"Für alle die im Herzen Barfuß sind" - Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes


Magisterarbeit, 2007
84 Seiten, Note: sehr gut (1,0)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der unfreie Leser – Das Frühwerk Reiner Kunzes
2.1 „Die Zukunft sitzt am Tische“
2.1.1 „Am Rande bemerkt“ – Optimistische Parteilichkeit
2.1.2 Der bevormundete Leser
2.1.3 „Vom Zarten“ – Der unterschätzte Leser
2.2 „Vögel über dem Tau“
2.2.1 „Antwort“ – Vorzeichen eines freieren Lesers
2.3 „Aber die Nachtigall jubelt“
2.3.1 „Prolog“ – Die selbst gewählte Finsternis des dogmatischen Lesers

3. Der freie Leser in unfreier Welt – Reiner Kunzes Werke bis zur Übersiedlung in die BRD (1959 – 1977)
3.1 „Widmungen“
3.1.1 „Horizonte“ – Selbstfindung in der Deutungspluralität
3.1.2 Poetische Verteidigung des Ich
3.2 „Sensible Wege“
3.2.1 „Am Briefkasten“ – Dialektik des Mitteilens und Verschweigens
3.3 „Zimmerlautstärke“
3.3.1 „Angeln an der Grenze“
3.3.2 Der Leser als Angler – Rezeption als Grenzüberschreitung

4. Übersiedlung in die BRD – Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes nach 1977
4.1 Die Übersiedlung – Biographischer Bruch und dichterische
Kontinuität
4.2 „Auf eigene Hoffnung“
4.2.1 „Politiker, eines meiner Bücher lobend“
4.2.2 Der gegen Ideologie immunisierte Leser

5. Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes – Eine Zusammenfassung

6. Literatur

Für einen Autor

ist es eine tröstliche Aussicht,

das alle Tage neue künftige Leser

geboren werden.

Johann Wolfgang von Goethe

1. Einleitung

Anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises 1977 äußert Heinrich Böll in seiner Laudatio des Preisträgers Reiner Kunze: „[…] sicher möchten auch Sie gewissen und bestimmten Leuten das Lesen beibringen.“[1] Wie kommt der Schriftstellerkollege Kunzes zu dieser Aussage? Diese Vermutung, die Böll über die dichterische Motivation Reiner Kunzes anstellt, hat im metaphorischen Sinne durchaus ihre Berechtigung. „Leuten das Lesen bei[zu]bringen“[2] muss in einem in BRD und DDR geteilten Deutschland der siebziger Jahre eine andere Alphabetisierung, als die im herkömmlichen Sinne meinen. Vielmehr geht es um ein ‚richtiges Lesen’, das als hermeneutischer Prozess einem ‚Lesen’ gegenübersteht, das nicht wirklich versteht und das nicht oder falsch entschlüsselt. Böll spricht Reiner Kunze das Anliegen zu, Verstehensprozesse im Leser auslösen zu wollen.

Auch Heiner Feldkamp unterstellt wie Böll dem Werk Reiner Kunzes eine paradigmatische Orientierung auf ein Gegenüber, indem er in seiner Arbeit zum Gesamtwerk Kunzes dessen „Poesie als Dialog“[3] bestimmt und dies als Grundzug vor allem des lyrischen Schaffens Kunzes herausstellt. „Das gedicht als stabilisator, als orientierungspunkt eines ichs“[4] ist für den Autor, wie Feldkamp richtig herausstellt, zunächst „Selbstvergewisserung im Monolog“[5] und doch damit auch „Selbstgespräch für andere“.[6] Im Gespräch mit Bernd Kolf führt Reiner Kunze dazu aus: „Indem Gedichte aber Versuche sind, Wirklichkeit zu bewältigen und Haltungen zu gewinnen, besteht die Möglichkeit, daß sie auch jenen, die sie nachvollziehen, helfen, zu sich selbst zu finden und sich im Leben zu orientieren.“[7]

Diese mögliche Selbstfindung oder -erkenntnis und die genannte Lebensorientierung im Nachvollzug des Gedichts, die für den Leser in der Rezeption Kunzescher Gedichte möglich sein soll, lässt die Frage nach deren Genese aufkommen. Auf welche Weise kommt es zu Prozessen im Bewusstsein des Lesers, die die Ausbildung einer Haltung der Bewältigung und Orientierung ermöglichen? Diese Frage ist nicht zu beantworten, ohne eine ihr übergeordnete Frage zu stellen: Welche Rolle nimmt der Leser in der Lyrik Reiner Kunzes ein? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage zu leisten, soll zentrales Anliegen dieser Arbeit sein. Wie zu zeigen sein wird, weist der unverkennbar dialogische Charakter der Lyrik Reiner Kunzes dem Leser im Text nicht nur eine Rolle zu, die er einzunehmen hat, um eine vermeintlich im Text enthaltene Botschaft zu eruieren, sondern führt den Leser über im Text vorfindliche „Wirkungsstrukturen“[8] zu eigener Aktivität. Die Beschreibung der Art und Weise dieser Aktivität und die Analyse der Texte Kunzes auf ebendiese „Wirkungsstrukturen“[9] sowie die Darstellung der Beziehung von Strukturen und Leseraktivität untereinander, sollen es ermöglichen, ein aussagekräftiges Bild der Rolle des Lesers im Werk Reiner Kunzes zu zeichnen.

Als theoretische Grundlage erscheint Wolfgang Isers Konzept des impliziten Lesers besonders geeignet, das Analyseverfahren dieser Arbeit methodisch zu bestimmen.

Der implizite Leser als der im Text vorgezeichnete „Aktcharakter des Lesens“[10] ist ein theoretisches Konstrukt, das die „Gesamtheit der Vororientierungen, die ein fiktionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet“,[11] darstellt. Der implizite Leser ist der Lesertypus der adäquaten Rezeption, da er als Konzept eine Beschreibung der Rezeption ermöglicht, die nicht wie bei anderen Lesermodellen auf den historischen Leser, der in Zeitgenossenschaft zur Entstehung des Textes steht, beschränkt bleibt.[12] Ebenso wenig kann eine Leserkonzeption überzeugen die auf empirischem Wege ein statistisches Mittel einer Lesergruppe ermittelt und damit eine „Ermittlung von Wirkungspotentialen“[13] in Texten verfolgt. Auch die Befragung einer großen Lesergruppe schließt Irrtümer nicht aus und auch hier spielt die historische Nähe oder Ferne als Beschränkung der Rezeptionsperspektive eine Rolle.[14] Der implizite Leser ist hingegen eine Leserinstanz, die aus dem Text erschlossen werden kann.[15] Anhand der im Text vorgezeichneten „Aktualisierungsbedingungen“[16] ist nach Iser für den Leser die Möglichkeit gegeben, den Textsinn im Bewusstsein zu konstituieren. Erst im Leser wird der Text somit Realität, was der Bestimmung der Poesie Kunzes als Dialog,[17] der als Bedingung seines Zustandekommens immer die Antwort eines Gegenübers fordert, entspricht. Die Leserrolle des impliziten Lesers lässt sich auf diese Weise in eine „Textstruktur und Aktstruktur“[18] differenzieren. Die im jeweiligen Text vorfindlichen „Wirkungsstrukturen“[19] beeinflussen dabei die Art und Weise der Konkretisation des Textes im Leser. Auch dort wo die Orientierung auf den Leser im Sinne einer gleichsam „anachoretische[n] Kunst“[20] abgelehnt oder geleugnet wird, ist diese vom Autor erschaffene Hermetik Teil dieser Strukturen. Die eigene Aktivität des Lesers besteht nun darin, eine Position zum Text einzunehmen, die es ihm ermöglicht, einen „Verweisungszusammenhang“[21] zwischen den einzelnen, verschiedene Perspektiven eröffnenden Strukturen im Text herzustellen. Weder die Kohärenz der einzelnen Verweisungen noch die Position des Lesers zum Text sind Bestandteile des Textes, sondern müssen durch den Leser konstituiert werden. Der dabei vom Leser erstellte „Sinnhorizont“[22], der sich aus der Mannigfaltigkeit der Perspektiven, die sich aus dem Zusammenspiel der einzelnen Verweisungszusammenhänge ergeben, zusammensetzt, unterliegt immer wieder Veränderungen. Die Bildung von Vorstellungen im Bewusstsein des Lesers wird immer wieder durchbrochen und modifiziert, da der Leser die Gegenständlichkeit des fiktionalen Textes als sich im Text befindender perspektivischer Punkt nicht mit einem Mal als Ganzes erfasst, sondern in einem Nacheinander von Phasen.[23] Indem der Leser schließlich in der Lage, ist eine Sinnkohärenz der Abfolge von Vorstellungen zu bilden, kommt es zu einer Rezeption, die dem Werk gerecht wird, ohne es in der Vielfalt seiner Rezeptionsmöglichkeiten einzuschränken.[24] Die Position des Lesers zum Text deckt sich dabei nicht mit der Rolle, die der Text dem Leser im Sinne einer „Leserfiktion“[25] zuweist, denn sie ist maßgeblich auch durch die „lebensweltlichen Dispositionen“[26] des jeweiligen Lesers beeinflusst, der sich gemäß seiner individuellen Erfahrungen und Kenntnisse immer wieder anders zum Text situiert.

Ziel dieser Arbeit ist es, diesem Prozess des Zusammenwirkens von im Text vorgegebenen „Wirkungsstrukturen“[27] und den sich daran anschließenden möglichen sinnkonstituierenden Aktivitäten des Lesers speziell am Beispiel der Lyrik Reiner Kunzes nachzugehen. Anhand eingehender Analysen exemplarisch ausgewählter Gedichte aus verschiedenen Schaffensphasen soll die Rolle des Lesers in der Lyrik Kunzes anhand des Konzepts des impliziten Lesers deutlich herausgestellt und in Beziehung zu Poetik und Ästhetik Reiner Kunzes gesetzt werden. Dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit einer wirkungsästhetischen Analyse der Kunzeschen Lyrik kann allerdings nur begrenzt entsprochen werden, da jeder Leser gemäß seiner individuellen Dispositionen die „Wirkungsstrukturen“[28] geringfügig anders identifiziert, die „Aktstruktur“[29] des jeweiligen Textes anders realisiert und auch der Verfasser dieser Arbeit letztendlich ein Leser ist. Die von den Wirkungsstrukturen erzeugten „Unbestimmtheitsstellen“,[30] „Leerstellen“[31] und „Negation[en]“[32] werden von jedem Leser auf verschiedene Weise konkretisiert, so dass von einer „zwingende[n] Individualität eines Leseprozesses, gleich einem Fingerabdruck“[33] gesprochen werden kann. Auch unter Beachtung dieser der Theorie Isers geschuldeten Einschränkung lässt sich jedoch mit einiger Berechtigung feststellen, dass sich – wie zu zeigen sein wird – analog zu den bei Reiner Kunze zu einem großen Teil auch biographisch beeinflussten poetischen Paradigmenwechseln auch die Rolle des Lesers in der Lyrik Kunzes wandelt. Als besondere Ereignisse im Leben Kunzes, die zu grundlegenden Veränderungen in seinem Schaffen führen, sind vor allem zwei zu nennen: Reiner Kunzes politische Desillusionierung 1959, die dazu führt, dass er aufgrund politischen Drucks sein Promotionsstudium abbricht und sich als Hilfsschlosser in Schwermaschinenbau verdingen muss sowie seine Ausreise aus der DDR 1977, die ebenfalls dem für ihn unerträglichen staatlichen Druck geschuldet ist, der ihn vor allem aus gesundheitlichen Gründen dazu zwingt, in die BRD überzusiedeln. Im Gespräch mit Ekkehart Rudolph bemerkt Kunze zu seinem ersten persönlichen Bruch mit der sozialistischen Staatsdoktrin:

„[…] in diesen fünfziger Jahren begann für mich die große politische Desillusionierung, das furchtbare Erkennen, hintergangen und betrogen worden zu sein, der Zusammenbruch des inneren Wertsystems, dem als Ergebnis einer jahrelangen politischen Treibjagd ein physischer Zusammenbruch folgte. […] Das Jahr 1959 war in meinem Leben die Stunde Null.“[34]

Dieser biographische Wendepunkt bedeutet für Reiner Kunze auch einen besonderen Einschnitt in Bezug auf sein Schaffen. Seine Poetik erfährt einen grundlegenden Wandel: War sie bis dahin überwiegend dem sozialistischen Realismus verpflichtet, so gewinnt sie nun einen autonomieästhetischen Charakter. In der Rückschau bezeichnet Kunze daher seine bis dahin veröffentlichen Gedichte als „Produkte eines poetologisch, philosophisch und ideologisch Irregeführten.“,[35] die für ihn „keinerlei literarischen Wert“[36] haben und zum Teil nichts weiter als „peinlich-billige Illustration“[37] sind.

Der zweite schwerwiegende biographische Einschnitt, die Übersiedelung in die BRD, steht für Reiner Kunze im Zeichen einer Auseinandersetzung mit veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten, die auch Eingang in seine Kunst findet. Kontinuitäten, wie zum Beispiel das konsequente Eintreten für eine autonome Ästhetik des Kunstwerks und ein schriftstellerisches Selbstverständnis, dass „nicht gesellschaftskritisch oder gar direkt politisch […], sondern […] wie in der DDR primär existentiell begründet bleibt“,[38] prägen auch die weitere künstlerische Produktion Kunzes. Die Auseinandersetzung mit der lebensweltlichen Realität der Gegenwart, zu der auch gesellschaftliche und politische Entwicklungen gehören, ist dabei nichtsdestotrotz weiterhin wichtiger Bestandteil seines Werks. Reiner Kunze wird in der Bundesrepublik nicht zu einem Dichter der Retrospektive, der für sich die Rolle des Emigranten oder Exulanten in Anspruch nimmt.[39] Er bezieht sich in seinen Werken auch kritisch auf politische und gesellschaftliche Fragen, die spezifisch für die Bundesrepublik sind.

Es bietet sich also thematisch eine grundsätzlich dreiteilige Gliederung dieser Arbeit an, die sich in der Bestimmung der Rolle des Lesers im lyrischen Gesamtwerk Kunzes an einer biographisch bestimmten Einteilung in Schaffensphasen orientiert. Eine Beschränkung der Analyse auf die Lyrik Reiner Kunzes lässt sich damit begründen, damit den bedeutendsten und auch quantitativ größten Teil des Kunzeschen Werks zum Gegenstand zu wählen und in dieser Weise auch dem Selbstverständnis des Autors als Lyriker gerecht zu werden. Im Gespräch mit Rudolf Wolff sagt Reiner Kunze zu seinem Selbstbild als Autor:

Ich selbst bin ja selbst vorwiegend ein Lyriker. Nehmen Sie den Prosatext „Fünfzehn“ aus den „Wunderbaren Jahren“ – ich weiß nicht mehr, wie viel Tage ich gebraucht habe, bis ich den ersten Satz hatte. „Sie trägt einen Rock, den kann man nicht beschreiben, den schon ein einziges Wort wäre zu lang.“ Das ist natürlich ein paradoxes bildhaftes Denken; in dieser Art kann man keinen Roman von 600 Seiten schreiben.[40]

Nicht zuletzt führt dieses „paradoxe bildhafte Denken“[41] zur Bildung der interessantesten und markantesten „Wirkungsstrukturen“[42] in den Gedichten Kunzes, deren Analyse zur Klärung der oben im Zusammenhang mit der Äußerung Heinrich Bölls genannten Fragen beitragen wird. Die besondere Weise dieses Denkens ist dem Dichten Kunzes allerdings nicht von Anfang an eigen, sondern unterliegt einer allmählichen Entwicklung. Vor allem die biographischen Wendepunkte sind für Reiner Kunze besondere Entwicklungsstationen für die Ausbildung dieser Denkstrukturen und ihrer künstlerischen Umsetzung. Auch dieses wird auf den folgenden Seiten deutlicher werden.

2. Der unfreie Leser – Das Frühwerk Reiner Kunzes

2.1 „Die Zukunft sitzt am Tische“

Sein Debüt als Lyriker gibt Reiner Kunze 1953 als 20-jähriger in der Anthologie „Erste Ernte“[43], in die sein Gedicht „Der Maurer und das Mädchen“[44] aufgenommen wird. Die erste Sammlung mehrerer Gedichte veröffentlicht Reiner Kunze zwei Jahre später in dem Gedichtband „Die Zukunft sitzt am Tische“,[45] der neben den zwölf Gedichten Kunzes auch vierzehn Gedichte Egon Günthers enthält. Gerade diese erste Gedichtsammlung offenbart in recht eindeutiger Weise besonders in politischer Hinsicht die Weltanschauung des jungen Lyrikers. Als junger Student der Journalistik und Publizistik, der als Sohn einer Kettlerin und eines Bergmanns aus einfachen Verhältnissen stammt, kann sich Reiner Kunze kaum in Distanz zu dem herrschenden sozialistischen Gesellschaftsmodell und der daraus resultierenden Politik setzen, die ihm schließlich diese Bildungsmöglichkeiten und den damit verbundenen sozialen Aufstieg ermöglicht hat. Kunze bemerkt zu den Chancen, die sich ihm plötzlich boten: „Doch für mich war das Ganze märchenhaft, ein Wunder. Ich begann, mich für alles zu engagieren, was zu diesem Wunder geführt hatte oder geführt zu haben schien.“[46] Als durch den noch jungen sozialistischen Staat gefördertes Arbeiterkind, hat Reiner Kunze bis zum Abitur ein Internat besucht und so eine völlig systemkonforme Erziehung erhalten, die zur Ausbildung einer unkritischen Haltung führte, „die durch die jahrelange Isolierung […] kaum Anfechtungen ausgesetzt war.“[47] Als überzeugtes Mitglied der SED, in die er als 16-jähriger schon eingetreten ist, fehlt ihm zunächst der „Abwehrstoff Skepsis“,[48] der für sein späteres Denken und damit auch für sein späteres Werk nachgerade kennzeichnend ist. Diese Entwicklung, die Strickner als vom „Kollektiv zum Individuum“[49] verlaufend darstellt, ist zunächst in den frühen Gedichten Kunzes nicht zu bemerken. Vielmehr macht sich Kunze die ästhetischen Normen des sozialistischen Realismus zu eigen. Er bemüht sich dementsprechend um eine „wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung“,[50] für die von Seiten des Staates „Lebensechtheit und ‚Volksverbundenheit’“,[51] „Darstellung des sozialen Kampfes um den Fortschritt und Beinhaltung sozialer Ideen“,[52] „Übereinstimmung mit der Weltanschauung des Kommunismus“,[53] ein „Gehalt an sozialem Optimismus und Hoffnung auf eine bessere Zukunft“[54] und die „Darstellung des so genannten ‚Typischen’“[55] gefordert ist. Letzteres meint nicht etwa ein in der Alltagsrealität vorfindliches Typische, sondern ein in idealer Weise dem sozialistischen Denken und Leben Entsprechendes, das als nachahmenswert empfunden wird. Als literarische Figur ist dies der ‚positive Held’, der „in sozialistisch verantwortlicher Weise handelt und so zu einer Identifikationsfigur wird“.[56] Einen so konzipierten ‚positiven Helden’ macht Reiner Kunze in seinem Gedicht „Am Rande bemerkt“[57] zum lyrischen Ich:

Am Rande bemerkt
Ich Arbeiterjunge
Nahm Platz
Am Wirthaustisch saßen,
Seelisch leidend,
Eine Dame
(Korpulent,
Mit schwarzen Börstchen auf den Lippen),
Schnitzelschneidend
Ein Herr.
Ihm quollen über Kragenklippen
Das Genick und Backenfleisch:
„Ich war früher auch nicht reich,
Das heißt… direkt
War ich es nicht.“
Er wischte mit dem Taschentuch
Prustend über sein Gesicht.
Und leiser:
„Doch das Proletarische…
Ist nicht unsere Gegenwart.“
- Die Dame kaute -
„Meine Art
Ist auch die bessere Gesellschaft.“
Und sie schaute,
Daß sie keiner höre.
Als sie fragte,
Ob wohl die Vergangenheit
Nochmals wiederkehre.
Statt der Antwort
Griff der Herr –
Zum leeren Glas.

Ach, mir taten diese Menschen leid,
Hatten nicht die Gegenwart,
Nicht die Vergangenheit,
Und auch die Zukunft
War nicht mehr die ihre,
Weil sie lächelnd schon
Am Tische saß.

2.1.1 „Am Rande bemerkt“ – Optimistische Parteilichkeit

Im Gedicht „Am Rande bemerkt“[58] eröffnet eine Aussage des lyrischen Ich die dargestellte Situation: „Ich Arbeiterjunge/ Nahm Platz“ (V. 1-2). In einem Wirtshaus wird das junge lyrische Ich, das sich als der Arbeiterschicht zugehörig zu erkennen gibt, Zeuge eines Gesprächs einer „Dame“ (V. 5) mit einem „Herr[n]“ (V. 9), die sich in eine vergangene „bessere Gesellschaft“ (V. 24) zurücksehnen und „das Proletarische“ (V. 19) als das gesellschaftlich Bestimmende der Gegenwart ablehnen. Das lyrische Ich, das als „Arbeiterjunge“ (V. 1) offensichtlich gegenteiliger Meinung ist, kann für die beiden Wirtshausgäste nur Mitleid empfinden. Seiner Meinung nach sind die Zeit und die gesellschaftliche Entwicklung über die Beiden hinweggegangen. Sie sind Außenstehende für die sozialistische Gesellschaft und dürften ohne eine Änderung ihrer Haltung kaum Hoffnung auf eine „Zukunft“ (V. 35) in ihr haben.

Schon der erste Vers eröffnet mit dem Begriff „Arbeiterjunge“ (V. 1) einen marxistisch geprägten „Erwartungshorizont“[59] und gibt damit dem Leser eine Wirkungsstruktur vor, die eine durch die Subjektivität des lyrischen „Ich“ (V. 1) und durch das marxistische Denken vorbestimmte Perspektive eröffnet. Die Beschreibung der weiteren anwesenden Personen, der „Dame“ (V. 5) und des „Herr[n]“ (V. 9), geschieht aus dieser Perspektive, die als „Retention“[60] im Leserbewusstsein gegenwärtig bleibt und somit die nachfolgenden Sinnkonstitutionen im Leserbewusstsein mitbestimmt. Schon die Beschreibung der „Dame“ (V. 5) als „Seelisch leidend“ (V. 4) bekommt eine ironische Qualität, da die Thematisierung der Seele den marxistisch perspektivierten „Erwartungshorizont“[61] des Lesers durchbricht, da der diesen Horizont mitbestimmende Materialismus einen idealistischen Begriff, wie den der Seele, systematisch ablehnen muss. Ebenso eröffnet der hier verwendete Seelenbegriff, der hier synonym für die ‚Psyche’ verwendet wird, die Möglichkeit der Assoziation einer metaphysischen Rückbindung und gewinnt damit durch die Kontrastierung zum im Sozialismus propagierten Atheismus eine aus der sozialistischen Perspektive ‚dekadent-revisonistische’ Konnotation. Die dem genus grande zuzurechnenden Bezeichnungen „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5), werden vor diesem Hintergrund in der Kontrastierung zum „Arbeiterjunge[n]“ (V. 1) zu Begriffen, die auf ein Herrschaftsverhältnis verweisen[62] und die die dargestellten Personen „als Vertreter, als Relikte der ‚Ausbeutergesellschaft’ kenntlich machen.“[63] Die Darstellung der beiden Personen als durch Fettsucht gezeichnet – die Dame ist „korpulent“ (V. 6) und dem Herrn quellen „über Kragenklippen/ Das Genick und Backenfleisch“ (V. 10-11) – vereindeutigen diese Sicht in Richtung materiellen Überflusses. Die vom Leser in Bezug auf „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5) als „Erwartungshorizont“[64] erstellte Antizipation gepflegten Aussehens wird damit jäh durchbrochen. Die Qualität des Hässlichen dieser beiden Personen, die im Falle der Dame noch durch „Börstchen auf der Lippe“ (V. 7) hervorgehoben wird, und damit auch die Möglichkeit der Assoziation mit einem Schwein eröffnet, lassen keinen Zweifel am negativ eingestellten Blick des lyrischen Ich auf die beiden anderen Gäste des Wirtshauses. Vervollständigt wird das Bild des konsumierenden Wohlstandsbürgers, das sich aus marxistischer Perspektive dem Verdacht des bourgoisen „Schmarotzertum[s]“[65] aussetzt, im Partizip „Schnitzelschneidend“ (V. 8). Der Leser kann die Opposition vom „Arbeiterjunge[n]“ (V.1) auf der einen und „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5) auf der anderen Seite schon allein anhand der gesellschaftlichen und altersklassenspezifischen Implikationen der Personenbezeichnungen realisieren.

Die nun folgende Gesprächseröffnung durch den „Herr[n]“ (V. 9) bringt die entscheidenden Differenzen zur Sprache, die die Bürger am Nachbartisch und das lyrische Ich als „Arbeiterjunge“ (V. 1) voneinander unterscheiden – der materielle Reichtum und die politische Einstellung. Ein Versuch, die vermögende Herkunft zu relativieren, misslingt: „Ich war früher/ Auch nicht reich, / Das heißt… direkt/ War ich es nicht.“ (V. 12-15). Diese Äußerung, die der Herr zur Dame macht und bei der er sich unbelauscht wähnt, wird vom Leser aus dem Blickwinkel des Sprechers als missglückte Rechtfertigung aufgefasst. Der „Herr“ (V. 9) versucht mit seinem Argument der Ansicht entgegen zu treten, dass der Sozialismus oder Kommunismus das geeignete Gesellschaftsmodell zur Bekämpfung der Armut oder zur Gewährleistung von Wohlstand darstelle: „Doch das Proletarische…/ Ist nicht unsere Gegenwart“ (V. 19-20). Der Verweis auf früher weniger begüterte Verhältnisse in Kontrast zu seinem aktuellen ‚wohlgenährten’ Erscheinungsbild entwerfen zusammen mit der erklärten Ablehnung des „Proletarische[n]“ (V. 19) eine gegenläufige Perspektive zu der des lyrische Ich. Der staatlich geregelten Verteilung der Güter des Sozialismus wird das kapitalistische Konzept des eigenverantwortlichen Strebens nach Wohlstand entgegen gestellt. Das Beziehen der Perspektiven aufeinander und das ‚Auffüllen’ der „Unbestimmtheitsstellen“,[66] die dort auftreten, wo die Perspektiven aufeinander treffen, ist zweifellos Akt des Lesers. Unabdingbare Voraussetzung für den Vollzug dieses Akts ist allerdings ein detailliertes Wissen des Lesers zur marxistischen Philosophie und zur kapitalistischen Marktwirtschaft. Die Herstellung eines kohärenten Sinns erscheint ohne diese Grundkenntnisse schwer möglich. Die Beipflichtung der Dame „Meine Art/ Ist auch die bessere Gesellschaft“ (V. 22-23) lässt im Komparativ „besser“ (vgl. V. 23) die Bejahung einer hierarchisch in ‚bessere’ und ‚schlechtere’ Gesellschaftsschichten gegliederten Gesellschaft erkennen, die das Prinzip der Egalität des sozialistischen Staates ablehnt und sich damit dem Standpunkt des Herrn anschließt. Die Unterlegenheit der Position der beiden Wirtshausgäste gegenüber der des „Arbeiterjunge[n]“ (V. 1) realisiert der Leser durch die Identifikation des gleichsam konspirativen Charakters dieses Dialogs, denn der Herr spricht seinen zweiten Satz bewusst „leiser“ (V. 18) und auch die Dame sieht sich um, „Daß sie keiner höre“ (V. 25), als sie die Frage nach der Rückkehr der vergangenen Verhältnisse stellt. Diese aus kommunistischer Sicht als revisionistisch zu bezeichnende Frage wird vom Herrn nicht beantwortet. Stattdessen deutet das lyrische Ich das Greifen des Herrn „Zum leeren Glas“ (V. 31) als Antwort – eine metaphorische Andeutung der Zukunftslosigkeit einer auf Konsum ausgerichteten bürgerlichen Gesellschaftsordnung.

In den letzten sieben Versen zieht das lyrische Ich schließlich ein Resümee:

Ach mir taten diese Menschen leid,
Hatten nicht die Gegenwart,
Nicht die Vergangenheit
Und auch die Zukunft
War nicht mehr die ihre,
Weil sie lächelnd schon
Am Tische saß.[67]

Die Reaktion des jungen Mannes auf das Gespräch, dessen Zeuge er wurde, ist Mitleid. Das lyrische Ich erklärt die Einstellungen, Hoffnungen und Wünsche, die in diesem kurzen Gespräch von „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5) anklingen, kurzerhand für fehlgehend und vergebens. Ihre Erfüllung war niemals objektiv gegeben, ist es auch in der Gegenwart nicht und wird seiner Meinung nach nie in der Realität gegeben sein. Die Zukunft reklamiert das Ich ganz für sich: Der „Arbeiterjunge“ (V. 1) ist die Personifikation der Zukunft, die sich damit als eine Zukunft im Zeichen des Proletarischen, des Sozialismus und des Kommunismus zu erkennen gibt. Dass das lyrische Ich „lächelnd“ (V. 37) am Tisch sitzt, erscheint vieldeutig. Ist es ein mitleidiges Lächeln angesichts der aus der Sicht des lyrischen Ich hoffnungslosen politischen Nostalgie der beiden ‚Bourgeoises’ oder doch ein Lächeln des Optimismus und der Zukunftszugewandtheit? Die Bekundung von Mitleid, das, insofern es authentisch ist, im Allgemeinen kaum von einem Lächeln des Mitleidenden begleitet wird, wirkt auf den Leser unlogisch, wenn nicht sogar unecht. Der „semantische Richtungsstrahl“[68] des Verses „Ach, mir taten diese Menschen leid, /[…]“ (V. 32) impliziert eine Erwartung, die sich auf eine Bekundung eher negativer Gefühle richtet. Das Partizip „lächelnd“ (V. 37) durchkreuzt diese Erwartungshaltung und setzt auf diese Weise eine Konstitutionsaktivität beim Leser in Gang. Geht er über diesen Bruch hinweg und bezieht er das Partizip nur auf die „Zukunft“ (V. 35), so kann er den Gedichtschluss durchaus als von Zukunftsoptimismus geprägt realisieren. Dies wäre eine Deutung, die durchaus den kulturpolitischen Doktrinen der „Phase des sozialistischen Aufbaus“[69] in der DDR der frühen fünfziger Jahre entspräche. Ob er diese Wirkungsstruktur überhaupt in einem rezeptiven Akt aufnimmt und diesen Bruch wahrnimmt, ist durchaus von der individuellen Disposition des Lesers und seinem Fundus an Vororientierungen und Erfahrungen, die er aus seiner Lebenswelt an den Text heranträgt, abhängig. Nimmt er ihn wahr, so wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit das Lächeln des lyrischen Ich im Sinne einer Relativierung des vorher bekundeten Mitleids konkretisieren. Vor dem Hintergrund der recht negativen Schilderung des Paares am Wirtshaustisch durch den „Arbeiterjunge[n]“ (V. 1) entsteht im Leserbewusstsein eine Konkretisation dieses Lächelns als ironisch oder spöttisch. Dies mag allerdings vor allem auf einen Leser zutreffen, der sich der Perspektive des lyrischen Ich nicht affirmativ unterordnet.

2.1.2 Der bevormundete Leser

„Um Himmels willen, nicht schon wieder erziehen!“[70], ruft Reiner Kunze 1991, 36 Jahre nach der Veröffentlichung von „Am Rande bemerkt“[71], im Gespräch mit Wolfgang Kraus aus, als dieser im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands nach einer Erziehung zur Freiheit und die Rolle des Dichters dabei fragt. Dieser fast antipädagogisch zu nennende Zug, den Kunze wiederholt für seine Lyrik nach 1959 in Gesprächen betont, scheint dem jungen Kunze noch fremd zu sein, denn die pädagogische Funktionalisierung der Dichtung, die sich zum Ziel setzt, „die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus ideologisch umzuformen und zu erziehen“[72] ist in „Am Rande bemerkt“[73] nicht zu übersehen. Gerade dies beeinträchtigt die Interaktion zwischen Text und Leser auf problematische Weise. Damit es zu einer Rezeption des Textes kommt, die für den Leser zu einer neuartigen Erfahrung wird, muss es zu einer „Umschichtung sedimentierter Erfahrung“[74] kommen, indem er mit der Durchkreuzung der vom Text in seinem Bewusstsein erzeugten Erwartungshaltungen und Antizipationen konfrontiert wird.[75] Der Leser erlebt immer wieder einen „Horizontwandel“,[76] indem Gewusstes in Frage gestellt und in der Negation bisheriger Sinnkonstitutionen dem Leser neue Konstitutionsaktivität abverlangt wird. Dies hingegen geschieht im vorliegenden Gedicht nur in sehr geringem Maße.

Der „Erwartungshorizont“[77], den der Rezipient schon im ersten Vers mit der Nennung des „Arbeiterjunge[n]“ (V. 1) als einen marxistischen Sinnhorizont erstellt, erfährt im Textverlauf keinen Wandel. Die „Protentionen“[78] des Lesers werden im Textverlauf erfüllt und es eröffnen sich keine grundlegend neuen Sehweisen. Die Perspektive des lyrischen Ich stellt sich dem Leser als eine marxistische dar, die in Opposition zu der Perspektive von „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5) gesetzt wird. Diese Opposition antizipiert der Leser schon allein aufgrund der Personenbezeichnungen. Eine unerwartete Auflösung oder Relativierung dieser Opposition, die sich in Bezug auf die weltanschaulichen Differenzen ergibt, erfolgt nicht. „Herr“ (V. 9) und „Dame“ (V. 5) sprechen sich gegen die sozialistische Weltanschauung aus und werden vom „Arbeiterjungen“ (V. 1) aufgrund dessen bemitleidet. Die Merkmale der Wirtshausgäste, die gemäß der sozialistischen Ideologie als Relikte einer Ausbeutergesellschaft dargestellt werden, erfüllen in ihrer Körperfülle klischeehaft die Erwartungen, die der marxistisch vorgebildete Leser hegt. Ihre Äußerungen im Gespräch bei Tisch sind konsequenterweise antikommunistisch und die einzige Tätigkeit, durch die sie charakterisiert werden, ist das Konsumieren. Selbst formal deutet sich eine strikte weltanschauliche Trennung an: Die als Reminiszenz an traditionelle Versformen zu entschlüsselnden versteckten Reime in dem ansonsten ungereimt und in freien Rhythmen verfassten Gedicht, werden ausschließlich durch Worte gebildet, die sich auf die als politisch rückwärts gewandt dargestellten Wirtshausgäste beziehen: „leidend“ (V. 4) – „schnitzelschneidend“ (V. 8), „nicht“ (V. 15) – „Gesicht“ (V. 17), „kaute“ (V. 21) – „schaute“ (V. 24), „höre“ (V. 25) – „wiederkehre“ (V. 28), „leid“ (V. 32) – „Vergangenheit“ (V. 34). Es erfolgt für ihn lediglich eine Reproduktion der schon bekannten Rollenmuster. Die Frage nach der ‚besseren’ politischen Weltanschauung wird ihm als schon vorentschieden und gelöst durch das resümierende Urteil des „Arbeiterjunge[n]“ (V. 1) beantwortet. Auf diese Frage bezogene Unbestimmtheitsstellen für eine eigene Reflexion darüber bietet die Textstruktur nicht.

Übernimmt der Leser affirmativ den Blickwinkel des lyrischen Ich, so bieten sich ihm keine neuen Ansichten. Er findet lediglich eine Illustration der von ihm schon gewussten marxistischen Thesen vor. Ein im Leserbewusstsein konstituierter Sinn aber, der „sich selbst bedeutet“[79] und sich als „neuer Weltgegenstand […] manifestiert“,[80] kommt nicht zustande. Somit übt der Text auf den Leser auch nur sehr eingeschränkt einen ästhetischen Reiz aus, da die Produktivität des Lesers kaum gefordert ist. Eine „Toleranzgrenze“[81] wird gemäß der Iserschen Theorie dort überschritten, wo „uns alles deutlich gesagt wird“.[82] Dies ist hier und auch in der überwiegenden Mehrheit der Gedichte des Bandes „Die Zukunft sitzt am Tische“ der Fall.

2.1.3 „Vom Zarten“ – Der unterschätzte Leser

Wo Kunze die politische Ideologie des Sozialismus in seinen Gedichten nicht explizit macht, was in diesem Gedichtband nur in den zwei Gedichten „Vom Zarten“[83] und „Das Märchen vom Fliedermädchen“[84] geschieht, werden die produktiven Vermögen des Lesers nicht in der gleichen Weise übergangen, aber doch deutlich durch eine recht konventionelle Metaphorik unterfordert. Der Vierzeiler „Vom Zarten“ lautet:

Ich habe einmal mit den Lippen
Zwei Apfelbaumblüten berührt
Und als ich dich küßte, da hab ich
Die Apfelbaumblüten gespürt.

Kunze verbindet hier in metaphorischer Weise die Sphären von Natur, repräsentiert durch „Apfelbaumblüten“ (V. 2), und Liebe, repräsentiert durch den Kuss (vgl. V. 3), miteinander und rekurriert damit auf eine lange Tradition deutscher Liebesdichtung, die von der mittelalterlichen Lieddichtung des Minnesangs[85] bis hinein ins 20. Jahrhundert[86] immer wieder diese Elemente miteinander kombiniert. Die Verknüpfung von Wirklichkeitsbereichen, „die einander auszuschließen scheinen, oder zwischen denen zumindest große Entfernungen liegen“,[87] die den Leser „zu entdeckerischer Aktivität, zur Aufdeckung des Geheimnisses, das sich hinter dieser faszinierenden Paradoxität verbirgt“,[88] drängen, ist in diesem Rekurs auf traditionelle Motive der Liebeslyrik nicht zu erkennen, da der potentiell mit Liebeslyrik vertraute Leser dieses Rekurses unmittelbar gewärtig wird und insofern mit keiner „Umschichtung“[89] seiner Erfahrung konfrontiert wird. Erst die spätere Lyrik Kunzes ist durch eine unkonventionellere Metaphorik bestimmt.

Ein weiterer Unterschied zur späteren Lyrik Reiner Kunzes zeigt sich in der auffallenden Kürze des Gedichts, die hier nicht – wie im späteren Werk bemerkbar – epigrammatisch, sondern eher unmotiviert wirkt. In der Überschrift des Gedichts erfährt die metaphorische Verbindung des Kusses mit den „Apfelbaumblüten“ (V. 2) eine dem Leser schon vorgegebene Auflösung: Das „Zarte“ ist dem Leser als tertium comparationis der Metapher im Gedichttitel schon vorangestellt. Auch hier geschieht kein „Horizontwandel“[90] im Leserbewusstsein, da die Überschrift lediglich eine metaphorische Illustration erfährt und dem Leser das Auffüllen der von der Apfelblüten-Metapher eröffneten Leerstelle in ebendieser Überschrift abgenommen wird. Die mangelnde Gefordertheit des Lesers erzeugt somit einen Eindruck des Konventionellen, wenn nicht des relativ Banalen.

[...]


[1] Böll, Heinrich: Laudatio auf den Georg-Büchner-Preisträger Reiner Kunze. In: Reiner Kunze. Werk und Wirkung. Hg. v. Rudolf Wolff. Bonn: Bouvier 1983 (= Sammlung Profile Bd. 2). S. 9.

[2] Ebd. S. 9.

[3] Feldkamp, Heiner: Poesie als Dialog. Grundlinien im Werk Reiner Kunzes. Regensburg: S. Roderer 1994 (= Theorie und Forschung Bd. 308, Literaturwissenschaften Bd. 25).

[4] Kunze, Reiner: Zimmerlautstärke. Gedichte. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1972. S. 65 (Nachbemerkung 1). In den Zitaten der Werke Reiner Kunzes wird der von ihm bevorzugten gemäßigten Kleinschreibung gefolgt. Im Folgenden wird der Band kurz mit der Sigle „Zimmerlautstärke“ zitiert.

[5] Feldkamp 1994. S. 12f.

[6] Vgl. den Titel des gleichnamigen Gedichtes. In: Kunze, Reiner: Eines jeden einziges Leben. Gedichte. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1986. S. 33. Vgl. ebenfalls den Titel des gleichnamigen Gedichtbandes: Kunze, Reiner: Selbstgespräch für andere. Gedichte und Prosa. Stuttgart: Reclam 1989 (= RUB 8543). Vgl. auch Feldkamp 1994. S. 13.

[7] Reiner Kunze. Die wunderbaren Jahre. Lyrik, Prosa, Dokumente. Hg. v. Karl Corino. Frankfurt a. M., Wien, Zürich: Büchergilde Gutenberg 1978. S. 339.

[8] Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. 4. Aufl. München: Fink 1994 (= UTB für Wissenschaft, Uni-Taschenbücher 636). S. 61.

[9] Ebd. S. 61.

[10] Iser, Wolfgang: Der implizite Leser. Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Beckett. 3. Aufl. München: Wilhelm Fink Verlag 1994 (= UTB für Wissenschaft Uni-Taschenbücher Bd. 163). S. 9.

[11] Ebd. S. 60. Im Folgenden mit der Sigle „a“ nach der Jahreszahl bezeichnet.

[12] Iser nennt hier den „intendierten Leser“ Erwin Wolffs als Beispiel. Vgl. Wolff, Erwin: Der intendierte Leser. Überlegungen und Beispiele zur Einführung eines literaturwissenschaftlichen Begriffs. In: Poetica 4 (1971). S. 166.

[13] Iser 1994. S. 55.

[14] Vgl. ebd. S. 56. Iser bezieht sich hier auf den „Archileser“ Michael Riffaterres. Vgl. Riffaterre, Michael: Strukturale Stilistik. München: List 1973. S. 44.

[15] Vgl. Link, Hannelore: Rezeptionsforschung. Eine Einführung in Methoden und Probleme. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1976 (= Kohlhammer Urban-Taschenbücher Bd. 215.). S. 28.

[16] Iser 1994. S. 61.

[17] Vgl. Feldkamp 1994. (Titel).

[18] Iser 1994. S. 63.

[19] Ebd. S. 61.

[20] Benn, Gottfried: Probleme der Lyrik. Wiesbaden: Limes 1951. S. 14.

[21] Iser 1994. S. 62.

[22] Iser 1994. S. 63.

[23] Vgl. Iser 1994. S. 178

[24] Vgl. ebd. S. 63.

[25] Ebd. S. 61.

[26] Ebd. S. 65.

[27] Ebd. S. 61

[28] Ebd. S. 61.

[29] Ebd. S. 63.

[30] Ebd. S. 267.

[31] Ebd. S. 284.

[32] Iser 1994. S. 328.

[33] Simon, Tina: Rezeptionstheorie. Einführungs- und Arbeitsbuch. Frankfurt a. M.: Lang 2003 (= Leipziger Skripten. Einführungs- und Übungsbücher Bd. 3). S. 139.

[34] Corino (Hg.) 1978. S. 316f.

[35] Rudolph, Ekkehart: Aussage zur Person. Zwölf deutsche Schriftsteller im Gespräch mit Ekkehart Rudolph. Tübingen, Basel: Erdmann 1977. S. 126.

[36] Wolff, Rudolf: Kunst wendet innere und äußere Not. Gespräch mit Reiner Kunze. In: Wolff (Hg.) 1983. S. 70.

[37] Ebd. S. 70.

[38] Feldkamp 1994. S. 256.

[39] Vgl. ebd. S. 257.

[40] Wolff (Hg.) 1983. S. 75.

[41] Wolff (Hg.) 1983. S. 75.

[42] Iser 1994. S. 61.

[43] Erste Ernte. Eine Anthologie junger Authoren der Arbeitsgemeinschaft der Bezirke Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt. Berlin: Verlag Neues Leben 1953.

[44] Ebd. S. 242.

[45] Kunze, Reiner/ Günther, Egon: Die Zukunft sitzt am Tische. 26 Gedichte. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 1955. Im Folgenden abgekürzt zitiert mit „Zukunft“.

[46] Rudolph 1977. S. 122.

[47] Ebd. S. 122.

[48] Corino (Hg.) 1978. S. 318.

[49] Strickner, Herbert: Vom Kollektiv zum Individuum. Zur frühen Lyrik Reiner Kunzes. In: Reiner Kunze. Materialien zu Leben und Werk. Hg. v. Heiner Feldkamp. Frankfurt a. M.: Fischer 1987 (= Fischer Taschenbuch 1980). S. 74.

[50] Andrej Shdanow auf dem ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller 1934. Zitiert nach: Lermen, Birgit/ Loewen, Matthias: Lyrik aus der DDR. Exemplarische Analysen. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh 1987 (= UTB für Wissenschaft, Uni-Taschenbücher 1470). S. 43.

[51] Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Aufl. Stuttgart: Kröner 2001. S. 769.

[52] Ebd. S. 769.

[53] Ebd. S. 769.

[54] Ebd. S. 769.

[55] Ebd. S. 769.

[56] Lermen/ Loewen 1987. S. 46.

[57] Zukunft. S. 16.

[58] Zukunft. S. 16.

[59] Jauß 1970. S. 175.

[60] Iser 1994. S. 181.

[61] Jauß 1970. S. 175.

[62] Vgl. Strickner. In: Feldkamp (Hg.) 1987. S. 78.

[63] Ebd. S. 78.

[64] Jauß 1970. S. 175.

[65] Ebd. S. 79.

[66] Iser 1994. S. 267.

[67] Zukunft. S. 17. (V. 32-38).

[68] Iser 1994. S. 181.

[69] Lermen/ Loewen 1987. S. 20.

[70] Kunze, Reiner: Wo Freiheit ist … . Gespräche 1977 – 1993. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1994. S. 196.

[71] Zukunft. S. 16.

[72] Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erweiterte Neuausgabe. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2000. S. 120.

[73] Ebd. S. 16.

[74] Iser 1994. S. 216.

[75] Vgl. ebd. S. 214.

[76] Jauß, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1970 (= edition suhrkamp 418). S. 178. Für Jauß erweist sich aus rezeptionsästhetischer Perspektive im „Horizontwandel“ der Kunstcharakter eines literarischen Werks.

[77] Jauß 1970. S. 175.

[78] Iser 1994. S. 180f. Unter „Protention“ versteht Iser eine „Erwartung, die auf Kommendes zielt.“ Entgegen geordneter Begriff ist die „Retention“ (S. 183), die sich auf erinnerte Gelesenes bezieht. Die Verwendung dieser Begriffe erfolgt im Folgenden, wie durch Iser definiert.

[79] Simon 2003. S. 120.

[80] Ebd. S. 120.

[81] Iser 1994. S. 176.

[82] Ebd. S. 176.

[83] Zukunft. S. 9.

[84] Zukunft. S. 12 – 13.

[85] Als Beispiel wäre das Lied 39, 11 Walthers von der Vogelweide zu nennen. „Under der linden/ an der heide/ dâ unser zweier bette was/ dâ mugent ir vinden/ schône beide/ gebrochen bluomen unde gras./ […]“ Zitiert nach: Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangsprüche. 14. völlig neu bearbeitete Auflage der Ausgabe Karl Lachmanns mit Beiträgen von Thomas Bein und Horst Brunner. Hg. v. Christoph Cormeau. Berlin, New York: De Gruyter 1996. S. 77.

[86] Als Beispiel wäre Bertolt Brechts Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ zu nennen. In: Bertolt Brecht. Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hg. v. Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Mittenzwei, Klaus-Detlef Müller. Bd. 11. Frankfurt a. M., Berlin, Weimar: Aufbau u. Suhrkamp 1988. S. 92.

[87] Kunze, Reiner: Wintereisenbahnerhochzeit. Über das Poetische in einem Bild von Jan Balet. 3. Aufl. Altwindeck: Windecker Winkelpresse 1978. Unpaginiert.

[88] Ebd.

[89] Iser 1994. S. 216.

[90] Jauß 1970. S. 178.

Ende der Leseprobe aus 84 Seiten

Details

Titel
"Für alle die im Herzen Barfuß sind" - Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Philosophische Fakultät II)
Note
sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2007
Seiten
84
Katalognummer
V80660
ISBN (eBook)
9783638805490
ISBN (Buch)
9783638832878
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herzen, Barfuß, Rolle, Lesers, Lyrik, Reiner, Kunzes
Arbeit zitieren
Magister Artium Christoph Hartmann (Autor), 2007, "Für alle die im Herzen Barfuß sind" - Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80660

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Für alle die im Herzen Barfuß sind" - Die Rolle des Lesers in der Lyrik Reiner Kunzes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden