Die Thematik des Geschlechts, seiner Bedeutung in der Gesellschaft sowie für den Menschen selbst ist auch in der Literatur oft zu finden: Über theoretische Texte, die das Geschlecht und seine Alternativen diskutieren bis hin zu Dramen und Romanen, die sich mit diesem Thema beschäftigen oder ihre Figuren als Träger dieser Problematik benutzen.
Johann Wolfgang Goethe hat diesen Stoff innerhalb seiner Wilhelm Meister- Romane aufgegriffen. Seine Figur der Mignon ist ein Geschöpf, das sich nicht auf Anhieb als Junge oder Mädchen einordnen lässt. Er spielt bewusst mit der Geschlechtlichkeit Mignons, was verschiedene Reaktionen bei den Figuren im Text, aber auch beim Leser hervorruft. Das Fragment Wilhelm Meisters Theatralische Sendung ist die Urfassung seines fertig gestellten Romans Wilhelm Meisters Lehrjahre. Doch nicht nur Titel und Länge der Urfassung haben sich geändert, vor allem auch erfahren bestimmte Personen eine Wandlung in ihrer Anlage und in deren Ausführung. Allen voran Mignon, eine in der Forschung viel diskutierte und heiß umstrittene Figur.
In der vorliegenden Arbeit soll nun diese Wandlung von Ur- zu Endfassung unter dem speziellen Aspekt der Geschlechtlichkeit aufgeführt, verglichen und analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung und Kauf Mignons
2.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
2.2. Wilhelm Meisters Lehrjahr
3. Mignons erster Anfall und sein Kontext
3.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
3.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre
4. Mignon und Wilhelm
4.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
4.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre
5. Die Geschlechtlichkeit Mignons
5.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
5.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre
6. Die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für die Figur Mignon
6.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
6.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre
7. Die Geschichte und Biologisierung Mignons
7.1. Wilhelm Meisters Theatralische Sendung
7.2. Wilhelm Meisters Lehrjahre
8. Zusammenfassender Vergleich der Figur Mignon in Wilhelm Meisters Theatralische Sendung und Wilhelm Meisters Lehrjahre
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit vergleicht die Wandlung der Figur Mignon von der Urfassung „Wilhelm Meisters Theatralische Sendung“ zur Endfassung „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ unter dem spezifischen Fokus ihrer Geschlechtlichkeit und Identitätskonstruktion.
- Vergleichende Analyse der Geschlechtsdarstellung (Hermaphrodit vs. Androgynität).
- Einfluss von Biologisierung und Genealogie auf die Wahrnehmung der Figur.
- Bedeutung von Performanz, Kleidung (Cross-dressing) und sozialer Zuschreibung.
- Die Rolle von Mignon als Personifikation der natürlichen Kunst in einer bürgerlichen Gesellschaft.
- Auswirkungen der Turmgesellschaft auf Mignons Identität und Schicksal.
Auszug aus dem Buch
3.1. Wilhelm Meisters theatralische Sendung
Mignons Anfall, der stark an epileptische Zuckungen erinnert, findet sich im 4. Buch, 16. Kapitel. Mignon hat belauscht, dass Wilhelm die Gesellschaft und auch sie verlassen will und fühlt sich von ihm stark vernachlässigt, worauf sie mit diesen tiefen Empfindungen reagiert. Die Szene wirkt sehr bedrückend. Mignon kniet vor Wilhelm, und Weinen und krampfartige Zuckungen lösen sich ab. Wilhelm ist total verwirrt über diesen Ausbruch Mignons, und er überschüttet sie mit vielen Zärtlichkeiten und Küssen.
Die letzte Distanz zwischen den beiden bröckelt und beide sind bereit für das, was noch kommen wird: Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im stillen genährt, eine Treue, die sich im verborgenen befestigt hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht wert gewesen, zur rechten Stunde nahe kömmt und offenbar wird. Die lang und streng verschlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher sein (TS, 230). Während des Anfalls wird die Verbindung zwischen Wilhelm und Mignon intensiviert und definiert, ein ‚Vater-Kind-Verhältnis’ wird angelegt. Auffallend ist, dass in der Szene vor und nach dem Anfall Mignon mit männlichen Pronomen belegt wird, während des Anfalls jedoch mit weiblichen. Durch dieses Oszillieren der Geschlechterzuweisung wird die Uneindeutigkeit und Sonderbarkeit der Figur Mignon stark hervorgehoben.
Nach dieser sehr intensiven Szene zwischen Wilhelm und seinem Kind wird nicht weiter darauf eingegangen, Mignon wird eher in den Hintergrund gedrängt und die mutmaßliche Bedeutung der Szene wird geschwächt. Wilhelm hat sich lediglich dazu entschieden, doch bei der Theatergesellschaft zu bleiben und mit ihnen auf das gräfliche Schloss zu ziehen, jedoch wird nirgends erwähnt, dass Mignon und ihr Anfall maßgeblich daran beteiligt waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die literarische Thematik des Geschlechts bei Goethe ein und definiert den Vergleichsaspekt zwischen der Ur- und Endfassung von „Wilhelm Meister“.
2. Einführung und Kauf Mignons: Dieses Kapitel behandelt die unterschiedlichen Arten der Einführung Mignons in die Erzählung sowie die Bedeutung des Kaufs als Mittel zur Bindung an Wilhelm.
3. Mignons erster Anfall und sein Kontext: Hier wird der Anfall als schlüsselszene analysiert, die das Vater-Kind-Verhältnis festigt und die geschlechtliche Uneindeutigkeit durch Pronomengebrauch unterstreicht.
4. Mignon und Wilhelm: Dieses Kapitel beleuchtet die Dynamik der Beziehung, die sich von einem Herr-Diener-Verhältnis hin zu einer komplexen, von Eifersucht und Unterdrückung geprägten Bindung entwickelt.
5. Die Geschlechtlichkeit Mignons: Hier wird Mignon in der „Theatralischen Sendung“ als Hermaphrodit und in den „Lehrjahren“ als androgynes, durch Performanz definiertes Wesen kontrastiert.
6. Die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für die Figur Mignon: Dieses Kapitel untersucht, wie Mignons Geschlechtlichkeit ihre Sonderbarkeit unterstützt und warum sie in der Endfassung durch Biologisierung an Faszination verliert.
7. Die Geschichte und Biologisierung Mignons: Hier wird analysiert, wie die Aufdeckung der Herkunft in den „Lehrjahren“ Mignons natürliche Poesie zerstört und sie in der bürgerlichen Ordnung zugrunde gehen lässt.
8. Zusammenfassender Vergleich der Figur Mignon in Wilhelm Meisters Theatralische Sendung und Wilhelm Meisters Lehrjahre: Das abschließende Kapitel fasst die wesentlichen Unterschiede in Charakterisierung, Erzählweise und Bedeutung der Figur zusammen.
Schlüsselwörter
Mignon, Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meister, Geschlechtlichkeit, Androgynie, Hermaphroditismus, Theatralische Sendung, Lehrjahre, Identität, Turmgesellschaft, Performanz, Cross-dressing, Pathologisierung, Poesie, Sehnsucht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Figur der Mignon in Goethes Wilhelm-Meister-Romanen und vergleicht dabei die Urfassung „Theatralische Sendung“ mit der Endfassung „Lehrjahre“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Geschlechtlichkeit, die Identitätskonstruktion Mignons, ihr Verhältnis zu Wilhelm sowie ihre Rolle als Personifikation der Poesie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Wandlung Mignons von einer uneindeutigen, „hermaphroditischen“ Gestalt zu einer androgynen, biologisierten Figur nachzuvollziehen und deren Auswirkungen auf die Rezeption zu analysieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine textvergleichende, literaturwissenschaftliche Analyse sowie theoretische Ansätze zur Geschlechtertheorie (u.a. Judith Butler, Thomas Laqueur).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Analysen zur Einführung der Figur, zur Bedeutung ihrer „Anfälle“, zur Dynamik ihrer Beziehung zu Wilhelm und zur Problematik ihrer Biologisierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Mignon, Geschlechtlichkeit, Androgynie, Identität, Turmgesellschaft und Performanz.
Inwiefern verändert die Biologisierung Mignons ihr Wesen in den „Lehrjahren“?
Die Biologisierung führt laut Autorin dazu, dass Mignons Sonderbarkeit rationalisiert und ihre Rolle als freie, natürliche Kunstfigur zerstört wird, was sie in den Untergang treibt.
Warum wird die „Verweiblichung“ von Mignon im letzten Buch als Entfremdung gedeutet?
Die Verweiblichung zwängt Mignon in eine bürgerliche Kinderrolle, die im Widerspruch zu ihrem bisher androgynen und geheimnisvollen Wesen steht und sie von ihrer Natürlichkeit entfremdet.
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- Kathrin Kiefer (Author), 2005, "Ich bin ein Knabe: ich will kein Mädchen sein!" Ein Vergleich der Geschlechtlichkeit Mignons in Goethes "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" und "Wilhelm Meisters Lehrjahre", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80727