Ausgehend von der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens, die darauf abzielt, sich selbst eine Antwort darauf zu geben, warum und mit welchen Zielen man lebt, versucht Spalding dem nach Aufklärung und eigener Einsicht strebenden Individuum, eine Richtschnur für die vernünftige Beurteilung und Handhabung seines Daseins aufzuzeigen. Die Frage also, wie sich das Leben des Individuums durch es selbst, unter Annahme einer von innen kommenden Aktivität, zu einer erfüllten und glücklichen Zeit gestalten läßt, stellt sich für Spalding daher in praktischer Absicht. Dabei geht es dem Autor darum, den Einzelnen aufzufordern, sich mit sich selbst zu beschäftigen, um Einsicht in die eigene Natur zu erhalten und aus diesen Erkenntnissen heraus selbst tätig zu werden. – Der Einzelne ist angehalten sein Leben aus eigener Einsicht, unabhängig von Autoritäten bzw. der Meinung anderer, selbst zu bestimmen.
Der Begriff der Selbstbestimmung ist ein Terminus, der bereits im antiken Denken angelegt ist und bei den Theoretikern der Renaissance in eine zentrale, theoretische Position gelangt. Aber erst in der Nachfolge der kritischen Philosophie Immanuel Kants wird er zu einem eigenständigen Terminus mit grundlegender Bedeutung. Deshalb ist die unmittelbare Vorgeschichte des Begriffs im Zeitalter Kants von besonderem Gewicht. Ziel dieser Magisterarbeit war es deshalb, den Beitrag von Johann Joachim Spalding zu dieser Entwicklung aufzuklären. Seine Schrift "Gedanken über die Bestimmung des Menschen", die 1748 erstmals in Greifswald erschien und dreizehn Auflagen erlebt hat, trägt seit der vierten Auflage aus dem Jahre 1751 den Titel "Die Be-stimmung des Menschen". Die hier vorgelegte, detaillierte Analyse des Textes der ersten und dreizehnten Auflage hat gezeigt, wie sehr die begrifflichen Bestimmungsmomente der später so genannten „Selbstbestimmung“ bereits bei Spalding gegenwärtig waren.
Inhaltsverzeichnis
0. Vorwort
1. Zur Zitierweise
2. Zeitgeschichtliche und philosophiegeschichtliche Hintergründe
3. Shaftesburys Einfluß auf den Neologen Spalding
3.1. Grundgedanken der Shaftesburyschen Philosophie
3.2. Selbsterkenntnis und Selbstreflexion
3.3. Ästhetische Erfahrung und moralisches Gefühl
3.4. Glückseligkeit durch Tugend
3.5. Die tugendunterstützende Funktion der Religion
4. Die Bestimmung des Menschen nach Spalding
4.1. Ethische Reflexion und Selbstreflexion
4.2. Ethische Reflexion und die Frage nach dem Sinn des Lebens
4.3. Sinnlichkeit – die niedrigste Stufe der Selbstbestimmung
4.4. Vergnügungen des Geistes – ein Weg zur vernünftigen Selbstbestimmung
4.5. Tugend als Ausdruck vernünftiger Selbstbestimmung
4.6. Religion als Stütze der Tugend
4.7. Unsterblichkeit als Lohn
5. Spalding und Shaftesbury – ein Vergleich
5.1. Selbstbestimmung und kulturelle Verantwortung
5.2. Die Rolle des Gewissens im Akt der Selbstbestimmung
5.3. Spaldings Stufenmodell
6. Spalding – eine biographische Skizze
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis von „Selbstbestimmung“ im Werk von Johann Joachim Spalding, insbesondere durch den Vergleich der Erst- und der letzten Auflage seines Werkes „Die Bestimmung des Menschen“, und analysiert den philosophischen Einfluss Shaftesburys auf Spaldings System der Lebensführung.
- Analyse des Begriffs der Selbstbestimmung bei Spalding und im Kontext der Aufklärung.
- Untersuchung des Einflusses der Shaftesburyschen Philosophie, insbesondere der moral sense Theorie.
- Systematische Rekonstruktion von Spaldings Stufenmodell der Selbstbestimmung (Sinnlichkeit, Geist, Tugend).
- Darstellung der Rolle von Religion, Gewissen und Unsterblichkeitsglaube als Stützen sittlicher Lebensführung.
Auszug aus dem Buch
3.2. Selbsterkenntnis und Selbstreflexion
Erkenntnis beginnt bei Shaftesbury mit Selbsterkenntnis, die für ihn das einzig zuverlässige Wissen darstellt. Ergebnis der Einsicht in die eigenen Erkenntnisgrenzen ist Toleranz, das Pendant zur Idee der Freiheit, die das Individuum zu Respekt vor den Ansichten anderer verpflichtet. Die Notwendigkeit von Kritik und die Schärfung der Urteilskraft gehen damit einher. Daher ist Selbsterkenntnis sprichwörtlich der erste Weg zur Besserung. Denn der Überprüfung der eigenen Urteile und Handlungsmotive bei der Korrektur menschlichen Verhaltens ist größerer Erfolg beschieden, als der unüberlegten Befolgung von Denk- und Handlungsvorschriften. In dieser Rückwendung auf sich selbst, sieht Shaftesbury einen unabdingbaren Schritt zur Entwicklung und Schärfung des individuellen Entwicklungsvermögens und damit zur Selbstbestimmung des Individuums.
Insofern sich Selbsterkenntnis als die Grundlage unserer Bewertung der sich uns aufdrängenden sinnlichen Erscheinungsbilder, sowie der uns leitenden Neigungen offenbart, ist sie die Voraussetzung jeder Form von Erkenntnis. So sagt Shaftesbury in seiner Schrift zur Ästhetik:
„Wie wenig Beachtung man jener moralischen Betrachtung oder Untersuchung schenken mag, die wir das Studium unserer selbst nennen, so muß man doch, strenggenommen, zugeben, daß alle Erkenntnis jedweder Art auf dieser vorausgehenden beruht, und daß wir in Wahrheit solange keiner Sache sicher sein können, bis wir uns erst sicher sind, was wir selbst sind.“
Zusammenfassung der Kapitel
0. Vorwort: Einführende Definition des Begriffs Selbstbestimmung und Einordnung von Spaldings Werk in den Diskurs der Aufklärung.
1. Zur Zitierweise: Erläuterung der methodischen Vorgehensweise beim Vergleich der verschiedenen Auflagen von Spaldings Werk.
2. Zeitgeschichtliche und philosophiegeschichtliche Hintergründe: Kontextualisierung von Spaldings Denken im Zeitalter der Neologie zwischen Wolffianismus und Rationalismus.
3. Shaftesburys Einfluß auf den Neologen Spalding: Untersuchung des philosophischen Fundaments Shaftesburys als Quelle für Spaldings System.
4. Die Bestimmung des Menschen nach Spalding: Systematische Analyse der Stufen der Selbstbestimmung von der Sinnlichkeit bis hin zur tugendhaften Handlungsweise.
5. Spalding und Shaftesbury – ein Vergleich: Gegenüberstellung der beiden Denker hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten in der Wertproblematik und der moralischen Lebensführung.
6. Spalding – eine biographische Skizze: Kurze Übersicht zum Leben und Wirken von Johann Joachim Spalding.
Schlüsselwörter
Selbstbestimmung, Johann Joachim Spalding, Shaftesbury, Aufklärung, Neologie, Sittlichkeit, moral sense, Tugend, Vernunft, Selbstreflexion, Religionsphilosophie, Gewissen, Sinn des Lebens, Anthropologie, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das philosophische Konzept der Selbstbestimmung im Werk „Die Bestimmung des Menschen“ von Johann Joachim Spalding im Kontext der deutschen Aufklärung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Moral und Religion, die Bedeutung der Selbsterkenntnis, die Rolle des moralischen Gefühls und die Einflüsse der englischen Aufklärung auf das deutsche Denken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Spaldings „System des Lebens“ systematisch zu rekonstruieren und zu zeigen, wie der Mensch durch Selbsterkenntnis und ethische Reflexion zu einem autonomen und sinnerfüllten Handeln gelangt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Textanalyse, die sowohl die Erstauflage (1748) als auch die letzte Auflage (1794) von Spaldings Hauptwerk sowie eine Rekonstruktion Shaftesburyscher Gedanken einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Einflusses von Shaftesbury, eine detaillierte Analyse der Stufen der Selbstbestimmung (Sinnlichkeit, Geist, Tugend) und eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion als Stütze der Moral.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Selbstbestimmung, Neologie, moral sense, Sittlichkeit, Tugendideal und ethische Reflexion.
Inwiefern beeinflusst Shaftesbury Spaldings Tugendauffassung?
Spalding übernimmt von Shaftesbury das Konzept des moralischen Sinnes (moral sense), welcher dem Menschen ein intuitives Verständnis für das Gute und Schöne vermittelt und eine natürliche Basis für tugendhaftes Handeln bildet.
Warum spielt die Religion in Spaldings System eine Rolle?
Für Spalding fungiert die Religion als „Stütze der Tugend“. Sie liefert das moralische Urbild Gottes, welches den Menschen motiviert, sein Handeln an einer höheren Ordnung auszurichten und somit zu innerer Ruhe und Zufriedenheit zu finden.
Welche Bedeutung hat das „Stufenmodell“ bei Spalding?
Spalding beschreibt eine Entwicklung von der einfachen Sinnlichkeit über die Vergnügungen des Geistes bis hin zur tugendhaften Lebensführung. Diesen Fortschritt durch die Stufen versteht er als einen notwendigen Lernprozess zur Veredelung der eigenen Persönlichkeit.
- Arbeit zitieren
- Nadine Müller (Autor:in), 2003, Selbstbestimmung bei Johann Joachim Spalding - Analyse eines Textes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80657