Der Wunsch, mich ausführlicher mit der Thematik der Montessori-Pädagogik zu befassen, entstand bei einem Besuch der integrativen Montessori Kindertagesstätte St. Martin in Gießen. Da ich meine Kindergarten- und Schulsozialisation in reinen Regeleinrichtungen erlebte, waren die Erfahrungen, die ich dort im Rahmen eines Praktikums machte, sehr überraschend. Ich muss dazu sagen, dass ich zuvor nie etwas von einer „integrativen Pädagogik“ gehört hatte; die Montessori-Pädagogik war mir ebenfalls fremd. So haben mich allein die Räumlichkeiten in dieser Institution beeindruckt. Auf der ersten und zweiten Etage gibt es zwei Gruppen mit jeweils bis zu fünf so genannten „Integrativkindern“ mit und etwa zehn Kindern ohne Behinderung. Im zweiten Stock befindet sich ein Raum für Logopädie, eine Bücherei mit kindgerechter EDV- Ausstattung, ein Ergotherapieraum, eine kleine Werkstatt und sämtliche Orffinstrumente zur musikalischen Früherziehung. Der Flur wird ebenfalls als pädagogischer Raum genutzt, um beispielsweise eine Murmelbahn zu bauen. Im Keller befinden sich: die Küche, ein großer Bewegungsraum und schließlich das Atrium. Die von Montessori so genannte „Übungskirche“ für Kinder wird als Einübung in liturgische Kenntnisse, Fertigkeiten und in Haltungen gebraucht.
Die Kinder haben Zugang zu allem, sie kommen also auch in Kontakt mit dem Küchen- und Reinigungspersonal. Der Tagesablauf ist strukturiert. In freien Phasen lässt sich beobachten, wie die Kinder sich selbst beschäftigen und sich auch selber profilieren, in dem sie jüngeren Kindern helfen. Denn „nur wer hilft, wird selbständig“ (Hellbrügge 2002: 326). Es ist erstaunlich zu sehen, wie ein Kind seinem Freund hilft das Sauerstoffgerät auf den Hof zu tragen. Was für ein Gewinn, wenn Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung durch Spiel-, Lern-, und Lebenserfahrungen gar nicht erst entstehen.
Durch das gemeinsame Tischgebet wird offensichtlich, dass auf jeden Punkt im Tagesablauf großen Wert gelegt wird. Nachmittags kommen die ehemaligen Kindergartenkinder von der Schule zur Nachmittagsbetreuung und erfahren so Integration über die Jahre im Kindergarten hinaus.
Nachdem das Praktikum abgeschlossen war, wuchs in mir der Wunsch, zu erfahren wie die Montessori-Pädagogik in der Schule umgesetzt würde. Das im Januar diesen Jahres gefeierte 100-jährige Jubiläum bedeutete für mich einen zusätzlichen Anreiz, mich mit der Thematik „Montessori-Schule“ näher auseinanderzusetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche Klärungen
2.1 Der Begriff „Behinderung“
2.2 Zum Begriff „Integration“
3. Gemeinsamer Unterricht in der Schule
3.1 Integrationsentwicklung in Deutschland
3.2 Zum aktuellen Stand des gemeinsamen Lernens
3.3 Integrative Schule – auf dem Weg zu einer „Schule für Alle“?
3.4 Pädagogisch-didaktische Prinzipien der integrationsfähigen Grundschule
4. Montessori-Pädagogik im Gemeinsamen Unterricht
4.1 Vorzüge der Montessori-Pädagogik für den Gemeinsamen Unterricht
4.2 Montessori-Arbeit in Grundschule und Sekundarstufe
4.3 Montessori-Pädagogik und Gehirnforschung
4.4 Schulische Konzepte und Erfahrungsberichte
4.4.1 Erfahrungen aus einer Montessori-Grundschule
4.4.2 Montessori-Pädagogik in der weiterführenden Schule
4.4.2.1 Montessoris Idee einer Jugendschule des sozialen Lebens
4.4.2.2 Möglichkeiten der Umsetzung des Erdkinderplans
5. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Eignung der Montessori-Pädagogik als integratives Konzept für den gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung, wobei insbesondere die wissenschaftliche Fundierung durch die Gehirnforschung und die praktische Umsetzung in Schulen analysiert werden.
- Grundlagen und Definitionen von „Behinderung“ und „Integration“.
- Entwicklung und aktueller Stand des gemeinsamen Unterrichts in Deutschland.
- Die pädagogischen Vorzüge und Prinzipien der Montessori-Pädagogik in inklusiven Settings.
- Verknüpfung von Montessori-Pädagogik und Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung.
- Praktische schulische Konzepte und Erfahrungsberichte zur Umsetzung.
Auszug aus dem Buch
1. Prinzip der integrativen Grundhaltung aller Beteiligten
Die wichtigste Voraussetzung einer integrativ arbeitenden Schule besteht darin, dass die an Unterricht und Schulleben Beteiligten verstanden haben, warum es für alle Kinder wichtig ist, trotz aller Unterschiede in ein und derselben Schule gemeinsam leben und lernen zu können. Zu diesem Personenkreis gehören die Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder und ihre Eltern, der Hausmeister, genauso wie die Reinigungskräfte, Schulräte, Schulärzte und -psychologen (vgl. Heyer 1998: 210). Nur wenn das ganze Kollegium einer Schule für dieses Prinzip relativ geschlossen eintrete und bei seiner Umsetzung in die Alltagspraxis auch gegenüber den Kindern und ihren Eltern an einem Strang ziehe, habe die Integrationsentwicklung eine Chance (vgl. ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit motiviert das Interesse an der Montessori-Pädagogik durch die Beobachtung integrativer Praxis und die theoretische Auseinandersetzung mit Lern- und Angstfreiheit.
2. Begriffliche Klärungen: Es werden die sich wandelnden Verständnisse von „Behinderung“ und „Integration“ dargelegt, wobei ein ökosystemischer Ansatz bevorzugt wird.
3. Gemeinsamer Unterricht in der Schule: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Integration in Deutschland, analysiert aktuelle Statistiken zum gemeinsamen Lernen und diskutiert die Forderung nach einer „Schule für Alle“.
4. Montessori-Pädagogik im Gemeinsamen Unterricht: Dieser Hauptteil verknüpft die Prinzipien der Montessori-Pädagogik mit der Gehirnforschung und stellt praktische Konzepte für Grund- und Sekundarschulen vor.
5. Resümee: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die Montessori-Pädagogik durch ihren Fokus auf das Kind und individuelle Förderung ein hochwirksames, integratives Modell darstellt.
Schlüsselwörter
Montessori-Pädagogik, Gemeinsamer Unterricht, Integration, Inklusion, Sonderpädagogik, Freiarbeit, Vorbereitete Umgebung, Gehirnforschung, Selbstständigkeit, Erdkinderplan, Individuelle Förderung, Schulische Konzepte, Soziale Kompetenz, Lernentwicklung, Lernchancen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die Untersuchung, inwiefern die Montessori-Pädagogik einen geeigneten theoretischen und praktischen Rahmen für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung bietet.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Integrationsentwicklung in Deutschland, die Prinzipien der Montessori-Pädagogik, neurobiologische Bestätigungen dieser Pädagogik sowie praktische Konzepte für Schulen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erforschung der Anwendbarkeit und Wirksamkeit montessoripädagogischer Methoden in inklusiven Schulumgebungen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung von Erfahrungsberichten und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Pädagogik und Gehirnforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Vorzügen der Montessori-Pädagogik, der Korrelation zu neurobiologischen Erkenntnissen (z.B. Eigenaktivität, sensible Phasen) und der Umsetzung in verschiedenen Schulstufen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Montessori-Pädagogik, Gemeinsamer Unterricht, Inklusion, Gehirnforschung und Vorbereitete Umgebung.
Welche Rolle spielt die Gehirnforschung in der Argumentation?
Sie dient als Bestätigung für Montessoris langjährige Erkenntnisse, etwa bezüglich der Bedeutung von Eigenaktivität und der Strukturierung von Lernumgebungen für den Lernerfolg.
Wie bewertet der Autor das „Erdkinderplan“-Konzept für heutige Schulen?
Der Autor sieht in den Ideen des Erdkinderplans eine aktuelle Antwort auf die Forderung nach Schlüsselqualifikationen und sozialer Verantwortung, auch wenn die vollständige Umsetzung in heutige Schulsysteme große konzeptionelle Anpassungen erfordert.
- Quote paper
- Heiko Klug (Author), 2007, Montessori-Pädagogik im Gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80690