Das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz


Magisterarbeit, 2004
112 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Medizinethnologische Theorien
1.1. Personalistische und naturalistische Systeme
1.2. Die Begriffe sickness, illness und disease
1.3. Erklärungsmodelle

2. Forschung und Methodik
2.1. Forschungsprojekt
2.2. Qualitative Forschung
2.3. Interviews und Fragen
2.4. Problematik der Sprache

3. Tamilen in der Schweiz

4. Aspekte und Ideen des Gesundseins in der tamilischen Kultur
4.1. Gesundheit
4.2. Begriffe, Gesundheits- und Krankheitskonzepte
4.2.1. Substanz
4.2.2. Dharma und karma
4.3. Siddha Medizin und Ayurveda
4.3.1. Muppinis-vayu, pittam, kapam
4.3.2. Heiß-Kalt-Konzept und Körpertemperatur
4.4. Mariyamman
4.5. Geister und Dämonen
4.6. Zauber

5. Hausmittel

6. Ernährung, Sport, Lebensweise

7. Krankenhaus und Ärzte in Sri Lanka und Tamil Nadu

8. Die Informanten: Angaben und Aussagen
8.1. Gesundheit – Krankheit
8.2. Siddha Medizin und Ayurveda
8.2.1. Muppinis – vayu, pittam, kapam
8.2.2. Heiß – Kalt – Konzept
8.3. Mariyamman
8.4. Pey
8.5. Hausmittel
8.6. Ernährung, Sport, Lebensweise
8.7. Arztbesuche
8.7.1. Frauenarzt
8.7.2. Kinderarzt
8.7.3. Vorsorgeuntersuchung
8.7.4. Krankenversicherung
8.8. Sri Lanka und Schweiz im Vergleich
8.9. Schlussfolgerungen

9. Aussagen der Ärzte
9.1. Somatischer Bereich
9.2. Psychologie

10. Krankheiten von Tamilen in der Schweiz aus biomedizinischer Sicht

11. Schluss

12. Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Wenn Flüchtlinge und Migranten in ein für sie fremdes Land kommen, werden sie mit allerlei Problemen konfrontiert, denen sie oft völlig unvorbereitet gegenüberstehen. Sie stehen in einem Spannungsfeld und sind Stresssituationen ausgesetzt, die das Wohlbefinden des Einzelnen nachteilig verändern können. Tuschinsky (2002: 11) schreibt, dass bestimmte Bedingungen von Migration ohne Zweifel krank machen. Diese Bedingungen sind Krieg, Gewalt, Verfolgung, wirtschaftliche Not, Bedrohungssituationen, Katastrophen, rechtlicher Status und Akzeptanz im Aufnahmeland. Wenn nun zwei Kulturen aufeinanderstoßen, wird von der dominierenden Kultur (hier die schweizerische oder westliche) für selbstverständlich vorausgesetzt, dass sich die Minderheit (hier die Tamilen oder südasiatische Kultur) der dominierenden anpasst. Dies spiegelt sich auch in unserem westlichen Gesundheitssystem wider. Wo im Gesundheitswesen bei einer Interaktion mit Migranten interkulturelle Kompetenz von Mitarbeitern vorausgesetzt werden sollte, so findet man dort nur ein „monokulturelles Ideal“ (Tuschinsky 2002: 12, 14). Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die mehrheitliche, biomedizinische Diagnose bei Migranten „psychosomatischer“ Art ist, da Erklärungsmodelle von Migranten oftmals von biomedizinischen Fachleuten nicht verstanden werden (im schlimmsten Fall sogar gar nicht erhört werden). Migranten verschiedener Kulturen haben verschiedene Vorstellungen von Krankheitsursachen und Gesundheit, da diese Vorstellungen Bestandteile der verschiedenen Kulturen sind. Wenn Biomediziner dann nur stur ihre Schulmedizin anwenden, bedeutet das, dass sie sich überhaupt nicht auf andere Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit einlassen. Eine Interaktion zwischen Biomedizinern und Migranten, die krank sind (oder sich krank fühlen), findet somit nicht statt, da die verschiedenen Denkweisen nicht zusammentreffen.

Jedermann wird von seiner Gesellschaft und Kultur geprägt. Er wächst innerhalb eines geregelten Systems auf, in dem „richtiges“ Verhalten, vorgelebt wird. Was passiert nun, wenn der Einzelne seine gewohnte Umgebung verlässt, und sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss, die sich von seiner gewohnten unterscheidet? Er wird versuchen sich zunächst mit dem zu befassen, mit dem er vertraut ist. Das heißt, dass z.B. Tamilen in der Schweiz so gut es geht versuchen, ihre Gebräuche und Traditionen zu bewahren. Bei Dingen, die sich intrakulturell regeln lassen, scheint dies kein großes Problem zu sein (z.B. Heirat, tamilische Feste, Ernährung usw.). Bei Gesundheitsfragen ist gezwungenermaßen eine interkulturelle Aktion zwischen tamilischen Patienten und westlichen Ärzten notwendig, da es nur sehr wenige tamilische Ärzte[1] in der Schweiz gibt. In dieser Magisterarbeit möchte ich mich mit dem Thema Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz befassen. Meine Fragestellungen sind folgende: Welche Gesundheits- bzw. Krankheitskonzepte gibt es in Tamil Nadu und Sri Lanka. Wie werden diese Konzepte von tamilischen Migranten in der Schweiz verstanden? Wie ist das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz? Was tun sie, wenn sie krank sind? Wie ist das Verhältnis zwischen (tamilischem) Patient und (westlichem) Arzt und welche Probleme können in der Interaktion auftreten? Was tun Tamilen, um gesund zu bleiben? Und wie definieren Tamilen die Begriffe Gesundheit und Krankheit?

Dettwiler-Thommen (1997) hat sich in ihrer Lizentiatsarbeit „’Die richtige Zeit zum Leiden ist da für mich’: Tamilische Flüchtlinge in der Schweiz, ihr Gesundheitsverhalten und ihre Heilmethoden. Vier Fallbeispiele“ mit dem gleichen Thema wie ich beschäftigt. Dabei fasst sie vor allem allgemeine medizinethnologische Theorien zusammen, die sie dann anhand von vier Fallbeispielen anwendet. Sie beschreibt ansatzweise die Situation von Tamilen in Sri Lanka und in der Schweiz und erklärt ausführlich das Medizinsystem der Ayurveda. Leider erwähnt sie mit keinem Wort die Siddha Medizin, die neben der Ayurveda in Tamil Nadu und Sri Lanka besteht und praktiziert wird. Das mag daran liegen, dass die Siddha Medizin als eine Art Geheimlehre verstanden wird, die traditionell von Lehrer zu Schüler oder von Vater zu Sohn gelehrt wird, und bei uns kaum bekannt ist. In der heutigen Zeit wird sie jedoch neben der oralen Tradition wie die Ayurveda zusätzlich auch in Institutionen gelehrt. Die Siddha Medizin ist nie so institutionalisiert worden wie die Ayurveda und hat sich daher auch nicht so verbreiten können. Zudem hat man von Anbeginn das Wissen dieser Medizin „geheim gehalten“, dass heißt, dass Siddhaärzte traditionell ihr Wissen ausschließlich an ausgewählte Schüler weitergegeben haben und dies teilweise immer noch tun[2].

Weitere Gründe, die einer Verbreitung entgegengewirkt haben, sind: Die Basistexte sind fast ausschließlich auf tamilisch verfasst; die Inhalte der Texte sind teilweise verschlüsselt und nur Personen zugänglich, die sich ernsthaft mit der Siddha Medizin beschäftigen; das Wissen wird traditionell nur oral weitergegeben[3] ; die Siddha Medizin konzentriert sich bis heute an bestimmte Orte, an welche die historischen Siddhas[4] gebunden sind, so dass sie nicht einmal überall in Tamil Nadu bekannt ist (Wehmeyer 2000: 8-9). Zur Siddha Medizin und Ayurveda möchte ich später noch einmal ausführlicher eingehen. Dettwiler-Thommens (1997) Fragen an ihre Informanten gestalten sich eher in allgemeiner Form (Fragen über Gesundheit, Krankheit, Behandlung, Religion, Astrologie und Migration). Sie lässt sich nicht bestimmte tamilische Begriffe und Konzepte erklären, die im Zusammenhang mit Krankheit und Gesundheit stehen (z.B. pey oder Mariyamman, siehe Ausführliches dazu später) wie ich es in dieser Arbeit getan habe. Im Gegensatz zu mir hat sie sich jedoch ausführlicher mit dem Thema Astrologie beschäftigt. Da sie ihre vier Informanten einen längeren Zeitraum begleitet hat, zeigen ihre Fallbeispiele interessante Erklärungsmodelle über das Gesundheitsverhalten ihrer tamilischen Informanten.

Zur Transkription von tamilischen (und anderen indischen) Wörtern möchte ich folgendes sagen: Da nur wenige deutschsprachige Menschen die tamilische Schrift lesen können, habe ich mich entschlossen, diese Wörter in die lateinische Schrift zu transkribieren. Ich verzichte dabei der Einfachheit wegen auf diakritische Zeichen, auch wenn dies unwissenschaftlich anmutet. Zur Kennzeichnung hebe ich alle tamilischen (und andere indische oder fremdsprachige) Wörter durch Kursivdruck hervor, außer sie stehen in Zitaten und Überschriften. Damit möchte ich darauf aufmerksam machen, dass man diese Wörter oft nicht so ausspricht, wie sie ohne diakritische Zeichen notiert werden. Zu den Zitaten ist zu sagen, dass ich im Original enthaltene diakritische Zeichen weglasse. Außerdem übernehme ich keine Hervorhebungen von Wörtern durch Unterstreichung, Kursivdruck oder anderer Art aus den Originaltexten. Die Schreibweise von tamilischen (und anderen indischen) Wörtern aus der Literatur belasse ich in Zitaten so, wie es die jeweiligen Autoren notiert haben. Ansonsten versuche ich trotz der vielen verschiedenen Schreibweisen einiger Wörter eine einheitliche Schreibweise einzuhalten. Wie man dem Titel schon entnehmen konnte, habe ich der Einfachheit halber im ganzen Text auf die weiblichen Formen bei Personen verzichtet. Die männliche Form beinhaltet also auch immer die weibliche Person. Wenn es sich im Text um nur männliche oder nur weibliche Gruppen handelt, so wird dies ausdrücklich erwähnt. Zur Erzählzeit ist folgendes zu sagen: Forschungsaktivitäten meinerseits erzähle ich in der Vergangenheit, Tatsachen und Ergebnisse sind in der Gegenwart gehalten. Abkürzungen habe ich im Anhang aufgelistet. In dieser Arbeit präsentiere ich keine Thesen im Vorfeld, sondern werfe nur Fragestellungen auf. Thesen ergeben sich erst am Schluss der Ausführungen, da meine qualitativen Ergebnisse nicht als repräsentativ gelten können.

Der Aufbau und Inhalt dieser Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Zunächst möchte ich drei wichtige medizinethnologische Theorien vorstellen, die ich für diese Arbeit als relevant erachte, dann folgt das Kapitel über die Forschung und Methodik dieser Arbeit und das Kapitel über die Situation von Tamilen in der Schweiz. Danach stelle ich Begriffe, Gesundheits- und Krankheitskonzepte vor und gebe Informationen über allgemeine Vorstellungen von Tamilen über die Themen Hausmittel, Ernährung[5], Sport und Lebensweise sowie Krankenhaus und Ärzte. Nach diesen Informationen lasse ich meine Informanten zu ausgewählten Themen und Begriffen ihre Meinung äußern und fasse Aussagen der von mir interviewten Ärzte (und einer Psychologin) zusammen. Zuletzt möchte ich noch „typische“ Krankheiten von Tamilen in der Schweiz aus biomedizinischer Sicht vorstellen und erwähne im Schlusskapitel noch einige Vorschläge wie sich eine Interaktion zwischen Arzt und Migrant erfolgversprechender gestalten könnte. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass das Thema Gesundheit sehr komplex ist. Es ist mir daher unmöglich alle Aspekte von Gesundheit und Krankheit anzusprechen. Zum Beispiel werde ich nicht auf das Sektorenmodell von Kleinman (1980) eingehen und auch keine detaillierte Krankheitsepisoden meiner Informanten aufzeichnen. Aus Platzgründen muss ich leider auch darauf verzichten die Ayurveda als Medizinsystem in ihren Grundzügen zu beschreiben. Da es für den Leser einfacher ist, sich Informationen zur Ayurveda zu beschaffen, möchte ich wenigsten andeutungsweise die Siddha Medizin vorstellen, die mit ihren Prinzipen und Therapieformen im großen und ganzen mit der Ayurveda vergleichbar ist.

Mein Dank richtet sich an alle, die mir bereitwillig Antworten auf meine Fragen gegeben und mir geholfen haben, meiner Magisterarbeit einen Inhalt zu geben. Ich danke meinen acht tamilischen Informanten, deren Namen ich aus Gründen des Personenschutzes nicht nennen möchte sowie den Ärzten Dr. Hug, Dr. Cap, Dr. Grob, Dr. Hänni, Dr. Zanchin, Dr. Masson, Dr. Blum, Dr. Hurni, Dr. Scherler, Dr. Häfeli, Dr. Ruh, Dr. Seiler, Elango Erambamoorty, Lic.phil.Gayret, Dr. Inversini und seinem Psychologen-Team und alle, die sich die Mühe gemacht haben, mir überhaupt zu antworten sowie diejenigen, die ich vergessen habe. Weiter möchte ich meinem Betreuer Dr. Stefan Ecks danken und zu guter Letzt meinem Ehemann Dirk für seine Geduld und aufmunternden Worte und unseren alten 19-jährigen Kater Pascha, der meine nächtlichen Arbeitseinlagen am Computer schnurrend begleitet hat.

1. Medizinethnologische Theorien

Ich möchte folgend drei medizinethnologische Theorien vorstellen, die in dieser Arbeit relevant sind: 1. Personalistische und naturalistische Systeme, 2. sickness, illness und disease und 3. Erklärungsmodelle.

1.1. Personalistische und naturalistische Systeme

Die meisten ethnomedizinischen Traditionen kann man in personalistische und naturalistische Systeme einteilen. Bei personalistischen Systemen können übernatürliche Wesen, wie Gottheiten, Ahnen und böse Geister sowie Menschen mit besonderen Fähigkeiten (Zauberer) Krankheiten verursachen. Krank wird man also durch externe Beeinflussung von Wesen, die jemanden schaden wollen. Krankheiten können hier nur von Heilern (Schamanen, Priester) kuriert werden, die sich mit den Krankheitsverursachern auskennen und sie bannen können. Religiöser Glaube und Praktiken stehen gewöhnlich in engem Zusammenhang mit dem Erfolg einer Heilung. Ein weiteres Merkmal von personalistischen Systemen ist, dass die Kranken zunächst oft nicht wissen, wer oder was sie krank gemacht hat. Erst ein Fachmann kann dies herausfinden und dementsprechend Maßnahmen zur Heilung einleiten.

Bei naturalistischen Systemen werden die Ursachen von Krankheiten in impersonellen systemischen Kontexten gesehen. Solche Kontexte sind z.B. die Humoraltheorie und das Heiß-Kalt-Konzept der Ayurveda oder die yin und yang Theorie der chinesischen Medizin. Gesundheit erhält man bei naturalistischen Systemen, indem die Substanz im Körper ins Gleichgewicht gebracht wird. Krank wird man durch natürliche Kräfte und Konditionen wie Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und eben durch das Ungleichgewicht der körperlichen Substanz. Naturalistische Systeme werden mit komplexen Medizinsystemen assoziiert, deren Inhalte vor allem durch Institutionen weitergegeben werden. Patienten haben meistens eine Ahnung, an was sie erkrankt sein könnten und können erst einmal Hausmittel ausprobieren, bevor sie zu einem Arzt gehen (Foster 1998: 110-115; Tuschinsky 2002: 18). Auch wenn die Einteilung in personalistische und naturalistische Systeme sinnvoll ist, so ist sie doch nicht vollkommen. Krankheiten, die durch Angst, Wut, Scham, Ärger usw. entstehen, können in diese Systeme z.B. nicht eindeutig eingeteilt werden. (Foster 1998: 112). Ich möchte später in dieser Arbeit zwei personalistische Systeme vorstellen und ausführlich behandeln: die Gottheit Mariyamman und die Dämonen pey. Naturalistische Systeme in Sri Lanka sind hauptsächlich die Ayurveda und die Siddha Medizin (auch wenn die Siddha Medizin traditionell weniger in Institutionen gelehrt wird). Die Biomedizin lässt sich auch nicht eindeutig in dieses System einordnen, da sie bei Krankheiten nicht von einem Ungleichgewicht des Körpers ausgeht. Wenn nun Tamilen in die Schweiz kommen, werden sie mit dem vorherrschenden biomedizinischen System der Schweiz konfrontiert, in der es keinen Platz für personalistische Krankheitsvorstellungen von Patienten gibt. Charakteristisch für die Biomedizin ist, dass sie Körper und Geist trennt. Das hat sich auch auf die medizinischen Fachkräfte ausgewirkt, wo es für jeden Bereich Spezialisten gibt (für den Körper sind die Somatiker zuständig, für den Geist die Psychiater und Psychologen). In der Ayurveda und Siddha Medizin ist eine Trennung von Körper und Geist undenkbar. Körper und Geist werden als ganzheitliches System gesehen.

1.2. Die Begriffe sickness, illness und disease

Ein wichtiger Grundsatz in der Medizinethnologie ist die Unterscheidung zwischen zwei Aspekten des englischen Begriffes sickness. Diese Aspekte sind illness und disease. Kleinman setzt sich intensiv mit diesen Begriffen auseinander (1980). Ich möchte sie hier ansatzweise vorstellen. Sickness, illness und disease lassen sich nur ungenügend ins Deutsche übersetzen. Sickness ist als Überbegriff Krankheit zu verstehen. Illness kann man als „subjektives Kranksein“ übersetzen und disease als „objektiv definierbare Krankheit“. Illness ist eine psychosoziale Erfahrung und zeigt sich in gefühlten Wahrnehmungen. Wenn man eine vom Arzt diagnostizierte Krankheit (disease) hat, die Beschwerden verursacht, so werden diese Beschwerden „gefühlt“. Sie werden als illness empfunden, da man sich krank fühlt. Es gibt Krankheiten (disease), die keine Beschwerden verursachen (z.B. Diabetes), und es gibt ein gefühltes Kranksein (illness), ohne dass eine Krankheit (disease) vom Arzt festgestellt werden kann. Illness ohne disease wird von vielen biomedizinischen Ärzten als psychosomatische Beschwerden interpretiert. Für den biomedizinischen Arzt ist ein Patient mit Beschwerden (illness) ohne Krankheit (disease) gesund[6].

1.3. Erklärungsmodelle

Erklärungsmodelle zeigen, wie Krankheitsepisoden (sickness) und Krankheitsursachen (personalistisch oder naturalistisch) verstanden werden und welche Behandlungen in Betracht gezogen werden können. Erklärungsmodelle von Ärzten bewegen sich im medizinisch

professionellen Bereichen, die der Patienten in laienhaft kognitiven. Nach Kleinman (1980: 105) suchen Erklärungsmodelle nach Antworten auf folgende Aspekte: 1. Ätiologie (Krankheitsursachen), 2. Zeitverlauf und Entwicklung von Symptomen, 3. Pathophysiologie (Krankheitsvorgänge und Funktionsstörungen im menschlichen Organismus), 4. Verlauf von Krankheit (sickness) und 5. Behandlung.

Das Erklärungsmodell eines Arztes wird im Idealfall alle fünf Aspekte in Betracht ziehen und nach möglichst vielen Antworten suchen. Das Erklärungsmodell des Patienten bezieht sich auf den (oder die Aspekte), der (oder die) für ihn am wichtigsten erscheinen. Die Erklärungsmodelle des Arztes und des Patienten sind oftmals so verschieden, dass die Gefahr besteht, dass Erklärungsmodelle falsch interpretiert werden (Kleinman 1980: 104-118), vor allem, wenn Arzt und Patient zwei verschiedenen Kulturen angehören, auf die verschiedene Medizinsysteme basieren.

2. Forschung und Methodik

2.1. Forschungsprojekt

Da ich mich in meinem Ethnologie- und Indologiestudium (mit Sprache Tamil) vor allem auf die Medizinethnologie und auf die tamilische Kultur konzentriert habe, war es klar für mich, auch meine Magisterarbeit in diesem Themenbereich zu verfassen. Leider musste ich ein geplantes Thema gleich wieder verwerfen, da mein Ehemann kurzfristig einen neuen Job angenommen hatte, der einen Umzug von Heidelberg in die Schweiz (Kanton Bern) zur Folge hatte. Dementsprechend musste ich kurzfristig ein neues Thema finden, dass in der Kürze von sechs Monaten zu bewältigen sein musste. Das Glück war auf meiner Seite, als ich erfuhr, dass es in der Schweiz viele Sri Lanka Tamilen gibt, die aufgrund des Bürgerkrieges in Sri Lanka in die Schweiz geflüchtet sind. So habe ich mich für das Thema „Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz“ entschieden, wobei ich mich, wie oben genannt, auf meine Studienschwerpunkte konzentrieren konnte. Die Forschung zu dieser Magisterarbeit hat innerhalb einer relativ kurzen Zeit stattgefunden. Die Anzahl der Befragten ist daher auch relativ klein. Meine Ergebnisse können daher nicht als repräsentativ gelten. Es ist mir wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass Ergebnisse meiner Forschung als Tendenzen zu betrachten sind, deren Richtungen man in einer weiteren Forschung mit mehr Zeitaufwand verfolgen sollte, um zu genaueren und intensiveren Ergebnissen zu kommen bzw. die Ergebnisse dieser Arbeit entweder zu bestätigen oder zu revidieren. Da das gewählte Thema dieser Arbeit so komplex ist, können nicht alle Bereiche angesprochen werden. Meine Ausführungen erheben somit keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

2.2. Qualitative Forschung

Um schnell tamilische Informanten zu finden, schrieb ich „tamilisch-klingende“ Namen und Adressen aus dem Telefonbuch hauptsächlich aus Langenthal (Kanton Bern), aber auch vereinzelt aus der Umgebung, heraus. In der Stadt Langenthal leben zur Zeit 236[7] Menschen aus Sri Lanka (Gesamteinwohner von Langenthal: 14 284). Mit einem Stadtplan bewaffnet, machte ich mich dann auf den Weg, um den herausgeschriebenen Adressen „Klingelbesuche“ abzustatten. Leider war oft niemand zuhause. In einem Fall ließ mich eine Tamilin nicht in die Wohnung, weil sie angeblich keine Zeit hatte. Sechs Tamilen dieser Klingelbesuche waren zu einem Interview bereit. Zwei Tamilen wurden mir von Bekannten vermittelt. Nach dem Besuch eines Asia-Shops in Langenthal lernte ich einige Tamilen kennen, die sich zwar freuten, dass sich jemand für ihre tamilische Kultur interessiert (und dazu noch eine Deutsche, die ein wenig tamilisch spricht), waren aber für ein Interview nicht zu überreden (Ausrede Nummer eins war: „Ich habe keine Zeit“). Stattdessen „bescherten“ mir diese Kontakte bisher sechs tamilische Nachhilfekinder, wobei ich weitere Interessenten (auch Erwachsene für den Deutschunterricht) aus Zeitgründen auf den Oktober vertrösten musste. Für zukünftige Forschungen werden mir wohl viele tamilische Informanten zur Verfügung stehen können. Aufgrund der aktuellen kurzen Forschungszeit war es mir leider nicht möglich, mehr als acht Tamilen zu interviewen.

2.3. Interviews und Fragen

Um schnell zu qualitativen Ergebnissen zu kommen, entschied ich mich für semistrukturierte Interviews. Bernard (2002: 204-206, 240) kategorisiert verschiedene Formen von Interviews folgendermaßen:

- Beim informellen Interview gibt es keine Struktur oder Kontrolle. Man merkt sich die Konversationen mit Informanten während der Feldforschung und notiert sich danach alle wichtigen Informationen aus dem Gedächtnis in den Computer. Das informelle Interview ist der ideale Einstieg in die Feldforschung. Auch während der Feldforschung ist es immer eine ergänzende Methode.
- Das unstrukturierte Interview wird streng nach einem Plan gehalten, den man im Kopf hat. Der Interviewer stellt offene Fragen, der Interviewte beantwortet sie mit seinen eigenen Worten. Man hat minimale Kontrolle über die Antworten des Befragten. (Ethnographische Interviews sind unstrukturiert). Unstrukturierte Interviews sind zeitaufwendig.
- Wenn man eine Person nur einmal interviewen kann, ist das semistrukturierte Interview ideal. Dieses Interview wird genauso wie das unstrukturierte Interview gehalten, nur dass man hier einem schriftlichen Fragenkatalog folgt.
- Bei strukturierten Interviews sind die Antworten meist vorgegeben, um diese bestmöglichst vergleichen und auswerten zu können. Im Gegensatz zum unstrukturierten Interview ist die Kontrolle über die Antworten maximal.

Das informelle Interview ergab sich bei den ersten Treffen mit der Informantin 1, da ich eigentlich ihren Mann interviewen wollte, der aber zu abgemachten Zeiten nie erschien. Nachdem ich sie einige Male besucht hatte, entschied ich mich, mit ihr das semistrukturierte Interview durchzuführen. Diese Informantin besuchte ich insgesamt siebenmal. Einmal kam sie zu mir. Die meiste Zeit unterhielten wir uns informell. Einen weiteren Informant besuchte ich zweimal, alle anderen je nur einmal. Meine qualitativen Ergebnisse haben sich neben den informellen Gesprächen aus formellen Interviews mit insgesamt acht Tamilen und 24 Ärzten und Psychologen in Langenthal und Umgebung (im Umkreis von 10 km) ergeben. Die Interviews fanden innerhalb der Monate April und September 2004 statt. Sechs semi-strukturierte Interviews mit Tamilen hielt ich im persönlichen Gespräch bei ihnen zuhause ab. Zwei Tamilen kamen zu mir nach Hause. Auch wenn dies öfter kritisiert wird, habe ich bei allen Interviews das Meiste in einer Kurzform mitgeschrieben. Zuvor fragte ich jedoch alle Informanten um Erlaubnis, während des Gesprächs mitschreiben zu dürfen. Nie unterbrach ich die Informanten bei ihrem Redefluss, sondern passte meine Kurzform dementsprechend an und notierte Fehlendes nach dem Gespräch. Unklarheiten sprach ich am Ende des Interviews an, um inhaltliche Fehler meinerseits zu vermeiden. Ausführliche Zusammenfassungen notierte ich jeweils sofort nach den Gesprächen. Während des Gesprächs mit der Psychologin und dem Psychiater des Psychiatriezentrums Langenthals machte ich keine Notizen, sondern schrieb den Inhalt des Gesprächs sofort nach dessen Beendigung auf.

Bernard (2002: 220) meint zwar, dass man beim Interviews in jedem Fall ein Tonbandgerät benutzen sollte, ich entschied mich aber dagegen, da ich mit meinen „Klingelbesuchen“ ja sozusagen „mit der Tür ins Haus gefallen“ war. Ich war schon froh, dass man mich überhaupt in die Wohnungen gelassen hatte, und alle zu einem Interview bereit waren, da wollte ich nicht noch zusätzlich durch ein Tonbandgerät Unruhe in die Situation bringen. Auch bei den Interviews mit Ärzten und medizinischem Fachpersonal verzichtete ich auf ein Tonband. Ein Hauptgrund dafür war, dass ich für ein aufwendiges Transkribieren von Tonbändern in meiner kurzen Forschungsperiode keine Zeit gefunden hätte. Am Ende meiner Forschung benutzte ich jedoch bei dem Gespräch mit den Psychologen und dem Psychiater des Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Bern-Langenthal-Oberaargau ein Tonbandgerät, weil ein Gespräch mit 10 Fachleuten gleichzeitig zu komplex ist. Während des Gesprächs mitzuschreiben, sah ich in diesem Fall als ungünstig an. Ein Aufschrieb nach dem Gespräch wäre zudem aufgrund der Komplexität zu schwierig geworden. Die Inhalte dieses Gesprächs werden in dieser Arbeit jedoch nicht erwähnt, da sie für meine Fragestellungen nicht relevant sind. Es handelt sich bei diesen Inhalten um allgemeine Verhaltensweisen von tamilischen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern, die sich weniger auf gesundheitliche Bereiche beziehen. Nun zählt in der Biomedizin zwar die Psychologie zum gesundheitlichen Bereich der Psyche dazu, es reicht jedoch meiner Meinung aus, wenn ich drei psychologische Fallbeispiele zur Anschauung vorstelle, die mir von der Psychologin und dem Psychiater des Psychiatriezentrum Langenthals vorgetragen wurden.

Ich schickte insgesamt 45 Ärzten, Psychologen und Institutionen in Langenthal, Bern und Madiswil einen Fragenkatalog mit offenen Fragen (siehe Anhang) per Post oder Fax zu, worauf sich ca. die Hälfte (23) meldete. Die meisten davon schickten mir die Antworten (entweder die Beantwortung oder Nichtbeantwortung der Fragen, oder die Bitte einen Termin auszumachen) per Post oder Fax zurück. Manche riefen mich zur Terminabsprache an. Zwei hatten keine Zeit oder Lust meine Fragen zu beantworten und sieben hatten keine Tamilen als Patienten. Bei einem Arzt kam letztendlich kein Termin mehr zustande, da wir beiderseits je einmal einen Termin verschieben mussten und dann erst wieder ein Termin im Oktober möglich geworden wäre (und meine Forschung im September fertiggestellt sein musste). Sieben Ärzte schickten mir die Antworten der Fragen per Fax oder Brief an mich zurück, mit der Option sie bei weiteren Fragen kontaktieren zu können. An den sechs semi-strukturierten Interviews, die zustande gekommen sind, beteiligten sich eine Psychologin und ein Psychiater des Psychiatriezentrums Langenthals, ein Psychiater und neun Psychologen und Psychologinnen des Jugendpsychiatrischen Dienstes des Kantons Bern-Langenthal-Oberaargau, zwei Kinderärzte (mit einer Praxis) sowie zwei weiteren Fachärzten und einem Siddha/Ayurvedaarzt, der in der Schweiz als Naturarzt zugelassen ist. Fünf dieser Interviews fanden in den Praxen und Räumen der Ärzte und Psychologen statt, eines wurde am Telefon gehalten.

Ich entschied mich bei den Fragenkatalogen der Ärzte und Tamilen für offenen Fragen, da sich die Antworten auf rein informativer Ebene bewegen sollten. In diesem Zusammenhang wäre ein Fragebogen mit geschlossenen Fragen und vorgegebenen Antworten wenig sinnvoll gewesen, da sich die von mir erhofften (und erhaltenen) Angaben der Ärzte und Tamilen aus einer subjektiven Erfahrung heraus ergeben sollten. Die Antworten auf die Fragebögen erwarten also keine quantitativen Angaben, sondern dienen nur dem Zweck der Orientierung, in welchem Bereich sich ungefähre Zahlen und Aussagen bewegen. Eine statistische Auswertung ist daher anhand der gewählten Fragen nicht geplant und auch nicht möglich. Vielmehr dienen die Antworten dem Erhalt von qualitativen und tendenziellen Ergebnissen.

Dass sich ohne Ausnahme alle von mir kontaktierten Tamilen bereit gestellt hatten, mir – einer für sie völlig fremden Person - Interviews zu geben, hatte ich vor allem meinen bescheidenen Kenntnissen der Sprache Tamil und der Offenheit meiner Informanten mir gegenüber zu verdanken. Schon einfache Wörter und Sätze von mir auf tamilisch, ließen Tamilen in freudige Staunensausrufe ausbrechen, und ich wurde ohne Zögern in die Wohnungen gebeten. Die Methode der teilnehmenden Beobachtung wäre wünschenswert gewesen (z.B. tamilische Patienten zum Arzt begleiten, das Verhalten bei Krankheit beobachten usw.), hat sich aber im Laufe des Forschungszeitraumes nicht ergeben, da keiner meiner Informanten einen Arztbesuch geplant hatte und auch niemand krank war.

2.4. Problematik der Sprache

Die Verständigung und Unterhaltung mit Tamilen in der Schweiz stellt (für nicht-tamilisch- sprechende) ein großes Problem dar. Vor allem Frauen können kein oder nur wenig deutsch, da sie die meiste Zeit zuhause sind. Es gibt aber auch viele Männer, die nur Grundkenntnisse in deutsch haben. Viele reden gar nur schweizerdeutsch, da sie dies mit der Zeit an ihrem Arbeitsplatz so lernen. Es lässt sich jedoch die Tendenz feststellen, dass je besser das Deutsch von Tamilen ist, desto mehr ist eine Beeinflussung durch die westliche Kultur feststellbar. Wer zudem ein höheres Bildungsniveau hat, kann besser deutsch sprechen als andere. Bei diesen Tamilen ist auch die Bereitschaft größer, schnell deutsch zu lernen als bei anderen. Warum viele Tamilen kein fließendes englisch sprechen können, ist mir nicht klar. Die Interviews mit meinen Informanten wurden von meiner Seite hauptsächlich auf deutsch gehalten, wobei ich die Antworten entweder auf deutsch, berndeutsch oder einer Mischung aus deutsch und tamilisch erhielt. Die Tamilen, die gut englisch sprechen konnten, konnten auch gut deutsch sprechen, so dass die englische Sprache nicht gebraucht wurde. Bei der Informantin 8 , die so gut wie kein deutsch sprechen konnte, übersetzte mir die Tochter Informantin 7.

Mathis meint, dass viele Tamilen schlecht deutsch lernen, weil die Schweizer „meistens auch mit Ausländern hartnäckig Schweizerdeutsch reden“ würden (1997: 26). Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass fast alle Schweizer mit mir „schriftdeutsch“[8] reden, da ich mit ihnen auch hochdeutsch rede. Als Deutsche macht mir das Berndeutsch doch noch viel Mühe, auch wenn es von Monat zu Monat besser wird.[9] Auch kam es bei einer schweizerischen Gesprächsrunde[10] (die extra wegen mir auf hochdeutsch gehalten wurde) mit Forscherinnen, die sich mit Tamilen in der Schweiz beschäftigen , zu einem breiten Gelächter, als ich mitteilte, dass ich weitaus mehr Probleme hätte, das Berndeutsch von Tamilen zu verstehen, als ihre Mischung aus deutsch und tamilisch. Ich spreche und verstehe zwar nicht fließendes tamilisch, kann mir jedoch im Zweifel Sätze aufschreiben lassen, die ich mit Hilfe eines Wörterbuches übersetzen kann[11]. Bei Informantin 1 z.B., ließ ich mir oft Sätze auf tamilisch aufschreiben, die wir dann gemeinsam mit Hilfe von drei verschiedenen Wörterbüchern[12] übersetzen und so Aussagen bestätigen konnten. Ein wichtiger Vorteil des Verstehens der tamilischen Sprache war z. B., dass ich bestimmte Wörter ihrer Bedeutung nachfragen konnte. Informantin 1 erzählte mir häufig, dass sie regelmäßig in die „Kirche“ gehen würde. Da sie Hindu ist, kam mir der Ausdruck „Kirche“ zunächst doch seltsam vor. Ich fragte sie auf tamilisch, ob sie nicht „Tempel“ (koyil) meine. Tatsächlich meinte sie „koyil“. Sie ging regelmäßig in den Tempel nach Olten.

Von vielen Tamilen wurde auch der Ausdruck „Kollege“ genannt. „Kollege“ ist eines der Wörter, dass sich in seiner Bedeutung in der Schweiz auch vom Deutschen unterscheidet. Kollege ist nach meinem Verständnis ein Mitarbeiter bzw. ein Arbeitskollege. Bei den Schweizern bedeutet Kollege „Freund“[13] (Dörig 1993: 46). Tamilen verwenden diesen Begriff im schweizerischen Sinn, aber häufig auch, wenn sie einen Nachbarn meinen. Durch genaues Hinhören und Rückbestätigen lässt es sich weitgehend vermeiden, „doppeldeutige“ Wörter falsch zu interpretieren. Zum Thema Kommunikation mit tamilischen Migranten möchte ich später noch einmal ausführlicher – in Bezug auf Gespräche zwischen Arzt und Patient - eingehen.

3. Tamilen in der Schweiz

Zu wissen wie Tamilen in der Schweiz leben und wie sich ihre Lebenssituationen gestalten, ist für das spätere Verständnis von Gesundheitskonzepten von Tamilen wichtig. Daher möchte ich im folgenden Abschnitt die Geschichte der Tamilen in der Schweiz sowie ihre Lebensumstände zusammenfassen. Ich beziehe mich dabei hauptsächlich auf die Autoren Mathis (1997) und McDowell (1996), die sich ausführlich mit der Geschichte und Situation von Tamilen in der Schweiz beschäftigt haben.

In den Jahren 1981-1996[14] haben sich ca. 25’000[15] Tamilen in der Schweiz niedergelassen (Mathis 1997: 1). Damit hat die Schweiz im europäischen Vergleich den höchsten prozentualen Anteil an Tamilen (Mathis 1997: 6). Tamilen, die in den Jahren 1983-1989 in die Schweiz gekommen sind (ca. 12'780), haben sich erfolgreich ökonomisch integriert und ihren Asylantenstatus für einen sicheren Aufenthaltsstatus als Immigranten[16] aufgegeben. Nach 1989 kommen vor allem Tamilen (ca. 18000), die ihren Asylantenstatus beibehalten, um gegebenenfalls leichter nach Sri Lanka zurückkehren zu können (McDowell 1996: 227). 1998 (Ende März) befinden sich insgesamt 26’022 Tamilen[17] in der Schweiz (Fankhauser 1998: 6). Die Zahl von srilankischen Personen im Asylantenstatus geht in den folgenden Jahren stark zurück[18] (BFS 2004: Personen des Asylbereichs). Auch Asylgesuche und 1. Instanz Pendenzen sind rückläufig[19] (BFF 2004).

Die Gründe, weshalb Tamilen aus ihrem Land fliehen, sind individuell eine Mischung aus politischen und wirtschaftlichen Umständen. Innerhalb Sri Lankas ist die Flucht in den meisten Fällen erzwungen, eine Flucht aus Sri Lanka erfolgt überwiegend freiwillig. Wirtschaftliche Gründe veranlassen Tamilen in westliche Länder zu flüchten, wo sie sich auch wirtschaftlich ein besseres Leben erhoffen (Mathis 1997: 103-104). Zu Beginn der Migration von Tamilen kommen vor allem hochkastige Männer aus der städtischen Mittelschicht des Nordens Sri Lankas in die Schweiz. Mit der Zeit steigt der Anteil von tiefkastigen Migranten und Frauen immer mehr an. Zwischen den Jahren 1983 und 1991 beträgt der Frauenanteil ca. ein Viertel, danach steigt der Anteil auf ca. 40%, was aufgrund der steigenden Hochzeiten[20] in der Schweiz zurückzuführen ist[21]. Am Anfang kommen hauptsächlich Tamilen aus Jaffna, später auch aus ländlicheren Gebieten und Städten im Nordosten und Nordwesten Sri Lankas. Das Bildungsniveau, d.h. die Anzahl der Schuljahre, sinkt zum Teil wegen den Folgen des Krieges. Die undurchsichtige und unstete Asylpolitik der Schweiz verunsichert und benachteiligt viele Tamilen. Aufgrund des im europäischen Vergleich hohen Prozentsatzes von tamilischen Asylbewerbern in der Schweiz, versucht die Schweiz bis 1987 großangelegte Rückführungen durchzuführen, um vor allem neue Migranten abzuschrecken (Mathis 1997: 100). Gründe für das Scheitern der Rückführungspolitik der Schweiz waren nach Mathis (1997: 100 - 101) folgende:

„1. Die politische Lage Sri Lankas ist durch den Bürgerkrieg für Rückkehrer zu gefährlich[22]. 2. Nicht-Regierungs-Organisationen leisten konsequenten und effizienten Widerstand gegen die Politik des Bundes. 3. Eine Koordination auf europäischer Ebene wird nicht erreicht. 4. Die Schweizer Grenzen sind für Schlepper leicht zu überwinden. 5. Der Schweizer Arbeitsmarkt braucht Hilfskräfte; die Kantone suchen aktiv Arbeit für Tamilen.“[23]

[...]


[1] Bisher kenne ich nur zwei tamilische Ärzte in der Schweiz. Einer ist Siddha- und Ayurvedaarzt und in der Schweiz als Naturarzt zugelassen. Ein anderer hat Biomedizin studiert und ist Allgemeinarzt. Beide Ärzte praktizieren in Bern.

[2] Der von mir interviewte Siddha- und Ayurvedaarzt aus Bern hat mir erzählt, dass er während seines Siddha (und Ayurveda) Studiums in Jaffna auch die alten Schriften der Siddha Medizin (er erwähnt die Schriften von Agastiar und Bogar) durcharbeiten musste und auch die verschlüsselten Inhalte verstanden habe. Nach seinem Studium begleitete er einige Zeit einen Siddhaarzt, um mehr praktische Erfahrungen zu sammeln.

[3] Laut Wehmeyer (2000: 9) ist die orale Tradition unter den Siddhas heute noch vorherrschend.

[4] Man sagt, dass es 18 historische Tamil - Siddhas gibt. Die Siddhas gehören zu einer Strömung von Freidenkern, die das Kastenwesen ablehnen und sich gegen bestimmte vorherrschende Werte aussprechen. Sie verfassen viele poetische und wissenschaftliche Werke, hauptsächlich zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert (n.Chr.). Sie haben einen großen Ruf als Alchemisten und streben die geistige Vervollkommnung an. Um den körperlichen Verfall zu verlangsamen und aufzuhalten, erfinden sie die Siddha Medizin, da man glaubt, dass man dadurch die mentale und körperliche Entwicklung angleichen könne (Wehmeyer 2000: 3).

[5] Eine ausführliche Arbeit über das Essverhalten von Tamilen in der Schweiz stammt von Marie-Anne Fankhauser (1998).

[6] Dazu kann ich ein eigen erlebtes Fallbeispiel angeben: Durch den Stress und Druck der entsteht, wenn man sich im universitären Prüfungsjahr befindet, hatten sich bei mir stressbedingt Beschwerden ergeben, wie alltägliche Übelkeit, unerträgliche Schmerzen im rechten Auge und Magen-Darm-Probleme. Nachdem der Arzt mich untersucht hatte, sowie die Blutwerte kontrolliert hatte, konnte er nur eines feststellen: „Nach diesen Werten sind Sie völlig gesund! Wenn Sie wollen können Sie in einem Jahr wieder kommen.“ Psychosomatische Beschwerden sind also nicht nur ein Problem bei Migranten, sondern können bei jedem Menschen erscheinen, der in eine Stresssituation kommt. Anders ausgedrückt: Psychosomatische Beschwerden sind nicht das Problem der Patienten, sondern das der Biomedizin, da sie nichts damit anzufangen weiß.

[7] Stand vom 31. März 2004. Information vom Amt für öffentliche Sicherheit der Stadt Langenthal.

[8] Schweizer nennen Hochdeutsch „Schriftdeutsch“.

[9] Ich wohne erst seit Dezember 2004 in der Schweiz.

[10] Ein Netzwerk von Forscherinnen, die sich mit Tamilen in der Schweiz beschäftigen, hat sich dieses Jahr (2004) zum Erfahrungsaustausch gebildet. Ein Kontakt kann über mich erfolgen. Die oben genannte Gesprächsrunde fand am 7. Juli 2004 in der Universität Bern statt.

[11] Das ist deshalb möglich, da ich die tamilische Schrift lesen und schreiben kann.

[12] Zwei davon gehören der Informantin.

[13] Ein Kollege (im deutschen Sinn) wird im schweizerischen „Arbetskolleg“ genannt (Dörig 1993: 46).

[14] McDowell ist der Ansicht, dass die ersten Tamilen ab 1983 politisches Asyl in der Schweiz beantragt haben (1996: 8, 117).

[15] Zwischen 1983 und 1991 sind es 24’781 Tamilen, die in der Schweiz Asyl beantragen (McDowell 1996: 117).

[16] Als Immigrant erhält man einen B-Ausweis.

[17] Fankhauser (1998: 7) weist in ihrer Fußnote 5 darauf hin, dass in der Statistik srilankische Staatsangehörige als homogene Gruppe gewertet werden. Da srilankische Staatsangehörige sowohl Tamilen als auch Singhalesen beinhaltet, sind die Zahlen der Statistiken was Tamilen betrifft nicht exakt. Die Zahl der Singhalesen in der Schweiz ist jedoch so gering, dass die srilankische Bevölkerung in dieser Wertung mit den Tamilen gleichgesetzt werden kann. Fankhauser ist ein Mitglied der schweizerischen Forschungsrunde, die über Tamilen in der Schweiz forscht.

[18] 1999 sind es 17’434, 2000: 15’742, 2001: 9'653 und 2002: 5’560 (BFS 2004: Personen des Asylbereichs).

[19] Asylgesuche: 2000: 898, 2001: 684, 2002: 459, 2003: 340; 1. Inst. Pendenzen: 2000: 1433, 2001: 511, 2002: 372, 2003: 161 (BFF 2004).

[20] Eine ausführliche Arbeit über Hochzeiten, Heiratsstrategien und Verwandtschaft von Tamilen aus dem Kanton Bern hat Johanna Vögeli (1998) verfasst. Auch Vögeli gehört der schweizerischen Forschungsrunde an und beschäftigt sich wie Fankhauser schon seit Jahren intensiv mit Tamilen in der Schweiz.

[21] 60 % der Tamilen sind entweder bei ihrer Ankunft in die Schweiz schon verheiratet oder heiraten innerhalb der nächsten drei Jahre in der Schweiz (McDowell 1996: 120-121).

[22] Ich möchte in dieser Arbeit nicht auf die Situation in Sri Lanka eingehen und verweise auf das Buch von Rösel (1997), das sich ausführlich mit der Geschichte des Bürgerkriegs in Sri Lanka beschäftigt.

[23] „Almost immediately they were canalised into the hotel and catering sectors where hoteliers and restaurateurs greeted them enthusiastically” (McDowell 1996: 8-9).

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
112
Katalognummer
V80757
ISBN (eBook)
9783638833851
ISBN (Buch)
9783638833776
Dateigröße
853 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesundheitsverhalten, Tamilen, Schweiz
Arbeit zitieren
Marion Zimmermann (Autor), 2004, Das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80757

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