Wenn Flüchtlinge und Migranten in ein für sie fremdes Land kommen, werden sie mit allerlei Problemen konfrontiert, denen sie oft völlig unvorbereitet gegenüberstehen. Sie stehen in einem Spannungsfeld und sind Stresssituationen ausgesetzt, die das Wohlbefinden des Einzelnen nachteilig verändern können. Tuschinsky (2002: 11) schreibt, dass bestimmte Bedingungen von Migration ohne Zweifel krank machen. Diese Bedingungen sind Krieg, Gewalt, Verfolgung, wirtschaftliche Not, Bedrohungssituationen, Katastrophen, rechtlicher Status und Akzeptanz im Aufnahmeland. Wenn nun zwei Kulturen aufeinanderstoßen, wird von der dominierenden Kultur (hier die schweizerische oder westliche) für selbstverständlich vorausgesetzt, dass sich die Minderheit (hier die Tamilen oder südasiatische Kultur) der dominierenden anpasst. Dies spiegelt sich auch in unserem westlichen Gesundheitssystem wider. Wo im Gesundheitswesen bei einer Interaktion mit Migranten interkulturelle Kompetenz von Mitarbeitern vorausgesetzt werden sollte, so findet man dort nur ein „monokulturelles Ideal“ (Tuschinsky 2002: 12, 14). Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die mehrheitliche, biomedizinische Diagnose bei Migranten „psychosomatischer“ Art ist, da Erklärungsmodelle von Migranten oftmals von biomedizinischen Fachleuten nicht verstanden werden (im schlimmsten Fall sogar gar nicht erhört werden). Migranten verschiedener Kulturen haben verschiedene Vorstellungen von Krankheitsursachen und Gesundheit, da diese Vorstellungen Bestandteile der verschiedenen Kulturen sind. Wenn Biomediziner dann nur stur ihre Schulmedizin anwenden, bedeutet das, dass sie sich überhaupt nicht auf andere Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit einlassen. Eine Interaktion zwischen Biomedizinern und Migranten, die krank sind (oder sich krank fühlen), findet somit nicht statt, da die verschiedenen Denkweisen nicht zusammentreffen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Medizinethnologische Theorien
1.1. Personalistische und naturalistische Systeme
1.2. Die Begriffe sickness, illness und disease
1.3. Erklärungsmodelle
2. Forschung und Methodik
2.1. Forschungsprojekt
2.2. Qualitative Forschung
2.3. Interviews und Fragen
2.4. Problematik der Sprache
3. Tamilen in der Schweiz
4. Aspekte und Ideen des Gesundseins in der tamilischen Kultur
4.1. Gesundheit
4.2. Begriffe, Gesundheits- und Krankheitskonzepte
4.2.1. Substanz
4.2.2. Dharma und karma
4.3. Siddha Medizin und Ayurveda
4.3.1. Muppinis-vayu, pittam, kapam
4.3.2. Heiß-Kalt-Konzept und Körpertemperatur
4.4. Mariyamman
4.5. Geister und Dämonen
4.6. Zauber
5. Hausmittel
6. Ernährung, Sport, Lebensweise
7. Krankenhaus und Ärzte in Sri Lanka und Tamil Nadu
8. Die Informanten: Angaben und Aussagen
8.1. Gesundheit – Krankheit
8.2. Siddha Medizin und Ayurveda
8.2.1. Muppinis – vayu, pittam, kapam
8.2.2. Heiß – Kalt – Konzept
8.3. Mariyamman
8.4. Pey
8.5. Hausmittel
8.6. Ernährung, Sport, Lebensweise
8.7. Arztbesuche
8.7.1. Frauenarzt
8.7.2. Kinderarzt
8.7.3. Vorsorgeuntersuchung
8.7.4. Krankenversicherung
8.8. Sri Lanka und Schweiz im Vergleich
8.9. Schlussfolgerungen
9. Aussagen der Ärzte
9.1. Somatischer Bereich
9.2. Psychologie
10. Krankheiten von Tamilen in der Schweiz aus biomedizinischer Sicht
11. Schluss
12. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Gesundheitsverhalten tamilischer Migranten in der Schweiz, wobei insbesondere die Wechselwirkungen zwischen traditionellen tamilischen Gesundheits- und Krankheitskonzepten und dem westlichen biomedizinischen System beleuchtet werden. Ziel ist es, ein besseres Verständnis für die spezifischen Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und deren Behandlung in der tamilischen Kultur zu schaffen, um so die interkulturelle Interaktion zwischen Patienten und Ärzten zu verbessern.
- Traditionelle medizinethnologische Theorien und Erklärungsmodelle.
- Tamilische Konzepte von Substanz, Dharma, Karma, Siddha-Medizin und Ayurveda.
- Die Bedeutung von Religion und rituellen Praktiken (z.B. Mariyamman, Geisterglaube) für das Wohlbefinden.
- Herausforderungen in der Kommunikation zwischen tamilischen Patienten und westlichen Ärzten.
- Die Auswirkung von Migration und Exil auf das Gesundheitsverständnis und die Lebensweise.
Auszug aus dem Buch
1.1. Personalistische und naturalistische Systeme
Die meisten ethnomedizinischen Traditionen kann man in personalistische und naturalistische Systeme einteilen. Bei personalistischen Systemen können übernatürliche Wesen, wie Gottheiten, Ahnen und böse Geister sowie Menschen mit besonderen Fähigkeiten (Zauberer) Krankheiten verursachen. Krank wird man also durch externe Beeinflussung von Wesen, die jemanden schaden wollen. Krankheiten können hier nur von Heilern (Schamanen, Priester) kuriert werden, die sich mit den Krankheitsverursachern auskennen und sie bannen können. Religiöser Glaube und Praktiken stehen gewöhnlich in engem Zusammenhang mit dem Erfolg einer Heilung. Ein weiteres Merkmal von personalistischen Systemen ist, dass die Kranken zunächst oft nicht wissen, wer oder was sie krank gemacht hat. Erst ein Fachmann kann dies herausfinden und dementsprechend Maßnahmen zur Heilung einleiten.
Bei naturalistischen Systemen werden die Ursachen von Krankheiten in impersonellen systemischen Kontexten gesehen. Solche Kontexte sind z.B. die Humoraltheorie und das Heiß-Kalt-Konzept der Ayurveda oder die yin und yang Theorie der chinesischen Medizin. Gesundheit erhält man bei naturalistischen Systemen, indem die Substanz im Körper ins Gleichgewicht gebracht wird. Krank wird man durch natürliche Kräfte und Konditionen wie Wind, Kälte, Hitze, Feuchtigkeit und eben durch das Ungleichgewicht der körperlichen Substanz. Naturalistische Systeme werden mit komplexen Medizinsystemen assoziiert, deren Inhalte vor allem durch Institutionen weitergegeben werden. Patienten haben meistens eine Ahnung, an was sie erkrankt sein könnten und können erst einmal Hausmittel ausprobieren, bevor sie zu einem Arzt gehen (Foster 1998: 110-115; Tuschinsky 2002: 18). Auch wenn die Einteilung in personalistische und naturalistische Systeme sinnvoll ist, so ist sie doch nicht vollkommen. Krankheiten, die durch Angst, Wut, Scham, Ärger usw. entstehen, können in diese Systeme z.B. nicht eindeutig eingeteilt werden. (Foster 1998: 112). Ich möchte später in dieser Arbeit zwei personalistische Systeme vorstellen und ausführlich behandeln: die Gottheit Mariyamman und die Dämonen pey. Naturalistische Systeme in Sri Lanka sind hauptsächlich die Ayurveda und die Siddha Medizin (auch wenn die Siddha Medizin traditionell weniger in Institutionen gelehrt wird). Die Biomedizin lässt sich auch nicht eindeutig in dieses System einordnen, da sie bei Krankheiten nicht von einem Ungleichgewicht des Körpers ausgeht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Medizinethnologische Theorien: Einführung in die Klassifizierung ethnomedizinischer Systeme (personalistisch vs. naturalistisch), Differenzierung der Begriffe sickness, illness und disease sowie die Bedeutung von Erklärungsmodellen.
2. Forschung und Methodik: Darstellung des Forschungsprojekts, der qualitativen methodischen Vorgehensweise, der Interviewführung sowie der auftretenden sprachlichen Herausforderungen bei der Datenerhebung.
3. Tamilen in der Schweiz: Zusammenfassung der Geschichte und der Lebensumstände tamilischer Migranten in der Schweiz seit den 1980er Jahren unter Berücksichtigung von Asylstatus und soziokultureller Integration.
4. Aspekte und Ideen des Gesundseins in der tamilischen Kultur: Detaillierte Analyse kultureller Gesundheits- und Krankheitskonzepte, einschließlich der Konzepte von Substanz, Karma, Dharma, Siddha-Medizin, Ayurveda, religiöser Besessenheit und Zauberei.
5. Hausmittel: Erörterung der traditionellen Herstellung und Verwendung einfacher Heilmittel im tamilischen Familienkontext.
6. Ernährung, Sport, Lebensweise: Analyse des Einflusses von Ernährungsgewohnheiten, religiösen Fastenzeiten und sportlicher Betätigung auf das Wohlbefinden.
7. Krankenhaus und Ärzte in Sri Lanka und Tamil Nadu: Vergleich der Wahrnehmung und Nutzung von Krankenhäusern und traditionellen Heilern im Herkunftsland.
8. Die Informanten: Angaben und Aussagen: Zusammenfassung und Einordnung der Aussagen der acht interviewten Personen zu ihren individuellen Erklärungsmodellen und Erfahrungen.
9. Aussagen der Ärzte: Darstellung der subjektiven Erfahrungen von 24 Ärzten und Psychologen in Bezug auf die Arbeit mit tamilischen Patienten, insbesondere zur Kommunikation und Interaktion.
10. Krankheiten von Tamilen in der Schweiz aus biomedizinischer Sicht: Zusammenfassung der aus biomedizinischer Sicht typischen Krankheitsbilder bei tamilischen Patienten in der Schweiz.
11. Schluss: Fazit und Anregungen für eine verbesserte interkulturelle Zusammenarbeit zwischen medizinischem Fachpersonal und tamilischen Patienten.
Schlüsselwörter
Medizinethnologie, Gesundheitsverhalten, Tamilen, Schweiz, Migration, Siddha-Medizin, Ayurveda, Erklärungsmodelle, Interkulturelle Kompetenz, Krankheitskonzepte, Mariyamman, Psychosomatik, Tradition, Integration, Substanzverständnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz und wie diese ihre traditionellen Konzepte von Krankheit und Gesundheit mit dem westlichen biomedizinischen System in Einklang bringen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind medizinethnologische Theorien, tamilische Krankheitskonzepte wie die Humoraltheorie und das Heiß-Kalt-Konzept, die Rolle von Religion und Tradition sowie die Interaktion zwischen tamilischen Migranten und westlichen Ärzten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die unterschiedlichen Erklärungsmodelle von tamilischen Patienten und biomedizinischen Fachleuten sichtbar zu machen, um die daraus resultierenden Probleme in der Gesundheitsversorgung zu verstehen und Lösungsansätze zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsansatz, der semistrukturierte Interviews mit acht tamilischen Informanten sowie Befragungen von 24 Ärzten und Psychologen umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen der Medizinethnologie, die tamilische Kultur, spezifische Konzepte wie Substanz und Karma, Hausmittel, Ernährung sowie die klinischen Erfahrungen und Herausforderungen aus Sicht des medizinischen Fachpersonals.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Medizinethnologie, Gesundheitsverhalten, tamilische Migranten, interkulturelle Interaktion, Siddha-Medizin, Ayurveda und Erklärungsmodelle beschreiben.
Wie gehen Tamilen in der Schweiz mit dem Krankheitsbegriff um?
Die Untersuchung zeigt, dass Tamilen oft eine ganzheitliche Sichtweise haben. Sie definieren Krankheiten häufig über ihre Symptome oder die soziale/kulturelle Auswirkung, während sie psychische Beschwerden oft somatisieren.
Welche Rolle spielt die Religion bei der Bewältigung von Krankheit?
Religion und rituelles Handeln spielen eine zentrale Rolle. Viele Tamilen nutzen religiöse Praktiken (z.B. Tempelbesuche, Verehrung der Göttin Mariyamman) zur Bewältigung von Krankheit, Schicksalsschlägen und zur Wiederherstellung ihres inneren Gleichgewichts.
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- Marion Zimmermann (Author), 2004, Das Gesundheitsverhalten von Tamilen in der Schweiz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80757