorzug mit dieser Methode des Kontrastierens arbeitet, wenn es darum geht die Juden herabzusetzen.

Es kann eine sprachliche Bissigkeit des Tacitus festgestellt werden. Diese ist in der häufigen Verwendung der Vokabel Hass abzulesen. Der Text liefert hierzu folgende Beispiele: "odio - mit Hass"; "metus atque odium - Furcht und Hass"; "invisum dies - der verhasste Tag"; "hostile odium - feindlicher Hass"; " vilia habere - verachten". Man könnte bei einer so häufigen Verwendung von Vokabeln die die Emotion Hass ausdrücken schon von einer absichtlichen Betonung durch den Autor ausgehen.19

Der hier zur Betrachtung stehende Text weist weiterhin stilistische Auffälligkeiten wie z. B. zahlreiche Alliterationen auf. Eine äußerst interessante stilistische Besonderheit besteht in der Verwendung von Antithesen und Parallellismen. Die Ausführungen Blochs bezeichnen sie als Elemente des taciteisch pointierten Stils. Es werden im Judenexkurs inhaltlich oder formal widersprechende Satzteile zugunsten erhöhter Spannung miteinander konfrontiert. Weiterhin ist die Stilfigur das so genannte asyndetische Trikola, die in Form der Klimax zu pointierten angriffigen Aussagen führen können, im Text vorhanden. Die Klimax ist eine stufenweise angeordnete Steigerung einer Wort- oder Satzreihe, die im Judenexkurs z. B. in Kapitel 5,5 auftritt: "contemnere deos, exuere patriam, parentes liberos frates vilia habere - die Götter zu verachten, das Vaterland zu verleugnen, ihre Eltern, Kinder und Geschwister gering zu schätzen".20

Wenn man Sprache und Stil des taciteischen Judenexkurses betrachtet, stößt man auf viele Salustianismen und noch mehr Vergilismen. Letztere sollen etwas näher ausgeführt werden. Die Vergilismen sind sprachliche Anklänge, deren Absicht ausschließlich die Steigerung der stilistischen Glanzleistung des Autors ist. Tacitus schreibt in Kapitel 5,1 z. B. "Odio infensa Iudaei - durch Hass judenfeindlich"’, und Vergil gebraucht im elften seiner Aeneis fast den gleichen Wortlaut: "odiis infensus - durch Hass aufgebracht". Weiterhin heißt es bei Tacitus "metus atque odium - Furcht und Hass", und Vergil schrieb ebenfalls in der Aeneis: "odium [...] aut metus acer erat - Hass oder Furcht war hart". Im Judenexkurs spricht Tacitus von der Flucht der Juden vor Kepheus, während Vergil an dieser Textstelle von der Flucht Didos und ihrer Gefährten berichtet.21 Weitere Vergilismen haben auch einen intertextuellen Bezug, wie die düstere Beschreibung der Gegend um das Tote Meer der Beschreibungen der lugentes campi - der Trauergefilde der Aeneis ähneln: "haud procul inde campim gens ferunt olim uberes magnisque urbibus habitatos fulminum iacta arsisse et manere vestigia - Nicht weit von da liegen Ebenen, die wie es heißt, einst fruchtbar und mit großen Städten besiedelt waren, später aber einen durch Blitzschlag entstandenen Brand zum Opfer fielen".22 Dieses Zitat lehnt sich an Vergils: "nec procul hinc parlem fusi monstrantur in omnem lugentes campi - Gar nicht weit von hier, nach überall hin sich dehnend liegen die Trauergefilde"23 an. Tacitus beschreibt in seinem Judenexkurs auch die Leere des jüdischen Tempels. Er bedient sich dabei eines öden Unterweltbildes der Vergil Aeneis. Der Historiker stellt das Totenreich und den jüdischen Brauch sprachlich auf die gleiche Stufe.24 Am Ende der Ethnographie kommt Tacitus zu einer Prodigienbeschreibung. Dabei verwendet er das achte Buch der Vergil Aenaeis teilweise wörtlich. Vergil lässt Venus dem Sohn Aeneas und dessen Gefährten himmlische Zeiten verkünden. Blitz und Donner schrecken die beiden auf, und es erscheinen rötlich schimmernde Waffen am Himmel. Tacitus folgt Vergil nicht nur an der eben genannten Stelle teilweise wörtlich, sondern auch in seiner Beschreibung, als die Götter den jüdischen Tempel verlassen.25 Abschließend soll noch einmal betont werden, dass der Judenexkurs hoch stilisiert ist und kein willenloses sprachliches Durcheinander von Aussagen über das jüdische Volk. Welche Absicht hinter dem hochstilisierten Judenexkurs stecken könnte, soll bei der Betrachtung einzelner Textabschnitte jeweils wieder aufgenommen werden.26

2. Themen des taciteischen Judenexkurses der Historien

2.1 Titus vor Jerusalem

"Zu Beginn eben dieses Jahres entfaltete Cäsar Titus, der von seinem Vater zur Niederwerfung Judäas ausersehen war und der sich auch schon zur Zeit, da beide noch im Privatstand lebten, militärisch ausgezeichnet hatte, nunmehr eine größere und ruhmvollere Tätigkeit, wobei Provinzen und Heere wie im Wetteifer miteinander für ihn eintraten. Um den Eindruck zu erwecken, als sei er über seine augenblickliche hohe Stellung erhaben, war er bemüht, sich als schmucker, eifriger Kriegsmann zu zeigen, der durch freundliche Anrede die Dienstbeflissenheit seiner Leute anzuspornen wusste, bei der Schanzarbeit, auch auf dem Marsch sich gern zu dem gemeinen Mann gesellte, ohne dabei von seiner Feldherrnwürde etwas zu vergeben. Drei Legionen, die fünfte, zehnte und fünfzehnte, lauter altgediente Soldaten Vespasians, fand er in Judäa vor. Mit diesen vereinigte er die zwölfte Legion aus Syrien und die aus Alexandria hergeholten Zweiundzwanziger und Dreier. Seine Begleitung bildeten zwanzig bundesgenössische Kohorten und acht Reiterschwadronen, dazu die Könige Agrippa und Schaemus und Hilfsvölker des Königs Antiochus, auch eine wackere und - gehässig wie Nachbarn gewöhnlich sind -judenfeindliche Araberschar, schließlich noch viele Leute aus Rom und Italien, die die persönliche Hoffnung hergelockt hatte, den noch nicht in Beschlag genommenen Fürsten vorweg für sich zu gewinnen. Mit diesen Truppen rückte er, alles auskundschaftend und zum Entscheidungskampf bereit, in wohlgeordnetem Heereszug ins feindliche Gebiet und schlug nicht weit von Jerusalem sein Lager auf".27

Offenkundig beschreibt die Quelle die Situation im Jahr 70 n. Chr., kurz vor der Erstürmung Jerusalems. Wie es zu dieser Vorbereitung der Erstürmung kam, wird an anderer Stelle der Ausarbeitung vermerkt werden. An dieser Stelle soll nur erklärt werden wer Cäsar Titus war: Titus Flavius Vespasianus wurde am 30. 12. 39 n. Chr. geboren. Er war der Sohn des Kaiser Vespasian und als erfolgreicher Feldherr bekannt. Im Jahr 79 n. Chr. folgte er seinem Vater auf den Kaiserthron. Seine Regierungszeit gilt als friedliche Zeit, und er wird als ein milder Regent beschrieben. Sein Ableben wurde bei Reate am 13. 9. 81 n. Chr. bezeugt.28

Die oben angeführte Textstelle berichtet von den Vorbereitungen des Titus vor dem Sturm auf Jerusalem. Der Historiker Tacitus beschreibt Titus als idealen römischen Heerführer, indem er seine Tapferkeit und Umgänglichkeit hervorhebt.29 Tacitus führt ebenfalls an, welche Krieger sich eingefunden haben: Kohorten, Legionen und Bundesgenossen, um Titus zu unterstützen. Man könnte meinen, der Geschichtsschreiber wolle hervorheben, dass Titus die Schlacht gut vorbereitet hat.30 Außerdem hätte es viele Truppen und Bundesgenossen gegeben, die mit der römischen Politik sympathisierten. Der Text schildert jedoch nicht die Vorbereitungen und Verbündeten der Juden. Nachdem Tacitus aufgezählt hat, welche Krieger sich alle zur Unterstützung des Titus versammelt haben, kommt es zu einem Einschnitt. Der Historiker will die Geschichte der Juden schildern, bevor er den letzten Tag Jerusalems beschreibt. Dem Leser wird hier verständlich gemacht, dass Jerusalem fallen und der Tempel zerstört wird. R. Bloch bezeichnet diesen Judenexkurs des Tacitus als einen vorgezogenen Nekrolog auf den zerstörten Tempel und die besiegten Juden.31

2.2 Die Herkunftsgeschichten

"Wie berichtet wird, sollen die Juden die Insel Kreta fluchtartig verlassen und das Küstengebiet Libyens besiedelt haben, angeblich in der Zeit, da der von Jupiter vertriebene Saturn sein Regiment aufgab. Einen Beleg sucht man in ihrem Namen: Auf Kreta sei nämlich der berühmte Berg Ida, und die an seinem Fuß wohnenden Idäer bezeichne man in einer fremdartigen Dehnung des Namens als Judäer".32

Unverständlich für den Leser der Gegenwart könnte folgende Textstelle sein: '[...] angeblich in der Zeit, da der von Jupiter vertriebene Saturn sein Regiment aufgab [...]'.33 Es gilt also den mythologischen Kontext kurz zu erläutern: Saturn war ein altitalischer Gott, der als Sohn der Gäa und des Uranus galt. Er wurde oft dem griechischen Kronos gleichgestellt. Saturn galt als Vater des Jupiter, Neptunus, Plutos, der Juno, Ceres und der Vesta. Im goldenen Zeitalter war er der Herrscher über die Welt. Saturn wurde aber von Jupiter gestürzt und in den Tartarus gestoßen. Grund für das Verstoßen des Vaters in die Unterwelt war der, dass Saturnus bis auf seinen Sohn Jupiter alle seine Kinder auffraß. Jupiter, der von den Gräueln des Vaters verschont blieb, wurde in Kreta aufgezogen. Später entmachtete er seinen Vater und übernahm die Herrschaft über die Götter und die Menschen.34

Weshalb kommt Tacitus dazu, diesen Mythos auf die Urgeschichte der Juden anzuwenden? Saturn galt im Verständnis der Menschen des Altertums jedoch auch als der angebliche Herr des Sabbats, d. h. jenes siebten Wochentages, den die Juden heiligen.35 Weiterhin muss beachtet werden, dass die Verwendung des Mythos auch auf die Geburtsstätte des Zeus anspielen könnte: Als Geburtsort gilt in der Mythologie die Insel Kreta bzw. das dort befindliche Idagebirge. Aufgrund dieser Erzählung kommt es zu den Namengebungen Zeus Idaios bzw. Zeus Kretagenes. Dieser mythologische Kontext dürfte bei Tacitus zu der pseudoetymologischen Angleichung von Idaei und Iudaei geführt haben.36

Es stellt sich weiterhin die Frage, ob es historische Hintergründe gibt, die auf eine Verbindung zwischen Kretern und den im vorderen Orient lebenden Menschen verweisen. Aufgrund der Funde von Bronzeschilden aus dem 8. Jh. v. Chr. des idäischen Zeus, die orientalisierende, eventuell philistinische Einflüsse aufwiesen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass hinter der euhemeristischen Geschichte verschwommene Kontakte zwischen Kreta und Israel aus der Zeit der mit den Seevölkern um 1200 v. Chr. aus der Ägäis nach Palästina vorgedrungenen Philister stehen. Der im philistinischen Gaza verehrte regenbringende Gott Marnos wurde mit Zeus Kretagenes gleichgesetzt. Die Philister werden bekanntlich in der Bibel als Überreste des Eilands Kaphtor, ihr Gebiet als Südland der Kreter bezeichnet.37

Die Geschichte der Judenvertreibung aus Kreta an den Anfang der Herkunftserzählungen zu stellen kann mit der Erklärung des Namens des Volkes gerechtfertigt werden, da Ethnographien grundsätzlich auch auf Namen eines Volkes eingehen.38 Den Juden wird mit der Aussage, dass sie in den entlegendsten Teil Libyens zogen, ein marginaler Platz zugeordnet.39 Tacitus stellt sie als ein Randvolk dar, das sich selbst marginalisiert. Vielleicht könnte hier schon eine Andeutung auf die den Juden unterstellte Menschen- bzw. Fremdenfeindlichkeit und Exklusivität gegenüber anderen Völkern und Kulturen vorliegen.40 ]

Weiterhin könnte diese Herkunftsgeschichte ausdrücken, dass die Juden schon in ihrer Frühgeschichte auf Antipathie stießen. Die im Text angeführte gleichzeitige Vertreibung der Juden und die Verbindung zum Kinderfresser Saturn könnte den Gott und das Volk auf eine Stufe stellen. Es könnte angenommen werden, dass die Juden Kinderfresser seien, die es besser zu entfernen galt. Saturn galt in der Antike auch als Unglücksstern. Vielleicht sollte dieser Textabschnitt auch in diese Richtung verstanden werden, dass es sich nicht nur bei Saturn, sondern auch bei den Juden um eine Unglück bringende Gesellschaft handeln könnte.41

Dem Saturnstern wurde besondere Macht nachgesagt. Vielleicht ist hier ein latenter Hinweis auf das den Juden oft nachgesagte Machtstreben zu sehen.42 Als antijüdisch könnte in diesem Text die in der Interpretation deutlich gemachte Unterstellung der Menschen- bzw. Fremdenfeindlichkeit sowie der Vorwurf der Exklusivität als auch eine Gleichstellung der Juden mit Menschenfresser und Unglücksstern Saturn gelten.43

"Einige berichten, während der Herrschaft der Isis habe sich die in Ägypten im Überschuss vorhandene Bevölkerung unter Führung eines Hierosolymus und Juda in die Nachbarländer entleert".44

In der zweiten Herkunftsgeschichte gelten die Juden als ägyptische Flüchtlinge. Der Geschichtsschreiber Tacitus gibt eine gekürzte antijüdische Urgeschichte, die bei Plutarch vorliegt, wieder, die folgendes beinhaltete: Typhon-Seth wurde von Horus, dem Isissohn, besiegt. Daraufhin floh Typhon sieben Tage auf einem Esel. Der Flüchtling zeugte zwei Söhne, Hierosolymos und Juda.45

Was weist außer den Namen der im Exil gezeugten Söhne auf eine fingierte jüdische Urgeschichte hin? Die Parallelisierung der Typhon-Seth-Flucht mit dem Auszug des israelischen Volkes aus Ägypten, unter anderem durch den eselgestaltigen Seth mit dem Judenanführer Moses, der angeblich auf einem Esel ritt. Weiterhin könnte die siebentägige Dauer der Flucht als Hinweis auf die Bedeutung der Siebentagewoche und die angebliche Schlüsselrolle der Siebenzahl bzw. des Siebengottes im jüdischen Kultus gelten.46 Der Esel galt als Leit- und Helfertier in den Wanderungs- und Siedlungssagen der israelitischen Stämme und als versteckter Hinweis auf die angebliche Onolatrie der Juden. Ebenso gilt die Gestalt des Typhon-Seth selbst in der Rolle des Stammvaters der Juden als Indiz für das periodische Einwirken von lokalen kanaanäischen Baal-Kulten auf die israelitische Religion und für die Durchdringung des ägyptischen Seth mit dem hurrisch-westsemitischen Wettergott Teschub-Hadad seit der Hyksoszeit.47 Es ist ebenfalls zu vermerken, dass im ägyptischen Avaris Seth, der Gott der vorderasiatischen, mit westsemitischen Anteilen durchsetzten Hyksos, der Herrscher der Fremdländer und damit Herr der Fremdvölker schlechthin, also auch der Semiten geworden war.48 Die mythische Erzählung bringt die Juden durch die Seth-Söhne Hierosolymos und Judaios in eine ethnische Verwandtschaft zu den Hyksos.49 In Verbindung mit den Hyksos muss man auch noch anführen, dass die Hyksos ca. um 1540 v. Chr. aus Ägypten vertrieben worden sind. Quellen führen an, dass diese Hyksos von Pharao Misphragmuthosis verjagt wurden und bei ihrer Auswanderung nach Syrien die Stadt Hierosolyma im späteren Juda errichtet haben sollen.50

Der angebliche Ursprung der Juden wird für die zweite Herkunftsvariante bei Tacitus durch die Namen Hierosolymos und Juda angedeutet. Der Historiker kommt auf die sich in die Nachbarländer entleerenden Menschenmassen der Juden zu sprechen. Die Menschenmassen werden in folgenden Ausdrücken deutlich gemacht: 'exundantem, multitudinem und exoneratam'.51 Diese immer wieder erwähnte große Anzahl an Menschen könnte ein Hinweis auf die Tapferkeit und die Kampfleistung des Titus sein, der den jüdischen Krieg mit einem Sieg für Rom zu Ende führte.52

Die hier gebrauchte mytho-historische Herkunftsvariante des Plutarch könnte jedoch auch folgendermaßen antijüdisch verstanden werden: Die Juden werden in Verbindung mit Seth gebracht, der der Erzählung nach seinen Bruder Osiris tötete. Von den Nachkommen dieses Mörders werden die Juden außer Landes geführt. Das Negative könnte also die Verbindung der Juden mit den Nachkommen eines Mörders sein, von dem sich das Volk anführen lässt. Der Autor der Historien konnte damals davon ausgehen, dass dem zeitgenössischem Leser dieser Zusammenhang um Seth geläufig war. Seth, der außerdem als Gott des Bösen, der Wüste und der Unwetter gilt, könnte auch als Verbindung zu den jüdischen Feindseligkeiten gegenüber Andersgläubigen verstanden werden.53 Weiterhin könnte die hier konstruierte Verbindung zwischen Seth und den Juden eine besondere Gewalttätigkeit des Volkes der Juden implizieren. Titus kämpfte also gegen ein seit angeblich von Urzeiten von einem Gewalttätigen abstammenden Volk an. Der Sieg des Flaviers würde demnach an Bedeutung gewinnen.54

Das Anführen dieser fiktiven Erzählung könnte beinhalten, dass selbst mythische Erzählungen antijüdische Äußerungen vermerken.55 Mit der Aussage, dass auch andere Autoren diese Erzählung heranziehen, könnte Tacitus auf den Bekanntheitsgrad dieses Mythos abzielen wollen. Die Andeutung, dass es sich um eine große Menschenmenge handelte, die Juda und Hierosolymus außer Landes führten, könnte als eine Hindeutung auf die Menschenmasse verstanden werden, der die Römer im jüdischen Krieg gegenüberstanden. Dass die Menschenmassen außer Landes geführt wurden, deutet auf Unbeliebtheit bzw. Unerwünschtheit hin und könnte als antijüdische Aussage gelten.56 Außerdem impliziert das Wort "Menschenmassen" vielleicht eine Bedrohung an sich, da sie den angestammten Völkern ihren rechtmäßigen Platz streitig machen und diese verdrängen oder einschränken. Menschenmassen können evtl. zu Nahrungsknappheiten führen und stellen somit eine unmittelbare Bedrohung der alteingesessenen Völker dar.

"Nach weitverbreiteter Ansicht handelt es sich um Nachkommen der Äthiopier, die zur Zeit des Königs Kepheus durch Furcht und Hass zum Wechsel ihrer Wohnsitze genötigt worden seien".57

Die Gestalt des König Kepheus ist ebenfalls im Bereich der Mythen anzusiedeln. Kepheus war in der Mythologie der König von Äthiopien. Dieser König hatte mit seiner Gattin Kasiopaja eine Tochter namens Andromeda. Kasiopaja prahlte, dass ihre Tochter an Schönheit die Nereiden übertreffe. Neptunus war von der Prahlerei erzürnt und suchte das Land mit einer Überschwemmung und einem Seeungeheuer heim. Das Ungeheuer konnte nur durch das Opfer der Königstochter entfernt werden. Das Volk zwang Kepheus Andromeda preiszugeben, aber Perseus gelang es, die an den Felsen gekettete Jungfrau zu erlösen und das Ungeheuer zu töten. Perseus und die Königstochter heirateten.58 Es muss die Frage gestellt werden, was einen Mythos über eine äthiopische Königsfamilie mit der Herkunftsgeschichte des jüdischen Volkes verbindet? Im Mythos ist die Königstochter Andromeda an einen Felsen gekettet worden. Dieser Felsen soll sich in Iope (Jaffa), einer Hafenstadt, befunden haben. Pausanias bezeichnete laut dem Kommentar von H. Heubner und W. Fauth das Land um die Hafenstadt Jaffa als Hebräerland. Die Äthiopier hielten sich demzufolge in dem eben genannten Landstrich auf.59

Tacitus verweist in seiner dritten Herkunftsgeschichte nur auf die Zeit, in der die Juden, nach einer seinen Aussagen Äthiopier gewesen waren und Äthiopien verließen. Es war seiner Aussage zufolge in der Herrscherzeit des mythischen Königs Kepheus. Die Strafe des Meeresgottes Neptun und Rettung der Königstochter vom Felsen in Jaffa durch Perseus verschweigt der Historiker jedoch. Tacitus gibt als Grund des Auszugs der Juden aus Äthiopien Angst und Hass an.60 Man könnte diese Aussage wie folgt verstehen: Entweder so, dass die Juden in Äthiopien von den Einwohnern des Landes gehasst und gefürchtet wurden oder dass sie den nicht-jüdischen Landsleuten Hass und Furcht entgegenbrachten.61

"Eine weitere Überlieferung sagt, dass assyrische Einwanderer, ein Volk auf der Suche nach Ackerland, sich eines Stückes von Ägypten bemächtigt, später aber eigene Städte, die Hebräerlande sowie das nahe an Syrien liegend Gebiet besiedelt hätten."62

Bloch macht darauf aufmerksam, dass diese Herkunftsvariante der biblischen sehr ähnlich sei.63 Heubner gibt an, dass die Geschichte Abrahams mit den Hyksoseinfällen in Ägypten bei der Darstellung des Tacitus eine Rolle spiele.64 Um diese Andeutungen zu verstehen, muss geklärt werden, um welche Geschichten oder um welche historischen Fakten es sich bei der vierten Herkunftsvariante handeln könnte. Laut der biblischen Erzählung zog Abrahams Vater mit seinen Angehörigen von Ur nach Charan. Das eigentliche Ziel war jedoch Kanaan. Gott wählte Abraham zum Vater der Völker aus und bat ihn, in ein von Gott gezeigtes Land zu ziehen. Abraham brach mit seiner Sippe und ihren Herden auf und gelangte nach Kanaan. Von Gott erfuhr Abraham, dass Kanaan das Land seiner Nachkommen sein werde. Abraham zog aber von Kanaan in Richtung Südland und gelangte nach Ägypten. Der Pharao nahm die Frau des Abraham, die sich als dessen Schwester ausgab, zur Frau. Abraham erhielt dafür vom Pharao unter anderem als Zeichen der Dankbarkeit Herdentiere. Gott war über daraufhin erzürnt und sandte ihnen Plagen. Als der Pharao erfuhr, dass seine Frau eigentlich die Gattin des Abraham sei, forderte er Abraham auf, Ägypten zu verlassen. Der Vater der Völker zog somit zurück nach Kanaan.65

Die historische Person des Abraham ist folgendermaßen auffassbar: Ein hebräischer Stamm soll demnach um 2000 v. Chr. unter der Leitung eines Abraham seine babylonische Heimat verlassen haben, um seinen Gott an einem anderem Ort zu verehren. Unterwegs soll es zum Austausch von Huldigungen mit einem König von Jerusalem gekommen sein.66

Die Textstelle des Tacitus könnte aber auch auf den Stamm der Hyksos hinweisen. Die Hyksos waren ein westsemitischer Stamm, der nach Ägypten zog und dort die Herrschaft an sich rissen. Die Hyksosherrschaft ist für den Zeitraum von 1650-1540 v. Chr. in Ägypten anzusetzen. Es gelang den Hyksos-Hirtenkönigen, ein großes Reich aufzubauen zu dem unter anderem Gebiete Südkanaans und Oberägyptens bis hin zu Al-Cabalain gehörten. Um 1540 v. Chr. siegte Pharao Amamose über die Hyksos, und das Hirtenvolk zog in Richtung Assyrien-Palästina.67

Es kann nicht eindeutig belegt werden, welche Geschichte als Grundlage dieser Herkunftsvariante diente. Eines haben jedoch die drei historischen bzw. biblischen Herkunftsaussagen gemeinsam: Die nach Ägypten bzw. nach Palästina gezogenen Siedler waren entweder Hirten oder hatten zumindest Vieh bei sich. Sie waren Einwanderer aus dem Osten und weilten in Ägypten. Aus diesem Land wurden sie verjagt bzw. sie mussten fliehen.68 Tacitus führt diese Variante als ein Beispiel für die jüdische Herkunft und Abstammung in der Beschreibung der Frühgeschichte an und schafft es, dem Leser ein negatives Bild der Juden zu zeigen, indem er mit dem Ausdruck "potitus - bemächtigt" darauf hinweist, dass sich die Juden selbst Land nahmen.69 Bloch glaubt, dass Tacitus dieses Beispiel anführt, um die rapide Machtvergrößerung und den Charakterzug des Machtstrebens der Juden darzustellen. Die Eigenschaft des Machtstrebens spielte bei den Anlässen zum Krieg zwischen Römern und Juden eine wesentliche Rolle, da die Juden einen von Rom unabhängigen theokratischen Staat anstrebten.70

"Wieder andere erkennen den Juden einen rühmlichen Ursprung zu: Die Solymer, ein in Homers Gedichten gefeierter Stamm, hätten die von ihnen gegründete Hauptstadt nach ihrem eigenen Namen als Hierosolyma bezeichnet".71

Der Kontext dieser Herkunftsgeschichte ist in der Ilias Homers zu finden: Nach der Glaukonerzählung kämpfte Belerophontes auf Geheiß des Iobates von Lykien mit den Solymoi, wobei sein Sohn Isandros starb.72 Es gibt einige Quellen, die die Herkunft der Solymer kennen wollen. Nach den Ausführungen von H. Heubner und W. Fauth sagt Plutarch aus, dass die Solymoi Nachbarn der Lykier gewesen seien. Laut Strabon gehören die Solymer dem gleichen Volksstamm wie die Pisider an.73 Das an dem pisidischen Berg Solymos gelegene Termessos soll von Bellerophontes gegründet worden sein. Folgt man diesen Aussagen, so erkennt man, dass die Solymer mit Jerusalem und seinen Einwohnern nichts zu tun haben. Historisch sicher sind nur folgende Aussagen über die Gründung der Stadt: Auf dem schmalen Bergsporn westlich oberhalb des Gihon, an einer Wasserquelle entstand im 4. Jt. v. Chr. eine offene Siedlung, aber nur für wenige Jahrzehnte. Eine Neugründung der Stadt kam um 1800 v. Chr. zustande. Um 1000 v. Chr. wurde die Stadt von König David eingenommen und zur Hauptstadt Israels und Judas erhoben.74

Die fünfte Herkunftsvariante ist die erste und einzig positive Darstellung der Abkunft der Juden: "clara alii Iudaeorum initia - andere erkennen den Juden einen rühmlichen Ursprung zu".75 Die Solymer, die hier als Stadtgründer Jerusalems angeführt werden, waren in der homerischen Ilias ein gefeierter Stamm. Aufgabe dieser Herkunftserzählung in Tacitus Historien ist es, eine Erklärung für den Namen der heiligen Stadt Jerusalem zu geben.76 Bloch führt in seiner Ausarbeitung das Argument an, dass es Tacitus wohl nicht in erste Linie darum ginge, die Juden anzuschwärzen. Andererseits fragt er, warum diese Herkunftsvariante erst an fünfter Stelle der Ursprungsberichte angeführt wird. Vielleicht muss man auch berücksichtigen, dass bei der bisherigen Betrachtung bereits vier Berichte, die negative Eigenschaften der Juden herausstellen, angeführt wurden. Im Gegensatz dazu steht nur ein Bericht, der Positives vermerkt.77 Man könnte meinen, dass Tacitus den Leser darauf aufmerksam machen will, dass es bereits in der Ur- und Frühgeschichte und im Bereich der Mythologie nur wenig gute Aussagen gab. Zugleich könnte er dem Leser historische Unparteilichkeit vorspiegeln wollen, indem er neben den negative konnotierten auch eine positiv konnotierte Herkunftsgeschichte aufzeigt.78

"Die meisten Autoren teilen die Annahme, dass bei dem Ausbruch einer über Ägypten sich verbreitenden, den ganzen Körper entstellenden Seuche der König Bocchoris sich an das Hammonorakel mit der Bitte um ein Heilmittel gewandt und dort die Weisung erhalten habe, er solle sein Reich einer Säuberung unterziehen und dabei dieses Geschlecht als gottverhasst in andere Länder abschieben. So habe man denn die Leute zusammengesucht und gesammelt. Wie man sie dann in Einöden ihrem Schicksal überließ, da habe, während die übrigen wie stumpfsinnig vor sich hinweinten, Moses, einer der Ausgewiesenen, sie aufgefordert, keinesfalls auf ein Eingreifen der Götter oder auf Menschenhilfe zu warten, da sie ja von diesen und jenen verlassen seien; sie sollten vielmehr, angesichts der himmlischen Führung, unter der sie stünden, auf sich selber vertrauen, dieser himmlische Beistand sei es in erster Linie, wodurch sie das gegenwärtige Elend überwinden würden. Man stimmte bei und trat, aller Dinge unkundig, aufs Geratewohl den Marsch an. Es setzte ihnen aber damals nichts so zu wie der Mangel an Wasser. Schon waren sie, der Erschöpfung nahe, überall auf den Gefilden rings hingesunken, als eine Herde Wildesel von ihrem Weideplatz zu einer waldbeschatteten Schlucht hinüberwechselte. Moses folgte ihr und entdeckte, was er bei dem grasreichen Boden schon vermutet hatte, reichliche Wasseradern. Dies war eine rechte Erquickung für die Leute, und so konnten sie einen

[...]


1 Dtv Lexikon in 20 Bänden, Mannheim 1995, Bd. I, S. 220.

2 R. Syme, Tacitus und seine politische Einstellung, V. Pöschl, Tacitus, Darmstadt 1986, S. 127.

3 R. Syme, S. 127f.

4 K. Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit, München ³ 1995, S. 145f.

5 R. Syme, S. 127f.

6 R. Syme, S. 127f.

7 R. Syme, S. 127f.

8 A. Mehl, Römische Geschichtsschreibung, 2001, S. 119f.

9 Einführung ins Studium der Latinistik, Hrsg. P. Riemer, M. Weißenberger, B. Zimmermann, München 1998, S. 144-147.

10 G. Mann, Ein Versuch über Tacitus, V. Pöschl, Tacitus, Darmstadt 1986, S. 158f.

11 A. Mehl, S. 119f.

12 A. Mehl, S. 119f.

13 A. Mehl, S. 119f.

14 Tac. Hist. 5,1-5,13; vgl. G. Wille, Der Aufbau der Werke des Tacitus, Amsterdam 1983, S. 340.

15 R. Bloch, Antike Vorstellungen vom Judentum. Der Judenexkurs des Tacitus im Rahmen der Griechischrömischen Ethnographie, Stuttgart 2002. S. 75-82.

16 Tac. Hist. 5,5; 5,8; R. Bloch, S. 75-82.

17 Tac. Hist. 5,2; 5,2; 5,3; 5,6; 5,6; 5,6; 5,7; R. Bloch, S. 75-82.

18 Tac. Hist. 5,5; R. Bloch, S. 75-82.

19 Tac. Hist. 5,1; 5,2; 5,3; 5,5; 5,5; R. Bloch, S. 75-82.

20 Tac. Hist. 5,6; R. Bloch, S. 75-82.

21 Verg. Aen. 1,361.

22 Tac. Hist. 5,1; 5,2-3.

23 Verg. Aen. 11,122f.; 6,440f.; R. Bloch, S. 75-82.

24 Verg. Aen. 6,440; R. Bloch, S. 75-82.

25 Verg. Aen. 8,220f; Tac. Hist. 5,13; R. Bloch, S. 75-82.

26 R. Bloch, S. 75-82.

27 Tac. Hist. 5,1.

28 K. Christ, S. 146f.

29 R. Bloch, S. 83.

30 R. Bloch, S. 82.

31 R. Bloch, S. 82.

32 Tac. Hist. 5,2.

33 Tac. Hist. 5,2.

34 Ov. Met. 1,113; O. Eichert, Wörterbuch zu den Verwandlungen des Ovidius, Leipzig 1904, S. 311.

35 H. Heubner, W. Fauth, P. Cornelius Tacitus, Die Historien. Kommentar, Buch V, Heidelberg 1982, S. 54-57.

36 H. Heubner, W. Fauth, S. 20-23.

37 Jer. 47,4; H. Heubner, W. Fauth, S. 20-23.

38 R. Bloch, S. 82f.

39 R. Bloch, S. 85.

40 R. Bloch, S. 85.

41 R. Bloch, S. 85f.

42 R. Bloch, S. 86.

43 R. Bloch, S. 85.

44 Tac. Hist. 5,2.

45 Plut. de Is et Os. Bd. I, 31C-D; Bd., S. 143.

46 H. Heubner, W. Fauth, S. 24f.

47 H. Heubner, W. Fauth, S. 24f.

48 H. Heubner, W. Fauth, S. 24f.

49 H. Heubner, W. Fauth, S. 24f.

50 H. Heubner, W. Fauth, S. 24f.

51 Tac. Hist. 5,2 und R. Bloch, S. 87-89.

52 R. Bloch, S. 88f.

53 H. Heinen, ägyptische Grundlagen des antiken Antijudaismus. Zum Judenexkurs des Tacitus, Historien V, 2-13, Trierer Theologische Zeitschrift 101, 1992, S. 126f.

54 H. Heinen, S. 126-49.

55 R. Bloch, S. 86.

56 R. Bloch, S. 87.

57 Tac. Hist. 5,2.

58 Ov. met. IV,738; G. Schwab, Sagen des klassischen Altertums, (Nachdruck) München 2001, S. 46f.

59 R. Bloch, S. 87.

60 Tac. Hist. 5,2; R. Bloch, S. 87.

61 R. Bloch, S. 87.

62 Tac. Hist. 5,2.

63 R. Bloch, S. 87.

64 H. Heubner, W. Fauth, S. 27.

65 Gen. 11, 1-32.

66 H. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen Bd. I u. aus: ATD Ergänzungsreihe B IV/I, IV/II, Grundrisse zum AT³ 2000, Bd. I, S. 84f.; dtv Lexikon in 20 Bänden, Bd. I, S. 22.

67 Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, hrsg. K. Ziegler, W. Sontheimer, H. Gärtner, München 1964-1975, Bd., Sp. 1264. dtv Lexikon, Bd. 8, S. 226.

68 R. Bloch, S. 87f.

69 Tac. Hist. 5,2; R. Bloch, S. 87f.

70 R. Bloch, S. 87f.

71 Tac. Hist. 5,3.

72 Hom. Ilias 6,184f. u. 203f.

73 Plut. def. or. 21 (421D); Strabon 1,2,28. Die Angabe zu Strabon ist auch im Kommentar sehr ungenau und kann nicht näher angeführt werden; H. Heubner, W. Fauth, S. 28f.

74 Der kleine Pauly, Bd., Sp. 1141f.

75 Tac. Hist. 5,3.; R. Bloch, S. 88.

76 R. Bloch, S. 88.

77 R. Bloch, S. 88.

78 R. Bloch, S. 88.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Antijüdische Aussagen im 5. Buch der Historien des P. Cornelius Tacitus
Hochschule
Universität Rostock  (Historisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
74
Katalognummer
V80648
ISBN (eBook)
9783638821896
ISBN (Buch)
9783638822916
Dateigröße
2184 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note: wurde als sehr ausführlich und umfangreich recherchiert gefunden. Die deutsche Übersetzung, die von Tacitus vorliegt, wurde überarbeitet.
Schlagworte
Antijüdische, Aussagen, Buch, Historien, Cornelius, Tacitus
Arbeit zitieren
Hilde Michael (Autor), 2006, Antijüdische Aussagen im 5. Buch der Historien des P. Cornelius Tacitus , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80648

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