„Vor dem Hunger ist keine Gesellschaft moralisch geschützt, denn die Not kann die Menschen dazu treiben, schlechthin alles zu essen, was ihnen unter die Finger kommt.“
Wie das Einstiegszitat bereits vermuten lässt, ist dieses Kapitel jener Form der Anthropophagie gewidmet, die das Verzehren anderer Menschen aufgrund einer extremen Nahrungsmittelknappheit zum Thema hat. In solchen Notlagen schien das Leben der Menschen offenbar so sehr gefährdet, dass der einzige „Ausweg“, nicht Hungers sterben zu müssen, der Abstieg zu barbarischen Kannibalismusakten war.
Bei der Beschäftigung mit diesem Thema soll weniger die Frage nach der Authentizität der Berichte zu Kannibalismusfällen im Vordergrund stehen als vielmehr die Analyse der Reaktionen zu einigen Vorfällen. Hierzu stützt sich die Arbeit auf einschlägige Beispiele, die eine breite Palette an möglichen Reaktionen verzeichnen. Die Beispiele werden unter anderem den Umgang mit der Sünde, Schuldabwendungen und -zuweisungen, sowie Rechtfertigungsversuche beziehungsweise Verurteilungen von Moralisten, Theologen und Juristen behandeln.
Ein Großteil der Forschungsliteratur zum Thema Kannibalismus widmet sich dem so genannten „rituellen“ Kannibalismus: Darunter fallen unter anderem Werke von Ewald Volhard, William Arens oder Heidi Peter-Röcher. Gute Einblicke zum Themengebiet des Kannibalismus, die sowohl auf profane wie auch rituelle Kannibalismusformen eingehen, bieten die Werke von Hedwig Röckelein, Daniel Fulda und Piero Camporesi.
Informationen zu einzelnen Kannibalismusvorfällen zu finden, gestaltet sich teilweise schwer. Im Fall des belagerten Dijon, in dem es im Jahre 1513 zu einem Kannibalismusfall kam, konnte der Sachverhalt erst einige Jahre später in den Gerichtsakten zu Mühlhausen nachgewiesen werden – und in diesem Fall ist der Historiker gezwungen, einzig und allein auf das wahrheitsgemäße Geständnis des Verurteilten zu vertrauen. Zu der Belagerung der Stadt Sancerre im Jahre 1573 erweisen sich die Aufzeichnungen des Augenzeugen und Leidensgenossens Jean de Léry als sehr hilfreich. Nicht nur in seinem Werk „Histoire memorable de la ville de Sancerre“, in dem der Autor direkt auf die grausamen Geschehnisse während der Belagerung eingeht, erfährt man von kannibalischen Handlungen. Die traumatisch erlebte Belagerung wird von de Léry auch in einem anderen Werk, in „Histoire d’un voyage“, verarbeitet.
Inhaltsverzeichnis
Hungerkannibalismus
Die Belagerung von Dijon 1513
Die Belagerung von Sancerre 1573
Der Dreißigjährige Krieg
Die Zweifelsfrage im 17. Jahrhundert
Der Untergang der Mignonette 1884
Der Flugzeugabsturz in den Anden 1972
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Hungerkannibalismus und analysiert, wie Gesellschaften in extremen Notsituationen auf Anthropophagie reagierten, wobei der Fokus auf der moralischen, theologischen und juristischen Bewertung sowie den Rechtfertigungsstrategien der Akteure liegt.
- Historische Fallanalysen von Belagerungen und Notzeiten
- Die Entwicklung der juristischen und theologischen "Zweifelsfrage" (dubitatio)
- Schuldzuweisungen und Mechanismen der Stigmatisierung
- Die Rolle der Religion als Rechtfertigungsgrundlage
- Rechtliche Bewertung von Notsituationen im historischen Kontext
Auszug aus dem Buch
Die Belagerung von Dijon 1513
Als Einstieg zu den Kannibalismusdiskursen setzt diese Arbeit im Jahre 1513 an, in dem Dijon, die alte Hauptstadt der Herzöge von Burgund, belagert wurde. Die Schweizer hatten das Ziel der Wiedereroberung Burgunds und damit der Plünderung seiner Hauptstadt im Visier. Zusammen mit ihren Verbündeten, darunter der Herzog Ulrich von Württemberg, kreisten die Schweizer am 8. September 1513 die Stadt von allen vier Seiten ein.
Obwohl der Angriff der Schweizer vorausgesehen wurde und Dijon dementsprechend knapp einen Monat davor eine Massenversorgung hatte organisieren können, war die Stadt letztendlich doch nur für einen Handstreich, weniger aber für eine längerfristig andauernde Belagerung gerüstet.
Dank der Verhandlungskunst des Statthalters Louis de la Trémoille, dem die Unzufriedenheit auf Seiten der Soldaten, die im ausstehenden Sold begründet lag, zu Ohren gekommen war und der diese Informationen geschickt ausnutzte, schwächte er die Belagerung so weit, dass ein Einnehmen der Stadt nicht mehr möglich war. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages am 13. September 1513 endete die Belagerung.
Durch die Belagerung der Stadt verursachten die Schweizer „ein grossen hunger darinnen“. Dieser Hunger trieb Nicola Schante angeblich dazu, unter Beihilfe seines Bruders seine eigene Mutter umzubringen. Anschließend habe er ihr „fleisch an den waden und sonst wo es fleischechttig gewesen heraußgeschnitten“ und sie „rho, wie die hundt auf dem wasen gefressen“.
Zusammenfassung der Kapitel
Hungerkannibalismus: Einführung in das Thema der Anthropophagie aufgrund extremer Nahrungsmittelknappheit und die methodische Herangehensweise der Arbeit.
Die Belagerung von Dijon 1513: Darstellung eines spezifischen Kannibalismusfalls während einer Belagerung und der kriminellen Vorgeschichte des Täters.
Die Belagerung von Sancerre 1573: Untersuchung der kannibalischen Vorfälle während der Hugenottenkriege und der gegenseitigen religiös motivierten Anklagen zwischen Protestanten und Katholiken.
Der Dreißigjährige Krieg: Analyse der massiven Hungerkatastrophen im 17. Jahrhundert in Augsburg, untermauert durch zeitgenössische Chroniken und Tagebuchaufzeichnungen.
Die Zweifelsfrage im 17. Jahrhundert: Erörterung der theologischen und ethischen Diskussion um die dubitatio, die klären sollte, unter welchen Umständen Kannibalismus in äußerster Not moralisch vertretbar ist.
Der Untergang der Mignonette 1884: Analyse des berühmten Rechtsfalls nach dem Schiffsunglück und der rechtlichen Auseinandersetzung um Notstand und Mord.
Der Flugzeugabsturz in den Anden 1972: Betrachtung eines modernen Beispiels, bei dem sich die Überlebenden religiös auf das Abendmahl bezogen, um ihr Handeln zu rechtfertigen.
Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der vielfältigen Reaktionen auf Anthropophagie und Feststellung, dass auch heute kein einheitlicher Konsens über die strafrechtliche Bewertung von Nothandlungen besteht.
Schlüsselwörter
Hungerkannibalismus, Anthropophagie, Notstand, Dreißigjähriger Krieg, Mignonette, Sancerre, Dijon, Rechtsgeschichte, Theologie, Moral, Schuldzuweisung, Überlebenskannibalismus, Tabuverletzung, Notwehr, dubitatio.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das historische Phänomen des Hungerkannibalismus und die vielfältigen gesellschaftlichen, moralischen und rechtlichen Reaktionen darauf in Extremsituationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf historischen Fallbeispielen, religiösen Deutungsmustern, der Entwicklung der Rechtsethik im 17. Jahrhundert und modernen Diskursen über Notstand.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Analyse, wie Menschen ihre Handlungen bei Hungeranthropophagie rechtfertigen oder verurteilen und wie sich die Bewertung dieses Tabubruchs im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf zeitgenössischen Quellen wie Tagebüchern, Gerichtsakten und theologischen Traktaten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch verschiedene Fälle, von der Belagerung Dijons 1513 bis zum Flugzeugabsturz in den Anden 1972, und diskutiert die jeweiligen moralischen Dilemmata.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kannibalismus, Notstand, Schuld, Moral und Rechtsgeschichte charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Fall der Mignonette von anderen Beispielen?
Der Fall der Mignonette ist juristisch besonders bedeutsam, da er zu einem Grundsatzurteil über die Frage führte, ob eine Notsituation einen Mord rechtfertigen kann.
Warum spielt die Religion in dieser Arbeit eine wichtige Rolle?
Religion dient in den untersuchten Fällen sowohl als Rechtfertigung (z.B. Bezug auf das Abendmahl bei den Anden-Überlebenden) als auch als Grundlage für die moralische Verurteilung (z.B. als Todsünde).
Gibt es eine endgültige Antwort auf die Frage der Moral?
Nein, die Arbeit zeigt auf, dass es historisch keinen einheitlichen Konsens gab und die Frage nach der Zulässigkeit von Nothandlungen auch in der heutigen Rechtslehre komplex bleibt.
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- Dipl. Math. Stefanie Winter (Author), 2006, Hungerkannibalismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/80766