Der Hindu-Tempel - Mikrokosmos im Makrokosmos?

Komposition und Hintergründe des hinduistischen Tempelbaus


Seminararbeit, 2006
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1 Hauptteil
1.1 Funktion des Hindu-Tempels
1.2 Architektonische Auffälligkeiten
1.3 Der Tempelgrundriss
1.3.1 Bestimmung des Tempelgrundrisses
1.3.2 Das Vastupurushamandala
1.3.3 Bedeutung des Vastupurushamandalas
1.3.4 Typen des Vastupurushamandalas
1.3.5 Mandukamandala und Paramasaayikamandala
1.4 Bedeutung der Mathematik für den Tempelbau

2 Schlussbetrachtung

3 Literatur- und Quellenverzeichnis
3.1 Printquellen
3.2 Onlinequellen

1. Vorbemerkung

» Die Architektur ist die erstarrte Musik“, sagte einst Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling. Ich füge hinzu: Lasst uns die Saiten zum Klingen und Schwingen brin­gen[1]
So ist es denn auch die Absicht dieser Arbeit, dem Leser und Betrachter die zugrun­deliegende Komposition und die Hintergründe des hinduistischen Tempelbaus als » be­deutendste [m] architektonische [n] Ausdruck einer lebendigen Weltreli­gion «[2] anhand einer näheren Untersuchung besser verständlich zu machen. Im Mittelpunkt steht hier­bei der Grundriss des Hindu-Tempels: Anknüpfend an das obige Zitat stellt er sozusa­gen den Notenschlüssel dar, ohne den sich die Bedeutung der Notenlinien – respektive des Tempels – nicht erschließen und das geforderte » Klingen und Schwingen « un­möglich werden ließe. Weiterhin soll in den anschließenden Ausführungen stets der Titel dieser Arbeit präsent sein: Kann der Hindu-Tempel ob seiner zahlreichen – und nachfolgend näher beschriebenen – kosmo­logischen, mythologischen sowie astronomi­schen Beziehungen womöglich als » Minia­turrekonstruktion «[3] des Universums angese­hen werden?

Der Komplexität der Thematik ist allerdings eine Beschränkung auf Grundlinien und eine bisweilen starke Vereinfachung geschuldet. Der Leser möge die teils abrupten Übergänge, die sich in einigen Passagen beim Wechsel von der Verallgemeinerung zur detaillierten Beschrei­bung und umgekehrt ergeben, verzeihen.

Da aus technischen Gründen auf eine korrekte Transkription der Sanskrit-Termino­logie verzichtet werden musste, orientieren sich die verwendeten Begriffe an derjenigen deut­schen Übersetzung, wie sie in den Ausführungen von Michell, oder falls dort nicht vorhanden, in den jeweils einschlägigen Quellen verwendet wird.

Zum Aufbau sei angemerkt, dass sich dieser Vorbemerkung ein viergliedriger Hauptteil anschließt, der wiederum von einer Schlussbetrachtung gefolgt wird, in der die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit nochmals festzuhalten versucht werden. Den Abschluss bildet schließlich das Literatur- und Quellenverzeichnis.

1 Hauptteil

Der nachfolgende Teil gliedert sich in drei Abschnitte: Zunächst sollen einige Aus­füh­rungen zum Hindu-Tempel und dessen Funktion im allgemeinen ein besseres Vorver­ständnis ermöglichen, ehe im Anschluss auf Grundlinien der Tempelarchi­tektur und besondere Auffälligkeiten ebendieser eingegangen wird. Darauf folgt schließlich der eigentli­che Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit, indem der Grundriss des Tempels be­leuchtet wird. Die Ausführungen wer­den an zahlreichen Stellen immer wieder durch Bildmaterial un­terstützt, das die im Text genannten Begriffe und Charakteristika veran­schaulichen, sowie ein besseres Verständnis ermöglichen soll.

1.1 Funktion des Hindu-Tempels

Ziel des[4] Hindu-Tempel ist es, eine Verbindung zwischen Menschen und Göttern zu schaffen. In ihm erscheinen die Götter den Menschen. Der Vorgang, durch den dieser Kontakt her­gestellt wird, umfasst eine Reihe von Vorstellungen und Glaubenssätzen, die eine kom­plexe Sym­bolik in sich schließen: Grundthema hinduistischen Denkens ist die Erlösung des Menschen aus einer Welt der Illusionen, in die er wiederkehrend hin­eingeboren wird. Die Architektur des Hindu-Tempels stellt dieses Streben symbolisch dar, indem sie den Versuch unter­nimmt, die Grenzen zwischen Menschlichem und Göttlichem auf­zulösen. An erster Stelle steht die Identifizierung des Göttlichen und des Universums mit dem Gefüge des Tempels. Diese wird mittels Form- und Sinn­gebung jener architektonischen Ele­mente erreicht, die für den Tempel als fun­damental gelten und an späterer Stelle detaillierter beschrieben werden. Eine Sprache präziser Bemessun­gen wird geschaffen, die eine symbolische Realisierung der zugrundeliegen­den kosmi­schen Vor­stellungen zulässt. Die Beziehung, die sich im Hindu-Tempel zwi­schen For­men und ihren Bedeutungen entwickelt, ist wesentlich für die Funk­tion des Tempels als Brücke zwischen Göttern und Menschen. Die devotionalen Kulte, denen der Hindu-Tempel dient, konzentrieren sich zwangsläufig auf das Götterbild oder -sym­bol des Tempels, doch erstreckt sich die Verehrung übergreifend auf den Tem­pel insge­samt.

Folglich ist der Tempel nicht nur ein Ort, sondern auch Gegenstand der Ver­eh­rung. Die Gottheit, die sich im Innern des Sanktuariums zeigt, kann sich auch im Bau des Tem­pels selbst offenbaren. Aus dieser Sicht gelten auch die architektonischen Komponenten des Tempels als Beschwörungsformeln der göttlichen An­wesenheit.

1.2 Architektonische Auffälligkeiten

a) Die Götter[5] des Hinduismus fühlen sich stets zu Bergen und Höhlen hingezogen, und diese geographischen Merkmale haben eine große Bedeutung für die Symbolik und die äußere Erscheinungsform des Tempels. Dass der Tempel selbst als ein Berg betrachtet wird, zeigt sich an den Namen Meru und Kailasa für existierende Tempel.[6] Der Berg Meru ist das Zent­rum des Universums, Orientierungspunkt für die ihn umgebenden, konzentrisch angeord­neten Kontinente, Meere und Himmelskörper. Kailasa ist der himmlische Aufenthaltsort Shivas, des höchsten Berggottes.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1

Hauptschrein des aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. stammenden und dem südlichen Stil zuzurechnende Kailasa -Tempels in Ellora. Der freistehende Tempel ist von oben nach unten aus dem gewachsenen Fels herausgemeißelt.[7]

In solchen Bezeichnungen kommt das spezifische Verlangen zum Ausdruck, den Tem­pel mit diesen berühmten mythologischen Bergen zu identifizieren. Er wird damit zu einer ar­chitektonischen Replik der heiligen Göttersitze und verheißt dem Gläubigen denselben Verdienst, den er durch einen tatsächlichen Besuch dieser Berge erlangen würde.[8] Mittels des Shikhara kann der Gläubige die himmlischen Regionen erreichen.[9] Im Ober­bau des Hindu-Tempels, möglicherweise seinem charakteristischsten Merkmal überhaupt, wird die Gleichsetzung von Tempel und Berg augenfällig; der Oberbau selbst wird als Shikhara – Bergspitze oder Gipfel – bezeichnet. Die ge­schwungenen Konturen einiger Tempelaufbauten und ihre gestaffelte Anordnung haben viel dem Wunsch zu verdanken, die visuelle Wirkung einer Bergspitze zu suggerieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2

Südansicht des 1002 n. Chr. erbauten Vishvanatha -Tempels in Khajuraho.[10]

In den Oberbausystemen vieler Hindu-Tempel lässt sich der bewusste Versuch erken­nen, einen ganzen Ge­birgs­zug nachzubilden. Hierzu sei angemerkt, dass im südin­di­schen Stil der höchste Punkt stets über dem Sanktuarium liegt, während der nordindi­sche Stil ge­nau gegenteilig erscheint, indem der niedrigste Punkt über dem Sanktuarium liegt und die Türme umso höher werden, je weiter man sich entfernt.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3

Der im nordindischen Stil erbaute, aus dem 16. Jahrhundert stammende Pampapati -Tempel in Vi­jayanagara. Hohe Tortürme überragen das Heiligtum innerhalb der Tempeleinfriedung.[12]

Neben dem Bergmotiv ist die Höhle ein äußerst dauerhaftes Bildsymbol im Hinduis­mus; sie fungiert als Zu­fluchtsort wie auch als gelegentlicher Wohnort der Götter. Höhlen müssen stets als Orte großer Heiligkeit empfunden worden sein. Manchmal wurden sie deshalb erweitert, um Raum für den Kultus zu schaffen. Daraus entwickelte sich der Brauch, Felsgestein aus­zu­höhlen, um künstliche Grotten anzulegen, die als ebenso heilig wie ihre natürlichen Vorbil­der galten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4

Blick auf das Sanktuarium mit Wächterfiguren im Innern des Shiva -Höhlentempels in Elephanta in der Nähe von Mumbai.[13]

In allen Hindu-Tempeln erinnert das Sanktuarium unverkennbar an eine Höhle; es ist stets klein und dunkel, da kein natürliches Licht hineingelangen darf, und die Wandflä­chen sind schmucklos und massiv. Der Gang zum Götterbild oder -symbol, das in die­sem Höhlen­sanktuar seinen Platz hat, führt stets aus der Helligkeit in die Dunkelheit, aus offenen, wei­ten Räumen in einen umschlossenen, kleinen Raum. Diese Bewegung von der Mannigfal­tigkeit visueller Eindrücke zur Einfachheit kann vom Gläubigen im Sinne zunehmender Heiligkeit interpretiert werden, die im Mittelpunkt des Tempels – der Höhle oder dem Schoß – ihren Höhepunkt erreicht. Verbunden mit diesem Voranschreiten nach innen in Richtung der Höhle ist der oben beschriebene Auf­stieg nach oben zur symbolischen Bergspitze, deren höchster Punkt – im südindischen Stil – über dem Zentrum des Höhlenheiligtums liegt. Höchster Punkt und heiliges Zent­rum liegen auf einer gemeinsamen Achse, im machtvollen Auf­wärts­strahl der vom Zentrum des Sanktuariums ausgehenden Energieströme.

[...]


[1] Hetterich, Werner L. (*1945), dt. Architekt.

[2] Michell, George: Der Hindu-Tempel: Baukunst einer Weltreligion, Köln: DuMont 1991. Klappentext.

[3] Michell, S. 89.

[4] Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf: Michell, S. 75-77.

[5] Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf: Michell, S. 86-89.

[6] Zaunschirm, Thomas: Zur Ikonologie des Indischen Tempels. Von der Ikonographie zum tantrischen Gehalt. In: Kunsthistorisches Jahrbuch Graz 18, 1982, S. 21.

[7] World-Myteries.com: Mystic PlacesKailasa Temple. Online: http://www.world-mysteries.com/mpl_11.htm (Stand: 21. August 2006).

[8] Shattuck, Cybelle : Hinduismus. Freiburg: Herder 2000, S. 104.

[9] Diez, Ernst: Die Kunst Indiens. Handbuch der Kunstwissenschaft, Potsdam: Wildpark 1925. S. 45.

[10] University of Pennsylvania Library: American Institute of Indian StudiesVaranasi Slide Collection, Khajuraho: Slides 1-19. Online: http://oldsite.library.upenn.edu/etext/sasia/aiis/architecture/khajuraho/025.html (Stand: 21. August 2006).

[11] Zaunschirm, S. 25.

[12] India Tourist Attractions: Monumental Heritage of India - Religious Monuments, Monuments of Hampi. Online: http://www.indiaplaces.com/india-monuments/img/hampi-virupaksha-temple-01.jpg (Stand: 21. Au­gust 2006).

[13] Knapp, Stephen: Seeing Spiritual India Photo Gallery. Online:

http://www.stephen-knapp.com/images/Elephanta18.jpg (Stand: 21. August 2006).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Hindu-Tempel - Mikrokosmos im Makrokosmos?
Untertitel
Komposition und Hintergründe des hinduistischen Tempelbaus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V80671
ISBN (eBook)
9783638879378
ISBN (Buch)
9783638879453
Dateigröße
1342 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hindu-Tempel, Mikrokosmos, Makrokosmos
Arbeit zitieren
Sven Köhler (Autor), 2006, Der Hindu-Tempel - Mikrokosmos im Makrokosmos?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80671

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